Neue Wege in der Gesundheitsversorgung der ­Bundeswehr?

Warum sich Führung und ­Management ändern

N. Weller

„Ein Fachdienst ist ein nach fachlichen Erfordernissen eingerichteter Dienst in der Bundeswehr.“ Diese Passage aus der ehemaligen Heeresdienstvorschrift 100/900 beschreibt im Kern ein wesentliches Element der Ausrichtung des Sanitätsdienstes der Bundeswehr. Die Gesundheitsversorgung der Bundeswehr ist eine vorrangig durch fachliche Erfordernisse bestimmte Aufgabe.

Träger der Gesundheitsversorgung ist der Sanitätsdienst der Bundeswehr, der ein militärisches Gesundheitssystem betreibt, das wie ein Mikrokosmos nahezu alle Aufgaben des zivilen Gesundheitswesens widerspiegelt, im Hauptauftrag der Einsatzversorgung aber deutlich über das zivile Spektrum hinausgeht. Qualität und Funktionalität der Aufgabenerfüllung wirken sich zwangsläufig auf alle Ebenen, Dimensionen und Aufgabenbereiche des gesamten Geschäftsbereichs im In- und Ausland aus. Auf allen Ebenen des Sanitätsdienstes der Bundeswehr und in allen damit verbundenen Prozessen ist somit die fachliche Expertise der Approbationen und der medizinischen Fachberufe gefordert.

Die „Fachlichkeit“ ist dabei nicht nur in der Leistungserbringung am Patienten (Patientenversorgung) zwingend. Sie bestimmt auch Führung und Management der Gesundheitsversorgung der Bundeswehr. Die Fachkenntnis ist zwingend, aber allein nicht hinreichend zur Ausgestaltung einer militärischen Gesundheitsversorgung, die im Kontext der Streitkräfte erfolgt und gleichzeitig in den Rahmen eingebunden ist, den das zivile Gesundheitssystem für die Berufsausübung und den Betrieb von Gesundheitseinrichtungen setzt.

Generalstabsarzt Dr. Norbert Weller (links) im Gespräch mit dem Inspekteur des...
Generalstabsarzt Dr. Norbert Weller (links) im Gespräch mit dem Inspekteur des Sanitätsdienstes.
Quelle: Bundeswehr/Patrick Grüterich

Bewegte Zeiten und komplexe Herausforderungen

Die Frage nach dem „Was ist und Was kommen kann?“ ist Startpunkt der Überlegungen, warum sich Führung und Management der Gesundheitsversorgung und damit des Sanitätsdienstes der Bundeswehr als sein wesentlicher Träger ändern. 

Durch die Veröffentlichung der „Eckpunkte für die Bundeswehr der Zukunft“ vom 18.05.2021 wurde ein bedeutender Umgestaltungsimpuls und ein Rahmen für die Ausgestaltung des Sanitätsdienstes der Bundeswehr in den Streitkräften der Zukunft gesetzt.

Dimensionen beschreiben die Zuordnung der militärischen Verantwortung, die Bundeswehr ist in ihrer Reaktionsfähigkeit zu stärken und für Konfliktsituationen ohne lange Vorlaufzeit ist die notwendige Kaltstartfähigkeit zu gewährleisten. Diese Einsatzfähigkeit erfordert flexibel und skalierbar einsetzbare Kräfte, auch vom Sanitätsdienst der Bundeswehr. Ebenso bedarf es einer eingeübten Zusammenarbeit von Truppe und sanitätsdienstlicher Unterstützung. Es gilt nun die gemeinsame Aufgabe von Dimensionen und Sanitätsdienst detailliert zu untersuchen und in der Zukunft auszugestalten.

Weiterhin sollen auf der Ebene der Kommandos und der Ämter – gemessen an den Dienstpostenumfängen der aktuellen Strukturen – mindestens 10 % der militärischen Dienstposten eingespart werden. Die zu erwirtschaftenden Dienstposten sollen der Stärkung der Truppe zugutekommen.

Mit diesen Vorgaben haben die Arbeiten an einer neuen Struktur und eine weitere Entwicklungsphase in der Bundeswehr begonnen.

Drei Soldaten versorgen einen verletzten Kameraden
Drei Soldaten versorgen einen verletzten Kameraden
Quelle: Bundeswehr/Patrick Grüterich

Treiber der Veränderung

Eine so vielfältige und durch gleichermaßen zahlreiche Einflüsse geprägte Aufgabe wie die Gesundheitsversorgung von Streitkräften befindet sich jedoch immer im Wandel.

Impulse für Veränderungen ergeben sich durch fortlaufende wissenschaftliche Neuerungen, medizinischen sowie technologischen Fortschritt. Die hohe fachliche Innovationsdynamik in den einzelnen Approbationen mündet in eine zunehmend digitalisierte und personalisierte Medizin. 

Nur eine ständige Entwicklung und ein Wissenszugewinn im Takt der zivilen Wissenschaft und Technik erlauben es, im Sinne der Qualität der Versorgung, entlang der Leitlinie zur Gesundheitsversorgung der Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, eine Versorgung zu realisieren, die im Ergebnis dem fachlichen Standard in Deutschland entspricht. Damit sind schon aus fachlicher Perspektive stets Lösungen für die Zukunft zu entwickeln und in der Versorgung, in Abläufen und Strukturen zu etablieren. 

Weiterhin ändern sich die Bedürfnisse und Bedarfe der zu versorgenden Truppe an die sanitätsdienstliche Unterstützung. Dies hat sowohl eine individuelle, persönliche als auch eine institutionelle Perspektive:

Der informiert entscheidende und damit anspruchsvollere Patient wird auch im militärischen Gesundheitssystem zur Regel und damit stärker im Mittelpunkt der Bemühungen stehen. Die Vorgesetzten gehen immer informierter und ambitionierter an die Zusammenarbeit mit den Versorgungseinrichtungen heran und fordern verlässliche Unterstützung und Beratung ein. 

Die gleichrangige Betrachtung von Landes- und Bündnisverteidigung im Verhältnis zur Krisenbewältigung und Konfliktverhütung ist handlungsleitend für den Sanitätsdienst der Bundeswehr und die Gesundheitsversorgung. Das Spektrum des Konfliktbildes umfasst konventionelle militärische und umfassende hybride Bedrohungen. Im Zuge der Refokussierung auf die Landes- und Bündnisverteidigung muss Gesundheitsversorgung neben der Unterstützung symmetrischer Operationen auch auf hybride Bedrohungen und schwierige Gesundheitslagen unterhalb der Schwelle klassischer militärischer Gewalt ausgerichtet werden. Diese Bedrohungen können im gesamten Spektrum von Staat, Wirtschaft und Zivilleben auftreten.

Die unterschiedlichen Einsatzszenarien der Land-, Luft- und Seestreitkräfte und die Rolle bei besonderen Gesundheitslagen im Frieden bzw. im Krisenfall fordern vom Sanitätsdienst der Bundeswehr einerseits eine resiliente Mehrrollenfähigkeit; andererseits müssen die Fähigkeiten für die Unterstützung der Land-, Luft-, und Seestreitkräfte im Einsatz so synchronisiert werden, dass die wirkungsvollste Kombination an Fähigkeiten, Kräften und Mitteln erzielt werden kann. 

Daraus resultieren weiter gestiegene Anforderungen an den Beitrag des Sanitätsdienstes zur umfassenden Lagebeurteilung sowie zur Planung und Führung im zivil-militärischen Kontext. Die komplexen Wechselbeziehungen zwischen den unterschiedlichen Akteuren erfordern auf allen Ebenen der Einsatzplanung und -führung den intensiven Informationsaustausch des Sanitätsdienstes der Bundeswehr innerhalb der Streitkräfte und mit nationalen und internationalen Organisationen und Streitkräften von Bündnispartnern.

Gesundheitsökonomie und Gesundheitsmanagement – zu diesen beiden Axiomen für die Zukunftsausrichtung tritt als wichtiger dritter Treiber für eine effiziente Organisation der Gesundheitsversorgung der Bundeswehr die Kompetenz im Management von Gesundheitseinrichtungen mit Elementen der marktorientierten und betriebswirtschaftlich geprägten Unternehmensführung. Damit verbunden sind neue Anforderungen an die Führung von Gesundheitssystemen und Gesundheitseinrichtungen. Dazu bedarf es eines tiefergehenden Verständnisses der Gesundheitsökonomie, der Finanzierungs- und Versorgungssysteme sowie der Befähigung zum qualifizierten Anwenden betriebswirtschaftlicher Verfahren in der Leitung von Sanitätseinrichtungen.

Ökonomische Ziele dürfen dabei die medizinischen Ziele nicht überlagern. Der effiziente Einsatz von Ressourcen ist aber mit Blick auf die Mangelressource Personal eine zentrale Stellgröße der medizinischen Versorgung der Zukunft. Zudem stehen die an der zivilen Gesundheitsversorgung teilnehmenden Einrichtungen des Sanitätsdienstes der Bundeswehr in Konkurrenz zu anderen Einrichtungen. Unter diesem Aspekt gilt es die Wirtschaftlichkeit, aber noch vielmehr die Qualität im Blick zu haben. 

Gesetze, insbesondere die Sozialgesetzbücher, und zivile Normen leiten maßgeblich das Handeln in der Gesundheitsversorgung.

Um an dem System der zivilen Gesundheitsversorgung partizipieren zu können, muss der Sanitätsdienst der Bundeswehr Teil des zivilen Regelwerks sein. Nur so besteht die Möglichkeit, an dem zivilen Rettungsdienst und der stationären Versorgung teilzuhaben. Durch Umsetzung der standardisierten Studien- und Berufsausbildung sowie durch die Befolgung von gesetzlichen Vorgaben und fachlichen Leitlinien und deren Transfer in die Einsatzmedizin ist die Durchführung von medizinischen Maßnahmen überhaupt möglich. 

Die Teilhabe am zivilen Sektor ist die wesentliche Voraussetzung, um die fachliche Aus-, Fort- und Weiterbildung für das Fach­personal sicherzustellen. Diese ist geprägt vom globalen Wissenstransfer, gestiegenen Anforderungen an das Analyse- und Abstrak­tionsvermögen des Einzelnen sowie die zunehmende Mobilität und Flexibilität von Studierenden, Lehrenden und Forschenden. Dabei geht es für den Sanitätsdienst der Bundeswehr nicht nur um die Definition vergleichbarer, kompatibler Ab­­schlüs­se, sondern vielmehr um die Verbesserung und die ­Sicherung der Qualität von Lehre, Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen, auch als Ausdruck der Attraktivität für potentielle Bewerberinnen und Bewerber und deren langfristige Bindung.

Das Beste aus drei Welten – Führung und Management des militärischen Gesundheitssystems

Wie stellen wir uns darauf ein? – Medizin, Militär und Management gehen Hand in Hand zur Ausgestaltung der Gesundheitsversorgung in der Bundeswehr. Um den Leistungsprozess „Gesundheitsversorgung sicherstellen“ vollumfänglich bedienen zu können, sind Kompetenzen aus allen drei Bereichen erforderlich. Dafür könnten thesenartig folgende Zielsetzungen zur Entwicklung entsprechender Kompetenzen beim Personal und in den Strukturen definiert werden:

Aufgrund der Veränderungen des operativen Umfeldes benötigt der Sanitätsoffizier Kompetenz zum Bewerten sicherheits- und gesundheitspolitischer Fragestellungen sowie zum Analysieren und Kommunizieren des Beitrages der Streitkräfte sowie des Sanitätsdienstes zur ressort- und organisationsübergreifenden Krisen- und Konfliktbewältigung. 

Die differenzierten Anforderungen der Land-, Luft- und Seestreitkräfte verlangen von Sanitätsoffizieren breite Fertigkeiten in der Führung und dem Einsatz von Streitkräften, deren Umsetzung in Verfahren zur sanitätsdienstlichen Versorgung sowie im Anwenden der verschiedenen nationalen und internationalen Verfahren der Stabsarbeit.

Dynamische Entwicklungen des Gesundheitswesens erfordern Fähigkeiten zur Beurteilung und Umsetzung gesundheitspolitisch relevanter Prozesse verbunden mit Management- und Führungsqualifikation auf allen Ebenen. Dies schließt die Anwendung geeigneter Konzepte, erfolgreicher Kommunikation und verantwortlicher Führung im „Veränderungsmanagement“ ein.

Diese Faktoren finden schon heute ihren Niederschlag in den Anforderungsprofilen für leitende Funktionen auf unterschiedlichen Ebenen und lässt Sanitätsoffiziere aller Approbationen zusätzlich zur Fach- auch die Stabsoffizier-, zum Teil auch die Generalstabsausbildung durchlaufen und in postgraduate Studiengängen weitergehende Qualifikationen im Bereich der Gesundheitsökonomie oder des Health Care Managements erlangen. 

Ein Plus für die Bundeswehr ist, dass der Sanitätsdienst der Bundeswehr sowohl in der zivilen wie der militärischen Welt zu Hause ist und in beiden Welten sicher handeln kann. Die Anknüpfungspunkte zum Zivilen sind unter anderem die gemeinsamen Patienten, die gleichen Standards in der Ausbildung sowie die gemeinsame Terminologie in den unterschiedlichen Disziplinen der Lebenswissenschaften und das entsprechende Verständnis für die damit verbundenen Fragen translationaler Forschung; erworben durch standardisierte Ausbildung und Studium. Das macht den Sanitätsdienst zur wichtigen Schnittstelle in der zivil-militärischen Zusammenarbeit. Wenn der Führungsnachwuchs des Sanitätsdienstes der Bundeswehr es schafft, entsprechend aufzuwachsen, lässt sich eine Führungskultur prägen, die fachliche Exzellenz und militärische Kompetenz sowie modernes Management gleichermaßen schätzt und einzusetzen weiß. 

Allein vor diesem Hintergrund sieht vermutlich zukünftig „Führung und Management“ der Gesundheitsversorgung und der Gesundheitseinrichtungen nochmal anders aus. Beides muss der Forderung nach interdisziplinärer Zusammenarbeit und Koordination entsprechen können, um wiederum insgesamt effektiv versorgen und in den hybriden Szenaren von heute reaktionsschnell und gezielt steuern zu können.

Dies fordert eine durchgehende, einheitliche Führung, die in der Lage ist, mit Fachwissen, die gleichzeitigen oder gestaffelten Aufgaben zu differenzieren und zu bewältigen.

Gesundheitsversorgung verantworten und Aufgaben verorten

Eine Kombination aus Medizin, Militär und Management ist notwendig, um die Führungsorganisation Gesundheitsversorgung der Bundeswehr beginnend im Bundesministerium der Verteidigung, über das zukünftige Kommando Gesundheitsversorgung (Kdo GesVersBw) bis in die Verbände und Gesundheitseinrichtungen hinein zu gestalten. 

Durch die Kommandoebenen wird der Rahmen für den täglichen Dienst und die Ausgestaltung der fachlichen Tätigkeiten gesetzt. Dabei sind die gemeinsame Fachlichkeit und ein entsprechendes Verständnis von Managementaufgaben im Gesundheitswesen ein wesentliches verbindendes Element und gemeinsame Basis für die Entwickler der Vorgaben und die Anwender der Vorgaben. Zudem ist es für die Entscheidungsfindung auf den Führungsebenen maßgeblich, dass ein Verständnis für die Auswirkungen der Entscheidungen in den Gesundheitseinrichtungen und Verbänden besteht. 

Die Aufstellung eines Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr (Kdo GesVersBw) ist für den 01.04.2022 terminiert. Die Umsetzung der auf ministerieller Ebene erarbeiteten Vorgaben für den Fachdienst zur Ausgestaltung des alltäglichen Dienstes erfolgt in diesem Kommando, das aus der Weiterentwicklung des derzeitigen Kommandos Sanitätsdienst der Bundeswehr entsteht. In diesem Kommando laufen fachliche Aufgaben und militärische Planung ebenso zusammen, wie die truppen- und fachdienstliche Führung. Hier wird die fachliche Aufsicht der drei Approbationsrichtungen Zahnmedizin, Pharmazie und Veterinärmedizin durch die Leitenden der jeweiligen Approbationen geführt und die Gesundheitsversorgung der Bundeswehr weiterentwickelt.

Wie sich dieses organisieren wird, ist bisher noch nicht abschließend geklärt. Im Kdo GesVersBw wird die hybride Gestalt des Fachdienstes sichtbar werden. Die Vielfalt der Fachaufgaben, das operative Management der medizinischen Leistungserbringung und die Planung der vielfachen Einsatzmöglichkeiten sanitätsdienstlicher Kräfte im sicherheitspolitischen Kontext sowie die Organisation des Grundbetriebes bestimmen diese hybride Kommandostruktur. 

Um sich in das Bild der militärischen Landschaft einfügen zu können, ermöglichen gut sichtbare Ansprechstellen/Schnittstellen eine reibungsarme Kommunikation im Gefüge J1 bis J9 (J1 Personal und Verwaltung, J2 Militärisches Nachrichtenwesen, J3 Führung laufende Operationen, J4 Logistik, J5 Planungen von Operationen, J6 Führungsunterstützung, J7 Ausbildung, J8 Haushalt und Finanzen sowie J9 zivil-militärische Zusammenarbeit). Im Kontext der Weisungen Nr. 3 des Herrn Generalinspekteur der Bundeswehr vom 22.01.2021 wird daher eine Kommandostruktur erarbeitet, die diese Aspekte berücksichtigt.

Die klassischen Stabsaufgaben machen aber nur einen vergleichsweise geringen Anteil der Stabsstrukturen aus. Die Zukunft eines Kdo GesVersBw muss neben der militärischen und fach­lichen Führung in der Kommandoführung, einem Spezialstab, der Presse/Öffentlichkeitsarbeit, den Beteiligungsgremien/Gleichstellungsbeauftragten auch die Fachaufgaben der Approbationen und die damit verbundenen Leitungsfunktionen im „One-Health-Ansatz“ berücksichtigen. In einem integrierten Ansatz zur Organisation kommen daher im Kdo GesVersBw und folglich auch im unterstellten Bereich vier Aufgaben zum Tragen:

Unter dem Dach der integrierten Versorgung finden sich die Teilbereiche, die im militärischen Kontext als „Operation“ bezeichnet werden können. Hier sind unter anderem die Aufgaben aus dem Bereich J2, J7 und J9 zu verorten. 

Maßgebliche Aufgabe dieses fachlichen Herzens des Kommandos ist die Organisation der approbationsübergreifenden Aspekte der momentan stattfindenden integrierten Versorgung und die Planung der nahen Zukunft für diesen Bereich. Dafür müssen medizinische Standards erarbeitet bzw. in den militärischen Bereich umgesetzt werden. Gleiches gilt für die Qualitätssicherung. Klinische und ambulante Versorgung ergänzen sich mit Rehabilitation und Begutachtung. Aus einer Hand geführt ergeben sich so noch engere organisatorische Verflechtungen, der aus medizinischer Sicht schon immer zusammenzudenkenden Anteile von Patientenbehandlung.

Die Gesundheitslage seit dem Frühjahr 2020 hat die Notwendigkeit eines zusätzlichen Führungselementes deutlich aufgezeigt. Aus einem Nukleus heraus kann ein aufwuchsfähiges Lagezentrum die Führungsfähigkeit in komplexen Lagen unterstützen. 

Diese ineinandergreifende Versorgung gilt es im Sinne einer Planung zukunftssicher aufzustellen. Die technischen und medizinischen Entwicklungen schreiten schnell voran, militärische Lagen entwickeln sich und stellen damit immer neue Herausforderungen an die Gesundheitsversorgung der Bundeswehr. Es ist angezeigt, die Zukunftsthemen der Organisation gebündelt abzubilden. Das umfasst alle Aufgaben der Zukunftsentwicklung und Digitalisierung sowie der strategischen Betrachtung der internationalen Zusammenarbeit.

Bei einem so breiten Portfolio an Fähigkeiten wie dem des Sanitätsdienstes der Bundeswehr ist das Fähigkeitsmanagement und der Betrieb eine zentrale Größe für die Zukunftsfähigkeit des Sanitätsdienstes der Bundeswehr. Gleiches gilt für die Organisation und Infrastruktur. Ein Arbeitsbereich, der Jahre im Voraus plant und gestaltet, damit attraktive Arbeitsbedingungen auch in Zukunft sichergestellt bleiben. In Anlehnung an streitkräftegemeinsame Organisationen kann in diese Planungsabteilung auch die Verwaltung und der Haushalt mit aufgenommen werden. 

Gleich ob der Sanitätsdienst der Bundeswehr in seiner Funktion als Unterstützer für die Truppe oder als eigenständige Fähigkeit handelt: Ressourcen sind immer notwendig. Das operative Personalmanagement (J1) soll in der gleichen Abteilung wie die Ausbildung verortet werden. Dabei dient das Personalmanagement nicht nur der Besetzung aller Dienstposten im Sinne eines Vakanzenmanagement. Im Vordergrund stehen die Kompetenz- und die Führungskräfteentwicklung. Dadurch werden langfristig die Aspekte Medizin, Militär und Management näher zusammengeführt.

Zu den Unterstützungsleistungen zählt zudem die allgemeine und fachliche Logistik im Sanitätsdienst der Bundeswehr. Hier wird die neu aufzustellende Beschaffungsorganisation eingegliedert. Dies stellt ein weiteres Beispiel für die sinnhafte Verknüpfung von fachlichem Wissen (Medizin/Pharmazie) und Einkauf (Management) dar.

Um Führung in Echtzeit, über größere Distanzen und mit dem enormen Datenaufkommen sicherstellen zu können, ist eine IT-Unterstützung der sanitätsdienstlichen Führung obligatorisch.

Die Strukturen für Gesundheitsschutz und Gesundheitssicherheit bestehen im zivilen Gesundheitswesen vielfach auf Länderebene beziehungsweise auf kommunaler Ebene. Mit dem Eigenvollzug agiert die Bundeswehr quasi als „17. Bundesland“. Es gilt die Truppe gleichermaßen zu schützen, sowie die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte mit angepassten Verfahren zu erhalten. 

In einer Abteilung soll die interprofessionelle, entsprechend dem „One-Health-Ansatz“ weiterentwickelte Rolle unter Zusammenführung der Approbationen zur Sicherstellung der öffentlichen Gesundheit (Public Health) und dem Schutz der Gesundheit der Angehörigen der Bundeswehr den zunehmenden Herausforderungen im In- und Ausland besser begegnen können. Mittel- bis langfristig ist die Schnittstellenfähigkeit mit dem zivilen Sektor, national wie international, nachhaltig zu verbessern.

Ausblick: Führung führt zum Erfolg – Führungsausbildung

Die inhaltlichen Stärken des Sanitätsdienstes der Bundeswehr werden getragen durch das hervorragend ausgebildete Personal, das mindestens den zivilen Standards genügt. Aus diesem Wissen und Können heraus, kann auch eine natürliche fachliche Autorität entstehen, die zu einem authentischen Führungsanspruch überleitet. 

(Menschen-)Führung im militärischen Kontext soll sich im Einklang mit der Vorschrift „A-2600/1 Innere Führung – Selbstverständnis und Führungskultur“ gleichermaßen an Herz und Verstand richten. Führung bringt vermeintlich gegensätzliche Ziele in Einklang – Führung ist die Leistung, aus den Eigenschaften einzelner eine erfolgreiche Gesamtleistung zu erzielen. Die oben genannten Komponenten zur erfolgreichen Ausgestaltung der Gesundheitsversorgung der Bundeswehr werden durch die Befähigung zur Führung in ein funktionierendes Gleichgewicht gebracht. Daher ist es von besonderer Bedeutung, dass das Personal im Sanitätsdienst der Bundeswehr auf der jeweiligen Ebene Führen lernt.

Eine nachhaltige Personalentwicklung kann Medizin, Militär und Management im Rahmen einer gerichteten Kompetenzentwicklung zusammenbringen. 

Es ist jedoch auch immer wieder an jedem Einzelnen und jeder Einzelnen, sich der größeren Zusammenhänge für die eigene Arbeit bewusst zu werden und über den Tellerrand hinaus zu schauen.

In Lehrgangsformaten können Kompetenz angelegt, aber nur im täglichen Arbeitsumfeld nachhaltig erworben werden. Die Sicherheit in der Fachlichkeit ermöglicht dabei einen natürlichen Führungsanspruch, der dann durch Methodik und Menschenkenntnis verfeinert werden muss. Dies gilt in jeder Laufbahngruppe gleichermaßen.

Medizin, Militär und Management gehen Hand in Hand zur Ausgestaltung der Gesundheitsversorgung in der Bundeswehr. Um den Leistungsprozess „Gesundheitsversorgung sicherstellen“ vollumfänglich bedienen zu können, sind Kompetenzen aus allen drei Bereichen erforderlich. Wir werden die Wertschätzung für unsere fachliche Arbeit nur dann erfahren, wenn wir zukünftig noch mehr in der Lage sind, Militär und Management für uns anzunehmen. Sie sind Teil unseres Selbstverständnisses und Werkzeug für eine Gesundheitsversorgung, die sich den Patienten und der Organisation verpflichtet fühlt. 



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