16.04.2012 •

CHEF, HAUSARZT, GUTACHTER, BERATER, EINSATZSOLDAT

AUS DEM ALLTAG DES LEITERS EINES FACHSANITÄTSZENTRUMS

Die ambulante medizinische Versorgung in der Bundeswehr Seit Gründung der Bundeswehr vor mittlerweile mehr als 55 Jahren bildet die Unentgeltliche Truppenärztliche Versorgung (UTV) das Fundament der medizinischen Behandlung unserer Soldatinnen und Soldaten.

 Unverzichtbarer Bestandteil dieses umfassenden Versorgungsystems ist hierbei die primärund fachärztliche, ambulante Behandlung und Begutachtung in den Sanitätseinrichtungen der Streitkräfte.

Seit 2007 werde ich als Leiter des Fachsanitätszentrum (FachSanZ) Wilhelmshaven eingesetzt. Eine Verwendung, die durch eine Vielzahl von Aufgaben und Herausforderungen geprägt ist. Medizinische und truppendienstliche Aufgaben, als Begutachter und Berater, im Inland und im Auslandseinsatz. Mit diesem Artikel möchte ich die vielfältigen Facetten dieser - wahrlich niemals eintönigen - Führungsverwendung als Leiter einer großen Regionalen Sanitätseinrichtung beschreiben. Ich fasse in Kürze und exemplarisch zusammen, wie ein Werdegang und Verwendungsaufbau seinen vorläufigen Höhepunkt in dieser Führungsverwendung finden kann. Zudem möchte ich deutlich machen, dass das Wahrnehmen von fachlicher und truppendienstlicher Verantwortung auch bedeutet, zusätzliche Aufgaben und Pflichten zu übernehmen – im Inland und insbesondere auch im erweiterten Aufgabenspektrum der Bundeswehr im Auslandseinsatz.

Der Werdegang

Nach dem Studium der Medizin als Sanitätsoffizieranwärter, einer klinischen Weiterbildung in der Chirurgie und Anästhesie sowie der Ausbildung zum Geschwader- und Taucherarzt verbrachte ich fünf sehr abwechslungsreiche Jahre in einem Minensuchgeschwader der Deutschen Marine. Highlights waren hierbei vor allem die längeren Seefahrten, die uns z. B. – mit nur 50 Meter langen Minensuchbooten – sogar bis über den „Großen Teich“ in die USA oder auf die Arabische Halbinsel brachten.

Nach ergänzender klinischer Weiterbildung in der Inneren Medizin, einem zivilen Weiterbildungsabschnitt in einer Hausarztpraxis und der Anerkennung als Facharzt für Allgemeinmedizin folgten zwei Verwendungen zuerst als Leiter eines kleinen, dann mittelgroßen Marinestandortsanitätszentrums in Seeth, bzw. Rostock.

Im Anschluss verbrachte ich fast fünf Jahre im Personalamt der Bundeswehr, wo ich zuerst als Personalführer für aktive Sanitätsoffiziere, spater dann als Dezernatsleiter für unsere Sanitätsoffizieranwärter sowie die Reserveoffiziere im Sanitätsdienst in der Personalführung tätig war. Im Jahr 2006 - während eines Auslandseinsatzes als Chef SanKp PRT Kunduz - erfuhr ich dann von meiner Versetzung auf den Dienstposten des Leiters des FachSanZ Wilhelmshaven.

Der dienstliche Alltag

Als Leiter einer großen Regionalen Sanitätseinrichtung nimmt man – häufig zeitgleich - eine Fülle unterschiedlichster Aufgaben wahr: Man ist Disziplinarvorgesetzter, Ratgeber seiner Mitarbeiter, Truppenarzt, Gutachter, Ausund Weiterbilder sowie sanitätsdienstlicher Berater der militärischen Führungsebenen am Standort.

Im FachSanZ Wilhelmshaven als Weiterbildungsstätte für das Fachgebiet Innere/Allgemeinmedizin nehmen die approbationsgebundenen Aufgaben sowie die Weiterbildung des ärztlichen bzw. Assistenzpersonals einen erheblichen Teil meiner Arbeitszeit in Anspruch. Hierbei werde ich zum Glück sehr tatkräftig vom Leiter der Teileinheit „Behandlung und Begutachtung“ unterstützt, der ebenfalls über die Facharztanerkennung verfügt. Dieser fachlich-medizinische Schwerpunkt spiegelt eine der Kernaufgaben der Dienststelle wider. Die unmittelbare Teilnahme an der Behandlung und Begutachtung ermöglicht mir hierbei ein „Führen von vorne“. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, warum der Leiter jeder Regionalen Sanitätseinrichtung die Anerkennung als Facharzt für Innere/Allgemeinmedizin besitzen muss.

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Stabsbesprechung im Fachsanitätszentrum Wilhelmshaven

Ein Fachsanitätszentrum ist aber weitaus mehr als ein großes, interdisziplinär aufgestelltes „Medizinisches Versorgungszentrum“. Es ist vielmehr in erster Linie eine „typische“ militärische Dienststelle, in der die Soldaten selbstverständlich auch alle militärischen Pflichten zu erfüllen haben, die der Dienstherr fordert. Hierzu gehören neben den Abstellungen für Auslandseinsätze auch alle allgemein- militärischen Dienstverrichtungen, wie z. B. Übungsplatzaufenthalte, Sport oder Waffenausbildung.

Um die nicht minder bedeutsamen militärischen und truppendienstlichen Aufgaben als Dienststellenleiter erfüllen zu können, steht mir eine Führungs- und Unterstützungsgruppe von etwa zehn Soldaten zur Verfügung. Nicht üppig, aber gerade noch genug, um im Team alle administrativen Aufgaben - von der Beurteilungserstellung bis hin zum administrativen Datenschutz - erfüllen zu können.

Als Konsiliargruppenleiter Allgemeinmedizin, Ärztlichem Qualitätsmanager und Mitglied in mehreren Arbeitskreisen zur Fortentwicklung der Kuration und Begutachtung in der Bundeswehr liegt mir die ständige Weiterentwicklung und Verbesserung der ambulanten medizinischen Versorgung in unseren Behandlungseinrichtungen ganz besonders am Herzen. Hierbei stellt die bereits beschlossene Neuausrichtung des Zentralen Sanitätsdienstes eine erhebliche Herausforderung dar.

Wir haben in der Bundeswehr – als vielbeachtetes Alleinstellungsmerkmal – ein Primärarztsystem verwirklicht, welches eine eng verzahnte ambulante und klinische Medizin aus einer Hand ermöglicht. Anders als im zivilen Gesundheitssektor können wir – selbstverständlich unter Beachtung der Grundsätze von Effektivität und Wirtschaftlichkeit - das medizinisch Sinnvolle für unsere Patienten ermöglichen, ohne dem Diktat leerer Krankenhauskassen zu unterliegen. Der Leiter einer Regionalen Sanitätseinrichtung muss hierbei Organisator einer effektiven und wirtschaftlichen Medizin sein und den Patienten sowohl in unserem eigenen medizinischen System als auch im zivilen Gesundheitssektor sicher leiten und navigieren. Diese Kombination aus qualitativ hochwertigen Möglichkeiten in Diagnostik und Therapie einerseits und anspruchsvoller organisatorischer Arbeit andererseits macht hierbei die besondere Attraktivität der Tätigkeit des primärärztlich tätigen Sanitätsoffiziers und Leiters einer Regionalen Sanitätseinrichtung aus.

Im Einsatz

Die Bundeswehr befindet sich mitten in einem Transformationsprozess von der Landesund Bündnisverteidigungsstreitkraft hin zu einer Einsatzarmee. Auslandseinsätze sind hierbei ohne eine Beteiligung des Sanitätsdienstes undenkbar. Auch die Regionalen Sanitätseinrichtungen stellen einen nicht unerheblichen Anteil des Personals für die Auslandseinsätze zur Verfügung. Dabei ist es selbstverständlich, dass sich der Leiter einer Einrichtung hiervon nicht ausschließt. Ich habe deshalb mehrere Verwendungen auf dem Balkan und in Afghanistan absolviert, zuletzt im Jahr 2011 als Deputy Medical Advisor des Headquarter ISAF Joint Comand in Kabul. Der nächste Einsatz im 31. ISAF-Kontingent - diesmal als Kommandeur des Sanitätseinsatzverbands Mazar-e-Sharif - ist ab März 2013 bereits fest eingeplant.

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Abb. 1: Multinationalität im Einsatz. Das Personal der Medical Branch des HQ ISAF Joint Command im August 2011 in Kabul.

Obwohl die Belastungen gerade in Afghanistan erheblich sind, bedeuten diese Einsätze aber auch eine - von mir persönlich als überwiegend positiv bewertete - Herausforderung. Multinationalität, Kennenlernen eines fremden Landes und seiner Kultur, Bewältigen medizinischer Herausforderungen, Kameradschaft, Solidarität und Teamgeist sind in allen Einsätzen meine Begleiter gewesen.

Jeden Soldat, der diese Erfahrung noch nicht gemacht hat, möchte ich dazu ermutigen, sich einzubringen. Auch damit die zweifelsfrei vorhandene, hohe soziale Belastung für die Familien der in den Einsatz gehenden Soldaten auf einer größeren Anzahl von Schutern - und solidarischer als in der Vergangenheit - verteilt werden kann.

Zukünftige Herausforderungen

Die Bundeswehr – und damit auch der Sanitätsdienst - steht vor der umfassendsten Neustrukturierung ihrer Geschichte. Ziele der Reform sind u. a. eine stärkere Einsatzorientierung sowie die weitere Verschlankung der administrativen Strukturen bei gleichzeitiger Stärkung der approbationsgebundenen Aufgaben des Sanitätsdienstes. Kernelement der neuen ambulanten Inlandsversorgung ist hierbei die Implementierung von 15 Sanitätsunterstützungszentren (SanUstgZ) und 105 Sanitätsversorgungszentren (SanVersZ). In den zukünftigen SanVersZ sollen im Wesentlichen nur noch kurative sowie Begutachtungsaufgaben wahrgenomen werden. SanUstgZ werden zusätzlich truppendienstliche Führungsebene für die regional zugeordneten SanVersZ sein, da die Ebene der Sanitätskommandos ersatzlos gestrichen wird.

Sowohl die weitere Betonung der approbationsgebundenen Aufgaben der zukünftigen ambulanten Versorgungszentren als auch die Regionalisierung der Führungsebenen und der zukünftige Verzicht auf Kleinstdienststellen werden sicherlich die Kuration und Begutachtung stärken. Trotz aller Rationalisierungszwänge darf aber Verschlankung nicht zu einer truppendienstlichen Führungsschwäche führen. Diese latente Gefahr darf schon vor dem Hintergrund der zunehmenden Bedeutung IT-gestützter Führungsmittel – insbesondere nach Einführung von SASPF – sowie der ständig steigenden Anzahl administrativer Verpflichtungen und Zusatzaufgaben nicht unterschätzt werden.

In Zukunft werden 120 Regionale Sanitätseinrichtungen für die medizinische Versorgung der Soldatinnen und Soldaten in etwa 260 Standorten verantwortlich sein. Eine engere Verzahnung des militärischen und zivilen Gesundheitssystems wird deshalb auch im primärärztlichen Bereich notwendig werden. Um in den zukünftigen San UstgZ und SanVersZ überhaupt den Auftrag erfüllen zu können, dürfen die Anstrengungen zur Bereitstellung geeigneter Infrastruktur sowie zur Gewinnung unseres ärztlichen und nichtärztlichen Personals nicht nachlassen. Von besonderer Bedeutung ist hierbei die möglichst flächendeckende Repräsentanz von Weiterbildungsstätten für angehende Fachärzte für Innere/Allgemeinmedizin sowie die Gewinnung von längerdienenden Mannschaftsdienstgraden und Unteroffizieren sowohl aus dem zivilen Bereich als auch dem eigenen Personalpool.

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Abb. 2: Bei der Betreuung eines zivil-militärischen Kooperationsprojektes 2006 in Kunduz/Afghanistan.

Zusammenfassung

Der Leiter eines Fachsanitätszentrums hat eine Fülle von approbationsgebundenen und truppendienstlichen Aufgaben zu erfüllen. Diese Vielfalt stellt zweifelsfrei eine große persönliche Herausforderung dar, ist aber auch Garant für einen reizvollen und niemals eintönigen Dienstalltag. Neben den Aufgaben im Heimatland steht aber auch die Erfüllung der Einsatzverpflichtungen weit oben auf der dienstlichen Prioritätenliste: Sei es durch Abstellung des Personals als auch der eigenen Person für Auslandseinsätze.

Auch nach Einnahme der neuen Struktur wird die ambulante Inlandsversorgung unserer Soldatinnen und Soldaten weitgehend in Regionalen Sanitätseinrichtungen stattfinden. Um die gute Qualität der Behandlung und Begutachtung sowie die dienstliche Attraktivität der Einrichtungen zu sichern, müssen langfristig durchhaltefähige personelle und infrastrukturelle Mindestvoraussetzungen erfüllt werden. Wird dieses hinreichend umgesetzt, bin ich mir sicher, dass auch in Zukunft eine qualitativ hochwertige ambulante Versorgung „aus einer Hand“ in unseren San UstgZ und SanVersZ angeboten werden kann.

Datum: 16.04.2012

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2012/1

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