Der Lotse für Einsatzgeschädigte am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg

Ein Zwischenbericht

Aus der Stabsgruppe1 (Leiter: Oberstleutnant S. Kopp) und in Zusammenarbeit mit der Abteilung Zentrum für Seelische Gesundheit² (Ltd. Arzt: Oberstarzt Dr. H. Höllmer) des Bundeswehrkrankenhauses Hamburg (Chefarzt: Generalarzt Dr. J. Hoitz)

Der Lotse für Einsatzgeschädigte (ESG) hat als Kernaufgabe die vertrauensvolle Unterstützung einsatzgeschädigter Soldaten in der eigenen Dienststelle bzw. im Standortbereich. Er/Sie ist Berater und Vermittler für weiterführende Hilfen zum Beispiel innerhalb des Psychosozialen Netzwerkes (PSN) und Netzwerkes der Hilfe (NdH), mit dem der Lotse für ESG eng zusammenarbeitet. Dabei ist er für die betroffenen Kameraden häufig die erste Kontaktperson und Berater, nicht aber Therapeut.

Er ist Ansprechpartner und das vertraute Gesicht für die psychisch und physisch im Einsatz zu Schaden gekommenen Kameraden sowie deren

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Lotse für ESG.
Angehörigen. Lotsen für ESG beraten und unterstützen des Weiteren Vorgesetzte und Kompaniefeldwebel in der Wahrnehmung ihrer Fürsorge gegenüber Einsatzgeschädigten.

Der vorliegende Artikel beschäftigt sich mit den Aufgaben eines Lotsen und den Anforderungen, die an diese Personengruppe gestellt sind. Besonderes Augenmerk ist dabei auf die Rolle des Lotsen für Einsatzgeschädigte im Zentralen Sanitätsdienst gelegt. Hier wurde beobachtet, dass bedingt unter anderem durch die stationäre Versorgung von nicht zum eigentlichen Standortbereich gehörenden Einsatzgeschädigten in den Bundeswehrkrankenhäusern oder auch durch die Versorgung von Soldaten innerhalb des IPR-Konzeptes (Interdisziplinäre Patientenzentrierte Rehabilitation) erweiterte Aufgaben zum ursprünglichen Lotsenkonzept durch den jeweiligen Lotsen gewinnbringend mit dem Ziel der bald- und bestmöglichen Genesung der betroffenen Soldaten übernommen werden können.

1. Der Lotse für Einsatzgeschädigte

Der Lotse für Einsatzgeschädigte hat als Kernaufgabe die vertrauensvolle Unterstützung einsatzgeschädigter Soldatinnen und Soldaten in der eigenen Dienststelle bzw. im Standortbereich. Er ist Berater und Vermittler für die im Einsatz zu Schaden gekommenen Kameraden sowie ihre Angehörigen und weitere Bezugspersonen der Betroffenen. Lotsen beraten und unterstützen Vorgesetzte und Kompaniefeldwebel in der Wahrnehmung ihrer Fürsorge gegenüber Einsatzgeschädigten. Die Lotsen sind nicht nur Ansprechpartner und das vertraute Gesicht für die psychisch und physisch einsatzgeschädigten aktiven und ehemaligen Bundeswehrangehörigen und deren Familien, sondern auch für im Grundbetrieb Verunfallte sowie sonstig verunfallte, erkrankte oder in Not geratene Bundeswehrangehörige. Für die betroffenen Kameraden ist der Lotse für ESG die erste Kontaktperson für weiterführende Hilfe, z. B. Vermittlung von Ansprechpartnern im Netzwerk der Hilfe, mit dem der Lotse eng zusammenarbeitet. Des Weiteren kann der Lotse beim Umgang mit Behörden, Verwaltungen und Bürokratie unterstützen. Der Lotse für ESG ist ausschließlich Ansprechpartner, Berater und Vermittler, nie aber Therapeut!

Die Übernahme der Betreuung durch den Lotsen für ESG erfolgt nur mit Zustimmung des Betroffenen und muss den Datenschutzregeln gemäß den Durchführungsbestimmungen zum Bundesdatenschutzgesetz entsprechen. Lotsen für ESG haben die Pflicht zur Verschwiegenheit nach § 14 Soldatengesetz, allerdings kein gesetzliches Schweigerecht.

Voraussetzungen für die Personalauswahl eines Lotsen sind in allen Teilstreitkräften und Militärischen Organisationsbereichen gleich. Das sensible Feld der Betreuung und Fürsorge, in welchem die Lotsen mit Leid und Not in Berührung kommen, die das Leben der Betroffenen und deren Familien stark beeinflussen, setzt ein besonderes Anforderungsprofil an einen Lotsen voraus. Vor dem Hintergrund der zu erwartenden psychischen Belastung sind Lotsen für ESG grundsätzlich nur auf freiwilliger Basis auszuwählen, auszubilden und einzusetzen. Die Freiwilligkeitserklärung kann jederzeit ohne Angaben von Gründen widerrufen werden. Die Lotsentätigkeit auf Befehl und Weisung ist daher nicht zulässig. Eine psychische Stabilität, hohe soziale Kompetenz, charakterliche Reife, aber auch Empathie, Wertschätzung und Kommunikationsfähigkeit zählen zu den wichtigsten Voraussetzungen, genauso Lebens-, Berufs-und ggf. Einsatzerfahrungen. Ein hohes Maß an Eigenständigkeit, Planungs-und Organisationsgeschick sowie die Bereitschaft, bei Bedarf auch außerhalb der üblichen Dienstzeit kurzfristig einsatzbereit zu sein, runden das anspruchsvolle Anforderungsprofil ab. Ein Grundlehrgang zur Vorbereitung auf die Aufgabe erfolgt am Zentrum für Innere Führung (ZInFü) in Koblenz. Weitere Lehrgänge, z. B. Peer- und Moderationsausbildung, Gesprächsführung mit belasteten Soldaten, Grundlagen der Psychotraumatologie an der Sanitätsakademie usw. sollten ergänzend durchlaufen werden.

2. Der Lotse für ESG im Zentralen ­Sanitätsdienst

Lotsen für ESG werden im ZSanDstBw derzeit ausschließlich im Nebenamt eingesetzt; eine Ausnahme besteht derzeit im Bundeswehrkrankenhaus 

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Abb. 1: Monatliche Neuregistrierung beim Lotsen für ESG im BwKrhs Hamburg.
(BwKrhs) Hamburg. Hier wurde eine zum Lotsen ausgebildete Soldatin, die auf einem Dienstpostenähnlichen Konstrukt (DPäK) geführt wird, im Sinne eines „Truppenversuches“ vor Ort hauptamtlich für diese Aufgabe freigestellt. Die fachlich vorgesetzte Dienststelle aller Lotsen für ESG im ZSanDstBw ist die Koordinierungsstelle Lotsinnen und Lotsen für Einsatzgeschädigte Kdo SanDstBw. Hier erfolgen eine enge fachliche Abstimmung und Zusammenarbeit mit dem Kdo SanDstBw II 1.3, Leitender Psychologe. Die Koordinierungsstelle ZSanDstBw ist, neben allen Lotsen im ZSanDstBw, auch die Ansprechstelle für die Lotsen-Leitstelle im ZInFü in Koblenz und arbeitet eng an der Weiterentwicklung der Lotsenorganisation bundesweit mit (beispielhafte Weisungslage im Heer). Lotsen für ESG im ZSanDstBw halten regelmäßig Kontakt zur Koordinierungsstelle und erstellen einen Jahresbericht über die Aktivitäten und Erfahrungen aus ihrem Verantwortungsbereich. Die Lotsen für ESG im ZSanDstBw pflegen vor Ort engen Kontakt zum jeweiligen Psycho-Sozialen Netzwerk (PSN), insbesondere auch unter dem Aspekt der eigenen Psychohygiene. Neben dem PSN ist auch eine enge Zusammenarbeit mit der Bundeswehrbetreuungsorganisation (BBO) und dem Netzwerk der Hilfe (NdH) erwünscht. Im Rahmen der Betreuung Einsatzgeschädigter stellen die Lotsen innerhalb und außerhalb der Bundeswehr Kontakt zu verschiedenen Dienststellen her. Diese können unter anderem sein:

• das gesamte Psycho-Soziale Netzwerk (PSN) und Netzwerk der Hilfe (NdH),

• Interdisziplinäre Patientenzentrierte Rehabilitationsteams (IPR),

• Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr, hier die Koordinierungsstelle für Einsatzgeschädigte,

• Beauftragte (r) für einsatzbedingte PTBS und Einsatztraumatisierte im BMVg,

• Beauftragte (r) für Vereinbarkeit von Familie und Beruf/ Dienst im BMVg,

• Bundeswehrkrankenhäuser, Psychotraumazentrum, Truppenärzte,

• Zentrum für Sportmedizin und Sportschule der Bundeswehr,

• Schwerbehindertenvertretung,

• Berufsförderungsdienst,

• Sozialbehörden, Juristen.

Während einer medizinischen Akutbehandlung hält der Lotse für ESG sich vorerst im Hintergrund und betreut bei Bedarf die Angehörigen von Betroffenen.

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Abb.2: Betreuungsfälle Februar – 14.Juli 2016.
 Im Anschluss begleitet der Lotse die Betroffenen und deren Angehörige aktiv als Kontaktperson und Mittler umfassend in allen Angelegenheiten ihrer Betreuung. Dabei gilt die Maxime: soviel Hilfe wie nötig und so viel Eigenständigkeit wie möglich! Nicht selten entstehen durch Ängste, Vorbehalte und Informationsdefizite Hindernisse bzw. Hemmnisse bei der Inanspruchnahme des umfangreichen Behandlungs-, Hilfs- und Betreuungsangebotes, die möglicherweise bei der Gesundung und Rehabilitation im Wege stehen. Diese Hindernisse sollen gemeinsam mit Hilfe eines Lotsen im ZSanDstBw vermieden bzw. überwunden werden.

In Angelegenheiten der Betreuung Einsatzgeschädigter ist den Lotsen im ZSanDstBw ein direktes Vortragsrecht gegenüber dem nächsten und nächsthöheren Disziplinar- bzw. Dienstvorgesetzen des Einsatzgeschädigten einzuräumen. Diese sollten umgekehrt den Lotsen für ESG bei Maßnahmen gegenüber betreuten Soldaten auch zurate ziehen.

Sollte die Aufgabenwahrnehmung eines Lotsen im Nebenamt erfolgen, ist durch die Dienststelle für die adäquate Aufgabenwahrnehmung der erforderliche dienstliche Freiraum zu gewährleisten.

3. Der Lotse für ESG im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg

Der Lotse für ESG im Bundeswehrkrankenhaus (BwKrhs) Hamburg ist seit Februar 2016 im Rahmen der Ablauforganisation hauptamtlich tätig. Gründe für diese Entscheidung der Krankenhausführung waren die angestiegenen Zahlen von Einsatzgeschädigten unter den Soldaten des BwKrhs Hamburg sowie eine von vielen Seiten vermisste koordinierende Stelle für die hier stationär behandelten Soldaten mit Einsatzschädigung. Eine große Anzahl der Betroffenen besetzen einen DPäK-Dienstposten oder leisten im Rahmen einer langfristigen Kommandierung ihren Dienst im BwKrhs Hamburg. Mit Stand Juli 2016 befanden sich im BwKrhs Hamburg zwei einsatzgeschädigte Berufssoldaten (BS), die bereits vor Eintritt der Einsatzschädigung BS waren. Sechzehn Soldatinnen und Soldaten sind in der Schutzzeit im Status Zeitsoldat bzw. im Wehrdienstverhältnis besonderer Art (WbA). Zwei weitere Anträge zur Aufnahme in die Schutzzeit sind eingereicht, aber noch nicht beschieden.

Die Implementierung des Losten am BwKrhs Hamburg hat sich schnell herumgesprochen, so dass noch während der Phase des Aufbaus die ersten Betroffenen beim Losten vorstellig wurden und um Unterstützung baten (siehe Abbildung 1).

Im BwKrhs Hamburg wurde der Lotse in die Stabsgruppe S1 organisatorisch eingebunden. Auch wenn die Freiwilligkeit für die Ausübung der Tätigkeit des Lotsen beachtet werden muss, ist die ATN PersFw im BwKrhs Hamburg nicht erforderlich. Allerdings gehört der Bereich „Betreuung und Fürsorge“ in das Führungsgrundgebiet (FGG) 1 und somit ist die Verortung des Lotsen folgerichtig.

Da die Tätigkeit als Lotse im hohen Maße den Umgang mit persönlichen, vertraulichen und be­sonders schutzwürdigen Informationen mit sich bringt, ist in diesem Fall eine besondere infrastrukturelle Raumanforderung und IT-/Kommunikationsausstattung un­umgänglich. Dem Lotsen ist ein Einzelbüro zuzuweisen. Zur IT-Ausstattung gehören ein APC mit Internetzugang, Scan-und Druckmöglichkeit, ein Telefon sowie ein Mobiltelefon. Das Mobiltelefon ist begründet, da Lotsen auch über die Zeiten des Regelbetriebs hinaus dienstlich erreichbar sein sollten. Des Weiteren ist ein Organisationsbriefkasten (OBK) im Kommunikationsverbund Lotus Notes einzurichten, damit u. a. auch im Falle einer Abwesenheit eine entsprechende Erreichbarkeit durch einen Vertreter gewährleistet werden kann (BwKrhsHamburgLotsefuerEinsatzgeschaedigte@bundeswehr.org). Um die räumliche Flexibilität zu gewährleisten, ist die Verfügbarkeit eines Dienst-Kfz, ggf. mit Kraftfahrer, uneingeschränkt sicherzustellen. Hierbei ist wichtig, dass die Bestimmungen zur Mitnahme von Nicht-Bundeswehrangehörigen (Angehörige, Kinder) zu beachten sind.

3.1 Besonderheiten eines Lotsen im Bundeswehrkrankenhaus

Eine Besonderheit für den Lotsen für ESG am BwKrhs Hamburg ist die Schnittstelle Stammpersonal und stationäre Patienten im BwKrhs Hamburg. Das

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Abb. 3: Arten der Verwundungen/ Erkrankungen.
 Hauptaugenmerk liegt beim Stammpersonal, jedoch sollten Kameraden anderer Dienststellen berücksichtigt bleiben, insbesondere auch im Hinblick auf langfristige und immer wiederkehrende stationäre Aufenthalte im BwKrhs Hamburg (siehe Abbildung 2).

Eine fachliche Abgrenzung zu den Stationen (=Therapie) und Sonstigem (=PSN/NdH) ist bisher nicht klar definiert. Entscheidend ist die enge und koordinierte Ergänzung aller Maßnahmen zur Besserung der Situation des Betroffenen, um eine baldmögliche Genesung und Wiederherstellung der Verwendungsfähigkeit fördern zu können.

Einige stationäre Patienten haben in ihrer Einheit noch keinen Lotsen für ESG und erfahren erstmals im BwKrhs Hamburg vom Vorhandensein der Lotsen. Viele dieser Patienten werden durch den Lotsen BwKrhs Hamburg betreut, ohne den Kameraden nach Entlassung aus dem Krankenhaus an einen adäquaten Ansprechpartner in unmittelbarer Nähe seines Standortes oder Wohnortes übergeben zu können, weil derzeit Lotsen noch nicht flächendeckend zur Verfügung stehen. Da eine weitergehende Betreuung über große Entfernung sehr schwierig ist, wird die Zeit des stationären Aufenthaltes genutzt, um viele Unklarheiten zu klären und Maßnahmen einzuleiten. Hierzu zählen unter anderem Gespräche beim Sozialberater, soweit noch nicht geschehen. Häufig wird auch „nur“ ein Gesprächspartner von Kamerad zu Kamerad außerhalb der Station gesucht. Bei ambulanten Wiedervorstellungen oder erneuten stationären Aufenthalten werden Folgetermine frühzeitig festgelegt.

Auch wenn diese Art von Betreuung über den originären Lotsenerlass hinausgeht erscheint es umso wichtiger, einen hauptamtlichen Lotsen gerade an den Bundeswehrkrankenhäusern zu haben, damit die stationären Kameraden, die erkrankt oder verwundet sind und keinen Ansprechpartner am Standort haben, nicht benachteiligt oder vergessen werden. Sind Lotsen am Standort oder Wohnort verfügbar, werden die betroffenen Kameraden nach ihrer stationären Entlassung an den jeweiligen Lotsen vor Ort übergeben. Bei einer Wiederaufnahme nimmt der Lotse wiederum Kontakt mit dem Lotsen am BwKrhs Hamburg auf, so dass eine ununterbrochene Lotsen-Begleitung erfolgt. Somit ist eine gewünschte und engmaschige Betreuung möglich. Einsatzversehrte Patienten im Zentrum für Seelische Gesundheit des BwKrhs Hamburg werden seit kürzerer Zeit schon bei der stationären Aufnahme über den Lotsen informiert, so dass bereits bei Beginn des stationären Aufenthaltes ein Kontakt hergestellt werden kann. Die Termine werden nach Rücksprache mit der Stationsleitung über das Patientendokumentationssystem – Nexus – in den Therapieplan aufgenommen, so dass hier keine Überschneidungen mit Therapien entstehen. Diese Zusammenarbeit muss patientenorientiert, engmaschig und unter Berücksichtigung der gesetzlichen Schweigepflicht oder Verschwiegenheit erfolgen.

Die Hauptaufgabe des Lotsen am BwKrhs ist und bleibt die Betreuung des Stammpersonals. Bei Zuversetzung eines einsatzgeschädigten Soldaten wird der Lotse für ESG informiert und nimmt entweder bereits vor Versetzung oder mit der Versetzung Kontakt zum Kameraden auf. Sollte durch den Betroffenen eine Begleitung gewünscht sein, kann diese vom ersten Tag an wahrgenommen werden.

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Abb. 4: Aktueller Stand (14.07.2016) der Betreuungen.
Im BwKrhs besteht eine Gruppe „Aus.Zeit.“ mit dem Angebot an alle körperlich und/oder seelisch Einsatzgeschädigten des Hauses (Stammpersonal), sich monatlich während der Dienstzeit zum gemeinsamen Mittagessen zu treffen. Dieses Treffen fördert nicht nur das Kennenlernen untereinander, sondern gibt viel Vertrauen auch zu unseren Militärseelsorgern, Krankenhausfeldwebel, Sozialarbeiterin und dem Lotsen, die diese Veranstaltungen grundsätzlich begleiten. Mittlerweile ist diese Veranstaltung ein fester Bestandteil für die einsatzgeschädigten Kameraden des BwKrhs in Hamburg. Darüber hinaus werden mit Hilfe der Militärseelsorge auch weitere Projekte geplant und organisiert, z. B. mit den Angehörigen der Betroffenen.

Befinden sich Kameraden für längere Zeiten in zivilen Kliniken stationär in Behandlung, werden sie – nach vorheriger Absprache – vom Lotsen kontaktiert, Genesungskarten geschrieben oder auch besucht, sofern sich nicht ein weiterer Loste für ESG in der Nähe der Klinik befindet. Somit unterstützt der Lotse, wenn auch niedrigschwellig, den Vorgesetzten in der Wahrnehmung seiner Fürsorgepflicht. Die Vorgesetzten werden, sofern durch den Betroffenen eingewilligt wurde, über Fortschritte informiert und im Genesungsverlauf „fachlich-oberflächlich“ eingebunden. Es ist besonders wichtig, dass im Einsatz erkrankte und verwundete Soldaten, die zum Bundeswehrkrankenhaus Hamburg gehören, nicht vergessen werden, auch wenn die Genesung über Monate oder Jahre andauert. Sehr häufig treten auch die Angehörigen während dieser Zeit mit dem Lotsen am BwKrhs Hamburg in Verbindung und nutzen die Möglichkeit der Betreuung. Zusätzlich steht allen Angehörigen von Betroffenen die Möglichkeit einer Angehörigenbetreuung (Angebot einer Gesprächsgruppe für Angehörige von einsatzgeschädigten Soldaten) der Abteilung Zentrum für Seelische Gesundheit, mit der der Lotse in engem Kontakt steht, zur Verfügung.

Sind erkrankte Soldaten dem Hause bereits zugehörig oder werden ins BwKrhs Hamburg versetzt (DPäK) oder im Rahmen der Wiedereingliederung kommandiert, wird noch vor Dienstantritt beraten, wo der Soldat eingesetzt werden kann. Hier stehen natürlich die Fähigkeiten des Soldaten im Vordergrund, aber auch die gesundheitlichen Belange dürfen nicht außer Acht gelassen werden. Häufig wünschen die betroffenen Kameraden, dass der Lotse sie zum Facharzttermin begleitet, damit die Möglichkeiten der Wiedereingliederung effizient fokussiert werden können. Anhand dieser Information ist eine Bewertung mit den Vorgesetzten für eine Verwendung im BwKrhs in der entsprechenden Abteilung besser umzusetzen. Die aufzunehmende Abteilung wird durch die Vorgesetzten informiert und hält einen engen Kontakt zu den Vorgesetzten oder zum Lotsen für ESG und informiert frühzeitig bei möglichen Problemen. Sehr häufig können hierdurch kleinere Konflikte gelöst bzw. ausgeräumt werden. Die Anleitung von Erkrankten, insbesondere in der Anfangsphase nach teilweise jahrelanger Erkrankung, stellen viele Kameraden vor Herausforderungen. Daher ist es umso wichtiger, dass auch den Abteilungen, die einen Einsatzversehrten aufnehmen, immer ein Ansprechpartner (z. B. LStGrp, StZugFhr, KrhsFw, SozDst, Lotse) zur Verfügung steht. In dieser Phase ist es sehr hilfreich, dass der Kontakt zum Lotsen sehr engmaschig ist und über dienstliche Abläufe gesprochen wird. Die Zusammenarbeit von Sozialdienst und Lotse am BwKrhs Hamburg findet dabei in ganz engem Schulterschluss statt.

Jedem Einsatzgeschädigten aus dem BwKrhs steht die Einbeziehung des Lotsen frei. In einem Erstgespräch, welches in der Regel mit einem zweistündigen Zeitfenster großzügig eingeplant wird, bietet sich die Möglichkeit des gegenseitigen Kennenlernens, um eine Basis zu finden für eine vertrauensvolle Begleitung und Betreuung zu finden. Eine medizinische Ausbildung ist keine zwingend notwendige Voraussetzung. Positive Faktoren, die eine elementar wichtige Rolle spielen, können allerdings unter anderem eine medizinische Kompetenz mit Erfahrungen in Auslandseinsätzen sein, weil insbesondere hier die Betroffenen sich gegenüber den Lotsen für ESG im ZSanDstBw auch ungeniert öffnen können (im Sinne OrgBer oder TSK spezifischer Besonderheiten). Alle Gespräche können auf Wunsch der Einzelnen im Büro des Lotsen oder auf neutralerem Boden auf dem Gelände des BwKrhs stattfinden, allerdings wird das Büro meistens bevorzugt, insbesondere wenn die Soldaten durch eine psychische Erkrankung noch so belastet sind, dass öffentliche Räume gemieden werden. Hausbesuche sind in Ausnahmefällen auch möglich, aber mit einem Besuch im BwKrhs wird der Kamerad schon entsprechend zum eigenen Handeln motiviert. Liegen medizinische Gründe vor oder eine besondere private Situation, z. B. Gesprächsbedarf von Angehörigen, ist ein Hausbesuch, ggf. mit dem Sozialdienst, möglich.

Nach jedem Erstgespräch wird durch den Losten für ESG ein Hilfeplan mit Falldokumentation erstellt, in dem der aktuelle Ist-Zustand (WDB, Schutzzeit, Rechtsbeistand usw.) dokumentiert wird und Ziele einer Betreuung festgehalten werden. Sehr viele Betroffene kommen zunächst nur zögerlich ins Gespräch, da anfangs häufig Dinge vergessen werden oder auch die Konzentration schnell erschöpft ist. Nicht selten kommt es vor, dass die Kameraden weitere Gesprächsangebote an den jeweils folgenden Tagen annehmen. Dieses Vorgehen beansprucht wertvolle Zeit, die in der Regel nur wenige Kameraden im Nebenamt aufbringen können, aber es ist die Zeit, die den Betroffenen eine Art Wertschätzung, Vertrauen und Sicherheit wiedergeben. Viele empfinden eine Erleichterung, da sie das Gefühl haben, wahrgenommen zu werden, dass sich jemand um sie kümmert und sie streckenweise auf dem schwierigen Weg begleitet, auch wenn nicht alle Aufgaben für die Betroffenen übernommen werden können, sondern sie angeleitet werden diesen Weg zu gehen. Manchmal muss das auch sehr direkt kommuniziert werden.

Dienstreisen sind in dieser Verwendung sehr typisch. Zum Beispiel gehört die Begleitung von Einsatzgeschädigten zu Personalgesprächen ins Bundesamt für Personalmanagement nach Sankt Augustin (Koordinierungs- und Ansprechstelle für Einsatzgeschädigte), zu Gesprächen beim Beauftragten für PTBS im Bundesministerium der Verteidigung nach Berlin oder zur Erstvorstellung nach Warendorf ins Zentrum für Sportmedizin zu den Aufgaben. Lotsen treffen sich auch regelmäßig regional und überregional zu Tagungen. Nicht unerwähnt bleiben soll die Teilnahme an Fachberatungsseminare des BMVg oder die verschiedenen Seelsorgeprojekte der evangelischen Militärseelsorge. Für 2017 sind weitere Projekte im Rahmen der Militärseelsorge am BwKrhs Hamburg geplant.

Aber nicht nur die im Einsatz zu Schaden gekommenen Kameraden sind dem Lotsen bekannt. Wie schon im Lotsenkonzept erwähnt, kann der Lotse für ESG auch der Ansprechpartner für alle im Inland Verunfallten oder Erkrankten sein. Auch hier ist eine aufsteigende Tendenz erkennbar.

Die Mehrzahl der Arten der Verwundungen liegt zweifelsfrei bei den seelischen Erkrankungen. Aber erste Beobachtungen zeigen, dass Lotsen für ESG bei schwerwiegenden und längerfristigen Erkrankungen und/oder Verletzungen im Inland häufiger in Anspruch genommen werden (vgl. Abbildung 3). Diese Begleitung ist durch den Zentralerlass für Lotsen ausdrücklich erwünscht, sofern der Lotse für ESG noch über freie Kapazitäten verfügt.

Die Begleitung eines Einsatzgeschädigten kann über Monate oder auch Jahre erforderlich sein. Einige Kameraden, die sich im stationären Bereich des BwKrhs Hamburg befanden, konnten nach der Entlassung an ihren Lotsen am Standort übergeben werden. Andere Einsatzgeschädigte wiederum werden auf eigenen Wunsch versetzt oder bedürfen keiner weiteren Betreuung, da u. a. die Ziele der Hilfeplanung erreicht wurden. Aktuell befinden sich beim Lotsen am BwKrhs Hamburg 22 Betroffene mit Angehörigen in der Betreuung und Begleitung (siehe Abbildung 4).

3.2 Der Lotse und IPR

Auch das Konzept der „Kontinuierlichen, fachübergreifenden, medizinischen Betreuung von Bundeswehrangehörigen nach Einsatzschädigung zur Wiederherstellung, zum Erhalt und zur Verbesserung der psycho-physischen Leistungsfähigkeit“ unterstützt der Lotse im BwKrhs im Bereich des „Interdisziplinären Patientenzentrierten Rehabilitationsteam“ (IPR), indem er als niedrigschwelliges Hilfsangebot für die Patienten koordinierende und begleitende Funktionen zwischen den verschiedenen Gruppen des IPR übernimmt und somit einer klassischen „Lotsenfunktion“ in der Vielfalt der diversen fachlichen und sozialen Unterstützungsangebote wahrnimmt. Die Leitung des IPR im Sinne der medizinischen-fachlichen Koordinierung übernimmt für den stationären Aufenthalt der Vertreter der klinischen Fachdisziplin, die für die Gesundheitsschädigung des Patienten den Versorgungsschwerpunkt leistet.

Da der Lotse bereits eng mit dem PSN und NdH zusammenarbeitet, schließt sich an dieser Stelle der Kreis erneut. Der Lotse kann den jeweiligen Leiter in seiner Aufgabe bei den regionalen Koordinierungsmaßnahmen zur individuellen Patientenversorgung unterstützen und organisatorisch bei der bedarfsorientierten Integration von Familienangehörigen von Patienten nach Einsatzschädigung in die Therapiemaßnahmen als Kontaktperson zur Verfügung stehen.

Des Weiteren steht der Lotse im Rahmen seiner Lotsentätigkeit für Einsatzgeschädigte ebenfalls im regelmäßigen Kontakt mit dem Zentrum für Sportmedizin und der Sportschule der Bundeswehr in Warendorf, die Sporttherapien für einsatzgeschädigte bzw. verunfallte Soldaten bzw. Reha-Maßnahmen anbieten.

Dies erlaubt aus unserer Sicht die Frage: Wäre ein hauptamtlicher Lotse an allen Bundeswehrkrankenhäusern nicht auch ein passender und weiterer Ansprechpartner im Rahmen des IPR?

Schlussfolgerung

Nach einem intensiven Halbjahr ist die Nachfrage nach Dienstleistungen des Lotsen für ESG beim Stammpersonal, aber auch bei stationären Patienten stetig angestiegen. Damit ist zu erkennen, dass hier eine große Lücke langsam geschlossen werden kann. Gerade an einem Bundeswehrkrankenhaus ist die koordinierende und zwischen den verschiedenen Beteiligten vermittelnde Aufgabe eines Lotsen besonders gefragt, wie diese erste Erfahrung zeigt, weil hier neben den Angehörigen des Hauses auch die dort stationär behandelten Patienten die Zielgruppe darstellen. Der Lotse für ESG wurde sofort aktiv in das Netz der Betreuung integriert und wird von allen Seiten aktiv nachgefragt und unterstützt. Ein zweiter Lotse, der ggf. im Nebenamt vorhanden sein könnte, sollte hauptamtlich für die Zeit von Abwesenheiten des hauptamtlichen Lotsen als Vertreter tätig sein können und somit eine Durchhaltefähigkeit der Lotsenkompetenz sicherstellen. Die Ausübung der Lotsentätigkeit im Nebenamt als Personaloffizier/ Personalfeldwebel ist sehr kritisch zu bewerten, da somit die zwingend erforderliche Freiwilligkeit für diese Tätigkeit wieder außer Kraft gesetzt wird sowie der hierfür erforderliche dienstliche Freiraum nicht unterschätzt werden darf. Ein möglicher Interessenskonflikt ist ein weiterer Grund, der gegen eine Kopplung der Tätigkeit im Nebenamt an einen bestimmten Dienstposten spricht. Weil der Lotse für ESG am BwKrhs Hamburg insbesondere auch im Hinblick auf die stationären Patienten, die nicht dem Krankenhaus als Stammtruppenteil zugehörig sind, eine Erweiterung der Grundidee des Lotsenkonzeptes darstellt, wurde die Betreuung und Fürsorge für einsatzgeschädigte Soldaten und deren Angehörige dadurch wesentlich verbessert. Aus den genannten Gründen ist damit aus unserer Sicht an einem BwKrhs ein hauptamtlicher Lotse sinnvoll neben einem erfahrenen, qualifizierten Truppenarzt, einem leistungsfähigen Sozialdienst und einer guten seelsorgerischen Begleitung in Zusammenarbeit mit den Vorgesetzten. Ein Lotse an einem Bundeswehrkrankenhaus sollte grundsätzlich länger dem Haus zugehörig sein, um das Vertrauen der Einsatzgeschädigten gewinnen zu können und eng mit dem PSN und NdH vor Ort zusammenzuarbeiten. Empathie, Flexibilität, Einfühlungsvermögen, organisatorisches Geschick, eine hohe soziale Kompetenz und einem fachlich angemessenen Background sind die weiteren Voraussetzungen für eine erfolgreiche Begleitung unserer Kameraden. Kameraden, die im Einsatz etwas Wertvolles verloren haben – ihre Gesundheit!

Bildquelle:
Alle Abbildungen Bundeswehrkrankenhaus Hamburg

Anschrift für die Verfasser:
Hauptfeldwebel Christiane Müller
Bundeswehrkrankenhaus Hamburg
Stabsgruppe
Lesserstrasse 180
22049 Hamburg

E-Mail: Christiane2mueller@bundeswehr.org

Hauptfeldwebel Christiane Müller
geb. am 23.09.1978

  • 1995 - 1998: Ausbildung zur Krankenschwester
  • 1998 - 2003: Krankenschwester in der Anästhesie

 

Dienstlicher Werdegang...

  • 01/2004: Eintritt in die Bundeswehr als SaZ 12
  • 03/2004: Bundeswehrkrankenhaus Hamburg, Abteilung X
  • 2004 - 2006: Fachweiterbildung: Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivpflege
  • 2007: Lehrgang Barrier Nursing, BwKrhs HH, FB Tropenmedizin
  • 2008: Ernennung zur Berufssoldatin
  • 2010 - 2012: Sanitätszentrum Hamburg, Stabsverwendung
  • 2012 - 2016: Karrierecenter Hannover, Karriereberatungsfeldwebel

Derzeitige Verwendung...

  • seit 02 /2016: Bundeswehrkrankenhaus Hamburg, Lotsin für Einsatzgeschädigte

Auslandseinsätze...

  • EUFOR, ISAF
  • Ehrenamtliches Engagement
  • seit 2008: Landesbeauftragte für Psycho-Soziale Kameradenhilfe im Reservistenverband, Landesgruppe Hamburg
  • seit 2012: Organisatorin der PTBS-Kongresse „Verwundungen an Leib und Seele“ im Reservistenverband
  • seit 2014: Referentin an der Polizeiakademie Hamburg

 

Datum: 24.10.2016

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2016/3

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