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„HEUTE WEHT DIE FLAGGE ZUM ERSTEN MAL IN DIESEM KONTINGENT NICHT AUF HALBMAST!“

Dieser Bericht schildert die Erfahrungen eines BAT-Arztes, der im 19. Kontingent ISAF im Vorzeichen der afghanischen Wahlen in Feyzabad eingesetzt war. Sowohl in der Tagespresse, als auch in der Fachpresse (Dt. Ärzteblatt, Ausgabe 31/32, vom 03.08.2009) gewinnt der Einsatz der Bundeswehr und damit auch der Einsatz von Ärzten in Afghanistan zunehmend an Interesse. Der Artikel soll Einblick in die Arbeit als BAT-Arzt in kriegsähnlichen Zuständen gewähren und bewertet subjektiv Ausrüstung und Ausbildung im Einsatz.

Der Einsatz begann am militärischen Teil des Flughafens Köln/Bonn in einem als Wartehalle ausgebauten Zelt. Der Hinflug mit dem Bundeswehr-Airbus über Termez, und kurzem Umsteigen in Mazar-e-sharif von Transall in C-130 klappte erstaunlich gut innerhalb von zwei Tagen. Das Flugfeld in Feyzabad, genannt Feyzabad International Airport (FIA), besteht aus alten russischen Panzerplatten, der Tower aus einem zweistöckigem Gebäude ohne Fensterscheiben. Diese Landebahn sollte noch reichliche Probleme beinhalten, da die Landebahn bei starkem Regen unterspült wurde und zu hohe Temperaturen den Flugbetrieb untersagten. So gab es oft Probleme mit dem Nachschub jeglicher Art. Da der FIA außerhalb des Feldlagers liegt, musste das Flugfeld bei jedem ISAF-Flug gesichert werden und die Passagiere im Transportpanzer ins Lager gefahren werden. Diese Anreise mit samt den exotischen Eindrücken und dem beeindruckendem Panorama ließ ein Hauch von Abenteuer verspüren. Die Begrüßung nach Ankunft im PRT lautete jedoch: „Heute weht die Flagge zum ersten Mal in diesem Kontingent nicht auf Halbmast!“ Doch dieser Zustand währte nur einen halben Tag.

Im Provincial Reconstruction Team Feyzabad (PRT) sind ca. 400 Soldaten stationiert. Zusätzlich lagert das 1. Kandak des 209th Afghan National Army Corps (ANA) mit ebenso vielen Soldaten im Westen des Camps. Das Kandak wurde Anfang 2009 aus Kabul im Konvoi über den Salang-Paß nach Feyzabad verlegt. Für diese soll in Zukunft hinter der Norderweiterung eine Kaserne errichtet werden. Das deutsche OML-Team (Operational Mentoring and Liaison Team) bildet die afghanischen Soldaten nach deutschen infanteristischen Grundsätzen aus und begleitet ihre Gruppen und Züge auch im operativen Geschehen. Der medizinische Sektor wird durch die Sanitätskompanie, bestehend aus Klinik- und Medevac- Anteilen abgedeckt. Die Klinik besteht aus einem Rettungszentrum (Role 2-), welches ärztlich durch einen Chirurgen und einen Anästhesisten, mit jeweils einem Weiterbildungsassistenten besetzt ist. Der WB-Assistent Anästhesie ist gleichzeitig auch der Truppenarzt vor Ort. Zudem ist eine Zahnarztgruppe mit Zahnarzt und Zahnarzthelferin angegliedert. Eine Intensivstation mit zwei Betten und Personal wird vorgehalten und ist ggf. erweiterbar. Es gibt einen OP mit OPTeam und Aufwachraum, sowie die Pflege und den Steri. Röntgen- und Laboruntersuchungen sind vor Ort ebenfalls möglich. Eine Apotheke sichert die Versorgung ohne Offizier. Die Medevac-Komponente besteht aus fünf beweglichen Arzt-Trupps (BAT), mit jeweils einem SanOffzArzt, einem RettAss und einem Fahrer.

Photo Aufgrund der Lage vor Ort wurde durch den Kommandeur SanEinsVbd und LSO i. E. am 09/07/2009 eine fachliche Weisung für die Weiterbildung von Rettungsassistenten und den Einsatz von BAT und RettTrp im DEU EinsKtgt ISAF herausgegeben. Dieses Konzept sieht vor, für bestimmte Einsätze außerhalb des Lagers einen Rettungsassistenten statt eines BAT-Arztes einzusetzen, um ärztliches Personal einzusparen (Abb.1).
Der Rettungstruppführer (RettTrpFhr) darf entlang des standardisierten B-A-B-C-D Ablaufes (Bleeding-Airway-Breathing-Circulation- Disability) rettungsmedizinisch versorgen. Dies umfasst für die Blutstillung die Anwendung von Israeli Bandages, blutstillenden Substanzen und Tourniquet. Für das Freihalten der Atemwege finden Güdeltubus und Larynxtubus Anwendung durch nichtärztliches Personal. Überdies dürfen manuelle und maschinelle Sauerstoffgabe, Entlastungspunktion des Thorax und die Beatmung an sich durchgeführt werden. Infusionstherapie mit Elektrolytlösung und Schmerztherapie mittels Ketamin/ Midazolam und Morphinautoinjektoren soll dem RettTrpFhr gestattet werden. Außerdem führt der RettAss selbständig Lagerung, Schienung und Wärmeerhalt durch. Die Ausbildung der RettAss zum RettTrpFhr sollte nun durch den leitenden Notarzt und erfahrene und benannte SanOffzATB Arzt RettMed und SanOffz Anästhesie im Einsatz kurzfristig erfolgen. Abschließend wird eine noch zu erstellende Prüfung vor einer Prüfungskommission aus zwei SanOffz Ärzten und einem SanFwRettAss durchgeführt. Während des Kontingentes wurde das Lager mehrfach mit Raketen beschossen, die glücklicherweise niemanden verletzten. Durch mehrere MASCAL-Übungen (mass casualities) wurde der Ernstfall immer wieder geübt und Verfahrensabläufe zu jeder Nacht- und Tageszeit verinnerlicht.

Der Einsatz als BAT-Arzt gestaltet sich sehr interessant und abwechslungsreich. Der BATArzt begleitet die Schutzkompanie in die Distrikte, fährt mit dem Kampfmittelräumdienst (EOD) zum Sprengstoff-Fund (IED), begleitet die afghanische Armee mit den deutschen Mentoren, stellt den Notarzt für den Kommandeur, unterstützt Aufklärung und zivilmilitärische Zusammenarbeit außerhalb des Lagers und stellt den Lagernotarzt (TEZ-Arzt).

Photo Der TEZ-Arzt ist eine Art Standortarzt, der innerhalb von 15 min auch für Einsätze außerhalb des Lagers abmarschbereit sein muss. Tez ist ein afghanisches Wort für „schnell“. In meiner Zeit als TEZ-Arzt versorgten wir Schuss- und Stichwunden, offene Thoraxverletzungen (Abb. 2), schwerste Verbrennungen vor allem bei afghanischen Kindern (Abb. 3), Polytraumata und vielfältige Frakturen. Schwerpunkt hierbei war eindeutig die Traumaversorgung. Die Ausstattung der Fahrzeuge und der Rettungskoffer/ -Rucksäcke war dabei stets auf dem neuesten Stand der medizinischen Technik und Ausrüstung. Allerdings muss gerade beim Ampullarium und den übrigen Medikamenten auf ausreichende Kühlung geachtet werden, da im Juli bis zu 45°C im Schatten vorherrschen.

Photo Ein afghanischer Patient, der nach angeblichen Auseinandersetzungen innerhalb der Familie mit mehreren Messerstichen im Thoraxbereich am Eingangstor abgeliefert wurde, konnte bei uns stabilisiert werden und primär versorgt werden. Nachdem er eine Mediastinitits entwickelte, konnte er gemeinsam mit einem deutschen Patienten per StratAirMedevac in die Klinik nach Mazar-e-sharif verlegt werden und überlebte. Ein weiterer afghanischer Patient mit einigen Tagen alter Schrotschussverletzung im Oberschenkel entwickelte eine manifeste Tetanuserkrankung mit Tetanien und konnte unter ITS-Bedingungen in der Klinik stabilisiert werden.
Der BAT-Arzt ist natürlich auch eine gern gesehene Unterstützung im OP und der Sprechstunde des Rettungszentrums. Gerade durch die Versorgung der afghanischen Patienten im Rahmen der Force-Protektion, kann dort Erfahrung in der Versorgung seltener Krankheitsbilder gewonnen werden. Neben Fraktur- und Traumaversorgung, Osteomyelitiden, Verbrennungen, Stoffwechselerkrankungen und Infektionskrankheiten, stellen gerade auch Tbc, Malaria, Leishmaniose, pädiatrische Fälle und seltene Erb- und Gendefekte einen Anteil an der Versorgung dar (Abb. 4). Die schönste, aber auch gefährlichste Aufgabe des BAT-Arztes ist die Begleitung der Schutzkompanie auf ihren Langzeitpatrouillen außerhalb des Lagers in der Provinz Badakshan. Badakshan, dessen Hauptstadt Feyzabad ist, zeichnet sich durch eine abwechslungsreiche Landschaft mit schroffen Gebirgszügen bis zu 6000 m Höhe, reißenden Flüssen und grünen Tälern aus. Mehrere große Städte wie Eskashem, Keshem und Baharak liegen ebenfalls dort. Schwerpunkt der Einsatzführung ist die Beherrschung der bevölkerungsreichen Täler entlang der Straße 302, die als einzige Straße mit allen Fahrzeugtypen der Bundeswehr befahrbar ist (Abb. 5). Da entlang dieses Weges von Eskashem über Baharak, Feyzabad, Keshem und Kunduz aber auch über 90% der Bevölkerung wohnen, bedeutet die Kontrolle dieser Route auch die Kontrolle des Sektors. In den entlegenen Wakhan-Zipfel mit Grenzen zu China und Bergen bis zu 7000 m Höhe ist wohl schon lange kein deutscher Soldat mehr vorgedrungen.

Photo Zur Überwachung und Raumaufklärung werden Patrouillen eingesetzt. Bei kurzen Tagesaufträgen wird die Patrouille als STP (Short Term Patrol) bezeichnet. Um allerdings in die entfernten Regionen vorzustoßen, die teilweise auch schwer zugänglich sind, bedarf es oft mehrere Tage. Diese Patrouillen werden dann LTP (Long Term Patrol) genannt. Zur Durchführung von LTP`s werden MOLT`s (Mobile Observation and Liaison Teams) eingesetzt, die in festgelegten Distrikten operieren. Die MOLT`s bestehen aus ca. 20-30 Soldaten und sind aus verschiedenen Einheiten mit unterschiedlichen Fähigkeiten zusammengesetzt. Mein MOLT hatte die Aufgabe, in den Distrikten Baharak, Vaduz und Eskashem Informationen zu sammeln, um kurz vor den Wahlen ein Lagebild zu erstellen. Hierbei war Schwerpunkt Erkundung und Sicherung von möglichen Wahllokalen, Gesprächsaufklärung bei örtlichen Autoritäten und der Bevölkerung. Dies war vor allem in Vaduz wichtig, da kurz vor unserer LTP ein hochrangiger Vertreter festgenommen und nach Kabul ins Gefängnis gebracht wurde. Die wichtigste Frage war nun, ob sich die Bevölkerung sicher fühlte und Vertrauen zu ISAF aufgebaut hatte. Überdies galt es natürlich auch immer Veränderungen der Infrastruktur in und um Ortschaften, sowie wichtige lokale Einrichtungen zu dokumentieren und auch Fotos von lokalen Autoritäten zu aktualisieren. Zudem wird durch den BAT-Arzt ein Profil erstellt, das Auskunft über medizinische Einrichtungen (Basic Health Center) und Aktivitäten von Hilfsorganisationen liefert. Für die LTP`s ist für den Soldaten eine Vielzahl von Zusatzausstattung vorgesehen. Die Ausrüstung des einzelnen Soldaten ist dabei hervorragend und muss kaum zivil ergänzt werden. Hierbei empfängt der Soldat einen großen Berghausrucksack, Camelbag zur Trinkwasserversorgung, Nachtsichtgerät (BiV), Laserlichtmodul zur Nachtkampffähigkeit, Stirnlampe, Überlebenspacket, Moskitonetz, Feldliege, Isomatte, Schlafsäcke, GPS-Gerät, Knicklichter, die persönliche SanAussstattung mit Morphinautoinjektoren, Tourniquet zum Abbinden von Extremitäten, Israelipack zur Blutstillung, und vieles mehr.

Die infanteristische Ausstattung umfasst neben Bristol, G36 mit 150 Schuss Leuchtspurund Hartkernmunition, P8 mit 30 Schuss Munition, Kampfmittelweste (IDZ), Schutzbrille, Knieprotektoren, Impulsgehörschutz auch Handgranaten und Nebeltopf. Allein die Sichtung und Herrichtung der persönlichen und infanteristischen Ausstattung nimmt am Anfang sicher zwei Tage in Anspruch, das zu tragende Gewicht ist nicht unerheblich. Bevor es auf LTP geht, muss jedoch auch das SanMat geprüft und ausreichend bestückt werden.
Ein wichtiger Unterricht vor Verlassen des Lagers ist die „Counter-IED-Ausbildung“; eine Einweisung in das Verhalten bei Sprengstoffanschlägen, Feuerkampf und Unfällen. Im Einsatz zeigt sich sehr schnell wie wichtig es ist, im Ernstfall über militärische Abläufe, Medical Rescue und MASCAL Prozeduren zu verfügen. Elementar sind ebenfalls Kenntnisse im Funkbetrieb und der Führungsfähigkeit durch VHF, Mini-M., Tetrapol, Iridium und FAUST. Die Hauptaufgabe des BAT-Arztes während der LTP ist natürlich die notfallmedizinische Versorgung deutscher Soldaten. Zusätzlich ist er als Truppenarzt tätig und im Rahmen der „Force Protection“ in der Versorgung von afghanischen Polizei- und Armee-Kräften oder zivilen Patienten eingesetzt. Durch die Zusammenarbeit mit den Soldaten die zuständig sind für die zivil-militärische Zusammenarbeit (CIMIC), können durch Erkundung in den Distrikten auch Erfahrungen im Bereich „Medical Health“ gewonnen werden. Entscheidend ist hierbei die persönliche Gesprächsaufklärung in Schulen, beim Distriktmanager und vor allem in den Basic Health Centern. Im „Health Profile“ wird die medizinische Ausstattung, das Personal, das Patientenaufkommen, Krankheitschwerpunkte, Fallzahlen und vieles mehr erfasst. Durch Befragung in den Basic Health Centern in Chakaran/ Vaduz und Gazhan-Valley, konnten wir Hotspots für Leishmaniose-Erkrankungen und Malaria in den Monaten Mai bis Juni feststellen.
Übernachtet wird während einer LTP entweder in sogenannten sicheren Häusern (Safe- House), oder unter freiem Himmel (Safe-Heaven). Im Freien wird mit den Fahrzeugen eine gesicherte Nachtaufstellung eingenommen. Man schläft unter dem Moskitonetz auf den Feldbetten und nimmt natürlich auch als BAT-Team an der Nachtwache teil (Abb. 6). Hier wird über BiV-Brille, Wärmegerät, Spektiv und Fernglas die Umgebung am MG-Turm oder mit G36 überwacht und das Lager gesichert. Man ist daher auch als Arzt infanteristisch eingesetzt und muss seine Waffen beherrschen. Im Einsatz zählt jeder Mann, denn jeder möchte auch heil wieder nach Hause kommen. Daher muss vor allem im Inland sehr viel Wert auf die militärische Aus- und Weiterbildung der Ärzte gelegt werden. Zudem kommt die hohe klimatische Belastung, bei der man mit seiner persönlichen und militärischen Ausrüstung und ggf. auch Rettungsrucksack, in der Lage sein muss, sich bei 45°C im Schatten unter Beschuss zu bewegen. Nur 10 Tage nach meiner Ankunft in Feyzabad wurde mir auf einer Patrouille nach Arguz deutlich vor Augen geführt, dass wir in einem uns nicht nur freundlich gesonnenem Land unterwegs sind, um Brunnen zu bohren und Schulen zu eröffnen. Wir befinden uns in einem Land mit kriegsähnlichen Zuständen. Auf einer Nebenstraße nach Cak-i-Abdul, unweit von Feyzabad, wurde etwa einen Meter vor meinem Fahrzeug eine 7-8 kg schwere IED gezündet (Abb. 7). Diese wurde durch einen „Triggerman“ zur Explosion gebracht. Ein „Triggerman“ ist ein afghanischer Aufständischer, der mit einem Handy als Fernsteuerung die IED auslöst. Der Kampfmittelräumdienst (EOD) konnte später das Batterie-Pack und Bestandteile der IED sicherstellen (Abb. 8). Da trotz großflächiger Rotkreuz-Kennzeichnung unseres LBAT-Fahrzeuges gerade auf uns als Sanitäter ein Anschlag verübt wurde, zeigt, dass man auch als Arzt nicht vorsichtig genug sein kann. Die Schutzkleidung ist daher unbedingt vollständig anzulegen. In unserem Fall konnte sie Splitter und Gestein schon sehr gut abhalten. Ein Abtarnen des internationalen Zeichens war zu diesem Zeitpunkt noch nicht befohlen. Nach der Meldung IED wurde gemäß den eingeübten Verfahren vorgegangen: Durchstoßen und Sichern. Das Fahrzeug war noch fahrtüchtig, allerdings an der Front und den bodenseitigen Panzerplatten stark beschädigt. Die Einsatzleitstelle (JOC) im Feldlager wurde informiert und die TEZ-Bereitschaft mit Kampfmittelräumdienst und den Feldjägern zur Unterstützung sofort nachgeschickt. Sie trafen nach etwa 1 ½ Stunden vor Ort ein. In dieser Zeit mussten natürlich auch wir Sanitäter sichern und nach Feststellung der Verwundetensituation rein militärische Aufgaben übernehmen. Nach zwei Stunden überflogen uns zwei CH-53 Maschinen, die eigentlich den Tetanuspatienten abholen sollten und kreisten ca. 15 min über den umliegenden Tälern. Der Anblick der Hubschrauber löste in so einem Moment zum ersten Mal wieder ein Gefühl der Sicherheit aus (Abb. 9). Seit diesem Vorfall wurde in Feyzabad nur noch „hart“ gefahren, das hieß Hägglund und Duro. Der Arzt konnte auch auf Dingo, SSAWolf oder Eagle aufgesessen mitfahren. Neben der IED-Gefahr hatten wir sehr stark mit den Naturgewalten zu kämpfen. Durch Regenfälle, Schneeschmelze und Erdrutsche waren viele Straßen über Tage und Wochen unpassierbar. So wurde an der 302 zwischen Feyzabad und Baharak ein ganzes Dorf verschüttet. Weder wir noch die einheimischen Fahrzeuge mit Nachschub kamen durch. Während einer Tour mit dem Feldlagerkommandeur zu einer Schuleröffnung überraschten uns schlagartig einsetzende Regengüsse. In Kombination mit der Schneeschmelze zwischen 3000-4000 m wurden Rinnsale zu reißenden Flüssen, die aus Wasser und rollenden Steinen bestanden. Uns wurde dadurch die Weiterfahrt verwehrt. Auf dem Rückmarsch war uns plötzlich ebenfalls der Weg abgeschnitten. Nach Erkundung mit der afghanischen Polizei und Einheimischen konnten wir die Wassermassen an der Grenze der Belastbarkeit für die Fahrzeuge überwinden (Abb.10). Auch die schwierige Infrastruktur machte uns zu schaffen. Steile Abhänge, Felsüberhänge, Steinschlag und Straßenabbrüche mussten passiert werden und kosteten einem Kameraden das Leben. Im Verlauf des Kontingents kam es zu mehreren Unfällen. Unsere Hägglund`s zogen viele Fahrzeuge aus teilweise unmöglichen Situationen wieder heraus. Aber auch die Gefährdungslage im Straßenverkehr durch Warnung vor IED`s, die in Fahrzeugen oder sogar auf Eseln versteckt sein sollten, stellte für uns eine große Bedrohung dar. Während mehrerer Konvoi-Fahrten mussten Warnschüsse abgegeben werden, da einheimische Fahrer in hohem Tempo auf uns zurasten und auf keine Zeichen reagierten. So kam es gerade gegen Ende Juli gehäuft zu so genannter „Force escalation“. Besonders aufwendige und gefährliche Operationen wurden gemeinsam von afghanischen und deutschen Kräften durchgeführt. Die afghanische Armee wurde stets durch deutsche Mentoren (OMLT) begleitet. Dabei wurden Waffenlager erkundet und ausgehoben, teilweise auch zu Fuß. Ende Juli wurde durch ANA, OMLT und QRF eine Offensive in Kunduz unterstützt. Durch viel Glück ist unseren Kameraden dabei nicht viel passiert. Die Gefechte dauerten am ersten Tag mehrere Stunden.

Die psychische Situation der Soldaten, die zum Teil aus nächster Nähe Schüsse abgaben, wird wohl noch einige Kollegen im Inland beschäftigen. Das OML-Team setzt sich mit Masse aus deutschen Kräften zusammen und wird durch US-amerikanische Kameraden verstärkt. In vielen Gesprächen äußerten diese, wie gut sie mit den deutschen Soldaten zusammen arbeiten könnten. Einige mit Irak- Erfahrung gaben sogar an, dass man lieber gemeinsam mit den Deutschen im Irak und im Süden Afghanistans kämpfen würde. Am 9. Juli wurde in einer großen Übergabezeremonie durch unseren stellvertretenden Kommandeur und den Vertreter des „Auswärtigen Amtes“ einige Projekte in Kashem Deh im Wert von mehreren Millionen Euro an die Afghanen übergeben. Beim Verlassen des Dorfes wurde genau unter dem ersten Fahrzeug, einem Eagle, eine 10 kg IED gezündet. Durch die Explosion wurde bei dem „ Minen-sicheren“ Fahrzeug die Minensperre aufgesprengt, Spiegel und Fußtritt zerstört, die Tür verbogen und Panzerplatten verbeult. Erstaunlicherweise befand sich im Abstand von 100 m um die IED-Stelle kein Mensch oder Fahrzeug, die sonst die Straße reichlich säumten. Da die Insassen mit einem Knalltrauma davonkamen, hatte diese neue Fahrzeugklasse ihre erste Feuertaufe überstanden. Als BAT-Arzt erlebt man jedoch nicht nur unangenehme Erfahrungen im Einsatz. Schön waren Aufträge mit Soldaten der zivil-militärischen Zusammenarbeit (CIMIC), bei denen das Verhältnis zur Zivilbevölkerung verbessert wurde und Kleidung, Bücher, Stifte und andere Geschenke überreicht wurden (Abb. 11). Ganz nebenbei wurden dadurch auch wichtige Informationen gewonnen. So wurde durch uns mittels Gesprächsaufklärung ein bisher unbekanntes Dorf im Gebirge entdeckt, dass bisher auch auf Sattelitenaufnahmen nicht zu sehen war. Im Verlauf unseres Kontingents erwiesen sich die Hägglund`s als zuverlässiges Transportmittel. Material und Personen konnten gut transportiert werden, wenngleich die notfallmedizinische Versorgung durch die Enge und die hohen Temperaturen etwas eingeschränkt war. Die Fahrzeuge waren in fast jedem Gelände einsetzbar und darüber hinaus im Stande, liegen gebliebene andere Fahrzeuge abzuschleppen oder anzuschieben. Der einzige Duro des Feldlagers in Feyzabad befand sich die meiste Zeit in der Instandsetzung. Der Duro konnte, wenn einsatzbereit, lediglich in Gebieten ohne Steigung eingesetzt werden, da der Motor die Belastungen nicht aushielt. Damit war der Duro in einer bergreichen Region wie Badakshan wenig einsetzbar, obwohl er über die beste Ausstattung und die beste Schutzklasse verfügte. Um als SanKomponente über eine ähnliche Schutzklasse wie die der MOLT`s mit Dingo und Eagle zu verfügen, wäre hier der Einsatz der SanVersion des Eagle oder des Yak 2 wünschenswert.

Während unseres Kontingentes befand sich über knapp drei Wochen auch eine zivile Firma mit drei Bell-UH-1D Hubschraubern im PRT Feyzabad, um im Auftrag der afghanischen Regierung Mohnfelder zu erkunden und ggf. zu vernichten. Bei möglichen Medevac Einsätzen in weiter Entfernung verfügten wir nun mit den Hubschraubern über ein schnelles Medevac-Gefährt vor Ort.
Bei den vorherrschenden Straßenverhältnissen kann eine Fahrt in die militärischen Operationsräume schon einmal zwei Tage dauern, bis Keshem und Baharak allein schon 6-8 Stunden. Aus Sicht des vor Ort eingesetzten Sanitätspersonals könnte eine Stationierung von Medevac-Hubschraubern in Feyzabad nicht nur Personal einsparen, sondern den schwierigen Landtransport über einen längeren Zeitraum deutlich verkürzen.

Zusammenfassend stellt die Verwendung als BAT-Arzt in Feyzabad eine sehr interessante Tätigkeit dar. Die Vielfältigen medizinischen und militärischen Erfahrungen bereichern die eigene Entwicklung und führen Stärken und Schwächen der Ausbildung und der Ausrüstung vor Augen. Die wichtigste persönliche Voraussetzung für einen solchen Einsatz ist körperliche Fitness und Beherrschung von Traumamanagement durch TCCC (Tactical Combat Casualty Care) und PHTLS (pre Hospital Trauma Life Support). Die Ausbildung im Inland muss daher auch für uns Sanitätsoffiziere einen großen Anteil Sport und Waffenhandhabung, sowie Kenntnisse von militärischen Abläufen beinhalten (Abb. 12). Für die medizinische Ausbildung muss die Traumaversorgung im Mittelpunkt stehen. Hier sollte jeder SanOffzArzt RettMed die Möglichkeit erhalten, den Kurs TCCC zu absolvieren und in Übung zu bleiben. Ein gut geplanter Einsatz mit festen IN- und OUT-Daten ist eine wichtige Voraussetzung zum Erfolg. Personaleinsparungen könnten durch effizienten Einsatz von BAT-Trupps und den Einsatz von Medevac- Hubschraubern geschaffen werden. Der gut ausgebildete Rettungstruppführer ist sicher schon der erste Schritt in die richtige Richtung. Während unseres Kontingents sind über 90 ISAF-Soldaten gefallen, auch deutsche Soldaten waren darunter. Dies zeigt die hohe Gefahrenlage in Afghanistan. Gerade deshalb werden wir als Rettungsmediziner vor Ort gebraucht und die Sinnhaftigkeit unseres Einsatzes steht außer Frage.

Datum: 13.12.2009

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2009/4