Medizinischer ABC-Schutz der Bundeswehr

H. Appetz

Vorgeschobener Leichter Entstrahlungs-, Entseuchungs- und Entgiftungsplatz Sanität (VLEP SAN) in Betrieb
Bundeswehr/SanAkBw

Die Sanitätsakademie der Bundeswehr (SanAkBw) mit ihrer Abteilung F und ihrem Leiter, der in Personalunion als Beauftragter des Inspekteurs des Sanitätsdienstes für den medizinischen ABC-Schutz in der Bundeswehr (BeauftrInspSanMedABCSchBw) bestallt ist, ist die fachverantwortliche Stelle für den Medizinischen ABC-Schutz (MedABCSch) der Bundeswehr, dessen Auftrag die Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit aller Bundeswehrsoldaten bei Gefahren durch A-, B- und C-Kampfstoffen ist. Die Abteilung F beschäftigt sich vor dem Hintergrund dieser Zielsetzung mit den medizinisch-wissenschaftlichen Maßnahmen des MedABCSch durch Prävention, Diagnostik, Therapie, Nachsorge und Beratung. Die dazu erforderlichen Grundsätze und Verfahren werden gemeinsam mit den drei Ressortforschungseinrichtungen für den MedABCSch, dem Institut für Radiobiologie der Bundeswehr, dem Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr und dem Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Bundeswehr gemäß dem Stand von Wissenschaft und Technik entwickelt und bereitgestellt.

Das Alleinstellungsmerkmal des MedABCSch ergibt sich aus der Notwendigkeit, dass bei einer Einwirkung von ABC-Waffen oder vergleichbaren Gefährdungen über die Versorgung nach den ­üb­lichen medizinischen Standards hinaus immer auf spezialisierte Expertise zurückgegriffen werden muss. Diese Fähigkeit ist in dieser Form in Deutschland nur in der Bundeswehr verfügbar.

Aufgaben der Abteilung F

Die Zuständigkeiten für die Fachaufsicht, die Einsatzbereitschaft einer Task Force Medizinischen ABC-Schutz (TF MedABCSch), die Durchführung der lehrgangsgebundenen Ausbildung und die konzeptionelle und materielle Weiterentwicklung des MedABCSch werden für den gesamten Sanitätsdienst im Verantwortungsbereich der SanAkBw zusammengefasst. Hier verfügt die Bundeswehr mit den drei Ressortforschungsinstituten über einzigartige nationale Fähigkeiten, die sich in der Vergangenheit auch in ­verschiedensten zivil-militärischen Unterstützungsszenarien bewährt haben. Dies beinhaltet vertragliche Verpflichtungen, z. B. gegenüber der Organisation für das Verbot chemischer Waffen, der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der International Atomic Energy Agency (IAEA), oder die Funktion als Referenzlabor mit der jederzeitigen Bereitstellung von Untersuchungs- und Beratungsleistungen auch für den zivilen Bereich im Zuge der gesamtstaatlichen Daseinsvorsorge.

Als Bindeglied zwischen dem Sanitätsdienst, den Organisationsbereichen und Teilstreitkräften der Bundeswehr und zivilen Bedarfsträgern hat die Abteilung F die Aufgabe, die besonderen Fähigkeiten des ABC-Schutzes sach- und ebenengerecht in die Führungsstruktur des Sanitätsdienstes und der Bundeswehr insgesamt einzubringen und weiterzuentwickeln. Abgeleitet aus der Notwendigkeit, die speziellen Fähigkeiten des MedABCSch durchgängig und kurzfristig abrufbar auch im Auslandseinsatz zur Verfügung zu stellen, wurde das Konzept der TF MedABCSch entwickelt. Die Task Force setzt sich aus Personal der Abteilung F als Führungsgruppe und logistischer Unterstützer sowie aus militärischem Fachpersonal der drei Ressortforschungsinstitute zusammen. Das Personal ist ab Aktivierung innerhalb von 24 bis 72 Stunden weltweit verlegbar und wird laufend in Übung gehalten. Die Einsätze der Task Force erfolgen streng auftrags- und lagebezogen („tailored to the mission“). Teams der TF MedABCSch sind als einzige mobile Einsatzgruppe der Bundesrepublik Deutschland im RANET (Response and Assistent Network) der IAEA und im Global Outbreak Alert und Response Network (GOARN) der WHO integriert. Regelmäßige Übungen der Task Force zum Umgang mit „live agents“ (echten C-Kampfstoffen, Krankheitserregern und offen Radioisotopen bzw. Radioaktivität) finden mit NATO-Partnern in Kanada statt. Einsatzszenarien der TF MedABCSch waren in der Vergangenheit beispielsweise Amtshilfe bei Strahlenunfällen und Felduntersuchungen bei Ausbrüchen von Tularämie, Krim-Kongo Hämorrhagischem Fieber und Q-Fieber bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr.

Im Zusammenwirken von medizinischer Forschung, klinischen Erfahrungen sowie militärischen Anforderungen wird die sanitätsdienstliche Versorgung ABC-Exponierter unter der Verantwortung der Abteilung F laufend weiterentwickelt. Das Ziel ist die Entwicklung feldverwendungsfähiger Verfahren zur Prophylaxe, Diagnose und Therapie von ABC-Gesundheitsstörungen.

Im Bereich der Patientendekontamination schließt die Fachabteilung F mit der Entwicklung einer leichten Aufbauvariante (dem sogenannten „Vorgezogenen Leichten Entstrahlungs-, Entseuchungs- und Entgiftungsplatz Sanität“, VLEP SAN) eine Fähigkeitslücke und reagiert so auch auf geänderte Rahmenbedingungen in den laufenden Auslandseinsätzen der Bundeswehr. Mitentscheidend ist dabei die enge Zusammenarbeit mit dem ABC-Abwehrkommando der Bundeswehr, als dem weiteren wesentlichen Fähigkeitsträger im System der ABC-Abwehrfähigkeiten.

Weitere Aufgaben der Abteilung F bestehen in der Begleitung der Ressortforschungsinstitute bei den regelmäßigen Evaluierungen durch den Wissenschaftsrat, die im zehnjährigen Turnus stattfinden, und durch den Wissenschaftlichen Beirat, der 2014 bei der Kommandeurin der SanAkBw eingerichtet wurde. Die Mitglieder des Beirates setzen sich aus neun internationalen Hochschullehrenden aus dem zivilen Bereich zusammen, deren Aufgabe es ist, die Forschungsprojekte der drei Institute als unabhängiges Gremium zu beraten, zu beurteilen und Anregungen zur Weiterentwicklung zu geben. Seit seiner Gründung wurden in den zweimal jährlich stattfindenden Beiratssitzungen mehr als 80 Forschungsvorhaben vorgestellt und diskutiert. 


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