Interview

Die vor uns liegenden Herausforderungen können wir nur gemeinsam meistern

Interview mit dem Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr, Herrn Generaloberstabsarzt Dr. Kurt-Bernhard Nakath

WM: Herr Generalarzt, im September vor zwei Jahren hat der Bundesminister der Verteidigung Ihnen die Aufgaben des Inspekteurs des Sanitätsdienstes der Bundeswehr übertragen. Wo steht der Sanitätsdienst der Bundeswehr heute und wie sehen Sie als ranghöchster Sanitätsoffizier seine Zukunft?javascript:zeigeBild(1)

GOSA Dr. Nakath: Die von meinen Vorgängern im Amt in 2001 begonnene Zentralisierung des Sanitätsdienstes und die einsatzorientierte Neuausrichtung im Rahmen der Transformation wurde konsequent fortgeführt. Die Umgliederungen, die in vielen Fällen mit Versetzungen und den entsprechenden Belastungen für Soldaten und zivile Beschäftigte einhergingen, sind nahezu abgeschlossen. Die Leistungen, die die Angehörigen des Sanitätsdienstes der Bundeswehr zu Hause und weltweit in diesem Zeitraum erbracht haben, haben uns national und international großen Respekt, Wertschätzung und hohes Ansehen verschafft. Und es muss immer wieder betont werden - nur durch die Synergieeffekte der Zusammenfassung der Sanitätsdienste der Teilstreitkräfte in einem eigenständigen Organisationsbereich "Zentraler Sanitätsdienst der Bundeswehr" war es möglich, die derzeitige Durchhaltefähigkeit sowie den anerkannten Standard der sanitätsdienstlichen Versorgung der Streitkräfte zu erreichen. Nur so kann der Sanitätsdienst einen wesentlichen Beitrag für die politischen Entsendeentscheidungen deutscher Soldatinnen und Soldaten leisten. In der alten Struktur wäre dieses aufgrund vielfältiger Redundanzen und Schnittstellen nicht möglich gewesen.
Aber wir sind noch nicht am Ende des Weges angelangt. Zum einen müssen wir den dynamischen Veränderungen des zivilen Gesundheitssystems Rechnung tragen und zum anderen haben wir auch die Erfahrungen aus den Einsätzen in eine kontinuierliche Weiterentwicklung des Sanitätsdienstes einzubringen. Hier sehe ich drei Schwerpunkte. Erstens müssen wir auf Grundlage der in den zurückliegenden Jahren erhobenen Daten die interne Optimierung unserer Krankenhäuser in Angriff nehmen. Hierbei sollen bei weiterer Betonung der Einsatzorientierung auch regionale Aspekte, insbesondere bei der Patientenakquise, stärkere Berücksichtigung finden. Zweitens muss die materielle Ausstattung optimiert werden. An erster Stelle seien hier die Beschaffungsvorhaben im Bereich des geschützten Verwundetentransportes genannt. Drittens, und dies ist mir ein besonderes Anliegen, müssen wir sicherstellen, dass der Sanitätsdienst auch zukünftig über einen ausreichend dimensionierten und qualifizierten Personalkörper verfügt. Letzteres werden wir nur erreichen, wenn es vor dem Hintergrund der Konkurrenzsituation auf dem zivilen Arbeitsmarkt und der demographischen Entwicklung in Deutschland gelingt, die Streitkräfte und den Sanitätsdienst der Bundeswehr als attraktiven Arbeitgeber nach innen und nach außen zu positionieren. Die derzeitigen Personalverluste zeigen uns, dass hier dringender Handlungsbedarf gegeben ist. Hierbei geht es jedoch nicht nur um finanzielle Aspekte. Wir müssen uns auch dafür einsetzen, dass Berufszufriedenheit und innere Bindung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an unseren Sanitätsdienst gestärkt werden.

WM: Bindet die Führung des eigenständigen Organisationsbereiches nicht personelle Ressourcen, die Sie besser für die unmittelbare Arbeit am Patienten einsetzen könnten?

GOSA Dr. Nakath: Lassen Sie mich an dieser Stelle einem leider weit verbreiteten Vorurteil entgegentreten. Im Zentralen Sanitätsdienstes nehmen 97% der Sanitätsoffiziere kurative bzw. approbationsgebundene Aufgaben wahr. Die Zahl der im Bereich Führung und Organisation benötigten Sanitätsoffiziere ist auf ein unverzichtbares Mindestmaß begrenzt und liegt derzeit bei rund 3%. Wir setzen Sanitätsoffiziere im Bereich Führung und Organisation nur dort ein, wo sie einen größeren Beitrag zu unserem "Unternehmensziel", der sanitätsdienstlichen Versorgung der Streitkräfte, beitragen, als dies durch Soldatinnen und Soldaten anderer Laufbahnen möglich wäre. Für mich würde es einem Organisationsverschulden gleichkommen, wenn gerade der Zentrale Sanitätsdienst der Bundeswehr, der im Vergleich zum zivilen Gesundheitssystem über die medizinische Inlandversorgung hinaus auch den Export eben dieser medizinischen Standards in jeden Winkel der Welt garantiert, auf diese Expertise verzichten würde.
Dennoch wird gerade intensiv geprüft, wo und in welchem Umfang Sanitätsoffiziere von nicht kurativen bzw. nicht approbations - gebundenen Aufgaben entlastet werden können. Hier bieten sich die durch den Bologna- Prozess angestoßenen Veränderung bei den akademischen Gesundheitsberufen als Grundlage für weitergehende Überlegungen zur Schaffung einer eigenständigen Laufbahn für Truppenoffiziere im Sanitätsdienst an, um u. a. die begrenzte Personalressource der Ärzte möglichst effizient in die kurative Versorgung einzubringen.

WM: Herr Generalarzt, wie lassen sich die Bedürfnisse einer Einsatzarmee mit den Forderungen eines modernen zivilen Gesundheitswesens vereinbaren?

GOSA Dr. Nakath: Kennzeichnend für den Sanitätsdienst der Bundeswehr ist eine besonders weitreichende Verzahnung mit dem zivilen Gesundheitswesen. Die enge Vernetzung mit dem zivilen Markt sowie mit regionalen Gesundheitseinrichtungen und damit auch die Behandlung von Zivilpatienten ist sowohl für die Funktionalität als auch für die Wettbewerbsfähigkeit essentiell. Ich möchte in diesem Zusammenhang auch an unsere Maxime erinnern. Wir haben uns den zivilen Standard als Benchmark vorgegeben. Insofern ist für uns die Teilhabe an den Entwicklungen der Medizin im zivilen Bereich ein absolutes Muss und ebenso selbstverständlich wie die Fachgesellschaften. Wir müssen unser Personal damit so qualifizieren, dass wir unseren Qualitätsanspruch auch unter den fordernden Bedingungen eines Einsatzes verwirklichen können. Ein Beispiel: Im Einsatz benötigen wir den umfassend notfallchirurgisch ausgebildeten Generalisten. Demgegenüber weist der Weg im zivilen Gesundheitssystem in die hochgradige Spezialisierung. Viele Behandlungen werden in Zukunft im Zivilen nur noch in spezialisierten und entsprechend zertifizierten Kliniken durchgeführt werden dürfen. Für die Bundeswehrkrankenhäuser als Behandlungszentren im Inland und als Ausbildungsstätten für unser Fachpersonal resultiert hieraus die Notwendigkeit zur konsequenten Konzentration auf einsatzrelevante Fachgebiete, wie z. B. Chirurgie, Anästhesie und Notfallmedizin. Für unsere Ärztinnen und Ärzte steht ein umfassender und fächerübergreifende Kompetenzerwerb im Vordergrund. Darüberhinaus müssen wir auf dem Weg der einsatzorientierten Weiterentwicklung des Sanitätsdienstes natürlich auch den Marktbedingungen im zivilen Gesundheitswesen sowie den Vorgaben der Fach- und Standesorganisation Rechnung tragen. Bundeswehrspezifische Eigenarten werden von der zivilen Seite nur in begrenztem Umfang berücksichtigt.

WM: Sie sprachen die Notwendigkeit der Beachtung von Vorgaben der Fach- und Standesorganisationen an.

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GOSA Dr. Nakath: Selbstverständlich sind zivil vorgegebene zeitliche und inhaltliche Rahmenbedingungen im System der Ausbildung und Inübunghaltung medizinischer Berufe auch für uns verbindlich. Um Ihnen die Komplexität der Vorgaben aus dem zivilen Bereich zu verdeutlichen, nenne ich einige Zahlen. Wir haben bei Ärzten 52 verschiedene Fachgebiete, Zusatzbezeichnungen und Schwerpunkte und bei unserem Assistenzpersonal 63 nichtakademische Heilberufe zu berücksichtigen. Erschwerend kommt hinzu, dass die für uns bindenden Berufsund Weiterbildungsordnungen nicht bundeseinheitlich geregelt sind. Vor diesem Hintergrund ist es mein Ziel, die erforderlichen Ausbildungsmaßnahmen für alle Dienstgradgruppen im Sanitätsdienst so zu strukturieren und zu konzentrieren, dass sie mit größtmöglicher Effektivität durchlaufen werden können. In enger Zusammenarbeit mit den Teilstreitkräften haben wir u.a. die gesamte postuniversitäre Ausbildung der Sanitätsoffiziere neu geordnet und im zweiten Quartal dieses Jahres eingeführt. Sie beinhaltet Ausbildungsmodule, die einerseits auf die kurative Tätigkeit in Krankenhaus und Truppe vorbereiten und andererseits die allgemeinmilitärischen Fähigkeiten sowie verstärkt Kenntnisse über die Führungs- und Einsatzgrundsätze der Teilstreitkräfte und der Streitkräftebasis vermitteln.

WM: Zur Belastungssituation von Sanitätsoffizieren im Einsatz und im Inland. Können Sie einige Beispiele erläutern? javascript:zeigeBild(3)

GOSA Dr. Nakath: Die Bundeswehr ist derzeit in zehn Einsatzgebieten mit insgesamt etwa 6.500 Soldaten weltweit im Einsatz. Der Zentrale Sanitätsdienst ist dabei mit rund 560 Soldatinnen und Soldaten, also mit ca. 8% des im Auslandseinsatz eingesetzten Personals, beteiligt. Mit 320 Angehörigen des Sanitätsdienstes liegt der Schwerpunkt weiterhin beim ISAF-Einsatz in Afghanistan. Dort stellen wir darüberhinaus seit Juli dieses Jahres mit der Übernahme der Quick Reaction Force, kurz QRF, für den Einsatzraum im Norden Afghanistans eine neue Qualität mobiler sanitätsdienstlicher Versorgung sicher.
Gerade unsere Spezialisten sind durch diese Auslandseinsätze besonders belastet. Um der Doppelrolle des Sanitätsdienstes als Truppensteller und Dienstleister im Inland Rechnung zu tragen, erfolgte zwischenzeitlich die Ausplanung von ca. 800 Dienstposten als "Ergänzungspersonal für den Einsatz (EPE)". Diese neuen Dienstposten, die in besonders belasteten Bereichen z. B. den Fachabteilungen der Bundeswehrkrankenhäuser, aber auch in den regionalen Sanitätseinrichtungen ausgebracht wurden, sind on top zum Inlandsdienstbetrieb zu sehen. Mit der schrittweisen Besetzung dieser Dienstposten wird ein Rotationsprinzip zwischen Einsatz und Grundbetrieb realisierbar, das sowohl die Besetzung der Einsatzkontingente als auch die Kontinuität der Inlandsversorgung sowie die fachliche Ausbildung und Inübunghaltung adäquat ermöglicht. Entgegen anders lautenden Gerüchten wird auch an der bislang bewährten Splittingregelung für unsere Spezialisten unverändert festhalten. Dennoch können auf absehbare Zeit, gerade in Bezug auf Schlüsselpersonal, hohe individuelle Belastungen nicht ausgeschlossen werden. Und nicht zuletzt prüfen wir kontinuierlich, ob Auftrags- und Sicherheitslage oder die Zusammenarbeit mit Verbündeten und Partnern eine Reduzierung der eigenen Kräfte zulassen.
Ein weiteres Beispiel für die angestrebte Minderung der Belastung von Sanitätsoffizieren durch die Teilnahme am Auslandseinsatz ist die rettungsmedizinische Qualifikation von Sanitätsoffizieren Arzt im Rahmen der neukonzipierten postuniversitären Ausbildung. Da die Dienstposten "Beweglicher Arzttrupp (BAT)" im Einsatz grundsätzlich durch Truppenärzte besetzt werden sollen, erfolgt seit Frühjahr dieses Jahres die notfallmedizinische Qualifikation aller Sanitätsoffiziere Arzt vor der Truppenarzt-Phase bereits im ersten klinischen Verwendungsabschnitt. Von derzeit insgesamt 734 Sanitätsoffizieren mit der Fachkunde Rettungsmedizin werden 238 als Truppenärzte im Bereich der regionalen Sanitätseinrichtungen eingesetzt und stehen somit unabhängig von der angestrebten Gebietsarztqualifikation grundsätzlich für rettungsmedizinische Verwendungen als BAT im Auslandseinsatz zur Verfügung. Durch den halbjährlichen Zustrom weiterer qualifizierter Rettungsmediziner wird sich der Anteil an Truppenärzten mit rettungsmedizinischer Qualifikation weiter vergrößern, so dass die Einsatzlast auf immer mehr Schultern verteilt werden kann.
An dieser Stelle komme ich nicht umhin, die zunehmende Bedeutung familiär bedingter Abwesenheiten für die Personalplanung im Sanitätsdienst und den Streitkräfte insgesamt hervorzuheben. Der Sanitätsdienst ist mit einem Frauenanteil von über 50% bei den unter 35-Jährigen von diesen Abwesenheiten besonders betroffen. Auch hieraus resultieren im truppenärztlichen Bereich Tagesantrittsstärken, die zum Teil deutlich von dem Dienstpostenbesetzungsgrad abweichen. Familienbedingte Beurlaubungen wie Elternzeit und Betreuungsurlaub, aber auch Mutterschutz bilden im truppenärztlichen Alltag den Grund für die kontinuierliche Abwesenheit von rund 12% aller Truppenärzte. Hinzu kommen Abwesenheiten durch Teilzeitbeschäftigung. Aktuell nehmen etwa 10% der Truppenärzte dies in Anspruch. Angesichts der in den Streitkräften weiter zunehmenden Zahl von Soldatinnen werden derzeit im Führungsstab der Streitkräfte Möglichkeiten zur Kompensation dieser bisher nicht in den Personaloder Dienstpostenumfängen berücksichtigten Abwesenheitszeiten untersucht.

WM: Herr Generalarzt, Sie sprachen die Konkurrenzsituation auf dem Gesundheitsmarkt und die demographische Entwicklung bereits an. Wie will der Sanitätsdienst der Bundeswehr zukünftig ausreichend qualifizierten Nachwuchs für seine Laufbahnen gewinnen? javascript:zeigeBild(4)

GOSA Dr. Nakath: Lassen Sie mich an dieser Stelle etwas weiter ausholen. Vielschichtige Entwicklungen im zivilen Gesundheitssystem haben zu einem stetig zunehmenden Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt für Ärztinnen und Ärzte im In- und Ausland geführt, die anderen Heilberufe sind von dieser Entwicklung bislang noch nicht betroffen. Die Zahl der Stellenangebote für Ärztinnen und Ärzte im klinischen und ambulanten Bereich sowie im Bereich Medizinmanagement übersteigt die Zahl der qualifizierten Bewerber bereits heute und wird mit dem absehbaren Ausscheiden von 75.000 Ärzten aus der Berufstätigkeit bis zum Jahr 2015 zu einem manifesten Ärztemangel führen. Daneben hat die Einführung des Tarifvertrages für den öffentlichen Dienst zu einer signifikanten Vergrößerung der Netto-Einkommensdifferenz zwischen den Grundgehältern von Sanitätsoffizieren und zivilen Ärzten geführt. Diese Einkommensdifferenz wird durch Einmalzahlungen, höhere Vergütung von Überstunden und Bereitschaftsdiensten noch vergrößert. In einigen Fällen wird hoch qualifiziertes ärztliches Personal bereits übertariflich entlohnt.
Ich möchte aber an dieser Stelle die Stärken des Sanitätsdienstes hervorheben! Wir können hervorragende Aus-, Fort- und Weiterbildungsbedingungen, beispielhafte materielle Ausstattung unserer Versorgungseinrichtungen und ärztliches Arbeiten unter vergleichsweise geringem wirtschaftlichen Druck anbieten. In den vergangenen sechs Jahren ist es uns daher gelungen, jährlich rund 230 Sanitätsoffizieranwärterinnen und -anwärter sowie 65 bis 70 approbierte Heilberufler als sogenannte Seiteneinsteiger einzustellen und die Zahl der Sanitätsoffiziere um rund 300 zu vergrößern. Auch wenn die Zahl der Bewerbungen für die Einstellung als Sanitätsoffizieranwärter in den letzten beiden Jahren zurückgegangen ist, sehe ich hier aktuell keine Probleme - das Bewerbungsaufkommen ist ausreichend. Leider ist in 2008 das Interesse von Ärztinnen und Ärzten an einer Verpflichtung bei der Bundeswehr deutlich zurückgegangen. Vor diesem Hintergrund sowie den zunehmenden Personalverlusten können wir unser Planungsziel für das Jahr 2010, den Aufwuchs um ca. 400 weitere Sanitätsoffiziere, wahrscheinlich nicht mehr realisieren. Für die Laufbahnen der Unteroffiziere des Sanitätsdienstes ist das Bewerberaufkommen zufriedenstellend. Für ausgewählte Verwendungen, wie z. B. Rettungsassistenten, kann durch die Beendigung der zivilen Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen zwar bereits in diesem Jahr die Stellenbesetzung zu über 80% der für 2010 geplanten Umfänge abgeschlossen werden, die Regeneration pflegerischer Fachberufe mit besonders zeitintensiven Ausbildungsanforderungen wie beispielweise OP-Pfleger oder Fachpfleger Anästhesie-/Intensivmedizin benötigt jedoch ihre Zeit. Dies ist der wesentliche Grund, weshalb der unerwartet rasche Verlust von Zivilpersonal insbesondere an den Bundeswehrkrankenhäusern noch nicht unmittelbar und nahtlos durch militärisches Personal kompensiert werden kann. Überdurchschnittliche Einsatzbelastungen bei Soldaten aus Mangelqualifikationen wie z. B. der Fachpfleger und Medizingerätetechniker sind leider die Folge.
Ich betone erneut: Wir werden langfristig nur dann qualifiziertes Personal in ausreichendem Umfang gewinnen, wenn es uns gelingt, die Streitkräfte und den Sanitätsdienst der Bundeswehr als attraktiven Arbeitgeber zu positionieren.javascript:zeigeBild(5)

WM: Mit welchen Maßnahmen könnte dies erfolgen? Welche Schritte werden unternommen, um den Sanitätsdienst attraktiv nach innen und außen zu gestalten?

GOSA Dr. Nakath: Eine Reihe von Maßnahmen zur Steigerung der Laufbahnattraktivität und Arbeitszufriedenheit wurde in den zurückliegenden Jahren bereits umgesetzt. Lassen Sie mich hier beispielhaft die Flexibilisierung der Verpflichtungszeiten von Soldatinnen und Soldaten auf Zeit, die Dotierungsverbesserungen im kurativen Bereich sowie die Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Dienst z. B. durch Teilzeitbeschäftigung nennen.
Um bei der langfristigen Bindung und Gewinnung qualifizierter Sanitätsoffiziere nicht weiter ins Hintertreffen zu gelangen, habe ich dem Bundesminister der Verteidigung u. a. die kurzfristige Einführung finanzieller Verbesserungen für kurativ tätige Sanitätsoffiziere Arzt vorgeschlagen. So wurde eine monatliche Zulage in Höhe von 600 Euro für Sanitätsoffiziere Arzt, die als Gebietsarzt qualifiziert und eingesetzt oder zur Inübunghaltung als Rettungsmediziner verpflichtet sind, in den Entwurf des Dienstrechtsneuordnungsgesetzes eingebracht. Dies ist meines Erachtens ein erster, wichtiger Schritt. Jedoch sind unter dem Aspekt der Konkurrenz um qualifiziertes ärztliches Personal am Gesundheitsmarkt weitere, insbesondere finanzielle Anreize und Verbesserungen zu prüfen, um gerade das bereits zeitaufwändig und kostenintensiv ausgebildete ärztliche Fachpersonal längerfristig zu binden. Der Bundesminister der Verteidigung hat deshalb eine abteilungsübergreifende ministerielle Arbeitsgruppe eingerichtet, die zukunftsweisende Vorschläge zur Verbesserung der Attraktivität und Funktionalität im Sanitätsdienst der Bundeswehr erarbeiten soll. Mir war es ein Anliegen, dass in diese Arbeitsgruppe auch Vertreter des zivilen Gesundheitssystems mit einbezogen werden, um deren Kompetenz für die Entwicklung innovativer Ideen zu nutzen. Die erste Sitzung der Arbeitsgruppe hat Anfang Dezember 2008 stattgefunden. Auch hier gewinnt der Aspekt der Wettbewerbsfähigkeit angesichts der zivilen Mitbewerber um Personal wie auch um Patienten zunehmend an Bedeutung. Anders als in nahezu allen anderen Bereichen der Streitkräfte müssen wir uns hier ganz unmittelbar einem Konkurrenzkampf stellen, der ein hohes Maß an Reaktionsvermögen erfordert. Nur wenn es gelingt, unsere hohe Behandlungsqualität auch zuverlässig und in kontinuierlichem Umfang anzubieten, werden wir auf Dauer erfolgreich bleiben. So ist es z.B. dringend erforderlich, das Instrumentarium zur Kompensation temporärer Personalengpässe an Schlüsselpositionen unserer Krankenhäuser so zu gestalten, dass die Behandlungs-, Ausbildungs- und Weiterbildungskapazität sowie die Reputation als zuverlässiger Partner im regionalen Versorgungsnetzwerk erhalten bleibt.

WM: Ist der Sanitätsdienst auch für seine Reservisten attraktiv?

GOSA Dr. Nakath: Die Transformation der Bundeswehr mit ihrer Hinwendung zur Einsatzorientierung und Abkehr von eigenständigen Reservestrukturen hat viele unserer hoch engagierten Reservistinnen und Reservisten besonders betroffen. Wir haben inzwischen unsere neuen nicht-aktiven Verstärkungselemente aufgestellt und eine große Zahl unserer besonders aktiven Reservistinnen und Reservisten hierhin umbeordern können. Jedoch liegt noch immer viel Arbeit vor uns, da wir unter dem Aspekt der Unterstützung der aktiven Truppe im gesamten Aufgabenspektrum die gesamte Ausbildungslandschaft für unser nicht-aktives Personal neu gestalten und auch die Übungstätigkeit der Verstärkungselemente im Verbund mit den Aktiven intensivieren müssen. Hierzu habe ich angewiesen, einige besonders erfahrene Reservisten in die weiteren Arbeitsschritte einzubinden und uns so deren Know-How für die weitere Transformation unserer Reserve zu Nutze zu machen. Denn eins steht für mich fest: Der Zentrale Sanitätsdienst der Bundeswehr ist mehr denn je auf die Mitwirkung seiner Reservistinnen und Reservisten angewiesen. Dass dies keine leere Worthülse ist, beweist die Tatsache, dass bereits heute 8% des Sanitätspersonals im Einsatz aus der Reserve des Sanitätsdienstes gestellt wird. Deshalb und auch wegen unseres großen Unterstützungsbedarfs im Inland werden wir weiter um die Mitarbeit unserer Reservistinnen und Reservisten werben und diesen interessante und fordernde Tätigkeiten und Laufbahnperspektiven im Zweitberuf Sanitätsoffizier, Offizier im Sanitätsdienst oder Sanitätsfeldwebel bieten.

WM: Sicherlich steht der Mensch im Mittelpunkt, doch die Transformation der Bundeswehr kommt nicht ohne Investitionen in modernes Material aus. Wie ist der Sanitätsdienst hier aufgestellt?

GOSA Dr. Nakath: Im Summenzug sehr gut. Die Ausstattung im In- und Ausland mit Medizingerät, dem sogenannten "Weißen Gerät", gewährleistet einen hohen Standard. Der Kontakt zur Industrie ist eng. Damit wird sichergestellt, dass wir unsere Bedürfnisse früh einbringen können, uns aber auch gleichzeitig rechtzeitig auf neue Entwicklungen einstellen können. Hinsichtlich der lageabhängigen, abgestuften Einsatzinfrastruktur - zeltgestützt, containerisiert, konventionelle Bauweise - haben wir den richtigen Weg eingeschlagen. javascript:zeigeBild(6)

Damit stellen wir im Einsatz unseren Soldatinnen und Soldaten die der jeweiligen Lage angepassten Einrichtungen zur Verfügung und machen die nur begrenzt verfügbaren mobilen Sanitätseinrichtungen auf diesem Weg rasch wieder für weitere Einsätze frei. Ein limitierender Faktor, und dies führte ich bereits aus, ist unverändert gegeben. Der geschützte Verwundetentransportraum ist noch immer eine kritische Größe. Wir sind zwar in der Lage, durch den gleichzeitigen Einsatz der Masse unserer verfügbaren Mittel die aktuellen Stabilisierungseinsätze zu unterstützen, allerdings werfen wiederholte Verzögerungen von Seiten der Rüstungsindustrie trotz vertraglich fest zugesichertem Auslieferungszeitpunkt erhebliche Probleme auf. So sollte beispielsweise die Serienversion des Verwundetentransportfahrzeuges DURO BAT, der YAK BAT, bereits im Herbst 2006 aus der Industrie zulaufen. Dies ist nun zwei Jahre her und hat uns gezwungen, zusätzliche Haushaltsmittel in Maßnahmen zur Schutzerhöhung bei älteren und leistungsschwächeren Verwundetentransportfahrzeugen zu investieren, deren Herauslösung aus dem Einsatz wir bereits vorgesehen hatten. Der YAK soll nach jüngster Einschätzung nun noch vor Ende dieses Jahres in ersten Stückzahlen zu uns kommen. Der sukzessive Zulauf des schweren geschützten Verwundetentransportfahrzeuges BOXER ist frühestens ab 2010 zu erwarten. Erst dann werden wir in der Lage sein, mechanisierte Eingreifkräfte des Heeres mit einem adäquat geschützten Verwundetentransportfahrzeug sanitätsdienstlich auch in high-intensity-Operationen zu unterstützen.
Darüber hinaus hat vor allem der Einsatz in Nord-Afghanistan gezeigt, dass der Verwundetentransport mit kleiner dimensionierten geschützten Fahrzeugen optimiert werden muss. Die zur Zeit zum Einsatz kommenden Fahrzeuge sind zwar klein, wendig und geländegängig, jedoch nicht ausreichend geschützt und zudem an der Grenze ihrer technischen Belastbarkeit angelangt. Durch rasche Umrüstung moderner und leistungsstärkerer Patrouillenfahrzeuge des Typs EAGLE IV zur Funktionalität als Beweglicher Arzttrupp wird es gelingen, diesen besonderen Bedarf für den Einsatz in Nord-Afghanistan ab nächstem Jahr beginnend zu decken. Hier haben Rüstungsindustrie und Militär in hervorragender Weise und äußerst schnell und intensiv zusammengewirkt.

WM: Herr Generalarzt, was möchten Sie den Angehörigen des Sanitätsdienstes der Bundeswehr mit auf den Weg in Ihr drittes Jahr als Inspekteur geben? javascript:zeigeBild(7)

GOSA Dr. Nakath: An erster Stelle steht mein Dank an alle Soldatinnen und Soldaten sowie zivile Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sanitätsdienstes, die mit ihrem Engagement, ihrer Leistung und Haltung wesentlichen Anteil daran haben, unseren Sanitätsdienst zukunftsfähig zu gestalten. Ausdrücklich binde ich in diesen Dank diejenigen ein, die darüberhinaus im politischen Bereich, in den Streitkräften und in der Industrie mit uns zusammenwirken. Nur in diesem Verbund schaffen wir die Grundlage, uns auf neue Vorgaben und veränderte Rahmenbedingungen einzustellen und den Sanitätsdienst zielgerichtet weiter zu entwickeln. Wir sind noch nicht am Ziel, aber auf der Zielgeraden. Auch in den kommenden Jahren werden wir in Teilbereichen sehr stark belastet sein. Im Umgang mit knappen Ressourcen müssen wir unverändert Improvisationsgeschick und Geduld beweisen. Hierbei baue ich weiterhin auf den Leistungswillen und die Leistungsbereitschaft meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - dies darf jedoch nicht überstrapaziert werden.
Zweifelsohne besteht Nachsteuerungsbedarf in den Bereichen Personal, Ausbildung und Beschaffung. Es ist daher wichtiger denn je, dass sich die Angehörigen des Sanitätsdienstes der Bundeswehr mit ihren Kenntnissen und Ihren Erfahrungen aus der Inlandsversorgung und dem Auslandseinsatz sowie aus den unterschiedlichen Perspektiven der Dienststellen und Führungsebenen aktiv und nachhaltig an der Weiterentwicklung des Sanitätsdienstes beteiligen. Durch intensive Kommunikation in beiden Richtungen der Hierarchie müssen wir in einer Atmosphäre des Vertrauens und des gegenseitigem Verständnisses die Herausforderungen der Zukunft meistern. Ehrlichkeit, Sachlichkeit und Ausgewogenheit sind hierfür unabdingbare Voraussetzungen. In diesem Zusammenhang setze ich auf Vorgesetzte, die mit sozialer Kompetenz, mit Berechenbarkeit und Glaubwürdigkeit, aber auch mit Kritikfähigkeit, beispielgebend sind. Von allen Angehörigen des Sanitätsdienstes erwarte ich Charakterfestigkeit, berufliches Selbstverständnis sowie Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein. Die vor uns liegenden Herausforderungen können wir nur gemeinsam meistern.

WM: Herr Generalarzt, vielen Dank für dieses Gespräch!

Datum: 31.12.2008

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2008/4

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