Artikel: M. Neuhoff

Schwerpunkte der Weiterentwicklung des Personalmanagements im SanDstBw

Aus dem Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr (Inspekteur des Sanitätsdienstes: Generaloberstabsarzt Dr. U. Baumgärtner)

Die Sicherstellung der status- und laufbahnübergreifenden personellen Regeneration des Sanitätsdienstes der Bundeswehr
(SanDstBw) ist grundlegende Voraussetzung für den Erhalt der
Einsatzbereitschaft. Das Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr
(Kdo SanDstBw) steuert hierbei die Personalgewinnung und
-bindung für die Laufbahnen des SanDstBw und verantwortet die
Einsatzbereitschaft des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr
(ZSanDstBw).

PhotoAbb. 1: Personal im BwK Berlin. Die letzten Jahre charakterisiert ein, trotz positiver Entwicklung der Stellenbesetzung, noch nicht abgeschlossener Umbau des Personalkörpers in Form einer deutlichen Reduzierung des Umfangs an Mannschaften, bei Ausweitung des Grundumfangs von Sanitätsoffizieren, -feldwebeln oder –unteroffizieren. Aktuell sind im ZSanDstBw bis 2027 rund 16.100 aktive militärische, rund 3.000 zivile Dienstposten (DP) und ca. 2.800 DP in der Verstärkungsreserve zu besetzen. Hierfür sind leistungsfähige Frauen und Männer zu gewinnen, durch Gestaltung attraktiver Karrierepfade und wettbewerbsfähiger Arbeitsbedingungen zu binden sowie eignungs- und bedarfsorientiert bis in Spitzenverwendungen der jeweiligen Laufbahn zu entwickeln.

Im Zuge der Erarbeitung des Fähigkeitsprofils der Bundeswehr 2021 wurde dem Kdo SanDstBw eine Planungsobergrenze von ~19.100 aktiven militärischen DP und ~11.000 DP in der Verstärkungsreserve vorgegeben. Auch wenn Zuweisung und Ausplanung dieser 3.000 zusätzlichen aktiven DP noch ausstehen, ist das Personalmanagement auch hinsichtlich der Eignung zur Gestaltung eines Aufwuchses dieser Größenordnung zu optimieren. Im ausgeprägten Wettbewerb um Fachkräfte im Gesundheitswesen sind hierzu Stärken gezielt einzusetzen und erkannte Schwächen zu minimieren. 

Stärken liegen in der weitgehend erfolgreichen Personalgewinnung und Bindung. Die Vielzahl akademischer oder beruflicher Qualifizierungen mit berufsbezogenem Einsatz und kontinuierlicher Fortbildung ist ein wesentlicher Attraktor zur Gewinnung und Bindung von Personal. In Verbindung mit der bedarfsorientierten Gewährung von Prämien können individuell attraktive Gewinnungs- und Bindungsangebote unterbreitet werden. Mit der Krankenpflegeschule am Bundeswehrkrankenhaus (BwKrhs) Ulm verfügt der ZSanDstBw wieder über eine eigene Ausbildungseinrichtung zur statusübergreifenden Qualifizierung für Pflegeberufe. Die enge Einbindung des SanDstBw in das zivile Gesundheitswesen und die Kongruenz gesundheitsfachlicher Berufsbilder ermöglichen es trotz des Wettbewerbs um qualifiziertes Personal, parallel auch im Personalmanagement mit zivilen Gesundheitseinrichtungen zu kooperieren. 

Ein Werdegang Offizier des Truppendienstes im SanDstBw (OffzTrD San) ermöglicht in den Kompetenzbereichen Personalmanagement und Führung/Einsatz eine sanitätsspezifische Professionalisierung in nicht approbationsgebundenen Fach- und Führungsverwendungen.

Aktuelle Weiterentwicklungen gesetzlicher Grundlagen erleichtern mit einem künftig möglichen Direkteinstieg in die Laufbahn der Offiziere des Militärfachlichen Dienstes oder der Möglichkeit, auch in der Laufbahn der Fachunteroffiziere (FachUffz) Berufssoldatin oder Berufssoldat (BS) zu werden, die Ausschöpfung verfügbarer Potentiale. 

Die ab 2021 vorgesehen Grundbeorderung ausscheidender Soldatinnen und Soldaten in Reservestrukturen schafft die planerische Basis für die Bildung und Inübunghaltung einer verlässlich verfügbaren Reserve. Reservistendienstleistungen von bis zu zehn Monaten Dauer im Kalenderjahr ermöglichen schon heute die Kompensation bestehender Vakanzen und die Abbildung zusätzlich benötigter Fähigkeiten. 

Schwächen liegen in einem aufgrund der Reduzierung des Anteils der Mannschaften in den letzten Jahren deutlich gesunkenen Potential für die interne Personalgewinnung. Der bestehende Fachkräftemangel im Gesundheitssystem hat parallel einen höheren Anteil an Soldatinnen und Soldaten zur Folge, die durch eine Zivilberufliche Aus- und Weiterbildung (ZAW) berufsqualifiziert werden müssen, was eine langfristig angelegte Regenerationsplanung mit entsprechend ausgebrachten DP erfordert. Unzureichende Übernahmen in den Status BS in einzelnen Fachgebieten erhöhen den Ausbildungsbedarf im Bereich der Fachärztinnen und –ärzte. 

Aktuell ist im Werdegang OffzTrD San der Aufbau sanitätsspezifischer Expertise in den einsatzrelevanten Bereichen Rüstung und Logistik noch nicht möglich. Ebenso wenig spiegelt sich die Akademisierung von Heil- und Pflegeberufen gänzlich wider. Hier bestehen Chancen zur Professionalisierung der Versorgung und Steigerung der Arbeitgeberattraktivität. 

Das Ausbildungssystem basiert weitgehend auf divergierenden Zuständigkeiten und zentralisierter lehrgangsgebundener Präsenzausbildung. Digitalisierte dezentrale und zeitlich flexible Ausbildung ist kaum möglich. Optimierungspotential besteht auch in der Professionalisierung unserer Ausbilder, beispielsweise durch Konzipierung auf Verwendungen in der Ausbildung basierender Karrieremodelle.

Die qualifikations- und interessengerechte Besetzung von DP gelingt nicht immer. Optimierungspotential besteht in der Beschreibung erforderlicher Qualifikationen und unserer Kenntnisse über Fähigkeiten, Stärken und Interessen unserer Soldatinnen und Soldaten.

Die regelmäßige berufliche Anschlusstätigkeit ehemaliger Soldatinnen und Soldaten im Gesundheitswesen erschwert Bildung und Inübunghaltung einer auftragsgerecht ausgeplanten Reserve.

Diese Schwächen sind zum Erhalt der Zukunftsfähigkeit unseres Personalmanagements aufzugreifen und aufbauend Chancen und Stärken zu erarbeiten. 

Unter dem Stichwort „Aufstieg durch Qualifizierung“ sind attraktive Karrierewege mit hoher Laufbahndurchlässigkeit zu konzipieren. Kurze Verpflichtungszeiten in der Laufbahn der Mannschaften ermöglichen vielen jungen Menschen das Kennenlernen der attraktiven beruflichen Angebote und schaffen ein Potential zur internen Personalgewinnung Auch bei Priorisierung der Gewinnung von Feldwebeln, erleichtert der BS FachUffz in Verwendungen oder Regionen mit höherem Bedarf die Bindung gut ausgebildeter Spezialisten. 

PhotoAbb. 2: SanFw im Einsatz EUTM. Die Ausweitung akademisierter Heil- und Pflegeberufe, beispielsweise in den Bereichen Pflege, Versorgung/Rehabilitation, Qualitätsmanagement oder im laufenden Pilotversuch Physician Assistant, ermöglicht bei Erhöhung des Anteils an Offizieren des Militärfachlichen Dienstes eine attraktive berufsbezogene Professionalisierung durch Aufstieg vom Fachunteroffizier bis zum Fachdienstoffizier. In Verbindung mit dem Ziel einer Anhebung der Fachkrankenpfleger auf die Ebene Oberstabsfeldwebel/Oberstabsbootsmann soll hierdurch die Attraktivität der Gesundheitsfachberufe verbessert und Weiterbildungsbereitschaft honoriert werden. Die beabsichtigte Ausweitung eigener Ausbildungskapazitäten im Bereich der Krankenpflege erweitert dann parallel unsere Möglichkeiten zur Gewinnung und Qualifizierung von Personal.  

Mit Schwerpunktsetzung auf Klinische Fachgebiete werden die Werdegangsmodelle aktualisiert. Parallel soll die Befähigung zum wissenschaftlichen Arbeiten durch Förderung von Promotionen und Habilitationen verbessert und die verwendungsgerechte Ausbildung durch Ausweitung am DP gekoppelter postgradualer Studiengänge optimiert werden. Ziel ist auch die Konzipierung regionaler fachlich-kurativer Karrieren und damit eine Steigerung des Interesses an einer Übernahme in den Status BS. 

Für den Werdegang OffzTrD San wird neben einer Integration der Kompetenzbereiche Logistik sowie Rüstungs- und Nutzungsmanagement die Abbildung der medizinischen Informatik sowie weiterer nicht-approbierter akademischer Qualifikationen mit dem Ziel untersucht, gemeinsam mit den Organisationsbereichen Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung (AIN) und Cyber- und Informationsraum (CIR) bis in Spitzenverwendungen führende organisationsbereichsübergreifende sanitätsspezifische Fachkarrieren zu konzipieren. 

Ziele der Neukonzeption der Ausbildungslandschaft sind die Stärkung der Truppenausbildung durch Überführung von Teilen der Einsatzlandunspezifischen Ausbildung, die Ausweitung web-basierten Lernens durch Implementierung virtueller Klassenzimmer und die Einbeziehung neuer relevanter Ausbildungsfelder, wie Wissens- oder Qualitätsmanagement, Führungskräftetraining und Projektmanagement. Regional unter Einbindung der Sanitätsakademie der Bundeswehr, der Ausbildungs- und Simulationszentren, der BwKrhs und kooperierender Kliniken der Gesetzlichen Unfallversicherung gebildete Forschungsverbünde sollen vorhandene Strukturen besser vernetzen. 

Professionelle Ausbildung erfordert sehr gute Ausbildende und effiziente Strukturen. Es soll ein Karrierepfad „Ausbildung“ etabliert werden, welcher durch berufsbegleitende Qualifizierung professionalisiert und Expertise erhält. Bisher dislozierte Zuständigkeiten werden konzentriert, um die Ausbildung im SanDstBw zentral steuern und durch ein neu zu schaffendes Qualitätsmanagement analysieren zu können. 

Um diese Verbesserungen zur Wirkung zu bringen, muss einerseits Personal mit Potential für Spitzenverwendungen oder spezifischen Kenntnissen frühzeitiger identifiziert werden. Andererseits sind, ergänzend zu auswertbaren Daten aus Beurteilungen oder dem Personalwirtschaftssystem, Erkenntnisse zu relevanten individuellen Fertigkeiten und Interessen zu gewinnen. Nur so können passgenau Angebote für Qualifikation und Verwendungsaufbau unterbreitet werden. Hierzu erfolgt eine personell hinterlegte Schwerpunktsetzung „Spitzenpersonalentwicklung“ und die Ausweitung des San-Netzes. Ziel ist, dass die Nutzenden auf freiwilliger Basis auswertbar Interessen und besondere Qualifikationen hinterlegen. Zur Systematisierung definierte Expertisen (z. B. Sprache, Forschung, Führung, Kuration Krankenhaus etc.) ermöglichen eine Clusterbildung von vorhandenen Qualifikationen, aufbauender Trainings und zu besetzender Dienstposten.

Flankierend werden laufbahnübergreifend fachlich herauszuhebende DP identifiziert und für diese, ebenso wie für Spitzendienstposten, Anforderungsprofile erstellt. Diese Profile enthalten wesentliche Anforderungen, erforderliche Qualifikationen sowie idealtypische Vorverwendungen und bilden für die Personalführung und die Soldatinnen und Soldaten eine auch mittelfristig tragfähige Planungsgrundlage. 

Die skizzierten Ziele und Maßnahmen verbessern auch unsere Fähigkeit, als Bedarfsträger dezidiertere Forderungen an die Personalentwicklung und personelle Auswahl- und Verwendungsplanungsverfahren zu stellen. Exemplarisch sollen künftig Facharztzusagen deutlich stärker am regionalen Bedarf ausgerichtet und laufbahnübergreifend für Personal mit Potential für Spitzenverwendungen oder mit besonderen Fähigkeiten auf konkrete Zielverwendungen bezogene Vorschläge zur Personalentwicklung erarbeitet werden.

Ein weiterer Schwerpunkt zielt auf die Bildung einer verlässlich verfügbaren Reserve. Neben der Erarbeitung der zeitlichen Verfügbarkeit von Reservistinnen und Reservisten entsprechender Konzepte zur Inübunghaltung, stehen die Optimierung der Beratung ausscheidender Soldatinnen und Soldaten zur Gestaltung eines bruchfreien Übergangs in die Reserve sowie die Erarbeitung von Forderungen an die Personalgewinnung und –entwicklung im Fokus. Durch Ausbringung von Reservedienstposten für nicht approbierte Wissenschaftler sollen in den BwKrhs und Instituten erforderliche Fähigkeiten, beispielsweise in den Bereichen Medizinische Informatik und Controlling kurzfristig abgebildet werden.

Entscheidend für den Erfolg ist das enge Zusammenwirken mit den Soldatinnen und Soldaten, mit Vorgesetzten aller Ebenen, fachlichen Multiplikatoren und dem Fachpersonal im Führungsgrundgebiet 1. Basierend auf einer Defizitanalyse derzeit genutzter Formate wird ein Konzept zur dialogbasierten crossmedialen und zielgruppenorientierten Kommunikation entwickelt, um erforderliches Wissen und Informationen schnell vermitteln und Anregungen aus den nachgeordneten Bereichen verzugslos integrieren zu können.  

Verfasser:
Oberstarzt Dr. Michael Neuhoff
Unterabteilungsleiter KdoSanDst IX
E-Mail: MichaelNeuhoff@bundeswehr.org 

Datum: 22.10.2020

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 3/2020