11.04.2014 •

DER SPEZIALVERBAND DER EINGREIFKRÄFTE DES ZENTRALEN SANITÄTSDIENSTES

Als Spezialverband der Eingreifkräfte durchläuft auch das Kommando Schnelle Einsatzkräfte Sanitätsdienst „Ostfriesland“ (Kdo SES) im Rahmen der Neuausrichtung unserer Streitkräfte

derzeit einen Prozess, der sowohl durch Auflösung, Neuaufstellung und Umgliederung als auch durch Kompetenzerweiterung sowie Beibehaltung des Auftrages zur Unterstützung befohlener Einsätze und einsatzgleicher Verpflich tungen im gesamten Aufgabenspektrum der nationalen Krisenund Risikovorsorge gekennzeichnet ist. Das Kommando wird jedoch nicht in seiner bisherigen Struktur fortbestehen. Ein maßgeblicher Einschnitt wird die Auflösung des Kommando bereichs Follow On Forces mit seinen fünf Einheiten im Jahr 2015 am Standort Schwanewede sein.

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Abb. 1: Struktur des Kdo SES.

Der Realisierungsplan des Zentralen Sanitätsdienstes sieht in diesem Zusammen hang vor, den Kommandobereich Initial Entry Forces mit seinen vier Einheiten sowie das Stabsquartier Kdo SES aufzulösen und in der Zielstruktur, unter Verbleib am Standort Leer im Jahr 2014 eine Stabs- und Versorgungskompanie, drei gleich gegliederte Sanitätskompanien sowie ein Ausbildungs- und Simulationszentrum neu aufzustellen.
Eine Konzentration auf luftgestützte Sanitätseinrichtungen (LSE), basierend auf luftgestützten Zelten (LGZ), gewährleistet dabei eine schnelle Verfügbarmachung von Luftlanderettungszentren (LLRZ) unterschiedlichster, auf jeweilige Optionen und Szenarien fokussierte, sanitätsdienstliche Unterstützung zur Sicherstellung einer notfallmedizinischen und chirurgischen Versorgung. Damit wird dieser Spezialverband unverändert militärische Evakuierungsoperationen unterstützen, Beiträge zu Eingreif-Dispositiven, wie z. B. zur NATO RESPONSE FORCE (NRF) oder zur EUROPEAN BATTLEGROUP (EUBG), zu leisten haben und auch für humanitäre sowie für zivil-militärische Hilfeleistungen zur Verfügung stehen. Der Umfang von Beteiligungen des Kommandos an Einsätzen der Stabilisierungs-Dispositive wird sich jedoch, nicht zuletzt aufgrund des in Veränderung befindlichen Afghanistan-Engagements voraussichtlich reduzieren. Demgegenüber wird insbesondere die enge Zusammenarbeit mit Spezialisierten Kräften, zur Unterstützung luftbeweglicher spezialisierter Operationen fortzuführen und die Zusammenarbeit mit den Spezialkräften zur Unterstützung spezieller Operationen auszubauen und zu vertiefen sein.
Ein maßgeblicher Bedarfsträger für die durch Kdo SES bereitzuhaltenden Unterstützungsleistungen ist die Division Schnelle Kräfte (DSK) als eine von zukünftig drei Divisionen des Heeres.
In diesem neuen Großverband (s. Abbildung) sind ab 2014 die für das gesamte Spektrum luftbeweglicher, Spezieller und Spezialoperationen notwendigen Kräfte und Mittel gebündelt. Erstmals werden so Spezielle und Spezialkräfte des deutschen Heeres mit Transport- und Kampfhubschrauberkräften und somit „alle aus der Luft heraus kämpfenden Verbände des Heeres“ synergetisch und innovativ zusammengefasst. Zudem wurde die 11. Luftbewegliche Brigade der niederländischen Streitkräfte mit Beginn des Jahres 2014 der DSK unterstellt und somit auch die Beteiligung der Bundeswehr an binationalen Großverbänden auf der taktischen Ebene erweitert.
Dieser, gemeinsam mit den niederländischen Streitkräften entstehende autarke, robust projektierte, bi-nationale Großverband ist ein Beispiel systematischer Modernisierung und Qualitätssteigerung im Sinne postmoderner Streitkräfte, deren Entwicklung in den USA ihren Ausgang genommen hat und dort bereits fortgeschritten ist. Kennzeichnend für die Kräfte des neuen Großverbandes werden hohe Flexibilität und schnelle Verfügbarkeit sein, um Krisen und Konflikte begegnen zu können, die jederzeit kurzfristig und unvorhergesehen auftreten und ein schnelles Handeln auch über große Distanzen erforderlich machen können.
Die Anforderungen an die sanitätsdienstliche Unterstützung und damit auch an den Spezialverband des Zentralen Sanitätsdienstes in Leer werden davon nicht unberührt bleiben. Eine schnelle Verfügbarkeit von hochmobilen Spezialisierten Kräften und Spezialkräften, aber auch eine schnelle Reaktionsfähigkeit für humanitäre Aufgaben, Rettungseinsätze oder Beiträge zur Krisenintervention im NATO oder EU-Rahmen, auch gegen asymmetrisch kämpfende Gegner, setzen eine ebenso schnelle Bereitstellung hochmobiler sanitätsdienstlicher Unterstützung zur Sicherstellung einer notfallmedizinischen und chirurgischen Versorgung voraus.

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Abb. 2: Dislozierung Division Schnelle Kräfte.
Darauf wird das Kdo SES in seiner neuen Struktur ausgerichtet. Dies bedeutet jedoch nicht nur einen schnellen Rückgriff auf eine hochmobile Peripherie luftgestützter Sanitätseinrichtungen und deren ständige Einsatzfähigkeit, um den Anforderungen sowohl an die Verfügbarkeit als auch an Ausbildungs- und Übungsverpflichtungen gerecht zu werden, denen die Kräfte des Einsatzverbundes Spezialisierter Kräfte und des Einsatzverbundes Spezialkräfte unterliegen. Vielmehr ist auch der aktuelle Überblick über die Einsatzparameter der identifizierten Personalkörper zu gewährleisten.
Beides schafft erst eine Grundlage für schnelle Planung von Handlungsoptionen zur sanitätsdienstlichen Unterstützung und deren Umsetzung, um die rasche Verfügbarkeit eines sanitätsdienstlichen Beitrages zu schnellem Krisenmanagement in allen Konflikt- und Intensitätsstufen sowohl in einem multinationalem Verbund als auch unabhängig davon gewährleisten zu können. Dies ist eine Aufgabe, die das Kdo SES auch während des von Auflösung, Reduzierung, Aufstellung und Umgliederung gekennzeichneten Prozesses der Neuausrichtung sowie daraus resultierenden Herausforderungen vorrangig zu leisten hat, um seinen Beitrag zur medizinischen Rettungskette vom Ort des Geschehens bis zur strategischen Evakuierung aus dem Einsatzland zu leisten. Fehlt ein Glied in dieser Kette oder kann es nicht bedrohungsgerecht abgebildet werden, kann es die Operation insgesamt gefährden.
Neben der Bereitstellung signifikanter Kräfte für die multinationalen NRF- und EUBG-Dispositive sowie nationale militärische Evakuierungsoperationen werden sich die Handlungsoptionen zukünftig in einem qualitativ und quantitativ angehobenen, auf spezialisierte und spezielle Operationen fokussiertem Spektrum bewegen. Die daraus resultierende Unterstützung und Zusammenarbeit mit Spezialkräften wird die Ausrichtung der dazu vorzusehenden Kräfte des Kdo SES, z. B. dadurch beeinflussen, da die Besonderheiten des Auftrages und der Aufgabenerfüllung nach anderen Grundsätzen und Verfahren durchgeführt werden müssen als die Einsätze herkömmlicher militärischer Dispositive. Übergeordnete Erwägungen können zudem die Akzeptanz hoher Risiken erfordern, da das Einsatzspektrum der Spezialkräfte die Gewinnung von Schlüsselinformationen, den Schutz eigener Kräfte auf Distanz, die Abwehr von und die Rettung aus terroristischer Bedrohung sowie Kampfeinsätze im gegnerischen Gebiet einschließt. Diesen Besonderheiten wird sich das Kdo SES als Kräfte direkter taktischer Unterstützung für Spezialkräfte zu stellen haben.
Bisher spiegelt sich die Gesamtheit dieser Veränderungen noch nicht in der Bezeichnung des neu entstehenden Spezialverbandes der Eingreifkräfte des Zentralen Sanitätsdienstes wieder. Es erscheint daher überlegenswert, mit einer veränderten Bezeichnung zu beschreiben, dass dessen kennzeichnende Fähigkeit, schnell und flexibel hochwertige sanitätsdienstliche Unterstützung zu leisten, sich gegenüber der Wahrnehmung vergangener Jahre verändert hat. Diese Wahrnehmung war nicht unmaßgeblich durch die Beteiligungen von Kräften an Stabilisierungsoperationen geprägt, welche zunächst „Out-of- Area-Einsätze“ und später „Auslandseinsätze“ genannt wurden. 
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Abb. 3: Luftlanderettungszentrum im Aufbau.

In der durch die Neuausrichtung angestrebten Realität gilt jedoch eine Einsatz-Ausrichtung als für alle militärischen Kräfte existenzbegründend. Vielmehr tritt zukünftig die Kernfähigkeit, Kräfte und Mangelresourcen für Einsätze schnell verfügbar zu machen, in den Vordergrund, da die Neuausrichtung der gesamten Bundeswehr ohnehin von dem ihr zugrunde liegenden Leitgedanken „vom Einsatz her denken“ geprägt wird.
Die jetzige daseins- und existenzbegründende Bezeichnung Kommando Schnelle Einsatzkräfte Sanitätsdienst, hebt demgegenüber besonders hervor, dass die Kräfte des Verbandes auf den Einsatz ausgerichtet sind. Dies trifft jedoch spätestens mit Beendigung der Neuausrichtung der Bundeswehr auf deren Gesamtheit zu. Die Bezeichnung spiegelt die besonderen Fähigkeiten der weiterhin am Standort Leer stationierten Sanitätskräfte daher nur unzureichend wieder.
Ein ausdrucksstarkes Beispiel für die Bündelung von Mangel-Ressourcen zum Zwecke einer schnellen Verfügbarkeit von Kräften und Mitteln, um diese für jeden Einsatz spezifisch reaktionsschnell zusammenzustellen, ist bereits die Bezeichnung Division Schnelle Kräfte. In diesem neuen Großverband des Heeres werden, wie eingangs skizziert, die für das gesamte Spektrum luftbeweglicher, Spezieller- und Spezialoperationen notwendigen Kräfte und Mittel zusammengefasst.
Auch, um die schnelle Verfügbarkeit der Eingreifkräfte des Zentralen Sanitäts dienstes als kennzeichnende Fähigkeit auszudrücken, erscheint eine veränderte Benennung des Spezialverbandes in Leer folgerichtig. Gleichzeitig könnte durch eine geeignete neue Bezeichnung auch das besondere Kohäsionsverhältnis mit den Verbänden der Division Schnelle Kräfte unterstrichen werden.
Denn „Kohäsion - das Wirken im System - ist wesentliche Voraussetzung für Erfolg im Einsatz und deshalb maßgeblich bei der Ausgestaltung der Schnittstellen zwischen den Organisationsbereichen.“

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Abb. 4: Material des Kdo SES im Lufttransport.
Zudem könnte durch eine veränderte Bezeichnung die besondere Fähigkeit der Eingreifkräfte des Zentralen Sanitäts dienstes, wie z. B. schnelle Reaktions fähigkeit, hohe Beweglichkeit oder auch modulare, luftgestützte Konfigurationen umschrieben und die „Kräfte der ersten Stunde“ ebenso wie “Keyoder Critical Enabler Fähigkeiten“ markant hervorgehoben werden. Ein Hervorheben des Einsatz-Bezugs eigener Kräfte wird nicht mehr als Alleinstellungsmerkmal oder gar zur Beschreibung einer speziellen Fähigkeit nützlich sein können. Zukünftig werden von den bis zu 185 000 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr bis zu 10 000 gleichzeitig mit Einsatzaufgaben betraut werden.13 „Die Bundeswehr hat sich von einer Armee für den Einsatz zu einer Armee im Einsatz gewandelt.“14 Der Einsatzbezug als solcher ist daher nicht mehr das hervorzuhebende „Markenzeichen“ einzelner Organisationselemente. Diese zeichnen sich vielmehr dadurch aus, die Forderung nach Schnelligkeit, Spezialisierung und Vielseitigkeit zu erfüllen, um so ihre Kräfte in kürzester Zeit für militärische Beiträge weltweit verfügbar machen zu können. Es erscheint daher nur folgerichtig, wenn die Bezeichnung der spezialisierten Eingreifkräfte des Sanitätsdienstes daher die künftige Kernaufgabe bezeichnet und demzufolge verändert wird.
Nicht zuletzt ließe sich durch den Verzicht auf den Begriff „Einsatzkräfte“ eine Unterscheidung zu vorwiegend im zivilen Raum agierenden Akteuren staatlicher und nicht staatlicher Ordnungs-, Hilfs- und Rettungsorganisationen treffen, ohne deren große Bedeutung einzugrenzen.

Datum: 11.04.2014

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2014/1

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