28.07.2021 •

Das Schifffahrtmedizinische Institut der Marine:

Alma Mater des Marinesanitätsdienstes

D. Möllmann

J. Horstmann

Einleitung

Das Schifffahrtmedizinische Institut der Marine (SchiffMedInstM) ist die wissenschaftliche Einrichtung des Sanitätsdienstes der Deutschen Marine. Es bearbeitet alle Fragestellungen auf dem Gebiet der Maritimen Medizin einschließlich ihrer Schnittstellen zu medizinischen, psychologischen und ergonomischen Themenbereichen für die Bundeswehr und andere Einrichtungen des Bundes. Dieses umfasst auch die Bereiche der angewandten Forschung und Lehre sowie die maritime Fachausbildung des Sanitätspersonals der Marine.

Für das Jahr 2024 ist ein Umzug des SchiffMedInstM in einen Neubau auf den Campus des Bundeswehrkrankenhauses (BwKrhs) Hamburg vorgesehen.

Historie

Gegründet wurde das SchiffMedInstM im Jahr 1961 als „U-Boot- und Tauchphysiologisches Institut der Marine“. Ab 1985 erweiterte das Institut stufenweise seine Aufgaben und entwickelte sich in den Folgejahren zu einem Zentrum für Maritime Medizin mit einem weiteren Schwerpunkt in der Schifffahrt- und Tropenmedizin. Mit Schließung des BwKrhs Kronshagen im Jahr 1995 vergrößerte das Institut die eigenen medizinischen Diagnostikmöglichkeiten als Begutachtungseinrichtung und stellte sich in allen Bereichen der Maritimen Medizin als Referenzzentrum für die Deutsche Marine auf. Ab 1998 wurde dann eine kleine Arbeitsgruppe „Forschung“ im SchiffMedInstM aufgebaut. Im Zuge der Vorbereitung der ersten Evaluation durch den Wissenschaftsrat im Jahr 2009 wurde der Bereich „Forschung“ wieder fest etatisiert und schließlich in eine Kooperation mit der Christian-Albrechts-Universität Kiel in eine „Gemeinsame Sektion Maritime Medizin“ überführt.

Organigramm des SchiffMedInstM
Organigramm des SchiffMedInstM

Struktur und Aufgaben

Die weitreichenden und vielfältigen Aufgaben des SchiffMed­InstM in schifffahrt- und tauchmedizinisch fokussierter Arbeitsmedizin, Ergonomie, Tauchsicherheit, hyperbarer Sauerstofftherapie, maritimem ABC-Schutz und in der fachlichen Ausbildung für das Bordsanitätspersonal aller Weiterbildungsstufen werden durch die in der Abbildung 1 aufgeführte Organisationsstruktur des Instituts abgebildet.

Abteilung I Maritime Medizin

Die Abteilung Maritime Medizin umfasst die Fachgebiete

  • Schifffahrt- und Arbeitsmedizin (I/1),
  • Medizinische Ergonomie und Schifffahrtpsychologie (I/2) und
  • Zahnärztliche Begutachtungen/Bordzahnstationen (I/3).

 Die Abteilung stützt sich auf etablierte wissenschaftliche Erkenntnisse und Verfahren ab, die an die Bedingungen des Lebensraums „Bord“ anzupassen sind. Ihr Auftrag ist es, die Situation der Soldatinnen und Soldaten auf See und ihren spezifischen Lebensraum unter einem umfassenden medizinischen, physiologischen, zahnmedizinischen, ergonomischen und psychologischen Blickwinkel kontinuierlich so zu bewerten, dass ein Maximum an gesundheitlichem Schutz für das Individuum resultiert. Die Untersuchung auf Borddienstverwendungsfähigkeit (BDV) ist durch Zentrale Vorschriften geregelt. Die Abteilung Maritime Medizin hat mit ihrem Fachgebiet I/1 Obergutachterfunktion für strittige Fragen zur BDV und erteilt schifffahrtmedizinische Sondergenehmigungen. Die Rettungsmittel und -verfahren der Flotte werden im Rettungsmittellabor des Fachgebiets I/1 schifffahrtmedizinischen Untersuchungen unterzogen. 

Was hierbei an Bord zum Einsatz kommt oder kommen soll, wird auf Einsatzfähigkeit unter allen denkbaren Bedingungen und Typschiff bezogen getestet. Die maritime Telemedizin bringt bei Notfällen und eiligen Routinefragen jede Facharztrichtung „virtuell“ an Bord der Schiffe der Marine. Das Institut unterstützt hierbei vollumfänglich mit seinen maritimen Fachkompetenzen, das BwKrhs Hamburg mit den jeweils benötigten Facharztdisziplinen. Die Impfstelle des Instituts unterstützt – stationär in Kronshagen oder mit mobilen Teams – die Einheiten der Deutschen Marine im Rahmen von Impfaktionen. Seit wenigen Wochen ist die Impfstelle zudem unmittelbar in die Organisation und Durchführung von Covid-19 Schutzimpfungen für die Besatzungen der seegehenden Einheiten eingebunden.

Das Fachgebiet I/2 leistet mit seinen vier Psychologen wichtige Beiträge zur optimalen Mensch-System-Integration bei Planung, Entwicklung, Beschaffung, Einführung und Nutzung von Wehrmaterial für die Marine. Die Schifffahrtpsychologie erstellt Gutachten zu spezifischen Fragestellungen. Tauchendes Personal wird mit psychologischen Methoden auf seine Eignungsverwendung untersucht. Für die unmittelbare Betreuung von Soldaten nach psychotraumatischen Situationen steht ein mobiles Kriseninterventionsteam bereit.

Im Fachgebiet I/3 (Zahnärztliche Begutachtungen/Bordzahnstationen) sind die zahnmedizinischen Begutachtungen im Rahmen der Bordienst- und Taucher-, U-Boot- und Kampfschwimmerverwendungsfähigkeit (TUKV), das Betreuen und Bewirtschaften der derzeit elf mobilen Bordzahnstationen sowie die Ausbildung des Bordsanitätspersonals für den zahnmedizinischen Notfall auf See gebündelt.

Druckkammerzentrum „HYDRA 2000“
Druckkammerzentrum „HYDRA 2000“
Quelle: J. Horstmann

Abteilung II Tauch- und Überdruckmedizin

Die Abteilung Tauch- und Überdruckmedizin stellt eine umfassende Expertise für die Tauch- und Überdruckmedizin bereit. Daraus resultieren Aufgaben in der Behandlung von Tauchunfällen sowie Erkrankungen, die mit hyperbarem Sauerstoff therapiert werden können. Ein weiterer Kernauftrag der Abteilung ist die Begutachtung von U-Boot-Personal und Tauchern der Bundeswehr im Rahmen der TUKV.

Der Abteilungsleiter ist als Mitglied des Tauchunfalluntersuchungsausschusses für die entsprechende medizinische Bewertung verantwortlich. Bei Tauchunfällen steht 24/7 tauchmedizinische Beratung zur Verfügung, die militärisch und zivil genutzt wird.

Das Druckkammerzentrum „HYDRA 2000“ ermöglicht die Erprobung und Forschung in einem großen Spektrum von Fragestellungen zu Tauchverfahren und Tauchgerät unter kontrollierter wissenschaftlicher Begleitung. Neben Probandenfahrten im Rahmen der TUKV können zudem erkrankte Patienten aller Schweregrade einer hyperbaren Sauerstofftherapie zugeführt werden.

Die nationalen und internationalen Vernetzungen, sowohl militärisch (NATO, EU, Partnerinstitute) als auch zivil (zum Beispiel Fachgesellschaften), sichern neben einem Wissenstransfer auch den Anspruch an wissenschaftliche Kompetenz im SchiffMedInstM. 

Abteilung III Forschung und Lehre

Die Abteilung III koordiniert die medizinische Forschung innerhalb der Marine und leistet den Hauptbeitrag zur Ressortforschung am SchiffMedInstM. Durch einen Kooperationsvertrag mit der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel konnte 2009 die Gemeinsame Sektion Maritime Medizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein mit allen Rechten und Pflichten einer universitären Einrichtung – einschließlich einem Promotionsrecht – eingerichtet werden. Diese enge Anbindung an die Universität Kiel hat wesentlich zum positiven Ergebnis der aktuellen Evaluation durch den Wissenschaftsrat beigetragen. Seit 2020 besteht zudem eine vertraglich hinterlegte Kooperation mit dem Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM) des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf.

Folgende Forschungsschwerpunkte stehen aktuell im Fokus des SchiffMedInstM:

  1. Im Bereich der Medizinischen Tauchsicherheit einschließlich der hyperbaren Oxygenationstherapie (HBO) liegt der Schwerpunkt auf der Vorlaufforschung zum besseren Verständnis der Wirkungen hyperbaren Sauerstoffs auf lebende Gewebe, um die biologischen Effekte der extremen Hyperoxie auf den Taucher der Marine – auch im Sinne einer Risikobewertung – besser verstehen und einordnen zu können. Hier sind auch adaptive Prozesse des Tauchers als Antwort auf rezidivierende Hyperoxien ein Schwerpunkt der Untersuchungen. In Ergänzung und Erweiterung hierzu werden auch über das zurzeit bekannte Wirkspektrum der HBO hinausgehende Effekte des Sauerstoffs mit der Fragestellung untersucht, ob sich hieraus neue therapeutische Optionen, auch im Bereich der Klinischen Immunologie, ergeben.
  2. Im Bereich der Seekrankheitsforschung steht insbesondere die Vertiefung des Verständnisses der klinischen Aspekte von Kinetosen sowie die Weiterentwicklung nebenwirkungsarmer therapeutischer Ansätze (zum Beispiel Vitamin C) im Zentrum der Untersuchungen.

 Abteilung IV Ausbildungszentrum Marinesanitätsdienst

Als zentrale sanitätsdienstliche Einrichtung der Marine ist das SchiffMedInstM die fachliche Heimat des gesamten seefahrenden Personals des Marinesanitätsdienstes und hierbei für alle fachspezifischen Ausbildungsbelange des Bordsanitätsdienstes zuständig. Das im Jahr 2017 eingerichtete Ausbildungszentrum Marinesanitätsdienst ist verantwortlich für die Steuerung und Durchführung militärischer und ziviler Ausbildungsabschnitte und Trainings der angehenden Schiffsärzte, schifffahrtmedizinischen Assistenten und Schiffsarzthelfer und leistet damit einen bedeutsamen Beitrag zur Vorbereitung des Sanitätspersonals auf den späteren Einsatz an Bord der Schiffe und Boote der Marine. Im „Teamtrainer Schiffslazarett“ des SchiffMedInstM wird hierbei vorrangig die Inübunghaltung von Notfallverfahren für Schiffsarztteams trainiert.  

Beauftragter für das Taucherwesen der Marine

Im Jahr 2008 wurde der Beauftragte für den Taucherdienst in der Marine (Marine Bea TD) am SchiffMedInstM etabliert. Sein Aufgabengebiet umfasst alle Aspekte zur Sicherstellung der Tauchsicherheit in der Marine. Die Gesamtheit der Aufgaben des Taucherdienstes der Marine ist hierbei beim Marine Bea TD abgebildet. Dies umfasst auch die Wahrnehmung der Aufgabe als Bevollmächtigter Vertreter sowie die Betriebs- und Versorgungsverantwortung für den Fähigkeitsträger Taucherwesen. Im Rahmen von Taucherunfalluntersuchungsverfahren wird der Marine Bea TD als Ermittlungsoffizier eingesetzt. Die mit einzubeziehende medizinische und psychologische Expertise wird durch das Fachpersonal des SchiffMedInstM beigesteuert. Als weitere Aufgabe ist die Erarbeitung und fortlaufende Aktualisierung der relevanten Vorschriften für den Taucherdienst der Marine zu nennen. Die Vertretung der Deutschen Marine bei internationalen und nationalen Gremien wird ebenfalls durch den Marine Bea TD als Leiter der deutschen Delegation sichergestellt.

Ausblick

Das SchiffMedInstM wird nach mehr als 60 Jahren am Standort Kronshagen auf den Campus des BwKrhs Hamburg umziehen. Hierzu wird derzeit ein gemeinsam zu nutzendes, neues Multifunktionsgebäude gebaut. Die Fertigstellung ist für das Jahr 2024 geplant. Mit dem Neubau wird für das SchiffMedInstM insbesondere im Bereich der Laborausstattungen sowie der Simulationstechnik ein großer Innovationsschritt vollzogen werden. Damit wird das SchiffMedInstM nach fast 30 Jahren wieder über eine unmittelbare klinische Anbindung an ein BwKrhs verfügen, was insbesondere in der klinischen Anwendung und Forschung im Bereich der hyperbaren Sauerstofftherapie einen signifikanten Fähigkeitsgewinn bedeuten wird. 

Am neuen Wissenschaftsstandort in Hamburg wird es nun gelten, sich schnell in die dortige „scientific community“ zu integrieren. Hierbei kommt der gerade geschlossenen Kooperation mit dem ZfAM des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf eine besondere Bedeutung zu. Die seit mehr als zehn Jahren bestehende, sehr erfolgreiche Integration der Abteilung Forschung des SchiffMedInstM in das Zentrum für Experimentelle Medizin der Christian-Albrechts-Universität wird aber auch nach dem Umzug nach Hamburg noch einige Jahre aufrechterhalten bleiben. Hierdurch wird sowohl die räumliche Nähe zum „Bedarfsträger Marine“ als auch ein geordneter Abschluss bereits begonnener maritimer Forschungsaufträge sichergestellt werden können. Unabhängig von seinem Stationierungsort wird das SchiffMedInstM aber auch in der Zukunft seinem Leitbild: „Wir dienen der Flotte“ vollumfänglich verpflichtet bleiben. 


Verwandte Artikel

Maritime Sportmedizin in der Bundeswehr: Von der Seekrankheit bis zu Tauchunfällen

Maritime Sportmedizin in der Bundeswehr: Von der Seekrankheit bis zu Tauchunfällen

Sportmedizinische Aspekte des maritimen Umfeldes betreffen primär Besonderheiten körperlicher Aktivität auf Booten und Schiffen, sowie im und unter Wasser. Hierbei spielen die Schifffahrt und das Tauchen eine besondere Rolle, was anhand von zwei...

Wehrmedizinische Monatsschrift 11/2021

Telemedizin in der Flotte.

Telemedizin in der Flotte.

Die Telemedizin als ein Teilbereich der Telematik im Gesundheitswesen hat die Aufgabe die Diagnostik und Therapie unter Überbrückung einer räumlichen Distanz zwischen medizinischen Fachkräften zu ermöglichen.

Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2/2021

Wie sieht der Weg zum digitalen Schiffslazarett aus?

Wie sieht der Weg zum digitalen Schiffslazarett aus?

Im Gegensatz zur Regionalen Sanitätseinrichtung der Sanitätsbasis im Inland ist ein Schiffslazarett integriert in einen Fähigkeitsträger, der weltweit zur See fährt.

Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2/2021

Meist gelesene Artikel

Photo

    Individualität mit Uniformität verbinden

    Der Dienstanzug für unsere Soldatinnen und Soldaten ist eines der schönsten Kleidungsstücke, das mit Stolz getragen werden sollte. Jede Person ist einzigartig und das sollten auch ihr Diensthemd,…

    Photo

    CYBERRISIKEN ABWENDEN

    IT-Ausfälle durch Hackerangriffe auf kritische Infrastrukturen haben in den letzten Jahren zugenommen und bilden – mit Blick auf die jüngste Vergangenheit – eine wesentliche Bedrohung für den…

    Photo

    30 Jahre Deutscher SanOA e. V.

    Nach dem Deutschen SanOA e. V. gefragt assoziieren viele Sanitätsoffizieranwärter (SanOA) und Sanitätsoffiziere als erstes das Credit-Point-System (CPS) zum Ranking der SanOA im Rahmen der…