Phagentherapie bis 2030?

Nur der translationale Zugang verspricht die erfolgreiche Implementierung in die klinische Praxis

C. Willy

Die relevanteste postoperative Komplikation in der Chirurgie ist die Infektion der Operationswunde. Tatsächlich ist sie trotz der erheblichen Fortschritte der letzten Jahrzehnte in vielen Bereichen der operativen Medizin nach wie vor als große Herausforderung anzusehen. Ganz besonders wird die Problematik durch die aktuell zunehmende Verbreitung multiresistenter Erreger akzentuiert. Die in den vergangenen Jahren publizierten Surveillanceberichte der WHO weisen auf die enorme Dynamik hin, mit der sich die Empfindlichkeit klinisch relevanter Bakterien gegenüber antimikrobiell wirksamen Substanzen verschlechtert. 

So hat sich die global, aber auch in Deutschland, um sich greifende Verbreitung multiresistenter Erreger zu einer medizinischen und gesundheitspolitischen Herausforderung erster Ordnung entwickelt. Den im Januar 2022 publizierten Berechnungen zufolge sterben mittlerweile jährlich weltweit etwa 1,3 Mio. Menschen an den Folgen einer durch multiresistente Erreger verursachten Infektion (in den Staaten der EU und des Europäischen Wirtschaftsraums ca. 33 000, in Deutschland bei 55 000 Infektionen ca. 2 400 Todesfälle). Folgt man den Überlegungen, wird sich die Zahl im Jahr 2050 auf 10 Mio. Todesopfer jährlich belaufen, falls dem dramatischen Trend nicht umgehend Einhalt geboten wird. Diese Problematik ist Gegenstand von Beratungen auf allen politischen Ebenen, inkl. den G7 und G20 Gesundheitsgipfeln (2015 bzw. 2018), auf denen mit Nachdruck weitere antimikrobielle Strategien, wie z. B. die Phagentherapie, gefordert wurden.

Applikation einer Phagenlösung über in die chronische Defektwunde eingelegte...
Applikation einer Phagenlösung über in die chronische Defektwunde
eingelegte Drainageröhrchen
Quelle: Bundeswehr/BwKrhs Berlin

Bisherige Erfolge der Phagentherapie

Über erste Erfolge der Bakteriophagentherapie war bereits vor 100 Jahren berichtet worden. Verschiedene Faktoren, darunter die Einführung von Antibiotika in den 1940er Jahren, führten zum Niedergang der Phagentherapie im Westen. Wenn auch bis in die 1980er Jahre hinein in Frankreich Phagenforschung und -anwendung fortgesetzt worden waren, führte erst die Suche nach Ausweitung antimikrobieller Strategien unter dem Druck der Multiresistenz gegen Antibiotika zum neuen Interesse an der Phagentherapie. Aufwind erfahren heute diese Bemühungen durch bahnbrechende Effekte dieser Therapie, die in der Behandlung einzelner Patienten zu einem das Überleben sichernden Wendepunkt führten (= hohe Evidenzklasse 1c). Neben diesen Berichten weisen mittlerweile auch immer mehr aktuelle klinische Belege auf die Effektivität der Phagentherapie bei einer Vielzahl von Infektionskrankheiten hin: Übersichtsarbeiten aus dem Jahr 2020, die auf 43 ausgewerteten Artikeln basieren, zeigen, dass durch den Einsatz von Bakteriophagen in 80,8 % eine klinische Heilung erreicht werden konnte, in 10,7 % eine Besserung und lediglich in 8,5 % keine Besserung eintrat.

Status quo der Therapie in Deutschland

Die Therapie mit Phagen ist in Deutschland noch nicht zugelassen. Dies bedingt, dass Ärzte, Patienten und deren Angehörige sich selbsthelfend im Ausland Phagen beziehen oder dort Unterstützung suchen. So ergeben sich allein im persönlichen Erfahrungsbereich beispielsweise folgende Konstellationen:

  • Patienten beziehen über ausländische Vermittler Phagen in ­Tiflis (Georgien),
  • Patienten werden in Tiflis behandelt (in einem anderen Fall wurde die Therapie in Brüssel angestrebt und die Genehmigung der Krankenkasse erfolgreich eingeholt),
  • Patientenangehörige kaufen in einer Moskauer Apotheke Phagen um diese dann nach Deutschland einzuführen und unter klinischer Beobachtung eines leitenden Arztes einer Universitätsklinik anzuwenden,
  • Universitätskliniken beziehen Breitspektrumphagencomposites in fixen Phagenmischungen im benachbarten Ausland (https://www.phage24.com), lassen für das individuelle Patientenisolat an einer Universitätsklinik in Finnland Phagenlö­sungen herstellen oder beziehen nach weltweitem Hilferuf
     (https://www.phagedirectory.com) Phagen für ihren Patienten im außereuropäischen Ausland.

Derzeit erfolgt die Therapie mit Phagen vermutlich in fünf deutschen Kliniken. Hierbei wird zumindest in einer Klinik mit selbstisolierten Phagen therapeutisch gearbeitet. Beinahe täglich erfolgen Anfragen von Patienten, Familienangehörigen, Kollegen oder karitativen Einrichtungen mit der Bitte um Durchführung einer Phagentherapie.

Die zunehmende Gefährdung durch die Verbreitung der multiantibiotikaresistenten Erreger erzwingt dringend die Erforschung zahlreicher offener Fragen zur Diagnostik und Therapie. Um die bestehenden Wissenslücken zu füllen und erarbeitete Erkenntnisse direkt in die tägliche Praxis einzuführen, in der heute in der Regel nur nicht ausreichend spezifizierte Phagen eingesetzt werden, engagiert sich das Bundeswehrkrankenhaus Berlin auf verschiedenen Ebenen: Entwicklung eines Datenregisters zusammen mit der ETH Zürich und dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF), Co-Chairmanship RTG 313 der NATO („Reintroduction of phage medicine in military medicine space”), Entwicklung sicherer Phagenprodukte in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin, Anwendung von Phagen gegen ESKAPE-Erreger im Rahmen des vom Innovationsfond geförderten Projektes „PhagoFlow“ (www.phagoflow.de), Aufbau eines Europäischen Spitzenforschungsclusters (empowerment of translational research) zur Erforschung der Herstellung synthetischer Phagen mit KI-gestützter Biosensorik zur Erkennung der Erreger und potentiell wirksamer antibiotischer Wirkstoffe (Partner: Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr) sowie der Bedeutung von Phagenlysinen und der immunologischen Auswirkungen von Phagenprodukten.

All diese Anstrengungen dienen dem Ziel, innerhalb des laufenden Jahrzehntes die Phagentherapie in Deutschland zu etablieren und hierfür die gesammelten praktischen Erkenntnisse sowie das mit dem genannten „bundle approach“ erworbene theoretische Wissen unmittelbar schwer verwundeten Patienten bzw. Patienten mit komplexen infizierten Defektwunden zur Verfügung zu stellen. 


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