07.01.2021 •

Im Dienst der zivil-militärischen Zusammenarbeit

Alltags-ZMZ – unspektakulär, vernetzt, wirksam

R. Schubmann

Die Corona-Pandemie füllt seit Monaten die ersten Seiten in der Presse und in den Fachzeitschriften. In den letzten Wochen finden sich in diesem Zusammenhang auch wiederkehrend Hinweise auf die zivil-militärische Zusammenarbeit, als Kürzel ZMZ. Angehörige der Bundeswehr helfen bei der Kontakt-Nachverfolgung in Gesundheitsämtern und auch in Impfzentren. Die Bundeswehr hatte anfangs unterstützt bei dem Bezug von Schutzmaterialien, zum Beispiel bei Masken und Schutzanzügen.

Bei Wikipedia wird die zivil-militärische Zusammenarbeit folgendermaßen beschrieben: „Der Begriff zivil-militärische Zusammenarbeit (……) beschreibt das Zusammenwirken von staatlichen oder nichtstaatlichen zivilen Organisationen mit denen der militärischen Verteidigung im Bereich der Landesverteidigung, in der Gefahrenabwehr oder bei Auslandseinsätzen des Militärs. Dies umfasst alle Planungen, Vereinbarungen, Maßnahmen, Kräfte und Mittel, welche die Beziehung zwischen militärischen Institutionen und zivilen Organisationen und Behörden sowie der ­Zivilbevölkerung unterstützen, erleichtern oder fördern.“ Unterschieden wird auch noch zwischen der zivil-militärischen Zusammenarbeit im Inland und im Ausland. Innerhalb der Bundeswehr ist die ZMZ inzwischen ein eigenständiger Aufgabenbereich.

Diese Beschreibung klingt politisch bedeutsam und ist sicherlich korrekt. Ein wichtiger Bereich geht dabei allerdings verloren, auf diesen Bereich – ich nenne ihn Alltags-ZMZ–möchte ich gerne nach über 45 Jahren Tätigkeit als Reserveoffizier im Sanitätsdienst mit diesem kleinen Beitrag hinweisen.

Am 1. April 1975 habe ich vor Beginn meines Medizinstudiums das erste Mal eine Kaserne betreten, damals in Hamburg beim Sanitätsbataillon 3 als Reserveoffiziersanwärter (ROA) mit dem Dienstgrad Sanitätssoldat. Mit dem 31. Oktober 2020 bin ich als Oberstarzt der Reserve und als gespiegelter Leiter vom Zentrum Sportmedizin der Bundeswehr in Warendorf mit Erreichen der Altersgrenze ausgeschieden. Eines hat sich durch die Jahre wie ein roter Faden durchgezogen: Es gab vielfältige Möglichkeiten als Sprachmittler und als Netzwerker in beide Richtungen tätig zu werden. Natürlich haben sich mit dem Alter und der zivilen und militärischen Laufbahn die Wirkmöglichkeiten gesteigert. Der rote Faden ist der gleiche geblieben.

Info-Stand des FUAV auf dem Neujahresempfang der ServiceClubs vom Kreis Soest...
Info-Stand des FUAV auf dem Neujahresempfang der ServiceClubs vom Kreis Soest 2019
Quelle: FUAV e. V.

Hier einige Beispiele aus dem täglichen Leben:

Urlaubsvertretungen in der in unmittelbarer Nähe gelegenen SanStaffel einer FlaRak Gruppe. Bei Erkrankungen im Laufe eines Tages konnten die neukranken Patienten „mal eben“ untersucht werden. Unterschriftenmappen wurden „mal eben“ vorbeigebracht.

Vermehrtes Auftreten von erheblichen psychischen Beeinträchtigungen bei Soldaten im Rahmen des ersten Kosovo Kontingentes 1999 mit Therapienotwendigkeiten in der Psychotherapieambulanz im benachbarten Bundeswehrkrankenhaus in Hamm. In enger Kooperation mit dem Psychiater und dem Psychologen aus dem BWK Erarbeitung der Konzeption für eine sogenannte Präventivkur (damals Kolbow-Kur genannt), unter anderem zur dringlich notwendigen Entlastung der Psychotherapie-Ambulanz. Hierzu jahrelange Begleitforschung durch den Arbeitsbereich Rehabilitationswissenschaften der Universität Würzburg, gemeinschaftliche Publikationen (z. B. „Prävention und Rehabilitation nach Auslandseinsätzen“. In: Die Gesundheit des Militärs. Hrsg. M. Elbe. Band 53 der Reihe Militär und Sozialwissenschaften. Nomos Verlag, Baden-Baden, 2020). Inzwischen werden Präventivkuren (… und andere Rehabilitationen) bei uns seit über 20 Jahren durchgeführt.

Als Kommandeur einer Reservelazarettgruppe in Lippstadt:
Fortbildungen zusammen mit den Ärzten der Kooperationskliniken in den Räumen der Kooperationskliniken. Einsatzplanungen mit den Abteilungsleitern der Kooperationskliniken mit Uniformpräsenz. Ausleihe von Material (z. B. C-Bogen).

Vorbereitung auf die Tätigkeit in einem Bezirksverbindungskommando: Ausbildung im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Übungen und Stabsrahmenübungen von Krisenszenarien mit einer Bezirksregierung und dem Landeskommando.

Einplanung und Urlaubsvertretungen im Zentrum Sportmedizin der BW in Warendorf. Beteiligung an der Entwicklung von Rehabilitationskonzepten für die Bundeswehr. Wechselseitige Veranlassung von Rehabilitationsaufenthalten und Ambulanzterminen von Soldaten. 10-tägige Teilnahme als Teamarzt des deutschen Teams bei den INVICTUS Games in Orlando 2016. Gemeinschaftliche Publikation von Erfahrungsberichten dazu (z. B. „Bewegung ist Leben – INVICTUS Games 2016 in Orlando“. Wehrmed Monatsschrift 60; 9/10 (2016), 270 - 275).

Bekanntmachung des „Fördervereins zur Unterstützung der Arbeit mit Versehrten am Standort Warendorf – FUAV e. V.“ durch Einwerbung von Spenden innerhalb der Klinikgesellschaft und bei einem Neujahrsempfang sämtlicher Service­Clubs (z. B. LIONS, Rotary, Soroptimist, Zonta etc.) aus dem Kreis Soest (2019) mit Medienpräsenz..

Planung und Durchführung einer Buchvorstellung durch den Autor des Buches „Krieg ist nur vorne scheiße – hinten geht´s“ Gregor Weber in der Klinik mit erheblicher Medienpräsenz.

Vorträge zur Darstellung und Erläuterungen der aktuellen Verteidigungspolitik durch den Sprecher des Verteidigungsausschusses (und regionalen Bundestagsabgeordneten Wolfgang Hellmich).

Vorstellung der Rehabilitationskonzepte (Stand 2019) der Bundeswehr und den Erfahrungen aus der INVICTUS Games Teilnahme (in Abstimmung mit ZSportMedBW) auf dem CIOMR Sommerkongress in Tallin im August 2019 (siehe Abbildung 2).

Fast jeder Mitarbeiter aus meiner Klinik kennt mich in Uniform.

Die nächste Generation ist auch bereits aktiv: Eine Oberärztin (ehemals SAZ 8) ist im Zentrum Sportmedizin der Bundeswehr in Warendorf auf einem Spiegeldienstposten eingeplant. Eine psychologische Psychotherapeutin der Klinik ist für den Quereinstieg als Reserveoffizier zugelassen worden. Der eigene Sohn – eigentlich als ROA bei den Gebirgsjägern ausgebildet – ist als sogenannter Truppenoffizier im Sanitätsdienst in einem Bundeswehrkrankenhaus eingeplant.

Alle die hier aufgezählten Punkte sind nicht spektakulär, sie sind im engeren Sinne nicht politisch bedeutsam…. Doch sind sie wichtig. Nach meiner Erfahrung gibt es eine sehr große Anzahl von in diesem Sinne tätigen Angehörigen der Reserve, die sehr engagiert und nachhaltig Alltags-ZMZ praktizieren. Ich würde mir wünschen, dass durch diesen Beitrag öfter auch ein klein wenig mehr Aufmerksamkeit (bei der Gesamtbetrachtung des Themas ZMZ) auf die Alltags-zivil-militärische Zusammenarbeit gerichtet werden könnte.

„Wir.Dienen.Deutschland“ bleibt. Ich melde mich hiermit aus dem Bereich der aktiven Reserveoffiziere ab.

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