Die Wissens-MACHER

Ausbildung der „next generation“ im medizinischen A-Schutz

M. Abend, T. Popp, S. Schüle, M. Port

Betrachtet man verschiedene Entwicklungen wie die wachsende Anzahl an Staaten mit Nuklearwaffen, die Entwicklung hin zu taktischen und damit lokal einsetzbaren Kernwaffen, die Diskussionen um mehr Atomkraftwerke als Antwort auf den Klimawandel sowie terroristische Bedrohungsszenare dann wird eines klar: Die Bedrohungslage was den Einsatz von Kernwaffen oder die Freisetzung radioaktiven Materials anbelangt ist deutlich gestiegen. Im Rahmen solcher Szenare müssen eine Vielzahl an Patienten diagnostiziert und therapiert werden. Das ist medizinischer A-Schutz. Eine fundierte und breite Expertise auf diesem Gebiet existiert deutschlandweit nur noch am Institut für Radiobiologie der Bundeswehr (InstRadBioBw) in München.

Das ist die Aussage des Wissenschaftsrats, einem Gremium von Universitätsprofessoren, die Forschungseinrichtungen deutschlandweit regelmäßig validieren. Das Institut vertritt den medizinischen A-Schutz mit sieben Medizinern und wird durch fünf Biologen und einem Physiker unterstützt. Das ist die aktuelle Situation in Deutschland. Das InstRadBioBw bildet die „next generation“ im medizinischen A-Schutz aus: Unteroffiziere, Offiziere, Mediziner, Reservisten, aber auch Studenten und Angehörige internationaler ziviler und militärischer Institutionen, die sich mit dem medizinischen A-Schutz beschäftigen. Erlauben Sie uns einen kleinen und kurzweiligen Einblick in diese Facette des InstRadBioBw, in dem auch verschiedene Lehrangebote für unterschiedliche Zielgruppen vorgestellt werden.

„Dekontaminationslehrgang“ an der Sanitätsakademie

Wer hat diesen Satz nicht schon mal gehört: „Sie sehen einen Blitz [nach Atomdetonation]: ducken und Zeitung über den Kopf, das schützt“. Wahre Aussage? Da kommt doch die tiefer penetrierende Gamma-Primärstrahlung gefolgt von der thermischen Welle und was ist mit der Zeitung? Ach ja, dann kommt da noch die Druckwelle und da hilft die Zeitung? Schließlich folgt der radioaktive „Fallout“, also schnell im Schutz überlebter Zeitungsreste verharren? Zeitungen sind wichtig. Sie helfen aber nicht in jeder Situation, aber manchmal sogar in solchen Szenaren – wir erklären Ihnen wann im Rahmen dieses Lehrgangs. Was halten Sie davon: „Sie sehen einen Blitz: LAUFEN!“ Sicher, so schnell wie die Primärstrahlung oder thermische und Druckwelle werden sie nicht laufen können. Aber da ist was „dran“ an dieser Aussage: Lassen Sie sich überraschen!

Postuniversitäre modulare Ausbildung der Mediziner im ­medizinischen A-Schutz

Ein Patient kommt zu Ihnen und sagt: „Frau Stabsarzt, die schlechte Nachricht, ich bin bestrahlt worden. Die gute Nachricht, ich trug ein Dosimeter und die Dosis beträgt 2 Gy. Ich habe etwas erbrochen, aber jetzt fühle ich mich wieder gut und kann meine Kameraden unterstützen.“ Wie schätzen Sie die Situation ein? Was tun Sie? Hospitalisierung, zurück zur Truppe, abwarten, Krankschreibung, Überweisung – wohin? Gar nicht so einfach, wenn man die traurige Wahrheit bedenkt: Das Fach medizinischer A-Schutz ist eben nicht Bestandteil des Gegenstandskatalogs der medizinischen Ausbildung. Die Mehrzahl der Mediziner kann das eigentlich gar nicht einordnen, außer, sie haben unseren postuniversitären modularen Ausbildungskursus besucht und erinnern sich an die entscheidendste „Message“: Da gibt es in München Experten auf diesem Gebiet. Die sind rund um die Uhr erreichbar. Sie bieten Rat und Empfehlungen an und verfügen sogar über eine medizinische A-Schutz Task Force und können mit dieser Fähigkeit auch vor Ort unterstützen.

Szenenwechsel: Eine schwangere Soldatin sitzt aufgelöst in Ihrer Truppenarztsprechstunde: Als ich radiologisch untersucht wurde wusste ich nicht, dass ich schwanger bin – jetzt weiß ich es und ich bin sehr beunruhigt. Habe ich mein Ungeborenes geschädigt?

Oder das: Nach Bestrahlung mit ominösen radioaktiven X-Strahlen mutierten eine Vielzahl an Individuen und heraus kamen die X-Men/Women – das wussten wir doch schon lange! Auch solche Themen und Fragen werden bei uns behandelt. Kommen Sie einfach vorbei.

Im Rahmen von Wehrübungen lernen Reservisten verschiedene Facetten der...
Im Rahmen von Wehrübungen lernen Reservisten verschiedene Facetten der Bundeswehr kennen
Quelle: InstRadBioBw

Lehrgang Zivil-Militärische Zusammenarbeit

Warum eigentlich gibt es den medizinischen A-Schutz? Was ist das eigentlich genau und sind wir da nicht schon hervorragend durch unsere personell gut ausgestattete ABC-Abwehr aufgestellt? Was machen die paar „Hansel“ denn da eigentlich? Brauchen wir die eigentlich? Das sind Fragen, denen wir uns in diesem Lehrgang bewusst stellen. Es wird dann schnell die prekäre gesamtdeutsche Situation des medizinischen A-Schutzes erkennbar und das ABC-Abwehr und medizinischer A-Schutz ganz unterschiedliche Aufgaben haben. Es wird aber auch das Bewusstsein geweckt, gemeinsam weiter zusammen zu arbeiten zum Beispiel im Rahmen von Reservistenwehrübungen. Das stärkt das Institut sowie den medizinischen A-Schutz. Und es sind dann ein paar „Hansel“ mehr.

Master-Studium Radiobiologie in Zusammenarbeit mit der ­Technischen Universität München

Die Ausbildung der „next radiobiological generation“ ist eine riesige Chance des Instituts. Damit vermögen wir die Folgegeneration der Radiobiologen mit dem medizinischen A-Schutz vertraut zu machen, aber auch mit neuen Konzepten und eher klinischen Perspektiven zu stimulieren. Dieser englischsprachige internationale Kursus wurde auch für andere Teilnehmer geöffnet. Häufig haben wir Gäste von verschiedenen deutschen und internationalen Institutionen, die sich mit dem medizinischen A-Schutz beschäftigen. Der Studiengang ist dem NATO StTARS (Software tools for Triage of the Acute Radiation Syndrome) workshop inhaltlich angelehnt. Deshalb beschreiben wir die Inhalte im nächsten Kapitel. Nicht unwichtig: Viele Teilnehmer des Fortbildungsangebots erhalten im Anschluss die Möglichkeit, im Rahmen von Masterarbeiten und Promotionen zu forschen, womit gleichzeitig der wissenschaftliche Nachwuchs ausgebildet wird.

Gruppenarbeit (links) und Logo des ersten NATO StTARS workshop 2019 in Paris
Gruppenarbeit (links) und Logo des ersten NATO StTARS workshop 2019 in Paris
Quelle: InstRadBioBw

NATO StTARS workshop – become a STAR

Das InstRadBioBw ist Mitglied einer überaus aktiven sogenannten „Research Task Group“, die für ihre Arbeit kürzlich mit einem NATO-Wissenschaftspreis ausgezeichnet wurde. Hier treffen sich die Radiobiologen der weltweit noch bestehenden radiobiologischen Institutionen jährlich. Es werden wissenschaftliche Ergebnisse ausgetauscht und Kooperationen vereinbart. Darüber ­hinaus wird gemeinsam an „deliverabels“ gearbeitet. Hierzu entstanden über die Jahre verschiedene Softwaretools. Sie erlauben eine Unterstützung des medizinischen A-Schutzes auf unterschiedliche Art und Weise. Daneben wurde am InstRadBioBw aus einer Datenbank, in der Krankheitsverläufe von etwa 800 Strahlenunfallopern enthalten ist, eine Vorlage zur Befüllung durch Kursteilnehmer entwickelt. 

Basierend auf bestimmten klinischen Symptomen, Blutbildveränderungen und Dosisabschätzungen werden die Workshopteilnehmer ermuntert, eine Aussage zur Hospitalisierung und der Prognose der simulierten 200 Fälle anzugeben. Hierzu werden die klinischen Daten in die Softwaretools eingegeben und basierend darauf die genannten klinischen Entscheidungen gefällt. Der erste Kursus fand 2019 in Paris statt. Das Echo war gewaltig und überaus positiv. Aufgrund der Coronapandemie musste der zweite Lehrgang bereits mehrfach verlegt werden. Er ist nun für November 2022 in den USA geplant. Wenn Ihr Interesse geweckt worden ist, dann melden Sie sich doch einfach. Sie können auch das „H-Modul“ des InstRadBioBw auf Ihr Handy laden. Sie erhalten einen ersten Eindruck davon, was Sie bei uns im NATO StTARS workshop erwartet. Nur STARS verlassen diesen workshop – promised.      

Fazit

Die Ausbildung im medizinischen A-Schutz ist uns ein tiefes Bedürfnis: „We shape the future“. Wir sind nicht viele, aber gut ausgebildet und motiviert begleiten wir Sie auf Ihrem Weg durch unser Fach und lassen Sie nicht im Stich wenn es brennt. 


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