Patientenversorgung im Reservelazarett III Frankfurt am Main zu Beginn des Zweiten Weltkrieges
M. Sachs
Einleitung
Die Frankfurter Reservelazarette (ResLaz) wurden zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in den größeren örtlichen Kliniken eingerichtet.

Diesen ResLaz waren jeweils mehrere Teillazarette unterstellt, die in größeren öffentlichen Gebäuden (z. B. Schulen) untergebracht waren. Anfang September 1939 wurde das ResLaz III in Frankfurt a. M. in den Räumen der chirurgischen Universitätsklinik im Städtischen Krankenhaus Sachsenhausen eingerichtet. Dafür wurden von der Militärverwaltung (Wehrkreis IX bzw. stellv. Generalkommando IX. Armeekorps in Kassel) 89 der insgesamt 290 Betten der chirurgischen Universitätsklinik beschlagnahmt (mit den Abteilungen 30, 34 und 36 insgesamt drei von neun Abteilungen). Die in diesem ResLaz an Wehrmachtsangehörigen 1939/40 durchgeführten insgesamt 751 Operationen und Operationsverfahren werden analysiert.
Bei der Chirurgischen Universitätsklinik in Frankfurt a. M. handelte es sich um ein großes, vierflügeliges Gebäude im „preußischen Backsteinstil“, das 1890 erbaut, 1912 erweitert, 1944 durch Bomben weitgehend zerstört, nach dem Krieg wiederaufgebaut und dann 2000 endgültig abgerissen wurde.
Methodik
Ausgewertet wurden die Operationsbücher der chirurgischen Klinik (mit ResLaz) aus den Jahren 1939/40 ergänzt durch erhaltene Akten im Archiv der medizinischen Fakultät, des Universitätsarchivs Frankfurt und des Instituts für Stadtgeschichte (Stadtarchiv) in Frankfurt a. M. Zusätzlich wurden die Originalpublikationen der Lazarettärzte aus dieser Zeit ausgewertet.
Ergebnisse
Vom 01.09.1939–31.12.1940 wurden insgesamt 751 Wehrmachtsanghörige im ResLaz III operiert. Das Durchschnittsalter der operierten Soldaten betrug 28 Jahre (Spannweite von 17 bis 69 Jahre). Bis zum 09.05.1940 wurden insgesamt 193, fast ausschließlich elektive Operationen (nur vereinzelt Unfälle) an Soldaten vorgenommen. Die am häufigsten durchgeführten elektiven Operationen (09.09.1939–09.05.1940) waren Leistenhernie (n = 60; Operationsverfahren nach Bassini; Lokalanästhesie mit Novocain 1 %; zum Teil auch lumbal mit Novocain 5 %); Appendizitis (n = 51; Appendektomie in Äthernarkose); Struma (n = 11; „Strumektomie“ in Lokalanästhesie mit Novocain 1 %); Ulcus ventriculi (n = 10; Operationsverfahren nach Billroth II in Äthernarkose). Das am häufigsten angewandten Anästhesieverfahren waren demnach Lokalanästhesie und Äthernarkose, letztere vor allem bei Eingriffen in der Abdominalhöhle. Seltener wurden Lumbalanästhesien oder rektale Äthernarkosen durchgeführt.
Während des sogenannten Polenfeldzuges kamen noch keine Verwundeten mit Schuss- oder Granatverletzungen in das Lazarett. Erst während des „Frankreichfeldzuges“ (Mai/Juni 1940) wurden 33 Patienten mit Schussverletzungen (vor allem am Schädel, Lunge und unteren Extremitäten) im ResLaz III primär chirurgisch versorgt. Insgesamt konnten im Jahre 1940 bisher zwölf Todesfälle nachgewiesen werden, davon verstarben neun Verwundete an den Folgen einer kriegsbedingten Verletzung (perioperativ infolge unstillbarer Blutung aus Gefäßverletzungen oder an Wundinfektionen – z. B. nach multiplen Granatsplitterverletzungen), postoperativ nach Trepanationen oder infolge Pleuraempyem nach Lungenverletzungen. Zwei Todesfälle waren natürliche Tode, einer infolge eines kolorektalen Karzinoms (bei Zustand nach Anlage eines Anus praeternaturalis mehrere Wochen zuvor). Nur ein Todesfall trat nach einer elektiven Operation auf (drei Monate nach Laminektomie wegen eines Rückenmarkstumors).
Genauer aufgeschlüsselt können die einzelnen Operationsverfahren nur bei Oberschenkelfrakturen werden: Drahtextension (n = 16), Drahtumschnürung (n = 2), Lane`sche Platte (n = 2), Gussenbauer-Klammer (n = 1); Oberschenkelamputation (n = 4, bei infizierten Schussfrakturen).

Die im ResLaz III häufig perioperativ verwendete Arzneimittel waren neben den bereits erwähnten Anästhetika Äther und Novocain vor allem Wundsalben (Unugentolansalbe, Lebertransalbe, Borsalbe und Bromsalbe. Außerdem antimikrobielle Pharmaka (Prontosil = 5-Sulfonamid-2‘, 4’diaminoazo-benzol) als Tabletten oder Ampullen. Als Röntgenkontrastmittel für Carotisangiographien wurden Jodipin und das später als krebserregend erkannte Thorotrast verwendet.

Chefarzt des ResLaz war seinerzeit Oberstabsarzt d. R. Prof. Dr. med. Victor Schmieden (1874–1945), der gleichzeitig auch Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik blieb, in der das ResLaz untergebracht worden war. Schmieden war der Herausgeber eines weitverbreiteten Lehrbuches der Kriegschirurgie (1. Auflage 1917, 3. Auflage 1937) und auch noch zusätzlich Beratender Chirurg des IX. Armeekorps (Kassel). Zusätzlich waren im ResLaz III drei niedergelassene Frankfurter Ärzte (ein Chirurg, ein Urologe sowie ein Gynäkologe) als Reservisten tätig. Außerdem waren drei der vier Oberärzte Schmiedens (Junghanns, Westermann, Riechert) als Sanitätsoffiziere der Reserve einberufen und an diese Klinik kommandiert worden. So kam es zu einer engen personellen und organisatorischen Verzahnung der Frankfurter Universitätsklinik mit dem ResLaz. Mehrere der hier im Zweiten Weltkrieg im ResLaz III tätigen Sanitätsoffiziere wurden nach dem Krieg erfolgreiche Chefärzte großer chirurgischer Kliniken.
Diskussion
Im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg (seinerzeit ResLaz V in der Universitätsklinik) wurden im ResLaz III in Frankfurt a. M. im Zweiten Weltkrieg auch Soldaten mit frischen Schuss- und Granatsplitterverletzungen primär behandelt und kamen nicht mehr nur voroperiert aus den Feldlazaretten zur weiteren postoperativen Nachbehandlung. Dies geschah durch einen Lufttransport vom Hauptverbandsplatz oder von frontnahen Feldlazaretten direkt in das ResLaz III nach Frankfurt a. M., wo sich zwei kliniknahe Flugplätze befanden. Der an diesem ResLaz tätige Unterarzt Geisthövel schrieb 1940:
„Dabei ist zu bemerken, daß das ‚Reserve‘-Lazarett an manchen Tagen bei gutem Fliegerwetter infolge des ausschließlichen schnellen Lufttransportes in seinen Aufgaben mehr einem Feldlazarett als einem Heimatlazarett entspricht. [...] Auch wir konnten bestätigen, daß Hirn- und Rückenmarksverletzte die Fahrt im Flugzeug durchweg gut vertrugen. Bauchschüsse sollten möglichst schnell an der Front operiert und nicht unversorgt auf dem Luftwege in die Heimat gebracht werden. Es verstreicht dadurch wertvolle Zweit, die durch die besseren technischen Einrichtungen des Heimatlazaretts nicht wettgemacht werden kann. Lungenschüssen schadet bei sorgfältig geschlossenem Pneumothorax die Luftfahrt nicht. Verwundete mit schweren, aber gut geschienten Extremitätenschüssen sprachen sich sehr zufriedenstellend über diese neue Transportmöglichkeit aus.“
Für den Lufttransport von Verwundeten sprachen die kürzere Transportzeit und die geringeren Erschütterungen.
Wehrmedizin und Wehrpharmazie 4 / 2024
Verfasser:
Prof. Dr. M. Sachs
Goethe-Universität Frankfurt
Dr. Senckenbergisches Institut für Geschichte und Ethik der Medizin
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