21.03.2022 •

Das Klinisch-Medizinische System im Einsatz

­Meilenstein und Enabler in der Digitalisierung der Gesundheitsversorgung im Einsatz

C. Otto

Bundeswehr

Mit dem Klinisch-Medizinischen System im Einsatz (KMSE) wird erstmals die medizinische Dokumentation im Einsatz in der Rettungskette nachhaltig digitalisiert. KMSE wird modular wie in einem Baukasten (zugeschnitten auf den Einsatzzweck, „tai­lored-­to-mission“) zusammengestellt und kann in weltweiten Einsätzen im multinationalen Rahmen – auch teilautark – betrieben werden.

Die durch die Referate XI-1 des Kommandos Sanitätsdienst der Bundeswehr und G5.3 des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr gemeinsam entwickelte Lösung wurde primär für die Behandlungsebene Role 3 (Einsatzlazarette) geplant, kann aber auch modular auf die Role 2 (Rettungszentren) in Auslandseinsätzen oder zur Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) zugeschnitten werden. Auch ein Einsatz an Bord von Schiffen der Marine, beispielsweise in einem Marineeinsatzrettungszentrum, wäre in modifizierter Form möglich.

Als Softwarebasis und Kernstück dient das bereits in den Bundeswehrkrankenhäusern (BwKrhs) Berlin, Hamburg, Ulm und dem Bundeswehrzentralkrankenhaus (BwZKrhs) Koblenz eingesetzte Krankenhausinformationssystem (KIS). Damit wird erstmalig eine IT-Lösung zur Digitalisierung der Gesundheitsversorgung von Soldat*innen und zivilen Patient*innen gemäß dem Prinzip „train-as-you-fight“ umgesetzt. Gleichwohl entsteht am Ende dieses Entwicklungsprozesses eine für das Sanitätspersonal bekannte und unter Einsatz modernster Hardware an die Einsatzbedingungen angepasste Prozessunterstützung.

Entwicklung und Erprobung

Mit KMSE werden die Voraussetzungen geschaffen, um zukünftig mit einer maßgeschneiderten, rollout-fähigen, robusten und zugleich global einsetzbaren Hardware- und Softwarelösung den Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr (ZSanDstBw) bei seinen Kernfähigkeiten in der Rettungskette in der LV/BV zu unterstützen.

Hierbei werden die folgenden Kernanforderungen umgesetzt: Verbesserung der Qualität der sanitätsdienstlichen Versorgung im Einsatz, effizientere Unterstützung der medizinisch-pflegerischen Prozesse und Aufgaben innerhalb eines Einsatzlazaretts (EinsLaz) und Rettungszentrums (RZ), zentrale sowie eindeutige und hoch verfügbare Bereitstellung der aus medizinischen Gründen erstellten Dokumentationen, Verringerung des Aufwands für die medizinische Dokumentation sowie deren Pflege und Auswertung, medizinische Dokumentation in den EinsLaz und RZ der Bundeswehr nach aktuellem Stand der Technik, Weiterentwicklung der Standardisierung und Digitalisierung der medizinischen Dokumentation innerhalb der Bundeswehr und Unterstützung der Arbeit und Dokumentation multinationaler Kräfte innerhalb eines EinsLaz und RZ.

Zu diesem Zweck wurde eine prototypische „Schablone“ für ein klinisch-medizinisches System im Einsatz entwickelt. Das stationäre KMSE-System stellt als „Herzstück“ ein servergestütztes Rechenzentrum dar. Als Vorlage diente die Architektur und Betriebsauslastung des BwKrhs Berlin. In Zusammenarbeit mit dem Elektronik­zentrum der Bundeswehr in Bad Bergzabern und einem zivilen Auftragnehmer wurde eine Serverinfrastruktur analog des stationären KIS Systems in den Bw(Z)Krhs in zwei verlegefähige Hüllensysteme (Fernmeldekabine-B und 20 Fuß-Container) eingebaut. So kann auch unter globalen Einsatzbedingungen der geschützte Transport und Betrieb sichergestellt werden.

In einer umfangreichen klima- und fahrtechnischen Erprobung dieser beiden Hüllensysteme durch die Wehrtechnische Dienststelle (WTD) 41 in Trier konnten die vom ZSanDstBw aufgestellten Anforderungen an die globale Einsatzfähigkeit der Systeme nachgewiesen werden.

Die Straßenverkehrssicherheit des KMSE-Systems beim Transport auf Fahrzeugen der Bundeswehr wurde durch den amtlich anerkannten Sachverständigen im Bereich des Kraftfahrwesens geprüft und ist somit gewährleistet.

Nach Übergabe beider „mobiler Rechenzentren“ an das Sanitätslehrregiment in Feldkirchen erfolgte die Vernetzung zwischen den beiden Standorten Euskirchen (Vorlagesystem) und Feldkirchen über das Weitverkehrsnetz der Bundeswehr.

Um die hohen Hygienebestimmungen im medizinischen Umfeld zu erfüllen, wurden spezielle Medical Clients unter anderem für die Behandlungs- und OP-Dokumentation mit der notwendigen Peripherie beschafft (vor allem Drucker, Scanner und Visitenwagen), sodass die digitale Unterstützung der sanitätsdienstlichen Versorgung in den zukünftigen Sanitätseinrichtungen im Einsatz gewährleistet werden kann. Dazu erfolgte auch eine Vernetzung innerhalb der im Einsatz bewährten Modularen Sanitätseinrichtungen (MSE) zur Inbetriebnahme der Arbeitsplätze sowohl in den MSE-Containern, als auch in den Typ-II-Zelten. Die sichere und zweckdienliche Nutzung der KMSE-Infrastruktur kann auch in festen Gebäuden durch Nutzung entsprechender Verkabelung ermöglicht werden.

Softwareseitig wurde das KIS der Bw(Z)Krhs auf der Basis von über 1 800 fachlichen und technischen Leistungsmerkmalen weiterentwickelt und implementiert. Teil dieser Anforderungen war beispielsweise die Mehrsprachigkeit. Eine mobile Version auf Tablet-Basis (in einer WLAN-Umgebung) unterstützt die klinische Visite mittels einer modernen Bedside-Dokumentation.

Das KMSE bietet zusätzlich die Option der fortgeschrittenen elektronischen Signatur. Mit dieser können medizinische Dokumente medienbruchfrei digital signiert werden.

Schnittstellen zur Übernahme/Übergabe von Daten aus der „Rettungskette“ (zum Beispiel notfallmedizinische Patientendaten) wurden ebenfalls eingerichtet.

20-Fuß-Container auf LKW-5-Tonner beim sog. Kipp-Test bei WTD 41 ASt Koblenz
20-Fuß-Container auf LKW-5-Tonner beim sog. Kipp-Test bei
WTD 41 ASt Koblenz
Quelle: Bundeswehr

Ausblick und Weiterentwicklung

Die technische Einsatzreife des IT-Systems KMSE ist hergestellt. Es wird seit dem Sommer 2021 durch den ZSanDstBw über einen Zeitraum von circa zwölf Monaten hinsichtlich seiner Einsatztauglichkeit einer kritischen, fachlich-technischen Evaluation unterzogen. Die hier gewonnenen Erkenntnisse können in den sich anschließenden KMSE-Rollout-Teilprojekten nach Festlegung des ZSanDstBw genutzt werden. 

Die im Einsatz generierten Gesundheitsdaten von Soldat*innen können im Rahmen des weiteren Ausbaus der Digitalisierung der Gesundheitsversorgung der Bundeswehr in eine zukünftige elektronische Gesundheitsakte der Bundeswehr einfließen. Ziel ist es dabei, die durchgehende und rechtskonforme medizinische Dokumentation zwischen Einsatzland und Inland sicherzustellen. 


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