22.01.2013 •

SÜDAFRIKANISCH-DEUTSCHE TRAUMA-KOOPERATION

Übersicht

Die südafrikanisch-deutsche Trauma-Kooperation ist ein seit Januar 2011 bestehendes Ausbildungsprogramm, bei dem im Drei-Monats-Rhythmus deutsche Militärchirurgen nach Südafrika entsandt werden, um im Chis Hani Baragwanath Academic Hospital in Soweto/Johannesburg zu arbeiten.

Ziel dieser Kooperation ist der gegenseitige Expertisegewinn in der weltweiten Gemeinschaft der Trauma-Chirurgen. Südafrikanische Assistenzärzte in der chirurgischen Weiterbildung lernen deutsche Facharztstandards, während deutschen Fachärzten für Chirurgie die Diagnostik und Therapie krisentypischer Verletzungsarten vermittelt werden. Diese Win-Win-Situation wird durch die feste Einbettung der deutschen Chirurgen in den Personalpool der dortigen Trauma-Abteilung sowie in deren Arbeitsrhythmus gewährleistet.

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Abb. 1: Impressionen aus dem Chris Hani Baragwanath Academic Krankenhaus

 

Das Land

Die Republik Südafrika ist ein demokratischer Staat an der Südspitze Afrikas und die regionale Wirtschaftsmacht des südlichen Afrikas. Südafrika ist ein multikulturelles Land, in dem Menschen aller Hautfarben leben und das aufgrund seiner Vielfalt oft als Regenbogennation bezeichnet wird. Trotz des seit Jahren deutlichen Rückgangs von Morden, Körperverletzungen und Raubüberfällen hat Südafrika unter den Ländern, in denen zuverlässige Polizeistatistiken existieren, eine der höchsten Verbrechensraten.

Die Stadt

Johannesburg ist die Hauptstadt der im Norden des Landes gelegenen Provinz Gauteng. Mit knapp vier Millionen Einwohnern ist Johannesburg die größte Stadt und Geschäftsmetropole des südlichen Afrikas.
Soweto (South Western Townships), ein ehemaliges Elendsviertel der Schwarzen, ist ein im Südwesten Johannesburgs gelegener Stadtteil mit einer zusätzlichen Einwohnerzahl von geschätzten 3,5 Millionen. Es ist nach wie vor überwiegend Wohngebiet der armen schwarzen Bevölkerung, hat jedoch mittlerweile auch wohlhabendere Bezirke mit der gesamten Infrastruktur einer modernen Stadt.

Das Krankenhaus

Das einzige öffentliche Krankenhaus für die Bevölkerung Sowetos sowie dessen Umgebung ist das Chris Hani Baragwanath Academic Hospital. Es ist mit über 3000 Betten eines der größten Akut-Krankenhäuser der Welt und ein renommiertes internationales Level 1-Traumazentrum. Als Lehrkrankenhaus ist es der Witwatersrand Universität in Johannesburg angegliedert. Im Jahr 2009 wurde es umstrukturiert und modernisiert, auch um sich adäquat auf etwaige Katastrophenszenarien während der Fußballweltmeisterschaft im Sommer 2010 vorzubereiten. Das kurz “Bara“ genannte Krankenhaus ist ein eigener Mikrokosmos des südlichen Afrikas. Sowohl auf professioneller Arbeitsebene als auch im Patientenkontakt bestehen unterschiedlichste, tief verwurzelte Lebensphilosophien.
Zentral in der chirurgischen Notaufnahme befindet sich ein Großraum-Schockraum (Resuscitation Room) mit acht Behandlungsplätzen, die jeweils doppelt mit Beatmungsgeräten und Monitoren ausgerüstet sind, um auch Behandlungsspitzen mit bis zu 16 vital bedrohten Notfallpatienten abfangen zu können. Personell ist dieser Schockraum durch Mitarbeiter der „Trauma Unit“ besetzt.
Hauptaufgabe der Trauma Unit ist die Behandlung Akutverletzter vom Moment der Aufnahme bis zur Entlassung. Dies beinhaltet das komplexe Management im Schockraum, die Durchführung aller lebenserhaltenen Notfalloperation im Bereich des Halses, des Brustkorbes, des Bauches, der Gefäße und der Weichteile, alle Folgeoperationen sowie die stationäre Betreuung auf den Intensiv- und Pflegestationen.
In der chirurgischen Notaufnahme (surgical pit) ist täglich mit Schussverletzungen und Stichverletzungen zu rechnen. Doch auch die Anzahl schwerer Verkehrsunfälle ist sehr hoch. Die daraus resultierenden Verletzungsmuster unterscheiden sich teilweise erheblich von den Verletzungsmustern in Deutschland. Schwerste Verletzungen des gesamten Körpers und insbesondere Gesichtsschädelverletzungen resultieren aus unangeschnallten Fahrten mit alten Autos ohne jegliche moderne Sicherheitsausstattung. Verkehrsunfälle mit überfüllten Kleinbussen ohne Rückhaltesysteme sind an der Tagesordnung und führen nicht selten zum zeitgleichen Eintreffen von bis zu 20 Patienten. Auch die Zahl angefahrener Fußgänger liegt aufgrund unbeleuchteter Straßen und fehlender Gehwege deutlich höher als in Deutschland.
Von einem Assistenzarzt werden pro Monat zwischen sechs und acht Nachdienste durchgeführt. Die Dienste sind so arbeitsintensiv, dass nächtliche Ruhephasen eine Seltenheit darstellen. An Wochenenden und nach Zahltagen erreichen zeitweise Massen von Verletzten das Krankenhaus. Außer durch boden- und luftgebundene Rettungsmittel wird ein Großteil der Patienten auch völlig unversorgt durch privaten Transport ins Krankenhaus gebracht.

Trauma-Chirurgie

Die Schule, nach der ausgebildet und gearbeitet wird, ist genau definiert und hält sich streng an internationale Regelwerke, vorwiegend bestehend aus ATLS® (Advanced Trauma Life Support) im Schockraum und DSTC® (Definitive Surgical Trauma Care) im Operationssaal und auf der Intensivstation.
Der deutsche Chirurg begleitet in der Funktion eines Altassistenten (Senior Registrar) der Trauma Unit diagnostisch und therapeutisch Patienten vom Zeitpunkt seiner Aufnahme über alle operativen Verfahren bis zu seiner Entlassung. Er lernt die Behandlung traumatologischer Verletzungsmuster, die in Deutschland selten vorkommen, deren Beherrschung allerdings für Sanitätsoffiziere der Bundeswehr essentiell ist. Bereits erlernte Fähigkeiten und Fertigkeiten werden unter teilweise extremen Bedingungen vertieft und ausgetauscht.
Primäre Zielgruppe des Projektes sind in erster Linie chirurgische Sanitätsoffiziere mit Facharztreife. Deren Fähigkeitsspektrum wird nach Abschluss der Ausbildungsmaßnahme beträchtlich gesteigert. Dies ist multifaktoriell bedingt:

Die Teilnehmer üben praktische Fertigkeiten in lebenserhaltenden Notfallmaßnahmen. Viele primäre Stabilisierungsmaßnahmen wie das Atemwegsmanagement, die Notfallnarkose oder das Legen zentraler Venenkatheter werden in Deutschland und in unseren Einsatzgebieten oft durch Anästhesisten durchgeführt. Dieses komplementäre Wissen und die Erfahrung chirurgischer Kollegen in diesen Maßnahmen tragen wesentlich zur Sicherheit eines Behandlungsteams bei.

Die Teilnehmer operieren Patienten nach Wirkung scharfer Gewalt. Diese gelernten operativen Fertigkeiten unterliegen besonderen Verfahren, die man in Deutschland in dieser Form nicht kennenlernen wird.
Die Teilnehmer lernen und beobachten, dass oftmals entscheidende Schlüsselmanöver nicht durch kompromisslose Perfektion, sondern durch situativ angepasste Techniken geprägt sind („balance between performance and perfection“).

Sie beobachten und lernen strategisch komplexe chirurgische Denkweisen in Extremsituationen (Surgistik) und erkennen dabei auch Grenzen medizinischen Handelns.
Ein guter Einsatzchirurg muss, diktiert durch die Dringlichkeit einer Maßnahme, in der Lage sein, plötzlich, das heißt zu jeder Tages- und Nachtzeit, unvorbereitet und unter Zeitnot mit inkomplettem Informationsstand weitreichende chirurgische Entscheidungen treffen, um Menschenleben zu retten. Dies erfordert das höchste Maß an theoretischem und praktischem Know-how auch unter Einschluss seltener Besonderheiten. Eine derartige Fähigkeit und ein derartig breites Wissen kann man sich nur durch langjährige Erfahrung und kontinuierliches Training aneignen.
Die südafrikanisch-deutsche Trauma-Kooperation stellt einen Mosaikstein in der Reifung zu einem kompetenten Einsatzchirurgen der Bundeswehr dar.

 

Datum: 22.01.2013

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