Johann Friedrich Goercke (1750–1822)
Johann Friedrich Goercke (1750–1822)
Quelle: wikimedia commons
09.03.2023 •

Johann Friedrich Goercke (1750–1822)

Zum 200. Todestag des preußischen Generalchirugs und ersten Leiters der Pépinière

F.-J. Lemmens

Wenn wir im nun 21. Jahrhundert auf ein, zumal in Deutschland, geordnetes und ebenso breit gefächertes wie effizientes System militärärztlicher Aus- und Weiterbildung verfügen, dann erinnern wir uns an Johann Friedrich Goercke, dessen 200. Todestag uns Anlass ist sich mit seiner Vita zu befassen.

Als Sohn eines Pastors wurde er am 03.05.1750 im ostpreußischen Sorquitten geboren. Nach der obligatorischen Schulzeit erhielt Johann Friedrich Goercke zunächst bei einem Onkel in Tilsit, später bei dessen Bruder in Königsberg, beide Regimentschirurgen, eine erste praktische und dann auch wissenschaftliche Ausbildung zum Kompaniechirurgen.
 Während seiner Königsberger Zeit besuchte er deshalb häufig die Vorlesungen an der 1544 gegründeten Universität, bis er dann 1767 seine Ausbildung zu einem doch recht jungen Kompaniechirurgen abschließen konnte.

Seit seiner 1774 erfolgten Versetzung zur Leibgarde von König Friedrich II. (1712–1786), sah man ihn bald darauf als Gast des Anatomischen Theaters, aber sich auch aktiv als Organisator für die medizinische Fortbildung seiner Kollegen einbringend.

Sein nächster Weg führte ihn 1784 als Pensionärchirurg an das Berliner Invalidenhaus. Die humanitäre Idee dazu ging auf König Friedrich Wilhelm I. (1688–1740) zurück, der an einer neuen Wirtschafts- und Sozialpolitik interessiert war und so im Jahre 1724 die Stiftung des „Großen Militärwaisenhauses“ in Potsdam vornahm. Gewisse Gedanken der Aufklärung, vor allem aber die erlittenen Verluste im Zweiten Schlesischen Krieg mögen Friedrich II. dann zum Bau der im Jahre 1748 eröffneten Berliner Einrichtung bewogen haben. Dort sollten invalid gewordene Soldaten Aufnahme und Versorgung finden. Die dafür seitens des Königs bewilligten finanziellen Mittel betrugen, auch für damalige Verhältnisse beachtliche 120 000 Taler, von denen nach Fertigstellung immerhin noch 1 338 Taler, 7 Groschen und 6 Pfennige übriggeblieben waren! Ein aus heutiger Sicht durchaus ungewöhnliches Ergebnis.
Nach dem bestandenen ärztlichen Examen wurden Goercke dann Studienreisen gestattet, die ihn zwischen 1787 und 1789 von Wien ausgehend nach Italien, Frankreich, Schottland und zuletzt noch in die Niederlande führten.
 Während dieser Zeit wurde er zum Regimentchirurgus und zugleich zum Stellvertreter des 1. Generalchirurgus Johann Christian Theden (1714–1797) ernannt, der ihm in der Folgezeit zu einem wohlwollenden Förderer wurde.

Als die politischen Spannungen zwischen Preußen und Österreich drohten, in eine kriegerische Auseinandersetzung überzugehen, fand man ihn bei der Truppe. Die intensiven diplomatischen Verhandlungen führten 1790 dann jedoch zur Reichenbacher Konvention, womit der Krieg verhindert werden konnte.
 Zwei Jahre später wurde Goercke zum Mitdirektor des preußischen Feldlazarettwesens berufen und nahm somit am Rheinfeldzug, dem ersten Feldzug des bis 1797 andauernden Koalitionskrieges teil, der Europas Monarchien fast vollständig gegen das revolutionäre Frankreich vereinte. Die von Goercke unter dem Eindruck dieses Koalitionskrieges gewonnenen Eindrücke führten dazu, dass er sich entschloss, ambulant einsetzbare Feldlazarette zur schnelleren und besseren Versorgung der Verwundeten zu bilden.

Diese frühen Formationen sollten sich in den späteren Kriegen, wie etwa der Völkerschlacht von 1813 bei Leipzig, auch auf französischer Seite bewähren.

Wie bereits erwähnt, besuchte Goercke auch Wien. Es ist durchaus vorstellbar, dass er dabei auch die im Jahre 1784 durch den Erlass Kaiser Joseph II. (1741–1790) errichtete „Kaiserlich königliche medizinisch-chirurgische Josephs-Academie“ kennenlernte. Diese uns heute als „Josephinum“ bekannte militärärztliche Akademie entstand auf Vorschlag des in österreichischen Diensten stehenden kaiserlichen Leibarztes, des italienischen Chirurgen Giovanni Allessandro Brambilla (1728–1800), besaß damals bereits alle universitären Privilegien.

Aber auch diese für das österreichische Sanitätswesen so bedeutsame Einrichtung hat Vergleichbares in der ihr 1748 zeitlich vorausgegangenen medizinischen Ausbildungsstätte für militärische Chirurgen und Wundärzte des sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. (1696–1763) aufzuweisen. Dieses Wissen und die eigenen gemachten Kriegserfahrungen brachten Goercke schließlich dazu, König Friedrich Wilhelm II. (1786–1797) den Vorschlag zur Errichtung einer ebensolchen Bildungseinrichtung für Militärärzte zu unterbreiten. In seiner Kabinettsorder vom 02.08.1795 stimmte der König diesem Vorschlag zu, womit nun die „Pépinière“ (Pflanzschule) neben der Charité als zweite Ausbildungsstätte für Chirurgen entstehen konnte. Goercke übernahm die Leitung der Einrichtung, die in der Tat seither für das gesamte, auch nachfolgende deutsche Sanitätswesen so bedeutsam werden sollte.
 Die dort vermittelte Ausbildung von zunächst 50 Eleven, die bald zur Tradition werdend „Pfeifhähne“ genannt wurden, sah drei wesentliche Bereiche vor. Vorerst galt es, das Allgemeinwissen zu heben, was neben den Sprachen die Fächer Mathematik, Geschichte und Geographie betraf. Der zweite Komplex umfasste den fachwissenschaftlichen Unterricht am „Collegium medico-chirurgicum“, welches durch die 1809/10 erfolgte Gründung der Berliner Universität aufgelöst wurde. Schließlich umfasste der dritte Bereich die praktische Ausbildung, die ausschließlich am Krankenbett in der Charité zu erfolgen hatte.

Als das besagte „Collegium medico-chirurgicum“ am 13.12.1809 aufgelöst wurde, galt es bis dahin zu den renommiertesten medizinischen Bildungseinrichtungen Europas im 18. Jahrhundert.
Aus seinem Lehrkörper konnte die „medizinisch-chirurgische Akademie für das Militär“ gebildet werden, bald auch verstärkt durch Professoren der Universität. Diese Akademie leitete Goercke gemeinsam mit dem Dekan der Medizinischen Fakultät, Christoph Wilhelm Hufeland (1762–1836). Damit verbunden war nach dem Tode Thedens auch die Aufsicht Goerckes als nunmehriger 1. Generalchirurgus über das gesamte Medizinalwesen Preußens und auch der Charité. Dass es überhaupt zu dieser Entwicklung kam, ist im Zusammenhang mit den sich zwischen 1807 und 1815 vollziehenden Stein-Hardenbergischen Reformen zu sehen. Jene Reformen also, welche auf ein mehrstufiges allgemeines Bildungswesen mit dem Ziel der Überwindung eines bis dahin monarchisch eng geführtes System gerichtet waren.
 Dabei spielte Wilhelm von Humboldt (1767–1835), der gerade erst von seinen mehrjährigen Auslandsreisen nach Berlin zurückgekehrt war, eine besondere Rolle. Er hatte König Friedrich Wilhelm II. (1770–1840) die Gründung der Berliner Universität vorgeschlagen, dem dieser am 16.08.1809 seine Zustimmung gab und die fortan seinen Namen tragend, „Friedrich-Wilhelms-Universität“ hieß. Erst im Jahre 1949 erhielt sie ihren jetzigen Namen als „Humboldt-Universität zu Berlin“ in Erinnerung und Würdigung der wissenschaftlichen Leistungen der beiden Humboldt-Brüder.  

Blickt man auf die durch Goercke angestoßenen und vollzogenen Reformen das preußische Militärsanitätswesen betreffend, neben den durch die unmittelbar gemachten Beobachtungen einer oft nur späten Versorgung der Verwundeten, dann sind es die diesen Mangel verändernden, schon genannten ambulanten, oder auch fliegenden Lazarette so wie die Einführung gefederter Krankenwagen. Erst einige Jahre später gelang ihm die Etablierung von Offiziersrängen bis hin zum Stabschirurg, was mit der allgemeinen und gesellschaftlichen Anerkennung des Militärarztes verbunden war. Das bedeutete, dass ab 1808 die Militärchirurgen als „obere Militärbeamte“ galten und der Generalchirurgus den Rang eines Majors erhielt. Im Jahre 1822, noch kurz vor seinem Tode, veranlasste Goercke die Errichtung von Chirurgenschulen in Breslau, Königsberg, Greifswald, Magdeburg und Münster.

Johann Friedrich Goercke verbrachte seinen Lebensabend nach 55 Dienstjahren in Potsdam, wo er in Sanssouci starb und auf dem Bornstedter Friedhof seine letzte Ruhe fand.

Das große Verdienst dieses bedeutenden Militärarztes besteht fraglos darin, das bis dahin bestehende erhebliche Missverhältnis zwischen praktischem Können und wissenschaftlichem Niveau der Militärchirurgen überwunden zu haben. Es gelang ihm, diese beiden Ansprüche an die militärärztliche Tätigkeit miteinander durch die Schaffung einer effizienten speziellen Bildungseinrichtung zu verbinden. Das somit entstandene Prinzip einer besonderen militärärztlichen Aus- und Weiterbildung fand seine Fortsetzung in allen der „Pépinière“ nachfolgenden Einrichtungen, unabhängig der jeweils bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Ein langer Weg, der bis heute zurückgelegt werden konnte und in der

„Sanitätsakademie der Bundeswehr“ mündend, auf seine Weise uns an diesen großen deutschen Militärarzt zu erinnern vermag.



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