Artikel

UNFALLCHIRURGIE - EINSATZCHIRURGIE: WAS IST UNSER SELBSTVERSTÄNDNIS?

Trauma Surgery – Surgery in Military Operational Settings: Where do we see ourselves?

Benedikt Friemert, Andre Gutcke, Matthias Johann, Erwin Kollig, Christian Willy

WMM, 58. Jahrgang (Ausgabe 12/2014; S. 394-398)

Zusammenfassung:

Das Fachgebiet der Unfallchirurgie und Orthopädie hat sich in den letzten Jahren erheblich verändert. Der Drang zur Spezialisierung und die damit verbundene Änderung der Weiterbildungsordnung haben dazu geführt, dass weite Teile der Allgemeinchirurgie aus dem Fachgebiet der Orthopädie und Unfallchirurgie verschwunden sind.

Auf der anderen Seite ist in Deutschland die Versorgung des Traumapatienten auf fachlicher wie auch auf organisatorischer Ebene der Unfallchirurgie und damit den entsprechenden Organisationen, wie der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) sowie der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), verbunden. So ist seitens der DGU das Traumanetzwerk ins Leben gerufen worden, das Weißbuch der Polytraumaversorgung wurde durch die DGU erstellt, und die Versorgung der Berufsunfälle wurde durch die DGUV neu organisiert worden. Natürlich haben sich diese Veränderungen auch auf die Ausbildung zum Einsatzchirurgen ausgewirkt. Dieser Artikel nimmt eine Standortbestimmung der Orthopadie und Unfallchirurgie für die Bundeswehr und hier insbesondere im Hinblick auf die Einsatzchirurgie vor.

Summary

Orthopedics and trauma surgery are medical specialties that have undergone considerable changes in recent years. As a result of the strong trend towards specialisation and the associated changes in the German “Regulations on Medical Continuation Training”, orthopedists and trauma surgeons receive far less training in general surgery than in the past. In Germany, trauma surgeons and trauma surgery organizations such as the German Society for Trauma Surgery (DGU) and the German Social Accident Insurance (DGUV) are both medically and administratively responsible for the management of trauma patients. The DGU, for example, has established what is known as the “TraumaNetwork” and issued the “White Book on Medical Care of the Severely Injured”. The DGUV has organized the management of work-related accidents. These changes have of course influenced the training of military surgeons too. Therefore this article assesses the current role of orthopedics and trauma surgery in the German Armed Forces in general and in military operational settings in particular.

Einleitung

Wenn in den Verteidigungspolitischen Richtlinien der Kampf als Maßstab für die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr festgeschrieben ist, müssen die Fächer Unfallchirurgie - Orthopädie und Wiederherstellungschirurgie aus sanitätsdienstlicher Perspektive im Gesamtkonzept eines Militärkrankenhauses eine zentrale und führende Rolle einnehmen. Diese besondere Stellung begründet sich aus der prozentual überaus hohen Häufigkeit von komplexen Extremitäten- und Stammverletzungen in allen kriegerischen Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte und der Tatsache, dass die Traumatologie als chirurgisches Fachgebiet in Deutschland durch die DGU und die DGUV fachlich, organisatorisch und konzeptionell vertreten wird. Repräsentative Statistiken der amerikanischen Bündnispartner und der Franzosen sowie eigene Daten aus Afghanistan [1 – 5] weisen eine Beteiligung des Fachgebietes von 60 bis 80 % bei verletzten Soldaten nach. Hier zeigt sich, dass im Laufe der Zeit, bei insgesamt gestiegener Überlebensrate, die Zahl der Defektheilungen nach Schuss- und Explosionsverletzungen überproportional zugenommen hat [3]. Während hinsichtlich der chirurgisch handwerklichen Fähigkeiten die Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie in Bezug auf die Lebensrettung von akut Verletzten, insbesondere bei Blutungen, die führenden Disziplinen darstellen, haben Unfallchirurgie und Orthopädie vom Moment der Verletzung an, im Hinblick auf die Erhaltung bzw. Wiederherstellung von Arbeits- / Dienstfähigkeit sowie der Lebensqualität, die zentrale Bedeutung für das Langzeitergebnis. Ihrem Selbstverständnis als „Kümmerer des Verletzten“ (Leitbild Unfallchirurgie, DGU [6]) sowie der Versorgungsrealität folgend, stellt insbesondere das Fachgebiet der Unfallchirurgie die zentrale Steuerung und Organisation einer umfassenden Versorgung des verletzten oder verwundeten Patienten sicher und ist damit verantwortlich für das Gesamtmanagement des Krankheitsbildes „Polytrauma“. Dessen Aufgabenerfüllung endet nicht im Schockraum, sondern in der Eingliederung des Verunfallten bzw. Verletzten in sein häusliches und berufliches Umfeld. Wiederum abgeleitet aus den Verteidigungspolitischen Richtlinien haben Bundeswehrkrankenhäuser (BwKrhs) den Auftrag, im Rahmen einer zeitgemäßen und auf höchstem Niveau liegenden Patientenversorgung des Heimatlandes Sanitätspersonal auszubilden und dessen Kompetenz zu erhalten. Als Maßstab für die Ausbildung gilt die Forderung, dass es im Auslandseinsatz die Anforderungen, im Extremfall auchin waffengeführten kriegerischen Auseinandersetzungen, im Sinne der sanitätsdienstlichen Maxime erfüllen kann. Parallel deutet die akut- und notfallmedizinische Neuausrichtung der BwKrhs unmissverständlich und im Einklang mit dem Einsatzauftrag darauf hin, dass die Versorgung verunfallter Notfallpatienten zu einem behandlungsstrategischen Schwerpunkt im Rahmen der interdisziplinären Zusammenarbeit geworden ist. Diese Neuausrichtung der BwKrhs wurde vom Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr, Generaloberstabsarzt Dr. Patschke, auf der diesjährigen ARCHIS1-Tagung in Ulm (Januar 2014) im Besonderen betont und die Notwendigkeit unmissverständlich klargestellt.

Lage

Photo Abb. 2: Rekonstruierende Operationen im Rahmen der multidiszplinären klinischen Behandlung stellen im BwKrhs bestmögliche Funktion und Lebensqualität wieder her.

Die Bundeswehr betreibt fünf BwKrhs, die ärztliches und nichtärztliches medizinisches Personal klinisch ausbilden, in Übung halten und einsatzbereit vorhalten, welches im Rahmen einer Role 2 - 32 – Versorgung in Auslandseinsätzen verwundete, verletzte und erkrankte Soldaten auf höchstem Niveau behandeln kann. Darüber hinaus stellen sie die Role 43 – Einsatz- und Inlandsversorgung der Soldaten sicher, behandeln im Auftrag der Bundesregierung ausländische Verwundete im Sinne eines humanitären Auftrages und sind, in unterschiedlicher Verantwortung, fest in das zivile Versorgungsnetzwerk der jeweiligen Bundesländer eingebunden.
Das Bundeswehrzentralkrankenhaus (BwZKrhs) Koblenz und das BwKrhs Ulm gehören hierbei zu den überregionalen Traumazentren, zertifiziert entsprechend der Kriterien des Weißbuchs der DGU [7]. Diese beiden Kliniken sind seit 01.01.2014 zusätzlich durch die DGUV zum Schwerstverletzungsartenverfahren (SAV) zugelassen [8]. Die BwKrhs Berlin und Hamburg sind als regionales Traumazentrum zertifiziert. Das BwKrhs Berlin ist seit November 2013 für das Verletzungsartenverfahren (VAV) zugelassen, Hamburg hat letzteres beantragt. Das BwKrhs Westerstede ist als regionales Traumazentrum zugelassen und hat die Zulassung zum SAV beantragt; eine Entscheidung ist noch nicht gefallen.
Dabei sind alle fünf BwKrhs zunehmenden personellen und materiellen Anforderungen ausgesetzt, die z.B. durch die demographische Entwicklung, die zahlenmäßig zunehmende Versorgung septischer Defektwunden [10 – 11], aber auch durch die Folgen der Umsetzung der EU-Arbeitszeitrichtlinie begründet sind. Die Entwicklung hin zu internistisch und neurologisch vorerkrankten und somit komplex erkrankten alterstraumatologischen Patienten ist klar erkennbar und wird sich zu einer Subspezialität entwickeln.
Das wehrmedizinisch begründete Interesse an der septisch- rekonstruktiven Chirurgie und vor allem der immer wiederkehrende hoheitliche Auftrag, kriegsversehrte Patienten aus Krisenregionen zu versorgen, bedingt die Notwendigkeit einer strukturell hinterlegten Erweiterung der „Trauma- und Elektiv-Unfallchirurgie“ durch die „Septisch-Rekonstruktive Chirurgie“, die durch die speziellen Hygieneanforderungen in personeller und materieller Hinsicht besonders aufwändig ist.
Spezielle medizinische und personelle Anforderungen ergeben sich für das BwZKrhs Koblenz und das BwKrhs Ulm durch die Zertifizierung zum überregionalen Traumazentrum und die Anerkennung als SAV-Klinik, was ggf. zukünftig auch für das BwKrhs Westerstede zutrifft. Gerade im Rahmen der Versorgung berufsgenossenschaftlich Versicherter hat sich beispielsweise das zu erwartende Leistungsspektrum deutlich ausgeweitet. So rücken die Themen septische Komplikationen (Wer darf was in Zukunft auf welchem Niveau noch behandeln?) wie auch die Physio- und Ergotherapie im Hinblick auf die geforderten Akut-Reha-Teams in den Vordergrund. Selbiges trifft etwas modifiziert auch auf das „VAV-Haus“ Berlin und im Rahmen der anstehenden Bewertung durch die DGUV als „VAV Haus“ für das BwKrhs Hamburg zu, wenngleich für eine VAV-Zulassung die Anforderungen etwas niedriger liegen.
Zusätzlich bilden sich immer mehr spezialisierte Versorgungsstrukturen aus, in deren Konkurrenz die BwKrhs stehen, wenn es sich um die elektiven Eingriffe außerhalb der Notfallversorgung handelt. Für die Grundversorgung der Soldaten im Heimatland (z.B. die Kreuzbandchirugie im Rahmen der Sporttraumatologie oder die Endoprothetik vor dem Hintergrund des steigenden Alters der Soldaten), die notwendige Versorgung ziviler Patienten und den damit verbundenen Erhalt der Weiterbildungsermächtigung (und deren Ausbau) spielt diese elektive Chirurgie eine wesentliche Rolle.
Nicht zu vergessen sind die sich wohl für die Zukunft ergebenden, notwendigen Zertifizierungen im Fachgebiet. Hier hat die Entwicklung in einigen Bereichen deutlich Fahrt aufgenommen. Hat die DGU vor ca. drei Jahren die Notwendigkeit von „Alterstraumatologischen Zentren“ eher zurückhaltend beurteilt, so werden diese nunmehr seit diesem Jahr seitens der DGU mit Nachdruck unterstützt (Zertifizierung seit 18.03.2014 in Kooperation mit der Fa. CERT iQ GmbH: „Unfallchirurgen verbessern Versorgung älterer Menschen nach Unfall – Start für AltersTraumaZentrum DGU“) [6]. Eine vergleichbare Entwicklung hat sich auch im Hinblick auf die Endoprothesenzentren ergeben [11]. Welche Zertifizierung wann und wo erforderlich sein wird, ist von mehreren Faktoren abhängig. Letztlich kann sich der Sanitätsdienst, bei aller Zurückhaltung gegenüber Zertifizierungen, dieser Entwicklung nicht entziehen und muss die notwendigen Ressourcen bei Bedarf zur Verfügung stellen.

Stellenwert der Unfallchirurgie und Orthopädie in Deutschland

Das Fachgebiet der Unfallchirurgie und Orthopädie mit seinen begleitenden Disziplinen ist im Rahmen der Versorgung verunfallter und an den Bewegungsorganen erkrankter Patienten federführend beteiligt und verantwortlich. Es stellt neben der Allgemeinchirurgie und der Visceralchirurgie das Fachbebiet mit den meisten klinisch (ambulant und stationär) tätigen Ärzten innerhalb der chirurgischen Fächer und Mitglieder in den Chirurgischen Fachgesellschaften dar (ca. 40 % aller Chirurgen gehören dem Gebiet Orthopädie und Unfallchirurgie an; Mitglieder Orthopädie und Unfallchirurgie 7811, Allgemein und Visceralchirurgie 4041), so dass hierdurch klar wird, dass das Fachgebiet der Unfallchirurgie und Orthopädie in der chirurgischen Versorgungslandschaft eine zentrale Rolle einnimmt [11]. Unterstrichen wird die Bedeutung durch die Tatsache, dass die DGUV mit ihren Berufsgenossenschaften (BG) vom Fachgebiet Unfallchirurgie getragen und dominiert wird.
Durch die fachlichen Forderungen der Dachorganisationen, wie der Fachgesellschaften (DGU, DGOU4, DGOOC5, DGCH6 sowie vieler unfallchirurgischer und orthopädischer Fachverbände) und durch die Richtlinien der DGUV zu den verschiedenen Heilverfahren (VAV, SAV) ist die Patientenversorgung maßgeblich und verbindlich geregelt. Zudem unterliegt das Fachgebiet auch den Vorgaben des Sozialgesetzbuchs (SGB) V im Sinne der gesetzlich geregelten Qualitätssicherung [7, 8].
Die Bundeswehr ist mit all ihren BwKrhs, wie oben dargestellt, in unterschiedlichem Maße in diese Strukturen eingebunden sowie zertifiziert und trägt dadurch ihren Anteil vor allem in speziellen Bereichen wie der Einsatz- und Katastrophenchirurgie sowie bei der Behandlung von speziellen Verletzungsmustern im Fachgebiet der Unfallchirurgie und Orthopädie in Deutschland bei. Die Bedeutung dieser Arbeit und Expertise der Unfallchirurgie und Orthopädie sowie der Einsatzchirurgie der Bundeswehr wird deutlich dadurch unterstrichen, dass sich Unfallchirurgen zunehmend seitens der Fachgesellschaften, der Berufsverbände und der DGUV in deren Strukturen eingebunden sehen (siehe hierzu auch den Artikel „Strategische Partnerschaften: Schlüssel für eine moderne Unfall- und Einsatzchirurgie in der Bundeswehr“ in diesem Heft).


Einsatzrelevanz des Fachgebietes

Photo Abb. 1: Aufnahme eines Verwundeten in ein Rettungszentrum zur ersten chirurgischen Versorgung (Role 2); die Qualität der einsatzchirurgischen Versorgung stellt hier bereits entscheidende Weichen für den weiteren Verlauf.

In allen Einsatzgebieten und allen Missionen, die die Bundeswehr sanitätsdienstlich begleitet, ist ab Role 2 die Präsenz der Chirurgie obligatorisch. Numerisch werden diese Dienstposten maßgeblich von den beiden großen chirurgischen Fachdisziplinen der Unfallchirurgie / Orthopädie und der Viszeralchirurgie abgebildet, wobei festzustellen ist, dass alle Sanitätsoffiziere zum Allgemeinchirurgen ausgebildet werden und anschließend eine zusätzliche Facharztqualifikation erwerben (Duo - Konzept).

Aufnahme eines Verwundeten in ein Rettungszentrum zur ersten chirurgischen Versorgung; die Qualität der einsatzchirugischen Versorgung stellt hier Weichen für den weiteren Verlauf. Im Verbund einer „medizinisch schlagkräftigen Truppe“, die jederzeit und überall Medizin auf dem Niveau des deutschen Standards zu verwirklichen in der Lage ist, stellt die umfassende chirurgische Kompetenz, neben der anästhesiologischen, den essenziellen und wesentlichen Bestandteil dar.
Dabei nimmt die Versorgung verletzter und verwundeter eigener Soldaten, alliierter Soldaten und Partner sowie im Einzelfall lokaler Kräfte einen besonderen Stellenwert ein, was eine hohe Expertise in der Behandlung und Versorgung Polytraumatisierter erforderlich macht. Neben der notwendigen, in der Visceralbzw. Thoraxchirurgie zu erlernenden „Notfall – Höhlenkompetenz“ sowie der in der Gefäßchirurgie zu erlernenden „Notfall – Gefäßkompetenz“, ist für das Erlernen des Polytraumamanagementes und der „Notfallkompetenz – Bewegungsorgane“ das Fachgebiet der Unfallchirurgie und Orthopädie verantwortlich. Über dies hinaus ist die Unfallchirurgie und Orthopädie in der Versorgungsebene Role 4 maßgebend in die Versorgung repatriierter Kameraden eingebunden und die in der Regel führende Fachrichtung. Der Unfallchirurg ist im Sinne der Einsatzchirurgie Behandler und Organisator der interdisziplinären Zusammenarbeit; er muss die Maßnahmen der Rekonstruktion, Rehabilitation und Wiedereingliederung strukturieren und versteht sich als Komplexchirurg und Kümmerer des einsatzverletzen Soldaten. Die Unfallchirurgie ist für das Krankheitsbild „Polytrauma“ verantwortlich und stellt sicher, dass alle Einsatzchirurgen die notwendige Expertise zur Behandlung dieses komplexen Krankheitsbildes erhalten.

Die wesentliche Rolle, die die Unfallchirurgie und Orthopädie hier, neben der verantwortlichen Aufgabe als Kümmerer für organisatorische und interdisziplinäre Aufgaben, einnimmt, ist die Aufgabe der Wiederherstellung der körperlichen Integrität des Verletzten mit dem Ziel einer vollständigen Wiedereingliederung in den soldatischen Alltag und Auftrag (Stichwort : Verwendungsfähigkeit) sowie in das Zivilleben. Insgesamt geht es um die Frage der Lebensqualität. Hierfür ist eine höchstmögliche Restitutio – möglichst ad Integrum – als Ziel anzustreben. Gerade bei den einsatztypischen Verletzungsmustern mit Defektwunden, Amputationen sowie Infektionen stellt dieses Ziel eine ganz besondere Herausforderung für Rekonstruktion und Rehabilitation dar. Aufgrund der Tatsache, dass die erste unfallchirurgische Behandlung der Defektwunden (z.B. Weichteile, Knochen, Kontamination) vor Ort im Einsatzland (die notwendigen lebensrettenden Notfalloperationen und Notfallkompetenzen im Rahmen der Einsatzchirurgie seien hier außer Acht gelassen, da sie klar formuliert sind und nicht zur Disposition stehen) ganz wesentlich zum weiteren Verlauf beiträgt (z.B., ob sich aus der Kontamination eine Infektion entwickelt, oder ob nicht zuviel Gewebe primär resiziert wurde, was später nicht mehr rekonstruierbar ist), ist eine hohe Expertise dieses fachlichen Wissens und Handelns für jeden Einsatzchirurgen erforderlich. Diese kann nur geschult und ausgebildet werden, wenn solche Krankheitsbilder im Heimatland in den BwKrhs behandelt werden. Selbstverständlich ist für die endgültige Rekonstruktion und Wiederherstellung die Kompetenz des gesamten Fachgebietes der Unfallchirurgie und Orthopädie für die Bundeswehr in ihren BwKrhs erforderlich, beginnend von der klassischen Traumatologie, über die septische und rekonstruktive Chirurgie – inklusive plastischer Chirurgie – bis hin zur endoprothetischen Versorgung. Und nicht zuletzt koordiniert der Unfallchirurg in den BwKrhs die multidiziplinäre Versorgung durch andere Fachgebiete (z.B. Behandlung von Hörverlusten, neurologisch-psychiatrischen Begleiterkrankungen, Gesichtsund Kieferverletzungen, Augenverletzungen, urologischen Traumafolgen usw.) vor Ort – entsprechend dem oben beschriebenen Leitbild des „Kümmerers des Verletzten“ [6].

Anforderungen an das Fachgebiet

Photo Abb.3: Die intensive rehabilitative Nachsorge umfasst auch Physio- und Ergotherapie (hier: Patient beim Gehtraining).

Gefordert werden durch die o.g. Rahmenbedingungen die allgemeinen Kompetenzen innerhalb der Facharztweiterbildung zum „Allgemeinchirurgen“, „Orthopäden und Unfallchirurgen“ sowie die Schwerpunktbezeichnungen „Unfallchirugie“, „spezielle Unfallchirurgie“ und „spezielle orthopädische Chirurgie“. Diese Kompetenzen gewährleisten die höchstmögliche Versorgung aller Patienten im Inland. Dabei werden die einzelnen Behandlungsskills erlernt und die taktischen Abläufe in der Versorgung, gerade für das Krankheitsbild „Polytrauma“, verinnerlicht. Darüber hinaus jedoch ist auch und insbesondere die Kompetenz sicherzustellen, die den Anforderungen im Auslandseinsatz gerecht wird, die einsatzchirurgische Expertise [13]. Dies bedeutet, dass über die erworbenen fachlichen und organisatorischen Fahigkeiten hinaus das Vermögen erlernt werden muss, in besonderen Situationen (Massenanfall, Katastrophen) strategisch versiert eine fachlich adäquate Behandlung durchzuführen. Das wiederum bedingt ein deutliches Mehr für alle oben genannten Fachbereiche. Denn unter Einsatzbedingungen gilt es, mit reduzierten Personalkapazitäten, begrenzten materiellen Mitteln und bei Heimatferne anfallende Patienten im Endergebnis nach deutschen Standard optimal zu versorgen [14].
Zusätzlich zur Akutversorgung, im Sinne der Notfalltherapie, sind nunmehr auch eine intensive rehabilitative Nachsorge und Behandlung erforderlich und durch personelle Ressourcen sicherzustellen. Eine ärztliche Leitung dieses Bereiches mit entsprechender fachärztlicher Kompetenz (Facharzt für Unfallchirurgie/ Orthopädie, Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin und Zusatzbezeichnung „Physikalische Therapie“) muss verfügbar sein. Diese zu etablierenden weitreichenden Fähigkeiten dienen dabei nicht nur der Erfüllung ziviler struktureller Vorgaben, sondern sind entscheidend für die Versorgungsqualität der im Einsatz verunfallten und verwundeten Soldaten. Die erworbenen Expertisen in allen Facetten lassen die Maxime realistisch werden.

Um diese Vorgaben mit hoher und breiter fachlicher Kompetenz erfüllen zu können, bedarf es des Erhaltes möglichst voller Weiterbildungsermächtigungen für die Fachärzte „Allgemeinchirurgie“, „Unfallchirurgie und Orthopädie“ sowie die Zusatzbezeichnungen „Spezielle Unfallchirurgie“, „Spezielle orthopädische Chirurgie“ und „Handchirurgie“.

Zusammenfassung

Das zentrale Selbstverständnis der Unfallchirurgie und Orthopädie in Deutschland – und damit auch in der Bundeswehr – ist es, sich als Kümmerer und Verantwortlicher der verletzten Patienten – zivil wie militärisch – zu verstehen. Auf dem Boden der von der DGU und DGUV vorgegebenen, fachlichen und organisatorischen Grundlagen der Traumaversorgung ist es unsere Aufgabe, Unfallchirurgie auf möglichst höchstem Niveau zu betreiben, um in den Versorgungsstrukturen als adäquater Partner anerkannt zu sein. Dieses sichert uns die notwendigen umfassenden Kompetenzen zum Verständnis des Krankheitsbildes „Polytrauma“, dessen Behandlung den zentralen einsatzchirurgischen Auftrag darstellt. Es sei allerdings betont, dass dieses nur im intensiven Zusammenwirken aller klinischen und insbesondere der chirurgischen Fachgebiete erfolgreich sein wird. Hinsichtlich des Managementes des Unfallverletzten nimmt die Unfallchirurgie hierbei allerdings die führende Rolle ein.

1 Arbeitsgemeinschaft chirurgisch tätiger Sanitätsoffiziere (ARCHIS)
in der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie
(DGWMP e.V.)
2 Role 2 = notfallchirurgische Versorgung, Role 3 = klinische Akutversorgung
3 Role 4 = abschließende klinische Versorgung und Rehabilitation
4 DGOU = Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie
5 DGOOC = Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische
Chirurgie
6 DGCH = Deutsche Gesellschaft für Chirurgie

Literatur

  1. Death on the battlefield (2001Y2011): Implications for the future of combat casualty care Brian J. Eastridge, MD, Robert L. Mabry, MD, Peter Seguin, MD, Joyce Cantrell, MD, Terrill Tops, MD, Paul Uribe, MD, Olga Mallett, Tamara Zubko, Lynne Oetjen-Gerdes, Todd E. Rasmussen, MD Frank K. Butler, MD, Russell S. Kotwal, MD, John B. Holcomb, MD, Charles Wade, PhD, Howard Champion, MD, Mimi Lawnick, Leon Moores, MD, and Lorne H. Blackbourne, MD; J Trauma Acute Care Surg Volume 73, Number 6, Supplement 5
  2. Burns. 2006 Nov;32(7):853-7. Epub 2006 Aug 8., Burns sustained in combat explosions in Operations Iraqi and Enduring Freedom (OIF/OEF explosion burns); Kauvar DS , Wolf SE, Wade CE, Cancio LC, Renz EM, Holcomb JB.
  3. J Surg Orthop Adv. 2010 Spring;19(1):2-7. Epidemiology of combat wounds in Operation Iraqi Freedom and Operation Enduring Freedom: orthopaedic bur-den of disease. Belmont PJ , Schoenfeld AJ, Goodman G.
  4. J Trauma. 2010, Jan;68(1):204-10. doi: 10.1097/TA.0b013e3181bdcf95. Inci-dence and epidemiology of combat injuries sustained during "the surge" por-tion of operation Iraqi Freedom by a U.S. Army brigade combat team. Belmont PJ Jr , Goodman GP, Zacchilli M, Posner M, Evans C, Owens BD.
  5. Blast Injury – Das besondere Polytrauma, Vortrag anlässlich der 20. ARCHIS Tagung 2013 in Koblenz, Franke A, Güsgen Ch.
  6. Leitbild der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie, http://www.dgu-online.de/bildung/weiterbildung/leitbilder.html, Stand 19.10.2014
  7. Weißbuch Schwerverletzenversorgung der deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie, Supplement 1/12, orthopädie und Unfallchirurgie, Mitteilungen und Nachrichten
  8. Anforderungen der Deutschen gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) und des Spitzenverbandes der landwirtschaftlichen Sozialversicherung (LSV-SpV) für das stationäre Durchgangsarzt-, Verletzungs- und Schwerstverletzungsartenverfahren (DAV/VAV/SAV), 2011
  9. Interdiscip Perspect Infect Dis. 2013;2013:542796. Epub 2013 Aug 19. Peri-prosthetic Joint Infections.Lima AL, Oliveira PR, Carvalho VC, Saconi ES, Ca-brita HB, Rodrigues MB.
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  11. AWMF Internetseite, http://www.awmf.org/fachgesellschaften/mitgliedsgesellschaften.html, Stand 19.10.2014
  12. Internetseite Endozert, www.endozert.de, Stand 19.10.2014
  13. Systemfähig¬keitsforderung Klinische Versorgung der Streitkräfte (SFF KlinVers SK), GenInsp 2011
  14. Vortrag „Surgistic“, OFA Dr. Niels Huschitt, ARCHIS Tagung 2014, Ulm

Bildquellen: Abb 1 und 2 Oberstarzt Prof. Dr. Friemert
Abb 3: BwKrHs Westerstede

Bildunterschriften:

Abb. 1: Aufnahme eines Verwundeten in ein Rettungszentrum zur ersten chirurgischen Versorgung (Role 2); die Qualität der einsatzchirugischen Versorgung stellt hier bereits entscheidende Weichen für den weiteren Verlauf.

Abb. 2.: Rekonstruierende Operationen im Rahmen der multidiszplinären klinischen Behandlung stellen im BwKrhs bestmögliche Funktion und Lebensqualität wieder her.

Abb. 3: Die intensive rehabilitative Nachsorge umfasst auch Physio- und Ergotherapie (hier: Patient beim Gehtraining).

Datum: 12.02.2015

Quelle: Wehrmedizinische Monatsschrift 2014/12