„...Unser Schwerpunkt ist und bleibt die Dimension Mensch!...“

Bundeswehr/Laymann

WM: Der Sanitätsdienst der Bundeswehr (SanDstBw) war in der aktuellen Corona-Lage stark eingebunden. Wie prägen diese Erfahrungen die aktuellen Handlungslinien? 

InspSan: In der Corona-Pandemie konnten wir unter Beweis stellen, wie vielfältig, flexibel und professionell der SanDstBw zu agieren in der Lage ist. Von Anfang an waren die Bundeswehrkrankenhäuser in die Behandlung von Covid-19-Patienten aus der Bevölkerung eingebunden, die Insti­tute und Labore haben in der Untersuchung von Proben unterstützt und wegweisende Beiträge für die Lagefeststellung in Deutschland geliefert. Dies alles geschah im Rahmen der regulären Einbindung des Sanitätsdienstes in die Versorgung der Zivilbevölkerung. Darüber hinaus unterstützt der Sanitätsdienst im Rahmen der Amtshilfe seit Pandemiebeginn durchgängig bei Testungen v. a. in Alten- und Pflegeheimen und seit Ende 2020 bei der Impfung der Zivilbevölkerung in ganz Deutschland; hier stellen wir zum Beispiel auch mit meiner Zentralapotheke in Quakenbrück, dem dortigen Versorgungs-/Instandsetzungszentrum Sanitätsmaterial, die zentrale Verteilung der Impfstoffe an die Länder seit Anfang an sicher. Zudem wurde Fachpersonal in unterschiedlichen zivilen Einrichtungen wie beispielsweise in Gesundheitsämter bei der Kontaktverfolgung oder in Krankenhäusern eingesetzt. Gleichzeitig waren natürlich die Versorgung der Soldat*innen, die fachliche Beratung sowie die Steuerung und Überwachung von Maßnahmen des Infektionsschutzes in der Bundeswehr weiter verlässlich sicher zu stellen. Deshalb war es entscheidend, die begrenzten Ressourcen an Personal und Material möglichst effektiv zur Wirkung zu bringen, ohne den Regelbetrieb in Ausbildung und Übung mehr als nötig bzw. die ­sanitätsdienstliche Versorgung im In- und Ausland ernsthaft einzuschränken. Dies wurde dadurch erleichtert, dass die Angehörigen meines Organisationsbereiches auf Grund ihrer sanitätsdienstlichen Grundqualifikation variabel einsetzbar waren – oft auch ungeachtet Ihrer eigentlichen Profession. Beein­druckt haben mich dabei immer wieder die Motivation und das herausragende Engagement aller Beteiligten. 

Die Pandemie hat uns aber auch deutlich aufgezeigt, dass die Vielfalt und Gleichzeitigkeit der Aufträge die personellen und materiellen Ressourcen sehr schnell an Ihre Grenzen stoßen lässt. Umso mehr bin ich aber stolz darauf sagen zu können, dass der SanDstBw mit seinem begrenzten Umfang doch an der einen oder anderen Stelle einen entscheidenden Beitrag für die gesamtstaatliche Pandemiebewältigung, quasi als spezifisches Einsatzelement des Bundes, leisten konnte.

Es ist daher wichtig, aus den Erfahrungen der Pandemie wesentliche Schlüsse zu ziehen, die auch für die Weiterentwicklung des Sanitätsdienstes relevant sind.

Es ist meines Erachtens unbestritten, dass die Resilienz von Wirtschaft und Gesellschaft für die Verbesserung der Bewältigung solcher Krisen gestärkt werden muss. So kann z. B. eine Steigerung der Resilienz gegen Pandemien oder auch entsprechenden Herausforderungen in einer hybriden Lage durch eine Befähigung zur Eigenherstellung und Vorratshaltung von Arzneimitteln, Medizinprodukten und Schutzkleidung erreicht werden.

Auch für die Bundeswehr gilt, dass wir aus den gemachten Beobachtungen entsprechende Schlüsse ziehen müssen. Hier ordne ich dem SanDstBw eine zentrale Rolle zu. Der Sanitätsdienst konnte in der Hochphase der Krise regional den Unterschied zwischen Bewältigung und Katastrophe ausmachen. Ohne das Subsidiaritätsprinzip grundsätzlich zu hinterfragen, hat sich doch gezeigt, dass der Sanitätsdienst sozusagen als stille Reserve des Bundes fungiert hat. Ich halte es für überaus wichtig, im Aufgabenzuschnitt des Sanitätsdienstes auch Gesundheitslagen zu berücksichtigen und v. a. die personelle und materielle Ausstattung in den Grundstrukturen so auszugestalten, dass der Sanitätsdienst auch in solchen Lagen wirksam handlungsfähig ist. 

Darüber hinaus hat die Pandemie die Bedeutung von zivil-mili­tärischen Kooperationen zwischen Krankenhäusern, mit Hilfs­organisationen, wie dem Deutschen Roten Kreuz, dem zivilen Katastrophenschutz und Instituten, wie beispielsweise dem Robert-Koch-Institut, unterstrichen. Auch hier können wir noch besser werden und gerade im Bereich der gemeinsamen Datenerhebung und des Datenaustausches eine bessere Datenlage auch für künftige Bedrohungen generieren.

Pandemien können nur global und gemeinsamen bewältigt werden. Deshalb müssen wir mit den Sanitätsdiensten unserer Bündnispartner viel stärker kooperieren, unsere Vorbereitungen, Standards und Verfahren synchronisieren und eine Zusammenarbeit etablieren, wie wir dies mit den am Multinational Medical Coordi­nation Centre/European Medical Command (MMCC/EMC) bereits 18 beteiligten Nationen inzwischen angegangen sind.

Die Erfahrungen der Pandemie bestärken mich, dass die Entwicklung des Sanitätsdienstes der Bundeswehr in seiner Qualität und seiner Befähigung richtig war und es gilt, diesen Weg weiter fortzuführen. 

WM: Wie bewerten Sie mit Blick auf die Corona-Pandemie den Zusammenhang zwischen Gesundheit und Sicherheit? Ist der Sicherheitsbegriff zu erweitern? 

InspSan: Die Pandemie hat exemplarisch gezeigt, dass wir unsere Gesellschaft für die Bandbreite an möglichen Herausforderungen, die sowohl natürlich entstehen können, als auch gezielt im Rahmen hybrider Szenarien einsetzbar sind, widerstandsfähiger, resilienter machen müssen. Machen wir uns in diesem Kontext einmal den Wandel der Gesellschaften in Europa in den vergangenen Jahrzehnten bewusst. Die Gesundheitssysteme aller Industrienationen stehen vor gewaltigen Herausforderungen als Folge demographischer, technologischer, wirtschaftlicher sowie gesellschaftspolitischer Veränderungen. Eine immer älter werdende Bevölkerung sowie eine hohe technologische Innovationsdynamik erfordern und ermöglichen zugleich ein wachsendes Leistungsangebot an medizinischer Versorgung. Dies wirft die Frage nach der Finanzierung dieser Entwicklung auf. Zuverlässige Finanzierung erfordert nachhaltiges Wirtschaftswachstum, welches wiederum eines sicheren Umfelds und einer verlässlichen Gesundheitsversorgung der Gesellschaft als wesentlicher Voraussetzungen bedarf. Die Investitionen in Ressourcen für die Gesundheitsversorgung tragen somit wesentlich zur wirtschaftlichen und sozialen Gesamtentwicklung einer Gesellschaft bei. Das Vertrauen in Prosperität und Sicherheit, auch Sicherheit der medizinischen Versorgung, hat daher Einfluss auf die Sicherheitslage eines Landes. Wir haben es hier also mit sich wechselseitig beeinflussenden Faktoren zu tun.

Wir erleben diese Zusammenhänge unter dem Stressor Pandemie derzeit in vielen europäischen Staaten sehr deutlich. Dies trifft aber noch mehr auf Gesellschaften in instabilen sozialen, wirtschaftlichen und staatlichen Verhältnissen zu. Die Pandemie kann dort das Vertrauen der Menschen in Politik, Wirtschaft und Prosperität in einer Weise erschüttern, dass Unruhen, Gewalt und schließlich Migrationsbewegungen ausgelöst werden, die auch uns und unsere Sicherheit in Europa betreffen. Deshalb ist ein globales Engagement zur Resilienzstärkung fragiler Staaten und ihrer Gesellschaftssysteme erforderlich, um mit Blick auf weitere pandemische Ereignisse niemanden in der Entwicklung zurück zu lassen und letztlich das Vertrauen in die internationale Politik zu stärken. Zusammenfassend glaube ich, dass wir ein weitergehendes Verständnis für Sicherheit und Sicherheitspolitik deutlich über das rein kinetische Denken hinaus entwickeln müssen, das diese Zusammenhänge erheblich stärker in den Fokus nimmt. Gesundheit und Sicherheit bedingen sich gegenseitig!

Diese ergänzenden Aspekte des Sicherheitsbegriffs betreffen uns also mittelbar über Entwicklungen in anderen Regionen, aber sie können eben auch in unseren Gesellschaften direkte Wirkung entfalten. Wir müssen deshalb darüber nachdenken, inwieweit kriegerische Angriffe im Clausewitz`schen Sinne zukünftig vielleicht verstärkt die Schwäche der Menschen und ihrer Gesellschaften ausnutzen und gezielt im Fokus haben werden. Das bedeutet, dass es erforderlich ist, nicht ausschließlich in bekannten militärischen Dimensionen zu denken, sondern darüber hinaus die Resilienz der Dimension Mensch in all ihren Aspekten vermehrt in die Überlegungen einzubeziehen.

Dies erfordert eine dimensionsübergreifende, eine internationale und eine gesamtgesellschaftliche Herangehensweise. Der Sanitätsdienst kann sich hierbei aus seinen Erfahrungen, seinem fachlich-wissenschaftlichen Know-how, seiner Vernetzung im Gesundheitswesen, aber auch mit Instrumentarien zur Beeinflussung wesentlicher Gesundheitsfaktoren einbringen und als Mittel des Bundes an entscheidender Stelle für die gesamtstaatliche Aufgabe wirksam werden. Schon so manches Mal machten Soldat*innen den entscheidenden Unterschied zwischen Krise und abwendbarer Katastrophe aus. 

WM: Wie schätzen Sie die Entwicklung der Qualität und Leistungsfähigkeit des Sanitätsdienstes der Bundeswehr bis heute ein?

InspSan: Als Inspekteur blicke ich mit Stolz auf die herausragende Qualität des Sanitätsdienstes der Bundeswehr. Sie ist das Ergebnis sich ergänzender und synergistischer Fähigkeiten des gesamten Fachdienstes. Dies war letztlich nur in der Gesamtverantwortung der Inspekteure seit den Anfängen der Bundeswehr realisierbar. Als truppen- und fachdienstliche Vorgesetzte haben meine Vorgänger seit 1957 aus einer Hand zunächst den Organisationsbereich der Zentralen Sanitätsdienststellen, dann seit 2001 den weitgehend im Zentralen Sanitätsdienst zusammengefassten SanDstBw geführt und kontinuierlich weiterent­wickelt. Die Arbeit vor allem der vergangenen Jahrzehnte hat eine enorme Qualitätssteigerung, aber auch eine beeindruckende Effektivitäts- und Effizienzsteigerung bewirkt. Ein wesentlicher Baustein dieses Erfolgs liegt darin, dass der Sanitätsdienst ein fester und integraler Bestandteil der Gesundheitsversorgung in Deutschland geworden ist. Es ist uns gelungen, durch die Reformen der Vergangenheit einen Systemverbund zu schaffen, der mit hoher Flexibilität, Reaktionsfähigkeit und flächendeckender fachlicher Expertise die Einsatzbereitschaft und den Einsatz der gesamten Streitkräfte zu jedem Zeitpunkt gewährleistet hat. 

Das war nicht immer so. Bei der Aufstellung der Bundeswehr hatte man zwar schon erste Folgerungen aus den Lehren des Zweiten Weltkrieges mit der dortigen Zersplitterung sanitätsdienstlicher Kräfte und dadurch bedingten Qualitätseinbußen gezogen. Es brauchte aber noch mehr als 40 Jahre und die konkreten Gefährdungen bei Einsätzen im Ausland, um eine weitgehende Zusammenfassung sanitätsdienstlicher Kräfte und Mittel zu erreichen und damit die Qualität der Patientenversorgung im In- und Ausland zu steigern, die Ausbildungsqualität deutlich zu erhöhen sowie den Personalpool für Einsätze zu vergrößern. Heute kann ich sagen, dass wir diese Ziele erreicht haben. Nicht zuletzt führte dies auch zur hohen Reputation, die der SanDstBw im nationalen zivilen Gesundheitssystem, aber auch im internationalen Bereich erfährt. Letztlich muss es unser Ziel sein, eine Standardisierung von Versorgungsstrukturen und -verfahren in EU und NATO zu erreichen, um global und bruchstellenfrei ohne die derzeit noch erforderlichen Anstrengungen in der Vorbereitung agieren zu können. Der deutsche Sanitätsdienst ist gerade durch seine Struktur Benchmark für internationale Sanitätsdienste geworden. Im Framework Nation Concept der NATO ist ihm auch deshalb diese führende Rolle in der Weiterentwicklung der internationalen Sanitätsdienste zugesprochen worden. Eine Tatsache, die man besonders bei der Weiterentwicklung und Restrukturierung der Bundeswehr nicht aus den Augen lassen sollte.

WM: Die Bundeswehr richtet sich verstärkt auf die Landes- und Bündnisverteidigung aus. Wie bewerten Sie persönlich die aktuellen Entwicklungen und wo sehen Sie Handlungsbedarf für den SanDstBw?

InspSan: Die Ausrichtung an den Bedarfen der Landes- und Bündnisverteidigung ist das entscheidende Rational für die Weiterentwicklung des Sanitätsdienstes in den nächsten Jahren. Die stärkere Ausrichtung der Streitkräfte an dieser Aufgabe erfordert eine deutliche Verbesserung der Kohäsion aller Kräfte, damit das Ziel der „Kaltstartfähigkeit“ gelingen kann. Damit Kohäsion funktioniert, braucht es jedoch ein Gleichgewicht an Ressourcen sowohl personell wie materiell. Es braucht, um es so zu formulieren, eine Vollaufstellung und Vollausstattung nicht nur der Kampfverbände, sondern auch des Sanitätsdienstes, der diese Kräfte unterstützt. Der bisher auf die im Vergleich dazu sehr begrenzten Aufgaben im Internationalen Krisenmanagement ausgerichtete Sanitätsdienst muss daher an diese erweiterten Aufgaben angepasst werden. Nur so können die aus meiner Sicht berechtigten Bedürfnisse der Truppe angemessen berücksichtigt werden.

Dabei ist mir aber wichtig, dass die Funktionalität des sanitätsdienstlichen Systemverbundes erhalten bleibt bzw. insgesamt an diese erweiterten Aufgaben angepasst wird. Der häufig ausschließliche Blick auf die vordersten Anteile der Rettungskette in einem militärischen Kampfszenario greift daher erheblich zu kurz. Ich bin überzeugt, dass die Reagibilität und die Qualität des Systems grundsätzlich stimmt. Allerdings zeigen unsere Untersuchungen mehr als deutlich, dass die Ressourcen für dieses erweiterte Aufgabenspektrum nicht ausreichen. Derzeit laufen Untersuchungen, wie Fähigkeiten des Sanitätsdienstes entsprechend angepasst werden können. Ich bin dankbar, dass im „Eckpunktepapier für die Bundeswehr der Zukunft“ deutlich das Ziel herausgestellt wird, die positive Entwicklung des Sanitätsdienstes der letzten Jahrzehnte fortsetzen zu wollen. Diese Entwicklung war maßgeblich dadurch möglich, dass die Gesundheitsversorgung der Bundeswehr auf einem Expertensystem fußt, das durchgängig von der strategischen Ebene im Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) über die operative bis auf die taktische Ebene durch Experten gestaltet, weiterentwickelt und geführt wird. Die Anerkennung der besonderen Rolle des Inspekteurs des Sanitätsdienstes der Bundeswehr mit der vorgesehenen Berufung in das BMVg ist dafür ein entscheidender Schritt. 

WM: Neue Fähigkeiten machen Anpassungen von Strukturen, Ausstattung und auch Dienstposten notwendig. Können Sie etwas zu den Auswirkungen der Reform auf das zivile und militärische Personal im SanDstBw sagen?

InspSan: Mir ist durchaus bewusst, dass diese Frage das militärische sowie zivile Personal des Sanitätsdienstes umtreibt. Jede mögliche Veränderung wird zu Beginn mit Sorge und Argwohn betrachtet. Fragen nach Standortsicherheit und personellem Abbau kommen regelmäßig auf und können auch die Familien der Angehörigen des Sanitätsdienstes belasten. Es ist aber derzeit noch viel zu früh, um über konkrete Veränderungen von Strukturen und einzelnen Dienstposten im Sanitätsdienst zu sprechen. Ich werde meine ganze Kraft für den Erhalt und die Weiterentwicklung eines funktionierenden Sanitätsdienstes und damit für eine verlässliche Versorgungsqualität unserer Kamerad*innen einsetzen. Unser Schwerpunkt ist und bleibt die Dimension Mensch! Wenn wir uns den daraus entstehenden Aufgaben gemeinsam stellen, werden wir schlussendlich gemeinsam ein positives Ergebnis erreichen. Die Pandemie hat wieder gezeigt, wie engagiert, leistungsfähig und motiviert die Angehörigen des Sanitätsdienstes sind. Ich bin zuversichtlich, dass sie auch diese Herausforderung annehmen und mitgestalten werden. 

WM: Zur Auftragserfüllung ist der SanDstBw eng mit dem zivilen Gesundheitswesen verwoben. Welche Perspektiven können Sie für die Zukunft dieser Verbindungen aufzeigen? 

InspSan: Die Verzahnung mit dem zivilen Gesundheitssystem müssen wir auf unterschiedlichen Ebenen betrachten. Zunächst einmal sind Innovationsdynamik in Forschung und Wissenschaft im Zivilen auch für unsere Weiterentwicklung und Forschung richtungsweisend. In der Aus-, Fort- und Weiterbildung unseres Fachpersonals sind wir an Gesetze und Verordnungen gebunden. Dies sichert natürlich auch die notwendige einheitliche fachliche Versorgungsqualität – zivil wie militärisch. Hinzu kommt die Bewältigung der Landesverteidigung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Hierzu sind Kooperationen mit zivilen Krankenhäusern und Krankenhausverbünden, aber auch mit Instituten, wie dem Robert Koch-Institut und dem Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, für eine lageanpasste Reaktion im Verteidigungsfall zielführend. Damit will ich sagen, dass alle künftig denkbaren Einsatzszenarien der Streitkräfte für die sanitätsdienstliche Bewältigung ein enges Kooperationsgeflecht erfordern. Verbünde mit den Universitätskliniken an den Standorten unserer Bundeswehrkrankenhäuser und mit den berufsgenossenschaftlichen (BG-) Kliniken – dem Klinikverbund der gesetzlichen Unfallversicherung – sind Stützpfeiler in der gesamtstaatlichen Verantwortung der Gesundheitsversorgung. Die Universitätsmedizin bietet von der flächendeckenden Maximalversorgung nach dem aktuellsten Stand der Wissenschaft und Technik ein breites Spektrum an Fähigkeiten ab. Synergistische Kooperationen in diesem Bereich erweitern die Zusammenarbeit bei der akademischen Lehre und in weiteren Bereichen wie der simulationsgestützten Ausbildung, der künstlichen Intelligenz bis hin zur Traumaforschung. Die BG Kliniken bilden zusätzlich das idealtypische ergänzende Versorgungsmuster ab, welches wir zur ganzheitlichen Behandlung Verwundeter benötigen.

Die geschilderte Verzahnung mit dem zivilen Gesundheitssystem ist jedoch keine Einbahnstraße. Beide Seiten, sowohl die zivilen Einrichtungen als auch die militärischen, profitieren von diesem Austausch. 

WM: Die Erfahrungen der letzten Monate haben aufgezeigt, wie wichtig die Reserve im SanDstBw ist. Mit Blick auf die Gleichzeitigkeit von Landes- und Bündnisverteidigung und Internationalem Krisenmanagement sowie Katastrophenhilfe wird die Reserve weiter an Bedeutung gewinnen. Wie sieht die Zukunft der Reserve im SanDstBw aus? 

InspSan: Die Pandemie hat uns auch die Bedeutung der Reserve noch einmal ganz klar aufgezeigt. Die Reserve ist wichtig, das steht außer Frage. Und dies ist im Sanitätsdienst kein Lippenbekenntnis. Gerade vor dem Hintergrund des aufwachsenden Personalkörpers der Streitkräfte gilt es, analog den Personalkörper der Reserve im Sanitätsdienst zu stärken. Hierzu sind auch die bereits angesprochenen zivil-militärischen Kooperationen, gerade vor dem Hintergrund der Landes- und Bündnisverteidigung, notwendig, um die Verfügbarkeit von Reservedienstleistenden flächendeckend sicher zu stellen. Innerhalb der Rettungskette nehmen neben dem Personal für die mobilen Sanitätseinrichtungen die Krankenhäuser eine besondere Rolle in Bezug auf die notwendige Stärkung durch die Reserve ein – auch vor dem Hintergrund der Absicht, die Role 4 um das Angebot der Rehabilitation zu erweitern. Jedoch besteht auch hier genau das Grundproblem: Eine Kräftestärkung der Aktiven durch Reservist*innen kann nur dann erfolgen, wenn diese nicht bereits zivil fachlich eingesetzt werden. Dies ist aber besonders in kritischen Gesundheitslagen, wie dies die Pandemie gezeigt hat, der Fall. Zusätzlich wird der Rückgriff auf eine fachliche á jour qualifizierte Reserve bei anhaltendem Fachkräftemangel im zivilen Gesundheitssystem immer schwieriger. In der Zusammenschau ist demnach die Verfügbarkeit von Reservist*innen für uns sehr eingeschränkt. Wir setzen deshalb besonders auch auf ehemalige, gut qualifizierte Angehörige des Sanitätsdienstes, die in ihrem Zivilberuf außerhalb des Gesundheitswesens arbeiten. Diese gilt es zu identifizieren, zu binden und weiter zu qualifizieren oder in Übung zu halten. 

Dieselbe Mangelsituation erlebt aber auch das zivile Gesundheitssystem in Zeiten gesundheitlicher Krisen der Gesellschaft. Letztendlich braucht es ein Gesundheitssicherstellungsgesetz, das unsere staatlichen Strukturen für einen „Kaltstart“ in Krisen und Katastrophen mit daraus drohender Höchstbelastung des Gesundheitssystems vorbereitet. Meines Erachtens nach kann nur so die Grundlage für die personelle und materielle Versorgung im Spannungs-/Verteidigungsfall, aber auch in Krisensituationen wie der Pandemie geschaffen werden. 

WM: Welche Ziele haben Sie für den SanDstBw der Zukunft? 

InspSan: Das, was der SanDstBw heute zu leisten vermag und für das er steht, nämlich eine herausragende medizinische Versorgung, bedurfte eines langen Weges. Die Investitionen in diese Entwicklung haben sich bezahlt gemacht. Wir blicken auf einen Sanitätsdienst, der herausragende Versorgungsqualität im Inland sowie im Ausland erbringt. Wir bieten der politischen Leitung Optionen für spezifisch sanitätsdienstliche Einsätze und Gesundheitslagen nationalen Ausmaßes und auch regionaler Bedeutung an. Besonders aber garantieren wir die Zusicherung einer verlässlichen und verantwortbaren sanitätsdienstlichen Versorgung der bei risikobehafteten Einsätzen eingesetzten Soldat*innen. Männer und Frauen, die unser aller Sicherheit auch unter Einsatz ihrer Gesundheit und ihres Lebens garantieren, haben eine hochwertige medizinische Versorgung verdient. Der Sanitätsdienst ist damit ein wichtiger Ausdruck der gebotenen Fürsorge von Politik und militärischer Führung sowie des Menschenbildes unserer Gesellschaft im 21. Jahrhunderts. Ich möchte dies mit engagiertem, fachlich gut qualifiziertem, modern ausgestattetem Personal auch in der Zukunft leisten können, mit Soldat*innen des Sanitätsdienstes, die sich auch ihrer militärischen Fertigkeiten sicher sein können. 

Der Sanitätsdienst wird dann auch in der Zukunft einen ­wertvollen und nachhaltigen Beitrag zur Sicherstellung einsatzbereiter Kräfte leisten: durch die Arbeit in den Regionalen Sanitätseinrichtungen, durch die klinische Versorgung, durch wehr­medi­zinische Forschung und besonders durch eine verlässliche Versorgung in allen Einsatzszenarien. Diesen bereits eingeschlagenen Weg der vergangenen Jahrzehnte gilt es mit Mut und Tatkraft fortzuführen. 

WM: Herr Generalarzt, wir danken Ihnen für das Gespräch. 


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