01.12.2008 •

Nicht aktive Sanitätsstabsoffiziere in der zivil-militärischen Zusammenarbeit

Im Rahmen der Transformation der Bundeswehr wurden die territorialen Strukturen kontinuierlich den sich ändernden Rahmenbedingungen angepasst. Mit Aufstellung der Bezirks- und Kreisverbindungskommandos wurde ein Bindeglied zwischen Bundeswehr und den verantwortlichen zivilen Dienststellen auf der regionalen Ebene geschaffen. Beginnend mit einem Modellversuch im Jahr 2005 und der Umsetzung ab dem Jahr 2006 ist so eine ausschließlich durch Reservisten wahrzunehmende Funktion ins Leben gerufen worden – erst ab der Landesebene kommen wieder aktive Kommandostrukturen zum Tragen. Als sanitätsdienstlicher Anteil dieser Verbindungskommandos dienen die Beauftragten Sanitätsstabsoffiziere für die Zivil Militärische Zusammenarbeit im Gesundheitswesen (BeaSan StOffzZMZGesWes) als medizinischer Fachberater. Diese verantwortungsvolle Aufgabe als Verbindungsglied zwischen der Bundeswehr und den mit dem Katastrophenschutz befassten zivilen Stellen vor Ort wird von den Reservisten engagiert wahrgenommen und sichert die flexible Bereitstellung einer adäquaten fachlichen Expertise zur Unterstützung der zivilen Verantwortungsträger bei Naturkatastrophen, besonders schweren Unglücksfällen, anderen Großschadensereignissen oder der vorbeugenden Schadensabwehr.

Beorderungssituation/ Ausfächerung

Das neu etablierte territoriale Netzwerk befähigt bereits heute zu einer Kooperation mit den auf der zivilen Seite Verantwortlichen ab Kreisebene. Mit Indienststellung des Landeskommandos Niedersachsen im Juni 2007 fand der organisatorische Aufbau bundeswehrseitiger Strukturen einen ersten Abschluss. Zur Wahrnehmung der vielfältigen Aufgaben wurden zunächst insgesamt 31 Bezirksverbindungskommandos (BVK) und 426 Kreisverbindungskommandos (KVK) aufgestellt. Die Funktion des BeaSanStOffzZMZGesWes wird in den BVK von einem Oberstarzt der Reserve und in den KVK von einem Oberfeldarzt der Reserve wahrgenommen, wobei sie in der Funktion durch einen Sanitätsfeldwebel (OStFw/StFw) unterstützt werden.
Die Gebietsreform in Sachsen im Jahr 2008 erforderte eine Anpassung der Anzahl an KVK, wodurch sich der Gesamtumfang der KVK von bundesweit 426 auf 410 reduzierte.

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Die Entwicklung der Einsatzbereitschaft des sanitätsdienstlichen Anteils der BVK/KVK, stellte sich mit Stand Februar 2007 so dar, dass 32 Verbindungskommandos einsatzbereit und 233 bedingt einsatzbereit waren. Mit Stand September 2008 sind 127 Verbindungskommandos einsatzbereit und 261 bedingt einsatzbereit. Als bedingt einsatzbereit werden die Verbindungskommandos eingestuft, bei denen eine Kompensation der vakanten Dienstposten durch aktive Soldaten des ZSanDstBw möglich ist und die Funktionalität des sanitätsdienstlichen Anteils gewährleistet werden kann.
Betrachtet man die aktuellen Zahlen der Beorderungen von BeaSanStOffzZMZGesWes, so sind aktuell 61 % der Dienstposten der Bea- SanStOffzZMZGesWes in den Verbindungskommandos besetzt. Beim Grad der Besetzung der Dienstposten gibt es deutliche, regionale Unterschiede, da in den „neuen“ Bundesländern gewachsene Reservistenstrukturen fehlen und es trotz intensiver Bemühungen und Werbemaßnahmen bislang noch nicht in ausreichendem Maße gelungen ist, mehr geeignete Kandidaten für eine entsprechende Beorderung zu gewinnen.

Aufgaben des BeaSanStOffz ZMZGesWes

Der BeaSanStOffzZMZGesWes als Beratungselement der Bundeswehr für die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitswesen trägt entscheidend dazu bei, ein gemeinsames Verständnis militärischer und ziviler Akteure schaffen, um so die Basis für ein effektives Zusammenwirken in Krisenlagen entstehen zu lassen.
Die Funktion des BeaSanStOffzZMZGesWes umfasst dabei im Grundbetrieb, außerhalb von Einsätzen und Übungen, vielfältige Aufgaben. Beispiel dafür sind unter anderem das Herstellen von Arbeitsbeziehungen zu und die Beratung von zivilen Behörden der Bezirksbzw. Kreisebene sowie ziviler Hilfsorganisationen (Bezirks-/ Kreisverbände) im Aufgabengebiet ZMZ im Gesundheitswesen oder das Halten von Verbindung zu und ggf. die Beratung von Landeskommandos, BVK und KVK der Streitkräftebasis.
Als medizinischer Fachberater obliegt dem BeaSanStOffzZMZGesWes die Beantwortung von Fragestellungen der o.a. zivilen Behörden in allgemeinen sanitätsdienstlichen Belangen.
Auf Weisung des zuständigen Sanitätskommandos sind sanitätsdienstliche Interessen gegenüber zivilen Behörden zu vertreten.
Bei Planungen in Krisenstäben sind die Möglichkeiten der Unterstützung durch den Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr im Rahmen von Hilfeleistungen bei Naturkatastrophen und besonders schweren Unglücksfällen darzulegen, um so ein effektives Zusammenwirken in Krisenlagen zu ermöglichen.
Belange und Forderungen der zivilen Behörden sind mit dem zuständigen SanKdo zu kommunizieren (Der Anforderungsweg der Hilfeleistungen läuft davon unbenommen über die territorialen Kommandobehörden). Die Teilnahme an Sitzungen / Besprechungen der zivilen Behörden sowie der BVK / KVK als Verbindungsoffizier des ZSanDstBw gehören ebenfalls zum Aufgabenspektrum des Bea- SanStOffzZMZGesWes.
Im Einsatzfall und bei Übungen, übernimmt der BeaSanStOffzZMZGesWes als sanitätsdienstlicher Anteil des BVK/KVK mit Unterstützung des SanFwZMZ die sanitätsdienst - liche Lagebeurteilung. Er beurteilt die Lage im Hinblick auf den Unterstützungsbedarf der Katastrophenhilfe und die Unterstützungsmöglichkeiten des ZSanDstBw und stimmt diese mit dem zuständigen SanKdo ab. Er berät zudem den kommunalen Einsatzleiter bezüglich der Möglichkeiten und Grenzen der Unterstützung durch den ZSanDstBw. Bei überregionalen Lagen oder einer Lageentwicklung die mehrere BVK/KVK betrifft hält der BeaSanStOffzZMZGesWes Verbindung mit den BeaSanStOffzZMZGesWes benachbarter Kreise und Regierungsbezirke. Dies verdeutlicht eindrucksvoll das außerordentlich hohe Maß an Teamfähigkeit und Organisationstalent, die der ideale BeaSanSt - Offz ZMZGesWes in die Aufgabe einbringen muss.
Der Einsatz der Verbindungskommandos als Teil eines kommunalen Krisenstabes wird durch die Einführung des aufschiebend bedingt wirksamen Einberufungsbescheides administrativ vereinfacht und ermöglicht so eine schnellere und gezielte Aktivierung aller Angehörigen der BVK/KVK durch die jeweils zuständigen Sanitäts- oder Landeskommandos durch Nennung eines Kennworts.

Erfahrungen im Einsatz

Die Verbindungskommandos sind seit Bestehen bereits mehrfach erfolgreich eingesetzt worden. So wurden die Einsätze der Bundeswehr gegen die Vogelgrippe und die Elbeflut im Jahr 2006, während der FIFA Weltmeisterschaft 2006 und des G8 Gipfels 2007 durch die neuen Verbindungskommandos unterstützt. Bei Großereignissen und Katastropheneinsätzen hat sich gezeigt, dass die Unterstützungsforderungen der zivilen Bedarfsträger überproportional häufig sanitätsdienstliche Fähigkeiten und Leistungen zum Gegenstand haben.

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Eine effiziente Zusammenarbeit im Schadensfall erfordert das schnelle Verfügbarmachen von Kräften und Mitteln für die subsidiäre Unterstützung der zivilen Seite. Als aktuelles Beispiel ist hier die Unterstützung des Klinikums Konstanz zu nennen. Bei diesem noch andauernden Einsatz konnte nach einem Brand am 03.06.2008, mit der daraus resultierenden Zerstörung des gesamten Operationstraktes schnell und effektiv durch den ZSanDstBw Hilfe geleistet werden. Durch dieses Ereignis verringerte sich im Einzugsgebiet von Konstanz die Operationskapazität um 50%. Zur Zeit befinden sich in Konstanz eine modulare Sanitätseinrichtung mit 19 Containern und 13 Einheitszelten Typ II im Einsatz. Da die Hilfeleistung nur subsidiär zu erbringen ist, stellt der ZSan DstBw ausschließlich das Material und einige Soldaten als technisches Funktionspersonal. In den vier zur Verfügung stehenden Operationscontainern wird ausschließlich vom zivilen Personal des Klinikums Konstanz operiert. Vom Tag der ersten Operation am 20.06. 2008 bis zum Ende September 2008 wurden bereits über 550 Operationen in dem mobilen Operationszentrum durchgeführt. Der Einsatz wird voraussichtlich bis Januar 2009 dauern. Da der ausgebrannte Operationstrakt der Klinik bis dahin noch nicht wiederhergestellt werden kann, wird der ZSanDstBw durch eine Container lösung eines zivilen Anbieters abgelöst werden. Auch bei dieser Hilfeleistung brachte sich das regional zuständige Kreisverbindungskommando mit dem BeaSanStOffz - ZMZGesWes zielführend als Mittler vor Ort bei der Unterstützungsleistung ein.

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Fazit

Mit der Schaffung von Bezirks- und Kreisverbindungskommandos hat die Bundeswehr hoch flexible und kompetente Beratungselemente in die Fläche gebracht. Obwohl die Aufstellung des neuen territorialen Netzwerkes erst im Juni 2007 abgeschlossen wurde, hat sich das System schon in zahlreichen Einsätzen bewährt. Das frühzeitige Einbringen medizinischer Ex pertise und die Schaffung einer durchgängigen Struktur zur ZMZ mit dem zivilen Gesundheitswesen im ZSanDstBw bietet den zivilen Verantwortungsträgern sowie den Beauftragten der SKB aller Ebenen einen adäquaten Ansprechpartner bei allen Fragestellungen mit sanitätsdienstlichen Inhalten. Ein gemeinsames Verständnis militärischer und ziviler Akteure schafft so die Basis für ein effektives Zusammenwirken in Katastrophenlagen. Die BeaSanStOffzZMZGesWes sind in ihrer Funktion ein unverzichtbares Element der Bundeswehr zur Integration sanitätsdienstlicher Expertise in das System der gesamtstaatlichen Sicherheitsvorsorge in Bezug auf den Katastrophenschutz in Deutschland. Mit dieser herausfordernden Aufgabe hat sich ein besonders attraktives Betätigungsfeld für engagierte Reservesanitätsoffiziere und –unteroffiziere eröffnet, die so einen wertvollen Beitrag zum Schutz ihrer Heimatregion leisten können.

Datum: 01.12.2008

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2008/4

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