Digitale Versorgungsangebote in der Psychiatrie und Psychotherapie

C. Helms, F. Langner, P. Zimmermann und G. Willmund

In der Bundeswehr wurde bereits vor zehn Jahren damit begonnen, ein umfassendes internetgebundenes Informationsangebot für die Betroffenen mit Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) zu implementieren. Initial wurde dies Webseiten-basiert realisiert und vorwiegend für die Psychoedukation von Betroffenen und deren Angehörigen genutzt. In den vergangenen zwei Jahren wurde dieses Angebot sowohl inhaltlich grundlegend überarbeitet, als auch insgesamt technisch modernisiert. Hierbei wurde der Inhalt maßgeblich durch das Psychotraumazentrum (PTZ) des Bundeswehrkrankenhauses Berlin mitgestaltet. Aktuell können für verschiedene Zielgruppen eigene Informationsbereiche abgebildet werden. So sind sämtliche Informationen für den truppenärztlichen Dienst, für PsychotherapeutInnen, für Betroffene und auch Familienangehörige hinterlegt. Die Seite www.ptbs-hilfe.de ist inzwischen im Betreuungs- und Fürsorgeportal der Bundeswehr fest integriert und bietet mit multimedialen Anwendungen wie Videos und Podcast einen eindrucksvollen und auch anschaulichen Einblick in die Betreuungsmöglichkeiten bei Patienten mit einsatzassoziierten Störungsbildern.

Zeitgleich wurde seitens des psychologischen Dienstes das Programm „CHARLY“ entwickelt, um die psychische Gesundheit zu fördern. Auch hier wurden Aspekte des „blended learning“ umgesetzt, um eine bessere kognitive Verarbeitung der Lehrinhalte zu ermöglichen. In einer Evaluation war im Vergleich zu einem nur seminarbasierten psychologischen Unterricht ein stärkerer Wissenszuwachs nachweisbar. „CHARLY“ wurde inzwischen als „CHARLY BOS“ auch für andere Behörden mit Ordnungs- und Sicherheitsaufgaben weiterentwickelt. 

2015 wurde mit der Smartphone Anwendung „CoachPTBS“ des Psychotraumazentrums die umfassendste Applikation im deutschsprachigen Raum zum Thema PTBS in Kooperation mit amerikanischen, australischen und niederländischen Forschungsgruppen veröffentlicht. In dieser App wurden Routinen des maschinellen Lernens integriert, sodass sich die Anwendung zu einem individuellen Begleiter eines Einsatzgeschädigten entwickelt und sich permanent an die Bedürfnisse des Nutzers anpasst. So werden aufgrund von berichteten Symptomen passende, vom Nutzer bevorzugte Übungen vorgeschlagen. Die Anwendung kann auch als Logbuch genutzt werden, um Ängste, Schmerz, Stimmungen und tägliche Aufgaben zu protokollieren, um so z. B. korrigierendes funktionales Verhalten zu verstärken. Ein häufig auftretendes Symptom psychiatrischer Patienten sind Schlafstörungen. Diese können mittels eines CBTi-Moduls (cognitiv behavioral therapy insomnia) störungsspezifisch bearbeitet werden. Zugleich stellt die App „CoachPTBS“ ein niedrigschwelliges erstes Kontakt- und Informationsangebot mit entstigmatisierender Wirkung dar, da es die Möglichkeit einer anonymen Kontaktaufnahme bietet. Allein über die Onlinehilfe stellen Betroffene, die sich häufig nicht trauen, diese Fragen offen zu kommunizieren, ca. 30–40 Anfragen pro Jahr. 

Seit jeher sind in der psychiatrischen Behandlung auch Angebote für Angehörige vorgesehen. In Studien konnte gezeigt werden, dass der Einfluss der sozialen Unterstützung erheblich stärker auf die Betroffenen einwirkt als die Gruppen- oder Einheitskohäsion. Aus diesem Grund wurde die App „CoachPTBS“ in einem umfangreichen Update auf die Anwendergruppe „Angehörige“ erweitert. Durch die integrierte Onlinehilfe ist es möglich, niedrigschwellig auf partnerschaftlichen Probleme einzuwirken und Lösungswege aufzuzeigen. 

Während in den ersten Jahren sowohl in der Onlinehilfe als auch der Trauma-Hotline vorwiegend über einsatzassoziierte Probleme berichtet wurden, werden inzwischen vermehrt auch andere psychiatrische Krankheitsbilder wie Angst- und Suchtstörungen oder depressive Syndrome thematisiert.

Grundzüge des traumafokussierten Yogas werden in speziellen unterstützenden...
Grundzüge des traumafokussierten Yogas werden in speziellen unterstützenden
Videos im Rahmen der Onlinesprechstunde vermittelt
Quelle: Bundeswehr/Psychotraumazentrum Berlin

Aktuelle Entwicklung

Aufgrund der seit 2020 vorherrschenden Pandemie mit SARS-CoV-2 und den damit verbundenen Kontakt- und Distanzregeln zeigten sich in der psychiatrischen Versorgung weitreichende Einschränkungen (z. B. weniger Gruppenangebote oder Selbsthilfegruppen, weniger stationäre Versorgung). Es kam zu einer Verminderung der Sozialkontakte, wodurch die Symptomlast der Betroffenen weiter anstieg. Um dieser Entwicklung adäquat zu begegnen, wurde eine digitale Onlinetherapie-Plattform im Rahmen eines Forschungsprojektes (PanVision) an die wehrpsychiatrischen Bedürfnisse adaptiert und innerhalb weniger Monate ausgerollt. Hierbei finden wöchentliche Sitzungen mit TherapeutInnen via end-zu-end verschlüsselter Videokontakte statt. Die Effekte sind hierbei mit einer herkömmlichen Einzeltherapie in Präsenz vergleichbar. Zusätzlich wurden Videos auf der Plattform bereitgestellt, die den Therapieprozess positiv beeinflussen und verstärken. Es gibt neben psychoedukatorischen Anteilen auch Einheiten mit Entspannungsübungen oder sportpsychologischen Inhalten. Ziel ist dabei die Effektivität der „blended“ Therapie und der Onlinetherapie zu untersuchen.

Zudem wurde in der SARS-CoV-2-Pandemie eindrucksvoll bewiesen, dass z. B. multimediale Führungsinformationen wie Videos, Podcasts oder Lehrmaterial durchaus vom Personal regelmäßiger genutzt werden als Textdokumente. Auch können digitale Anwendungen in der psychosozialen Betreuung sowie der Basis­versorgung nahezu unbegrenzt skaliert werden und ergänzen bestehende personalintensivere Möglichkeiten wie Einzelgespräche oder Super­visionen.

Digitale Perspektiven

Grundsätzlich zeigen Arbeiten von militärischen Forschungsinstituten der NATO, was perspektivisch bei der Nutzung digitaler Medien möglich ist. So entwickeln die US-Streitkräfte eine komplexe Applikation „AIRE“, die neben psychometrischen Screeningtools auch Biomarker nutzt, um die militärische Leistungsfähigkeit zu stärken, ein Bewusstsein für psychische Gesundheit zu entwickeln, aber auch die Entwicklung von Symptomen zu identifizieren.

Bemerkenswert ist zudem, dass gerade bei vielen NATO Partnern digitale Medien auch stärker in die Therapie einbezogen werden. Sowohl bei der Rehabilitation traumatischer Hirnverletzungen (TBI), als auch bei PTBS werden digitale Medien genutzt, um Screening und Behandlung zu verbessern. Dabei werden Techniken wie virtuelle Realitäten (VR) eingesetzt. VR bietet dabei die Möglichkeit, das die Koordination von Hirngeschädigten in einer simulierten, wirklichkeitsnahen Umwelt risikofrei eingeübt werden kann. Auch bei der PTBS und bei Angststörungen kann die VR-Technik gut im Rahmen einer Exposition „in sensu“ genutzt werden.

Fazit

Die zehnjährige Erfahrung der Forschungssektion des Psychotraumazentrums der Bundeswehr in der Entwicklung von digitalen Instru­menten für Prävention, Therapie, Betreuung und Therapiebegleitung sind umfangreich, jedoch liegt in der Digitalisierung noch viel Potenzial der Verbesserung für Screening, Prävention und Therapieunterstützung. Hierbei scheinen Onlineangebote eine Psychotherapie effektiv zu unterstützen, können diese jedoch nicht ersetzen.  

Umso wichtiger ist es, mit den sich permanent verkürzenden Lebenszyklen der Soft- und Hardware Schritt zu halten. Nicht die Entwicklung von digitalen Produkten, sondern vielmehr die Sicherstellung von Wartung, Update-Versorgung sowie notwendigen Anpassungen an neue Programmierumgebungen sind gerade aufgrund der gelegentlich langwierigen Beschaffungsvorgänge die wesentliche Herausforderung in den Streitkräften. 


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