Das Internationale Flugmedizinische ­Trainingszentrum des Zentrums für Luft- und Raumfahrmedizin der ­Luftwaffe

C. Bartel, N. Spickenreither und M. Nehring

Aeromedical Evacuation Training auf dem Luftfahrzeug A400M in
Wunstorf
Bundeswehr/Stephan Ink

Das Internationale Flugmedizinische Trainingszentrum des Zentrums für Luft- und Raumfahrmedizin der Luftwaffe (ZentrLuRMedLw) bietet ein vielfältiges Ausbildungsspektrum in den Bereichen Flugpsychologie, Flugphysiologie und Flugmedizin.

Mit dem im September 2022 erfolgten Umzug in einen Neubau auf dem Campus des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) hat die flugpsychologische und flugmedizinische ­Ausbildung in Köln eine neue Heimat gefunden. Das flugphysiologische Training findet weiterhin in Königsbrück statt. Die Trainingslandschaft des ZentrLuRMedLw bietet umfassende und facettenreiche Ausbildungsgänge im Spezialgebiet der Flugmedizin.

Flugmedizinisches Training

FliegerärztInnen sowie flugmedizinisches Assistenzpersonal werden den Vorgaben der Europäischen Agentur für Flugsicherheit entsprechend in mehrwöchigen Trainings umfangreich flugmedizinisch ausgebildet. Neben dem Erwerb von fundierten fachlichen Kenntnissen wird dabei die Identifikation als „Team Flugmedizin“ gefördert. An dieser qualitativ hochwertigen Ausbildung partizipieren regelmäßig multinationale militärische und zivile Teil­nehmer verschiedener Partnernationen. Kontinuierlich werden Trainings zum Kompetenzerhalt angeboten und digitale Ausbildungsangebote zu flugmedizinischen Themen im Rahmen der Fort- und Weiterbildung bereitgestellt. Ein wichtiger Bestandteil der Luftfahrt und somit auch des flugmedizinischen Trainings ist zudem die Ausbildung des gesamten flugmedizinischen Personals in „Human Factors“.

In Vorbereitung auf ihre Auslandseinsätze erfolgt die Einweisung der FliegerärztInnen in ihre zukünftige Funktion als „Aeromedical Evacuation (AE) Coordination Officer“ bzw. „Medical Director“ an Bord von Luftfahrzeugen (Lfz). Flugmedizinisches Assistenzpersonal erhält Trainingsmodule zur Wahrnehmung der Aufgabe „Medical Crew Chief“ für AE-Einsätze. Zudem erfährt ausgewähltes medizinisches Personal der Teilstreitkräfte (TSK) und militärischen Organisationsbereiche (MilOrgBer) eine modulare Ausbildung, die sie befähigt, auf den unterschiedlichen Lfz-Mustern den Transport von Erkrankten und Verwundeten sicherzustellen. Jährlich werden ca. 700 Trainingsteilnehmer ausgebildet.

Flugphysiologisches Training

In Königsbrück werden Lfz-Besatzungen, HöhenfallschirmspringerInnen, FliegerärztInnen sowie flugmedizinisches Assistenzpersonal in der Flugphysiologie ausgebildet.

In jährlich ca. 150 Lehrgängen mit insgesamt 1 600 nationalen und internationalen Lehrgangsteilnehmern wird in 15 unterschiedlichen Trainings eine realitätsnahe Ausbildung geboten. Bei speziellen Fragestellungen kann eine Begutachtung auf Wehrfliegerverwendungsfähigkeit durch Realflugsimulation unter­stützt werden. Dazu stehen modernste Simulationsanlagen (Humanzentrifuge, Höhenklimasimulationsanlage, Desorientierungstrainer und Nachtsehanlage) zur Verfügung. Eine Überdruckkammer wird zur Behandlung von Druckfallkrankheiten vorgehalten.

Ziel dieser Ausbildung ist es, flugphysiologisches Wissen praxisnah zu vermitteln und damit maßgebend zur Flugsicherheit beizutragen. Ein regelmäßiges flugphysiologisches Training ist unerlässlich, um die Lfz-Besatzungen für diese wichtige Thematik zu sensibilisieren und die Situational Awareness in Bezug auf die Sicherheit in ihren Arbeitsfeldern zu schärfen.

Flugpsychologisches Training

Das Flugmedizinische Trainingszentrum bietet spezielle Trainings für Luftfahrtpersonal als Aus- und Fortbildung in psychologischer Krisenintervention, Gesprächsführung und der Förderung individueller mentaler Widerstandsfähigkeit an. Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse sowie praktische Erfahrungen der AusbilderInnen bilden die Grundlage für die Konzeption aller Trainings. Für Personal des fliegerischen sowie flugmedizinischen Dienstes, Flugsicherheitspersonal, künftige EinsatzführerInnen sowie OffizieranwärterInnen der Luftwaffe, Angehörige des Psychologischen Dienstes der Bundeswehr und Externe werden bedarfsangepasst im Rahmen von verschiedenen Trainings an diversen bundeswehrinternen und externen Ausbildungseinrichtungen (z. B. Luftfahrtamt der Bundeswehr und Offizierschule der Luftwaffe), praxisorientierte Unterrichte zu vielfältigen Themen (beispielsweise Kommunikation, Stressbewältigung und Traumafolgestörungen) angeboten.

Somit erhalten jährlich über 900 Trainingsteilnehmende flugpsychologische Kenntnisse und Fertigkeiten, die zur militärischen Flugsicherheit beitragen bzw. die mentale Gesundheit fördern.

Ausblick und zukünftige Herausforderungen

Durch die örtliche Neuausrichtung in unmittelbarer Nachbarschaft zur medizinischen Forschungsabteilung des DLR und des Astronautentrainingscenters der European Space Agency ergeben sich Möglichkeiten der Veränderung, der Schaffung von Synergien und des Erwerbs neuer Kooperationspartner. Die Trainingsinhalte entwickeln sich ständig weiter, denn Ausbildung kennt keinen Stillstand und unterliegt einer dauerhaften Dynamik. Im Rahmen der Kompetenzorientierten Ausbildung (KOA) werden die Möglichkeiten der digitalen Ausbildung, u. a. virtuell begehbare Lfz und Angebote des Fernlernens, weiter ausgebaut. Hierfür stehen modernste Ausbildungstechnologien zur Verfügung. Aktuell findet mit der Implementierung eines Qualitätsmanagementsystems und der Umstellung auf KOA eine Überarbeitung aller Trainingstypen statt. Auch die Konzeption von neuen Ergänzungsmodulen ist, aufgrund der Einführung von neuen Lfz in die AE Rolle (z. B. Airbus A330 MRTT), unerlässlich. Ein grundlegendes Ziel ist es, Trainingsangebote zeitgemäß und zukunftsorientiert zu gestalten.

Darüber hinaus wird zunehmend ein steigender Bedarf der TSK und MilOrgBer an flugmedizinischen, flugpsychologischen und flugphysiologischen Trainings festgestellt. Diesem wird nachgegangen, unter Aufrechterhaltung einer fundierten und qualitativ hochwertigen Ausbildung. 


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