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KÖRPERLICHE LEISTUNGSFÄHIGKEIT UND BELASTBARKEIT VON SOLDATINNEN: EIN KRAFT-LAST-DILEMMA?

Physical Performance an Resilience of Female Soldiers: A Strenght - Load Dilemma?

Aus dem Zentralen Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr Koblenz¹ (Leiter: Oberstarzt Dr. T. Harbaum), der Forschungsgruppe Leistungsepidemiologie der Deutschen Sporthochschule Köln² (Leiter: Prof. Dr. Dr. D. Leyk), dem Kommando Sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung Weißenfels³ (Kommandeur: Generalarzt Dr. S. Schoeps) und der Sanitätsakademie der Bundeswehr München⁴ (Kommandeurin: Generalstabsarzt Dr. E. Franke)

Dieter Leyk¹,², Ulrich Rohde¹, Anne Moedl², Thomas Harbaum¹, Stephan Schoeps³, Erika Franke⁴

WMM, 59. Jahrgang (Ausgabe 1/2015; S. 2-7)

Zusammenfassung: Soldatinnen sind zum unverzichtbaren Bestandteil der Bundeswehr geworden. Ein großes Problem sind jedoch die hohen physischen Leistungsanforderungen bei militärtypischen Aktivitäten (z. B. Bewegen in unwegsamem Gelände, Heben und Tragen von Lasten), wobei allein die Ausrüstung (Gefechtshelm, Schutzweste, Rucksack etc.) mitunter über 40 kg wiegt.

Repräsentative Befragungen männlicher Bundeswehrsoldaten zeigen, dass die Mehrheit der Soldaten Frauen für physisch anspruchsvolle Funktionen als ungeeignet einstuft. In der vorliegenden narrativen Übersichtsarbeit werden Literaturbefunde und eigene Daten zur körperlichen Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit von Soldatinnen dargestellt.

Aus den durchgeführten Literaturrecherchen geht hervor, dass Soldatinnen ein deutlich erhöhtes Verletzungsrisiko (> Faktor 10) besitzen. Mit Blick auf das Leistungsvermögen von Frauen zeigen die Basis-Fitness-Tests (11 x 10 m-Sprinttest, Klimmhang, 1 000 m-Lauf) von mehr als 20 000 jungen Soldatinnen und Soldaten, dass „trainierte Frauen“ in jeder BFT-Disziplin besser als das männliche „Normalkollektiv“ sind (p < 0,001). Tests zum Gleichgewichtsvermögen und zur manuellen Geschicklichkeit mit mehr als 1 500 Soldatinnen und Soldaten sprechen sogar dafür, dass Frauen im koordinativen Bereich Vorteile besitzen (p < 0,001).
Ein anderes Bild ergibt sich aus Maximalkrafttests (Rumpfbeuger, Rumpfstrecker, Armbeuger, Beinstrecker, Greifkraft) der beiden Gruppen: Die Soldatinnen erreichen nur etwa 50 - 70 % der Maximalkraft der Soldaten. Selbst das trainierte Frauenkollektiv liegt bei allen getesteten Muskelgruppen durchweg unter den entsprechenden Werten des männlichen Normalkollektives (p < 0,001). Die gravierend höhere Überlastungsgefahr von Soldatinnen (z. B. beim Marschieren mit Lasten) lässt sich vor allem auf geringere Muskelkräfte von Frauen und anthropometrische Faktoren zurückführen.
Der vorbeugende Gesundheitsschutz und die Integration von Soldatinnen in die Bundeswehr sollten stärker in den Fokus anwendungsorientierter Ressortforschung rücken: Zu den wichtigsten Themenfeldern gehören die Beanspruchung und das Leistungsvermögen von Frauen unter militärtypischen Bedingungen, die Bedeutung anthropometrisch-ergonomischer Faktoren und das Potenzial gezielter Präventionsmaßnahmen zur Reduzierung der Kraft-Last-Problematik bei Soldatinnen. Das geplante Institut für Präventivmedizin könnte hier mit einem Forschungskorridor „Gesundheit, Leistung und Präventionsforschung in den Streitkräften“ eine zentrale Rolle übernehmen. Schon jetzt könnten aber (z. B. bei der Personalauswahl) die im Rahmen zivil-militärischer Verbundforschung entwickelten Kraftmesssysteme und erhobene Referenzwerte genutzt werden.
Schlagworte: Geschlecht, Frauen, Kraft, Last, Verletzung

Summary

Female soldiers have become an integral part of the Bundeswehr. However, the high physical demands of typical military tasks (e. g. navigating difficult terrain, heavy load lifting and carrying tasks) in combination with equipment induced combat loads of up to and above 40 kg (helmet, ballistic vest, backpack etc.) pose a big problem. Representative surveys among male personnel show that the majority of the male soldiers regard their female counterparts as unsuitable for physically challenging jobs. This narrative review combines findings from literature with own data on physical performance capability and resilience of female soldiers. Literature shows an elevated risk for injury for female soldiers (tenfold increase). Analyses of female performance measured by the Basis-Fitness-Test (11 x 10 m-shuttle sprint, flexed arm hang, 1000 m run) reveal that “trained females” perform better (p < 0.001) than the male average. Tests of postural control and manual dexterity in over 1500 soldiers even suggest a female advantage in coordinative tasks (p < 0.001).
Tests of maximum force production capability (trunk flexors/ extensors, arm flexors, leg extensors, handgrip) show a different result between the two groups. Female soldiers only produce 50 - 70 % of the forces of their male counterparts. Even the trained female subgroup never reaches the force levels of average male soldiers (p < 0.001). The exceptionally higher risk for overload and injuries (e.g. while marching with high loads) can thus largely be attributed to lower muscle strength and anthropometric factors.
Preventive measures for health maintenance and the integration of female personnel in the Bundeswehr should be a future focus of application oriented departmental research activities: The most important areas are demands and performance capability of female personnel in military settings, the importance of anthropometric and ergonomic factors and the potential of preventive measures for the reduction of the force-load problem in female soldiers. The upcoming Institute for Preventive Medicine would be well suited to take up a central role in the research corridor “health, performance and preventive research in the armed forces”. At present time, strength measuring systems and large sets of reference values obtained from civilian/military research are readily available (e.g. for personnel selection purposes).
Keywords: gender, women, strength, load, injuries

Einleitung

Nach der Öffnung aller militärischen Verwendungsbereiche für Frauen im Jahr 2000 sind Soldatinnen zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Bundeswehr geworden. Derzeit dienen etwa 18 500 Frauen in der Bundeswehr, im Zentralen Sanitätsdienst sind es bereits über 7 100 Soldatinnen [1]. Der angestrebte Mindest- Frauenanteil liegt im Sanitätsdienst bei 50 % und in der Truppe bei 15 % [2]. Auch andere Streitkräfte (USA, UK, Israel etc.) stützen sich seit vielen Jahren auf Soldatinnen. In den USA sollen Frauen ab 2016 auch an regulären Kampfeinsätzen teilnehmen dürfen [3, 4].
Angesichts der körperlich hohen Anforderungen in der militärischen Ausbildung und im Einsatz mehren sich allerdings in der Bundeswehr kritische Stimmen, da befürchtet wird, dass Soldatinnen körperlich fordernde Situationen nicht meistern können. 52 % der befragten männlichen Bundeswehrsoldaten (2005 waren es 44 %) schätzen Frauen für physisch anspruchsvolle Funktionen als ungeeignet ein [5]. Die meisten Vorbehalte basieren auf subjektiven Einschätzungen und differenzieren z. B. nicht, ob diese Annahme auch beim Vergleich zwischen trainierten Frauen und untrainierten Männern zutrifft, deren Zahl schon seit vielen Jahren steigt [6, 7]. Mit Blick auf die im Soldatenberuf immanente „Kraft-Last-Problematik“ ist es Ziel dieses Beitrages, relevante Fakten zu körperlichen Voraussetzungen und Leistungsfähigkeit von Frauen, Verletzungs-/ Überlastungsrisiken sowie die beträchtlichen Kraftanforderungen unter militärtypischen Einsatzbedingungen (mit Schutzweste, Gefechtshelm und Zusatzlasten) und Standardaufgaben (Marschieren mit Last, Halte-/ Tragearbeit) darzustellen.

Einfluss von Körperbau und Körperzusammensetzung

Die meisten körperlichen Leistungsdifferenzen zwischen Männern und Frauen lassen sich auf den unterschiedlichen Körperbau und die Körperzusammensetzung zurückführen [8 - 10]. Frauen sind im Allgemeinen kleiner und leichter als Männer, haben einen höheren absoluten und relativen Körperfettanteil siehe Tabelle 1), besitzen eher schmale Schultergürtel und breite Becken, einen längeren Rumpf und kürzere Extremitäten [11 - 14]. Männer verfügen nicht nur über mehr Muskulatur, auch die Verteilung differiert: Im Oberkörperbereich haben Männer etwa 40 %, in den unteren Extremitäten ca. 33 % mehr Muskelmasse als Frauen. Zudem ist der Muskelfaserquerschnitt (Typ I wie auch Typ II Muskelfasern) bei Männern größer [15 - 17]. Die genannten Unterschiede und besonders die offenkundigen Kraftdifferenzen zwischen den Geschlechtern entstehen durch den höheren männlichen Testosteron-Plasmaspiegel, was u.a. die bei Männern deutlich bessere Ansprechbarkeit auf Kraftreize (= Trainierbarkeit) erklärt [10, 11].

Leistungsunterschiede zwischen Frauen und Männern im Spitzensport

Die Einschätzungen zur körperlichen Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit von Frauen haben sich durch die Entwicklungen im Sport grundlegend geändert. Dies zeigt sich eindrucksvoll am Beispiel Ausdauer: Aufgrund „medizinischer Bedenken“ durften Frauen erstmals 1984 an einem olympischen Marathon teilnehmen. Die Siegerinnenzeit (Joan Benoit in 2:24:52 h) hätte ausgereicht, um 11 der vorherigen 20 Männer-Olympiamarathonläufe zu gewinnen [11]. Die erste Frau, die sogar einen Männerweltrekord gebrochen hat, war die Deutsche Astrid Benöhr: Sie verbesserte beim 10-fach Triathlon (38 km Schwimmen, 1 800 km Radfahren und 422 km Laufen in 187:18:37 Std.) die Zeit des Franzosen Fabrice Lucas um knapp fünf Stunden.
Unabhängig von diesem Extrembeispiel zeigen Ergebnislisten der Olympischen Spiele, Welt-/ Europameisterschaften und internationalen Spitzensportveranstaltungen, dass Sportlerinnen je nach Disziplin ca. 70 % (Gewichtheben) bis 95 % (z. B. im Sprintbereich von Leichtathletik und Eisschnelllauf) der Leistungsfähigkeit der Männer erreichen [8, 18].

Leistungsunterschiede zwischen Soldatinnen und Soldaten beim Basis-Fitness-Test und bei Kraft- und Koordinationstests

Ein ähnliches Bild ergibt sich aus Analysen umfangreicher eigener Datensätze, die im Rahmen verschiedener Verbundprojekte von der Koblenzer Ressortforschungseinrichtung und der Deutschen Sporthochschule Köln, Forschungsgruppe Leistungsepidemiologie, erhoben wurden. Die Fallzahlen der 18 - 29-jährigen Soldatinnen und Soldaten variieren abhängig von den eingesetzten Untersuchungsinstrumenten (s. Tabellen 1, 2, 3, 4, 5 und 6). Studienübergreifende Analysen sind möglich, da die Instrumente standardisiert eingesetzt wurden.
Der Basis-Fitness-Test (BFT), den seit 2010 alle Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr einmal pro Jahr absolvieren sollen, besteht aus drei einfachen sportmotorischen Tests (11 x 10 m-Sprinttest, Klimmhang, 1 000 m-Lauf). Eine detaillierte Testdarstellung findet sich in der Weisung IGF/KLF [19]. Die isometrischen Maximalkraftmessungen (Kraft-Zeit-Verläufe über 15 s) von Rumpfbeuger, Rumpfstrecker, Armbeuger und Beinstrecker sowie die Greifkraft erfolgten mittels Kraftmessverfahren, welche in einem Verbundforschungsprojekt speziell entwickelt wurden [20]. Das Gleichgewichtsvermögen wurde durch einen jeweils 30-sekündigen Einbeinstand mit geöffneten und geschlossenen Augen getestet [21]. Der physiologische Handtremor wurde als Indikator der manuellen Geschicklichkeit (Anzahl der Wandberührungen und die Berührungsdauer) durch ein ebenfalls eigens entwickeltes Messsystem bestimmt [21]. Körpergröße und -gewicht sowie Taillenumfang wurden mit standardisierten Messinstrumenten (Anthropometer, geeichte Waage, geeichtes Maßband) gemäß Handbuch der Ergonomie sowie DIN EN ISO 15535:2003–10 erhoben [22, 23]. Der Body-Mass-Index (BMI) wurde aus diesen Werten berechnet.
Statistische Analysen erfolgten mit SPSS 22 und R1 [24]. Die Kollektive der normalen und trainierten Personen wurden wie folgt definiert: Werte im Bereich von einer Standardabweichung um den Mittelwert repräsentieren normale Leistungen; Werte größer als 1,28 Standardabweichungen (obere 10 % der Normalverteilung) repräsentieren Leistungen von trainierten Personen. Mittelwerte wurden mit t-Tests (bzw. bei Verletzung der Normalverteilung Annahme: U-Tests) verglichen. Aufgrund der großen Stichproben wurde bei allen Analysen ein Signifikanzniveau von einem 1 % festgelegt.
Die BFT-Daten der „normal“ und „trainierten“ Kollektive sind in den Tabellen 2 und Tabelen 3 aufgelistet. Das „trainierte Frauenkollektiv“ ist in jeder BFT-Disziplin signifikant besser als das männliche Normalkollektiv (p < 0,001). Schon Drinkwater [9] stellte heraus, dass Ausdauerleistungen stärker durch Training und individuelles Potenzial als durch das Geschlecht bestimmt werden: Auch die BFT-Leistungen sprechen dafür, dass die Leistungsunterschiede zwischen durchschnittlichen („Normalkollektiv“) und trainierten Männern größer sind als die Leistungsdifferenz zwischen trainierten Frauen und trainierten Männern. Die Daten aus Tabelle 4 (Gleichgewichtsvermögen und manuelle Geschicklichkeit) sind sogar ein Indikator, dass Frauen im koordinativen Bereich Vorteile besitzen.
Ein gänzlich anderes Bild ergibt sich aus den ermittelten Körperkräften: Die in Tabelle 5 (Normalkollektive) und Tabelle 6 (trainierte Gruppen) aufgelisteten Daten zeigen, dass die Maximalkräfte der jungen Frauen nur etwa 50 – 70 % der Maximalkräfte der Männer betragen. Selbst das trainierte Frauenkollektiv liegt bei allen getesteten Muskelgruppen durchweg unter den entsprechenden Werten der durchschnittlichen Männer (p < 0,001). Bei dem scheinbaren Widerspruch zu den „Klimmhang- Daten“ (67,3 s der „trainierte Frauen“ im Vergleich zu 47,1 s des männlichen Normalkollektives) ist zu beachten, dass in dieser Situation die wesentlich leichteren Frauen einen klaren Vorteil gegenüber den im Durchschnitt fast 15 kg schwereren Männern haben (vgl. Tabellen 1, 4 und 5). Damit werden aber auch die begrenzte Übertragbarkeit sportmotorischer Tests und die Notwendigkeit deutlich, elementare militärische Belastungsanforderungen unter Einsatzbedingungen (Gefechtshelm, Schutzweste, Kampfanzug etc.) standardisiert abzubilden und die individuelle Leistungsfähigkeit zu quantifizieren. Hier könnte künftig das sogenannte „Soldaten-Grundfitness-Tool“ genutzt werden, mit dem leistungsfordernde militärtypische Belastungen in militärischer Bekleidung/Ausrüstung standardisiert absolviert und erfasst werden können [25, 26].

Kraftanforderungen und Überlastungen von Frauen in zivilen Berufen

Auch im zivilen Berufsalltag kann es immer wieder zu hohen Belastungen des Muskel-Skelett-Systems kommen und besonders Frauen treffen: Dies gilt vor allem für die Gesundheitsberufe (z. B. beim Alten- und Krankenpflegepersonal), in denen überwiegend Frauen tätig sind (etwa 3,9 Millionen von 5 Millionen Beschäftigen [27]). Das Umlagern/Umbetten von Patienten, ungünstige Körperpositionen und Dauerzwangshaltungen in der Pflege führen zum vermehrten Auftreten von Überlastungen, Verletzungen und Arbeitsunfähigkeitstagen [28]. Überbelastungsschäden können langfristig auch in eine Berufskrankheit übergehen. Die als Berufskrankheit (BK 2108) anerkannten bandscheibenbedingten Erkrankungen der Lendenwirbelsäule [29] treten bei Frauen häufiger als bei Männern (59,1% versus 40,1 %) auf [30]. 86 % der betroffenen Frauen kamen aus dem Pflege- und Gesundheitssektor.
Branchenübergreifend spiegeln sich die Folgen körperlicher Fehl- und Überbelastungen in Deutschland auch in den Statistiken der Krankenkassen wider. Aktuelle Zahlen der BKK und TKK zeigen, dass knapp ein Viertel aller Arbeitsunfähigkeitstage auf Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems zurückzuführen sind, wobei Frauen im Schnitt zwei Tage länger krankgeschrieben wurden [31, 32].

Körperliche Beanspruchungen, Überlastungen und Verletzungen von Soldatinnen

Daten aus zivilen Berufen lassen sich nur bedingt auf die militärische Arbeitssituation übertragen. Insbesondere die Wahrnehmung von Einsatzaufgaben ist mit hohen physischen wie psychischen Belastungen verbunden, die im zivilen Umfeld nicht auftreten (z. B. durch das Bedrohungspotenzial, 7-Tage-Arbeitswoche, klimatische Belastungen, wochen-/ monatelange fehlende Privatsphäre, Trennung von der Familie). Auch im Vergleich zum Sport unterscheiden sich die körperlichen Anforderungen wesentlich: Bei vielen einsatzrelevanten Tätigkeiten sind nicht nur Kraft- und Ausdauerleistungen miteinander gekoppelt, diese müssen außerdem in schweren Schutzausrüstungen erbracht werden [33 - 36]. Diese militärtypischen Zusatzlasten führen zwangsläufig zu hohen Beanspruchungen des Muskel-Skelett-Systems. Orr und Kollegen [37] konnten in einer Studie mit 1 954 verletzten Soldaten der Australian Defence Force knapp 21 % der Verletzungen auf Lastenhandhabung zurückführen.
Gerade Soldatinnen sind von der Kraft-/Lastproblematik betroffen: Das Tragen der Ausrüstung wie z. B. beim Einsatz als beweglicher Arzttrupp (mit Gefechtshelm, Schutzweste, Kampfstiefel, San-Rucksack und evtl. Kampfmittel) bedeutet eine Zuladung von mehr als 40 kg. Viele militärtypische Aktivitäten wie Bewegen in unwegsamem Gelände (u. U. gebückt über längere Strecken), manuelle Handhabungen von sperrigen Lasten, Beladung von Militärfahrzeugen mit hohen Ladekanten sind für die meisten Frauen kaum möglich (s. Abbildung 1), zumal es durch die Schutzausrüstung auch noch zu deutlichen Bewegungseinschränkungen kommt. Für die körperliche Überforderung von Soldatinnen spricht das höhere Verletzungsrisiko (1,8 bis über 15-fach) im Bereich des Muskel-Skelett-Systems [38 - 42]. Das weibliche Geschlecht wird in diesem Zusammenhang sogar als eigenständiger Risikofaktor für die Entstehung von Überlastungsschäden genannt [43 - 45].
Am Beispiel Marsch lässt sich die höhere Überlastungsgefahr von Soldatinnen gut darstellen. Abbildung 2 zeigt zunächst die deutlich geringeren Leistungen von Soldatinnen beim Marschieren mit unterschiedlichen Lasten über 3,2 km und 10 km. Wie in Abbildung 3 zu sehen ist, verändert sich mit zunehmender Last das Gangbild der Frauen: Beim Tragen von identischen Lasten mit gleicher Geschwindigkeit haben Frauen geringere Schrittlängen und länger andauernde Doppelstandphasen (beide Füße in Bodenkontakt) als Männer [48, 49].
Um genauso schnell wie die männlichen Kameraden zu sein, müssen Frauen kompensatorisch mit einer Erhöhung der Schrittfrequenz reagieren [48]. Hierdurch kommt es zu stärkeren mechanischen Stressimpulsen, die insbesondere die unteren Extremitäten und das Becken betreffen. Als Folge erleiden Frauen wesentlich häufiger Ermüdungsfrakturen im Bereich von Becken und Hüftkopf. Eine Studie mit US Navy-Rekruten zeigt das erheblich größere Risiko für Frauen: Die Diagnosehäufigkeit von Hüftfrakturen lag bei Soldatinnen im Verhältnis von 1:376, bei Soldaten lediglich bei 1:40.000 [44].

Integration von Frauen in die Bundeswehr unter dem Aspekt körperliche Leistungsfähigkeit und Prävention

Mit Blick auf die zentrale, jedoch in vielerlei Hinsicht sensible Ressource „Mensch“ liegt es auf der Hand, dass wichtige Kenndaten zur Verbesserung des vorbeugenden Gesundheitsschutzes, zu militärischen Trainings-/Ausbildungsmaßnahmen und damit letztlich auch zur Integration von Frauen in dier Bundeswehr fehlen. Dies gilt insbesondere für die oben erwähnte, noch fehlende standardisierte Routineerfassung der körperlichen Leistungsfähigkeit bei typischen Belastungen in militärischer Bekleidung/Ausrüstung [26].
Die bestehenden Defizite lassen sich am Beispiel „Kraft“ gut demonstrieren, die bei vielen militärischen Aufgaben zu den dominanten Leistungskriterien gehört. Dennoch wird gerade diese Kenngröße bei Personalauswahlverfahren nicht erhoben. Dabei stehen im Rahmen zivil-militärischer Verbundforschung entwickelte Kraftmesssysteme mit einer hohen Anwendungsökonomie (geringer Personal-, Zeit-, Raumbedarf) und dazugehörige Referenzwerte zur Verfügung [20, 21, 50, 51]. Anthropometrische Parameter und Kraftdaten liefern wertvolle Personalauswahlkriterien für Frauen. So absolvieren z. B. größere, schwerere und stärkere Soldatinnen einen 15 km Marsch mit einem Lastgewicht von 35 kg wesentlich schneller als ihre Kameradinnen mit kleinerer Körpergröße [52]. Die Anpassung von geschlechtsspezifischen Trainings- und Ausbildungsmaßnahmen hat bei Frauen zu einer Verringerung der Ermüdungsfrakturen im Bereich des Beckens um 95 % geführt [53]. Ergonomische Maßnahmen, die sich an den anatomischen und leistungsphysiologischen Voraussetzungen des weiblichen Geschlechts orientieren, verringern ebenfalls die Verletzungsanfälligkeit sowie den Belastungsumfang [54].
Befreundete NATO-Partner nutzen Ressortforschungseinrichtungen ungleich stärker zur effizienten Gesundheits- und Fitnessförderung ihrer Angehörigen. In den US-Streitkräften werden derzeit beispielsweise umfangreiche Untersuchungen mit Soldatinnen durchgeführt, um US-militärspezifische Leistungstests zu entwickeln: Anhand objektiver und reliabler Kriterien sollen künftig die Personalauswahl, aber auch Trainings-/ Interventionsmaßnahmen optimiert werden [4].

Schlussfolgerung

Auch in der Bundeswehr kann anwendungsorientierte Ressortforschung maßgeblich dazu beitragen, die Gesundheit, Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit von Soldatinnen und Soldaten zu erhalten bzw. zu verbessern [55]. Dabei könnte das künftige Institut für Präventivmedizin in dem – bisher noch nicht ausgewiesenen – Forschungskorridor „Gesundheit, Leistung und Präventionsforschung in den Streitkräften“ eine zentrale Rolle übernehmen. Unabhängig von diesen strukturellen Überlegungen sollten mit Blick auf die weitere Integration von Soldatinnen in die Bundeswehr möglichst zeitnah folgende Themenfelder beforscht werden, welche die herausragende präventivmedizinische Aufgabe des Sanitätsdienstes verdeutlichen:

  • Körperliches Leistungsvermögen, Verletzungen und Überlastungen von Soldatinnen bei militärtypischen Standardaufgaben wie auch im Rahmen der militärischen Ausbildung und Training,
  • Bedeutung anthropometrisch-ergonomischer Faktoren für die Gesundheit, Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit von Soldatinnen,
  • Potenzial gezielter Präventionsmaßnahmen zur Reduzierung der Kraft-Last-Problematik bei Soldatinnen.

Schon jetzt könnten aber (z. B. bei der Personalauswahl) die im Rahmen zivil-militärischer Verbundforschung entwickelten Kraftmesssysteme und erhobenen Referenzwerte genutzt werden.

1 SPSS = Statistical Package for the Social Sciences, Statistik Software der Firma IBM®, R = freie Softwareumgebung für statistische Berechnungen

Literatur

  1. Lopez S, Bötel F: Gelebte Normalität: Frauen in der Bundeswehr.: http://www.bundeswehr.de/portal/a/bwde/!ut/p/c4/DcLBDYAg DADAWVyg_ftzC-VDihTSQKqpRdbX3GHAn9IrlVwupY47H qesaUKameFxY_FmxMUZqg3NnSorFKPBGkVjZotp4t225QM CZ4Gb [Zuletzt geprüft am 18.12.2014].
  2. Bundesministerium der Justiz: Gesetz zur Gleichstellung von Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr (Soldatinnen- und Soldatengleichstellungsgesetz) Zuletzt geändert durch Art. 1 G v. 06.09.2013.
  3. U.S. Department of Defense: Defense department rescinds direct combat exclusion rule; services to expand integration of women into previously restricted occupations and units (Release No: 037- 13). http://www.defense.gov/releases/release.aspx?releaseid=15784 [Zuletzt geprüft am: 18.12.2014].
  4. Fischer S, Sperber S, Stewart F: US-Armee: Frauen an die Front (Multimediareportage): http://www.spiegel.de/politik/ausland/us armee-obama-will-frauen-in-kampfeinsaetze-schicken-a-958709. html [Zuletzt geprüft am 18.12.2014].
  5. Kümmel G: Truppenbild ohne Dame? Eine sozialwissenschaftliche Begleituntersuchung zum aktuellen Stand der Integration von Frauen in der Bundeswehr: (Gutachten 1/2014). Potsdam. Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr 2014.
  6. Leyk D, Rüther T, Wunderlich M et al.: Physical performance in middle age and old age: Good news for our sedentary and aging society. Dtsch Ärztebl Int 2010; 107 (46): 809-816.
  7. 7. Leyk D, Rohde U, Hartmann ND et al.: Results of a workplace health campaign: What can be achieved? Dtsch Ärztebl Int 2014; 111 (18): 320-327.
  8. De Marées H, Heck H, Bartmus U (eds.): Sportphysiologie. Köln: Sportverlag Strauß 2002.
  9. Drinkwater B: Das Training weiblicher Athleten. In: Dirix A, Knuttgen HG, Tittel K (eds.): Olympia Buch der Sportmedizin. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag 1989; 265-278.

Bildquelle:
Abbildung 1: Zentrales Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr Koblenz, Laborabteilung IV -Wehrmedizinische Ergonomie und Leistungsphysiologie-

 

Datum: 13.02.2015

Quelle: Wehrmedizinische Monatsschrift 2015/1