Online-Learning in der taktischen Verwundetenversorgung

Die US-Streitkräfte und ihre Homepage www.deployedmedicine.com

P. Mayr

Online-Learning, d. h. Lernen unabhängig von festgeschriebenen Vorlesungszeiten erfreut sich einer ständig steigenden Beliebtheit in der universitären und auch akademischen Lehre.

Online-learning heute

Online-Learning, d. h. Lernen unabhängig von festgeschriebenen Vorlesungszeiten erfreut sich einer ständig steigenden Beliebtheit in der universitären und auch akademischen Lehre. Das Konzept des “Flipped Classroom” ist eng an die Methode des “Just in Time – Teaching” gebunden. Bei dem “Flipped Classroom”- Konzept werden den Studierenden bereits vorab Lehrunterlagen digital zur Verfügung gestellt. Dadurch können die Studierenden die theoretischen Grundlagen bereits vor der Präsenzveranstaltung zeit- und ortsunabhängig vorbereiten. In der Präsenzveranstaltung steht die Anwendung des vorab Erlernten und die Wissensvertiefung im Vordergrund.

Außerhalb der universitären Lehre bietet dieser Lehransatz den Vorteil, dass bei räumlich dissoziierten Einheiten, wie beispielsweise den Streitkräften, Expertenwissen und aktuelles Lehrmaterial jederzeit verfügbar ist. Der Sanitätsdienst der ­Bundeswehr betreibt als interne Ausbildungs- und Lernplattform das „San-Netz“ mit derzeit rund 6000 registrierten Benutzern. Neben dem Bereich „medizinische Fachliteratur“ ist der Aspekt „Verwundetenversorgung im Einsatz“ in der virtuellen Klinik aufgehängt. Perspektivisch ist die Einbindung eines „Serious Games“ zur taktischen Verwundetenversorgung geplant.4

Medizinisches Online-Learning bei den US-Streitkräften

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Ein ähnliches Konzept verfolgen die amerikanischen Streitkräfte mit der Homepage “www.deployedmedicine.com“, die von der amerikanischen “Defense Health Agency” (DHA) betrieben wird. Diese hat den Auftrag, die medizinische Versorgung der Angehörigen der US Army, US AirForce und US Navy sicherzustellen. Obwohl bei den US Streitkräften die Notwendigkeit zu einer Standardisierung der Verwundetenversorgung im Gefecht bereits länger erkannt war, wurden die ersten Leitlinien zur Versorgung Verletzter im taktischen Umfeld erst 1992 veröffentlicht und geschult. Aus diesen resultierte nach vier Jahren Forschung und Entwicklung 1996 das Konzept des “Tactical Combat Casualty Care“ (TCCC) als evidenzbasierte, “best-practice” Leitlinie. Wurden initial nur Angehörige der Spezialeinheiten und des Sanitätspersonals (z. B. Medics, Corpsmen) in TCCC geschult, so finden sich diese Ausbildungsinhalte heutzutage bei allen Angehörigen der US Streitkräfte. Im Sanitätsdienst der Bundeswehr werden diese Inhalte im Rahmen der Ausbildung der Einsatzersthelfer A (EHA) und B (EHB) geschult. Die dargestellte Website dient allen Angehörigen der US Streitkräfte zur Vorbereitung einer praktischen Ausbildung, aber auch zur Auffrischung und Verinner­lichung vor einer Verlegung in den Einsatz.

Der Inhalt ist im Wesentlichen in drei Bereiche unterteilt: 1. All Service Member, 2. Tactical Combat Casualty Care und 3. Combat Casualty Care. Neben dem Inhalt für die Lernenden finden sich zusätzlich auch Ausbildungsmaterialien (PDF, Dias, Videos) für die Instruktoren.

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All Service Member (ASM)

Durch die TCCC ASM Ausbildung sollen allen Soldaten fünf lebensrettende Kompetenzen vermittelt werden: Beurteilung des Verletzten, Tourniquet-Anlage, wound packing, Druckverband und das Freimachen der Atemwege.

Tactical Combat Casualty Care (TCCC)

In diesem Bereich finden sich die “klassischen” TCCC-Leitlinien in der aktuellen Version. Zusätzlich sind Pocket-Guides und Videos, beispielsweise zu den Themen Blutstillung, Atemweg, Hypothermie und Antibiotikagabe hinterlegt.

Combat Casualty Care

Anders als bei den vorherigen Bereichen, wird hier die erweiterte Versorgung in oder abgesetzt von der Gefechtsregion geschult. Hier fließen Empfehlungen und Leitlinien des Joint Trauma Systems (JTS) ein. Das JTS beinhaltet das Committee on Surgical Combat Casualty Care (CoSCCC), das Committee on En Route Combat Casualty Care (CoERCCC) und das Committee on Tactical Combat Casualty Care (CoTCCC). Somit werden auch klinische Themen einer erweiterten Verwundetenversorgung wie Kälteverletzung, Transfusion oder die Dialyse abgehandelt. Dieser Bereich richtet sich somit primär an ausgebildetes Fachpersonal der Sanitätsdienste. 

Zusätzlich können neue Entwicklungen (z. B. neue Tourniquets) und aktualisierte Leitlinien abgerufen werden. In den Bereichen TCCC und Combat Casualty Care werden einzelne Themenbereiche zusätzlich in Audio-Podcasts vermittelt. Ein Großteil des verfügbaren Inhalts der Website kann mittels App auch mobil abgerufen werden.

Ausblick

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Unabhängig von dem derzeitigen Aufbau der Homepage streben die amerikanischen Streitkräfte eine Neuorganisation der notfallmedizinischen Versorgung in vier Stufen („Tier“) an.

„Tier 1“ beinhaltet die elementare Erste-Hilfe Ausbildung aller Streitkräfteangehörigen, während „Tier 2“ die bisherigen TCCC Lehrinhalte für Nicht-Sanitätspersonal abdecken soll. Somit soll „Tier 2“ zukünftig die bisherige Combat Lifesaver Ausbildung ersetzen. „Tier 3“ ist für Sanitätspersonal (z. B. Medics, Combat Medics, Corpsman) vorgesehen, während mit „Tier 4“ die Aus­bildung von Sanitätspersonal der Spezialkräfte, Ärzte und ­Paramedics geplant ist. Inwieweit sich diese geänderte Struktur auf der vorgestellten Website wiederfinden wird, bleibt abzuwarten.

Insgesamt verfolgt die DHS mit der Website „www.deployedmedicine.com“ ein lehrdidaktisch interessantes Konzept zur breiten Vermittlung medizinisch-taktischer Ausbildungsinhalte. Durch die Bereitstellung der theoretischen Inhalte bleibt bei der Präsenzveranstaltung mehr Zeit für die praktische Ausbildung und Wissensvertiefung. Zu Überlegen bleibt, ob sich ein solches Konzept, z. B. im Rahmen der kompetenzorientierten Ausbildung, auf breiter Basis auch für die sanitätsdienstliche Versorgung der Bundeswehr im Auslandseinsatz einführen lässt.  

1 Aus dem Institut für Anästhesiologie (Direktor: Prof. Dr. med. P. Tassani-Prell), Deutsches Herzzentrum München des Freistaates Bayern, Klinik a.d. Technischen Universität München2 und der Sanitätsakademie der Bundeswehr(Kommandeurin: Generalstabsarzt Dr. G. Krüger)

 

Für die Verfasser:
Oberstabsarzt d. R. Priv.-Doz. Dr. med. N. Patrick Mayr
Institut für Anästhesiologie
Deutsches Herzzentrum München des Freistaates Bayern
Klinik a.d. Technischen Universität München 
Lazarettstr. 36, D-80636 München
E-Mail: patrick.mayr@tum.de 

Abbildungen und Literatur beim Verfasser

Datum: 09.09.2020

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