Artikel: M. Kreft und V. Hartmann¹

Die medizinische Versorgung im Einsatz UNMISS

Ein Angehöriger des Sanitätsdienstes der Bundeswehr als „Military Liasion Officer“ im Süd-Sudan

Einleitung

PhotoVerfasser während einer Patrouille mit Stammesangehörigen im Süd- Sudan Nur wenige Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr werden als Militärbeobachter in Missionen der Vereinten Nationen (VN) bei UNAMID im Sudan, UNMISS im Süd-Sudan, MINUSMA in Mali, MINURSO in Marokko, Westsahara und bei UNMHA im Jemen eingesetzt. Ihre Stehzeit vor Ort beträgt 6 bis 12 Monate. Diese Militärbeobachter und Soldaten sind zumeist als Einzelpersonal zur Überwachung von Waffenstillstands- oder Friedensverträgen in den jeweiligen Missionen vorgesehen. Berichtet wird über einen wenig bekannten Auslandseinsatz der Bundeswehr aus dem Blickwinkel eines Angehörigen des Sanitätsdienstes. Hauptmann Michael Kreft, hauptberuflich in der Sanitätsakademie der Bundeswehr als Truppenfachlehrer Sanitätsmaterialbewirtschaftung tätig, nimmt als ausgebildeter VN Beobachter im Zeitraum April bis Oktober 2018 an der Mission UNMISS (United Nation Mission in South Sudan) der VN im südlichen Sudan teil. Während dieses Zeitraums wird er durch die Missionsführung als Military Liaison Officer (MLO) bzw. Integrated Liaison Officer (ILO) im Field Office (FO) TORIT in der Provinz Eastern Equatoria eingesetzt. Er gehört zu den bis 9 DEU Soldaten, die als Einzelpersonal auf den VN Operating Bases an wechselnden Standorten und auf mehrtägigen Patrouillen eingesetzt sind. Hauptmann Krefts  Erfahrungen zeigen die Bandbreite an persönlichen Herausforderungen, die abseits normaler Kontingenteinsätze einzelne Angehörige des Sanitätsdienstes zu bewältigen haben. Zunächst wird die Struktur der durch die Vereinten Nationen vorgesehenen medizinischen Versorgung der Mission UNMISS dargestellt, danach soll der Ausbildungsstand des Personals angesprochen und die durch die Bundeswehr bereitgestellte Erste Hilfe Ausstattung beschrieben werden. Persönliche Beobachtungen und Erfahrungen ergänzen den Beitrag.

Die medizinische Struktur UNMISS

PhotoUNMISS health facilities. Die medizinische Versorgung der Missionsteilnehmer, Angestellter wie Peacekeeper, ist Aufgabe der VN und orientiert sich an internationalen Vorgaben mit dem Ziel: „To provide standard, timely responsive and continuous medical care to any patient or casualty within the medical system, comparable to prevalling peace time medical care“. Zur Umsetzung dieses Anspruchs steht der „Medical Service“ der Mission bereit. Seine Aufgabe wird folgendermaßen beschrieben: „UNMISS medical service will work to maintain the health and well being of personnel of the United Nation peacekeeping Mission in South Sudan throught planning, coordination ,executing, monitoring and professional supervising of standard medical care delivery in the mission“. Um dieser Maßgabe nachzukommen, haben die VN im gesamten Einsatzland unterschiedliche medizinische Einrichtungen etabliert. Der Standard dieser Einrichtungen orientiert sich an internationalen Vorgaben und besteht aus:

11 x UN-HOUSE Level 1 clinic
21 x Contingent Owned equipment (COE) Level 1 clinic

Die chirurgische und fachärztliche Versorgung erfolgt in vier Level 2 clinics in JUBA und MALAKAL durch Indien, durch Sri-Lanka in BOR, durch China in WAU und Vietnam in BENTIU.

PhotoUN Level I Clinic Torit Die weiterführenden klinischen Behandlungsebenen „Level 3“ und „Level 4“ stehen erst in den Nachbarstaaten Kenia und Uganda zur Verfügung. Man spricht hier von sogenannten „Out of Mission hospitals“. Die medizinischen Einrichtungen vor Ort werden von den unterschiedlichen truppenstellenden Nationen sowie durch zivile VN Mitarbeiter betrieben. Die truppenärztliche Versorgung Level 1 wird somit durch Ruanda, Äthiopien, Ghana, Indien, Pakistan, Sri Lanka, China, Nepal, Mongolei und Bangladesh umgesetzt.  Die Personalstärke einer UN-HOUSE Level 1 clinic umfasst gewöhnlich zwei Ärzte, 2 Schwestern / Paramedics, zwei Labortechniker, einen Administrator und einen Ambulanzfahrer. Grundsätzlich befindet sich eine solche Behandlungseinrichtung der Basisversorgung in jedem Field Office der Mission. Dem gegenüber hat die COE Clinic der TCC die Funktion einer weiterführenden Truppenarztambulanz und stellt deren medizinische Versorgung sicher. Hauptunterschied zwischen beiden Level I Einrichtungen ist die Durchhaltefähigkeit: 30 Tage bei der UN-HOUSE clinic gegenüber 60 Tagen bei einer COE clinic, die zudem Forward Medical Teams, z. B. zur Versorgung auf Patrouillen, bereitstellen kann.

Die Stärke und Ausstattung der Level 2 Medical Facilities orientiert sich an den internationalen Vorgaben und Standards und wird vor Verlegung in die Mission durch die Vereinten Nationen zertifiziert. Für Zwecke des MEDEVAC stehen bei UNMISS fünf Helikopter eines zivilen „Contractors“ in 24/7 Bereitschaft bereit. Diese Maschinen verfügen über ein Aero Medical Evacuation Team (AMET) in Stärke eines Arztes und eines Paramedics, sind grundsätzlich an die Level 2 Kliniken gebunden. CASEVAC / MEDEVAC zu einer weitergehenden Versorgung Level 3 in Uganda oder Kenia wird mit Flugzeugen sichergestellt, von dort ist ein STRATAIRMEDEVAC in nationaler Verantwortung möglich.

Ausbildung und Ausstattung deutscher MLO

PhotoÜbernachtung einer Patrouille im Busch. Die deutschen Soldaten, die als Militärbeobachter in der Mission UNMISS eingesetzt werden, absolvieren im Rahmen ihrer Ausbildung, ungeachtet ihrer Vorkenntnisse, die Ausbildung zum Einsatzersthelfer B (EEH B). Die Ausbildung dauert 9 Ausbildungstage und beruht auf den Grundsätzen des Tactical Casualty Combat Care (TCCC). Sie ist in zweijährigen Abständen zur Erhaltung der Fähigkeiten zu wiederholen.

Vor Entsendung in das Einsatzgebiet wird dem VN Beobachter die dazugehörende Sanitätsausstattung (Einsatzersthelfer B Rucksack Tasmanian Tiger Move On) zur Verfügung gestellt. Ergänzend steuert JMED EinsFüKdoBw eine EVG SanMat persönliche Grundausstattung bei, die auf den Erfahrungen früherer MilBeob beruht und eine Art erweiterter Hausapotheke (mit Antibiotikum und Medikation zur Malariachemoprophylaxe).

Situation vor Ort

Die deutschen Soldaten werden in sehr unterschiedlichen Funktionen und verschiedenen FO der Mission UNMISS eingesetzt, die sich über das ganze Missionsgebiet verteilen. Die Verlegung in die jeweilige FO erfolgt auf dem Luftweg, da ein funktionierendes Straßenverkehrsnetz nicht vorhanden ist. Im Field Office Torit stehen als medizinische Einrichtungen eine UN-HOUSE Level 1 clinic, die TTC Level I clinic eines ruandischen Bataillons und eine AMET zur Verfügung. Die nächst höhere Behandlungsebene (Level II) befindet sich in Juba, der Hauptstadt des Süd Sudans in ca. 45 Flugminuten Entfernung. Im dortigen VN Compound Tomping wird sie durch indische Sanitätssoldaten betrieben.

PhotoUN Ambulanzfahrzeug Die ärztliche Versorgung der UN Mitarbeiter und der Soldaten (TCC) im Field Office Torit wird zwar formal durch die UN-HOUSE clinic sichergestellt, genutzt wird aber von den Mitarbeitern vornehmlich die TCC clinic des ruandischen Bataillons aufgrund der dort vorhandenen fachlichen Kompetenz und einer uneingeschränkten Bereitschaft zur Hilfeleistung. Außerdem begleiten die Ruander jede Patrouille der MLO mit einem Forward Medical Team (FMT) und stellen so die medizinische Erstversorgung auch in abgelegeneren Gebieten sicher. Sie entspricht zwar nicht deutschem Standard, ist aber unter den Bedingungen vor Ort ausreichend. Die Unterstützung von Patrouillen der Military Liasion Officer im Einsatzgebiet durch FMT ist in den Kontingenten leider nicht unbedingt die Regel und sehr abhängig von handelnden Personen und den jeweiligen truppenstellenden Nationen. Als sehr hilfreich erweist sich die durch die Bundeswehr den eigenen Soldaten zur Verfügung gestellte Sanitätsausstattung, deren Qualität von den FMT sehr bewundert wird. Die ruandischen Sanitätssoldaten der TCC kennen den Inhalt sehr genau und sind in der Lage, die Bedarfsmittel und Medikamente korrekt anzuwenden, auch wenn ihnen solche Utensilien nicht zur Verfügung stehen. Die afrikanischen Sanitäter behelfen sich mit einfachsten Mitteln, um ihrem Auftrag nachzukommen.

Auch die individuelle Behandlung bei Krankheit durch den ruandischen Truppenarzt wird als angemessen und kompetent empfunden. Bei Fieber erfolgt stets eine Malaria-Schnelltest und bei der Medikamentenverordnung werden die durch die Bundeswehr bereitgestellten Medikamente genutzt, so dass auf lokale Produkte verzichtet werden kann.

Eher kritisch müssen aus Sicht der MLO mögliche CASEVAC / MEDEVAC Szenarien während der Patrouillen im Einsatzgebiet betrachtet werden. Man bewegt sich größtenteils in unwegsamen Gelände, auf abgelegenen Sandpisten oder auch nur querfeldein. Temperaturen bis zu 50 Grad, Trockenheit, Sandstürme oder monsunartige Regenfälle sind eher die Regel. Die oftmals nur rudimentäre Verkehrsinfrastruktur in den Krisengebieten, die sehr großen Entfernungen zwischen den Teamsites sowie die witterungsbedingten Einschränkungen lassen zuweilen kein Fortkommen über Land zu. Checkpoints hindern zudem ein weiteres Passieren. Dementsprechend ist der bodengebundene Verwundetentransport häufig eingeschränkt bzw. zu zeitaufwändig. Grundsätzlich wird CASEVEC als auch MEDEVAC vor Ort mit standardisierten Verfahren gemeldet bzw. angefordert. Allerdings sind im Notfall zur Freigabe eines Rettungs-Helikopters weitere Voraussetzungen erforderlich, wie eine validierte Helicopter Landing Site und eine Flight Safety Assurance des lokalen SPLA-Liaison Officer. Zudem kann der Flugbetrieb nur am Tage sichergestellt werden, wozu auch die Landung bei Tageslicht gehört, denn die Hubschrauber besitzen keine Nachflugfähigkeit. Somit ist ein mögliches Rettungsszenario im Feld weitab der Stützpunkte schwierig, zeitintensiv und erfordert ein Höchstmaß an Koordination. Die Vorgabe der UN, für die Helikopter eine notice to move von 30 - 40 min sicherzustellen bzw. einen Verwundeten oder Verletzten spätestens nach 2 Stunden einer chirurgischen Versorgung zuzuführen, ist sicherlich herausfordernd. Hinzu kommen oft schlechte Kommunikationsmöglichkeiten, denn die Patrouillen der UN bewegen sich öfters in Regionen, in denen keine Verbindung zur Teamsite besteht.

Kommt es hier zu einer Notsituation, bleiben nur die Mittel vor Ort und manchmal auch das Mitführen verletzter Soldaten bis zum Ende der Patrouille, bis zur nächsten HLS oder bis zum Herstellen einer Verbindung mit der Teamsite. In einer schwerwiegenden Notfallsituation kann dies natürlich fatale Folgen haben. Deshalb hat jede MLO auf Patrouillen gemäß den Vorgaben der UN ein Erste Hilfe Set mitzuführen, wobei leider die Kenntnis des Inhalts und seine fachlich korrekte Nutzung vielen Soldaten und zivilen Mitarbeitern relativ unbekannt ist. Der Kenntnisstand über Sanitätsmaterial und der Umgang damit zeigen sich bei den verschiedenen Nationalitäten doch sehr inhomogen. Ca. 50 % der MLO verfügen nach internen Recherchen nicht über eine Basis Erste Hilfe Ausbildung bzw. grundlegende Fähigkeiten in lebensrettenden Maßnahmen. In den Level I clinics müssten deshalb entsprechende Ausbildungsmaßnahmen erfolgen und die vorhandenen Ausstattungen auf Vollzähligkeit geprüft werden. Im Falle einer Notsituation helfen sich zwar alle Teammitglieder und stellen ihre persönliche EH Ausstattung auch vorbehaltlos zur Verfügung, die entsprechende Behandlung wäre jedoch nur bei grundlegenden Fähigkeiten des gesamten Teams suffizienter.

Zusammenfassung

Nicht zuletzt aufgrund der nicht einfachen medizinischen Situation im Einsatz UMISS stellt eine derartige Verwendung im Süd-Sudan für die deutschen UN Militärbeobachter hohe Anforderungen an die körperliche und geistige Fitness. Das durch die Bundeswehr zur Verfügung gestellte Sanitätsmaterial erfüllt den Zweck und fungiert als eine gute Basis. Es gehört zu der Spitze im Missionsgebiet. Auch der eigene Ausbildungsstand mit dem obligatorischen EH B Training ist vorbildlich, leider vernachlässigen andere Nationen die sanitätsdienstliche Ausbildung und Versorgung ihrer Kontingentsmitglieder und auch die medizinischen Einrichtungen von UNMISS könnten durchaus mehr Wert auf die Vermittlung solcher Fähigkeiten legen. Beides kann im Notfall z. B. für eine Patrouille schwerwiegende Folgen haben.  

Abbildungen bei Verfasser 

1 Aus der Sanitätsakademie der Bundeswehr (Kommandeurin: Generalstabsarzt Dr. G. Krüger)

Für die Verfasser:
Hauptmann Michael Kreft
Sanitätsakademie der Bundeswehr
Neuherbergstraße 11
80937 Münche
E-Mail: MichaelKreft@Bundeswehr.org 

Datum: 07.09.2020

Quelle: Wehrmedizinische Monatsschrift 2/2020