Gremienarbeit des Instituts für Radiobiologie der Bundeswehr im Jahre 2021
Gremienarbeit des Instituts für Radiobiologie der Bundeswehr im Jahre 2021
Quelle: InstRadBioBw/T. Popp
02.02.2022 •

Die Netzwerker

Erfolgreich Netzwerken im Institut für Radiobiologie der Bundeswehr: Ein Gewinn für alle

M. Port, M. Abend

Arbeit im internationalen, aber auch nationalen Umfeld gehört sicher zu den spannendsten Tätigkeiten, die man als Soldat verrichten kann. Für den Leiter eines Forschungsinstitutes ist es aber viel mehr als das.

Wir sind als Institut in zahlreichen internationalen Gremien und Vereinigungen tätig. Hierzu zählen unter anderem neben großen Institutionen wie die NATO, die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) oder die deutsche Strahlenschutzkommission (SSK) auch internationale Wissenschaftsvereine, zum Beispiel der europäische Verein für retrospektive Dosimetrie (RENEB).

Um in die Vereinigungen und Netzwerke aufgenommen zu werden und für die Bundeswehr einen relevanten Ertrag zu erzielen, mussten unsere Mitarbeiter über Jahre, teils Jahrzehnte, hervorragende Leistung erbringen. Die wissenschaftliche und fachliche Expertise ist die einzige Währung, die in diesen Gremien zählt. Zusätzlich ist ein deutliches Engagement von uns als Institut erforderlich. Derzeit leiten Mitarbeiter von uns eine NATO-Forschungsgruppe, sind in diversen Beiträten und Vorständen tätig, leiten den Notfallausschuss der SSK oder sind tief in europäische Forschungsprojekte, beispielsweise zu elektromagnetischen Feldern, involviert. Wichtig bei diesen ganzen Aktivitäten ist immer die unermüdliche Mitarbeit und das Einbringen der wissenschaftlichen individuellen Expertise. Zu häufig sehen wir „passive“ Teilnehmer – Beobachter – dies nutzt niemandem.

Aber warum nehmen wir die Anstrengungen auf uns, was ist das Interesse der Bundeswehr?

Das Hauptinteresse in den diversen Engagements ist der Erkenntnisgewinn und der Aufbau von Netzwerken, die uns helfen einen schlagkräftigen medizinischen Strahlenschutz aufzustellen. Derzeit gibt es im Bereich der NATO nur wenige Dienststellen, die Fachwissen besitzen, um bei radiologischen oder nuklearen Szenarien eine angemessene medizinische Antwort geben oder Hilfe organisieren können. Militärisch betreiben neben uns die US-Streitkräfte ein großes Forschungslabor, kleinere finden sich in Frankreich oder Tschechien. Durch Einbringen unserer speziellen Expertise auch im zivilen nationalen wie internationalen Rahmen sind wir direkt am „Puls der Zeit“ und holen das medizinische Wissen für die sogenannte „Radiation Preparedness“ in unsere Reihen. Dieses Wissen kann man sich nicht einfach anlesen oder auf Kongressen anhören. Nein, man muss Teil des (wissenschaftlichen) Diskurses sein, um die wesentlichen Inhalte wirklich zu verstehen. Das ist viel „Kleinarbeit“, aber es ist auch ebenso faszinierend in der Weltspitze mitspielen zu können. In einigen Fällen sind wir der Vorreiter, der in der Lage ist, Impulse für innovative Diagnostik- oder Therapielösungen für unsere „zukünftigen“ Patienten positiv vorzugeben oder mitzugestalten.

Wir brennen für diese Aktivitäten und nur über die aktive Beteiligung von uns in internationalen Organisationen kann der Erkenntnis­gewinn fortschreiten und letztlich der Bundeswehr zugutekommen.

Das war nun reichlich abstrakt und so werden im Folgenden einige wenige Beispiele genannt, wobei die vielen substanziellen Gewinne auch häufig nicht so plakativ darstellbar sind.

Über unsere NATO-Arbeitsgruppen konnten wir neue diagnostische Verfahren, in einem speziellen Fall genbasierte Diagnostika, entwickeln. Dies startete vor fast 30 Jahren mit einer Ausbildung eines Wissenschaftlers in den USA, ging über Exzellenzaufbau, dem Gewinn von seltenen Proben und mündete vorläufig in der Testung unserer Eigenentwicklungen in der größten weltweiten Anwendungsübung im Bereich der biologischen und retrospektiven physikalischen Dosimetrie unter unserer Leitung im Jahr 2021. 

Die Unterstützung von in radiobiologischer Diagnostik unerfahrenem medizinischen Personal mittels App-basierten Verfahren war ein weiteres Thema, welches unsere NATO-Forschungsgruppe seit einigen Jahren beschäftigt. Neben den Entwicklungen dieser Werkzeuge (zum Beispiel „H-Modul“-App des Instituts für Radiobiologie der Bundeswehr) wurde ein NATO-Trainingskurs entwickelt und bereits erste klinische Kollegen trainiert. 

Derzeit schreiben wir an Publikationen der WHO zum Aufbau von Notfalldepots, einem medizinischen Handbuch zu Strahlenunfällen der SSK und einem Planungsdokument für die Bewältigung der medizinischen Folgen nach einem Nuklearwaffeneinsatz (Global Health Security Initiative).

Radiobiologische Schadensereignisse wie eine „Dirty Bomb“ oder gar der terroristische Einsatz einer Nuklearwaffe zum Beispiel als „Improvised Nuclear Device“ werden kaum durch einzelne Institute allein unterstützt werden können. Das Engagement in den auf gegenseitige Hilfe ausgerichteten Netzwerken wie RENEB, WHO-BioDoseNet oder Response and Assistance Network (RANET) der IAEA ist alles andere als Selbstzweck, sondern sichert uns Zugang zu internationaler Unterstützung in derartigen Szenarien. Nicht immer muss es der große Notfall sein, manchmal zeigt auch eine einfache Anfrage zur möglichen Wasserqualität im Meer vor Japan (siehe weiteren Artikel in diesem Heft) wie wichtig die gewonnenen Kontakte sind, um schnell und tiefgehend wissenschaftliche Daten zu erhalten, oft auch schon mit einer ersten verlässlichen Bewertung.

Zukünftig kommt der Vernetzung selbst für unsere Forschung noch größere Bedeutung zu. Ziel der Führung ist es, dies europäisch stärker auszurichten. Eine Möglichkeit ist die Einwerbung von Forschungsmitteln über den European Defense Fonds. Dies setzt aber gemeinsame Anträge mit weiteren europäischen Partnern voraus, die man aber nur in Netzwerken findet. Diese Arbeit wird somit wichtiger für uns.

Die internationale Arbeit ist nicht immer einfach, aber sie ist sehr spannend und hochgradig faszinierend. Der Zugewinn für den Schutz unserer Soldaten, aber auch unserer Bevölkerung kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wir sind stolz, einen kleinen Teil dazu beitragen zu können. 


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