Zahnmedizin im Einsatz

Neue Infrastruktur in der Zahnarztgruppe in Mazar-e-Sharif

Der zahnärztliche Dienst der Bundeswehr hat die zahnärztliche Versorgung der Soldaten auch im Einsatzland sicherzustellen. Dazu bedarf es neben der Besetzung der Dienstposten mit entsprechend ausgebildetem Personal auch infrastruktureller Gegebenheiten, die alle Anforderungen zur möglichst optimalen Erfüllung dieses Auftrages gewährleisten. Mit dem Bezug und der Inbetriebnahme des neuen Feldlazaretts in Mazar-e-Sharif im September/Oktober 2007 konnte die Zahnarztgruppe an unserem größten Standort in Afghanistan neue Räumlichkeiten beziehen. Der Verfasser und sein Mitarbeiterteam haben den Umzug und die Inbetriebnahme durchgeführt. Dieser Erfahrungsbericht soll die infrastrukturellen Gegebenheiten im neuen Feldlazarett in Mazar-e-Sharif mitsamt der sich daraus ergebenden Behandlungsmöglichkeiten darstellen.

Das Aufgaben-und Einsatzspektrum der Bundeswehr hat sich in den Jahren deutlich gewandelt. Früher eine Armee der reinen Landesverteidigung finden sich heute mittlerweile Soldaten der Bundeswehr an vielen Orten außerhalb der Bundesrepublik Deutschland im Einsatz. Daraus ergeben sich selbstverständlich auch erhöhte Anforderungen an die beteiligten Soldaten. Voll einsatz- und verwendungsfähig ist nur der gesunde Soldat und dies schließt natürlich auch gesunde orale Verhältnisse mit ein. Jeder der einmal Zahnschmerzen hatte, kann leicht nachvollziehen, dass eine Pulpitis oder ein Parodontalsabszeß zum Ausfall eines Soldaten führen kann. Selbstverständlich muss immer die komplette orale Sanierung bereits im Heimatland im Vordergrund stehen. Nicht ohne Grund wurde im zahnärztlichen Dienst der Bundeswehr im Jahre 2006 die jährliche verbindliche Bestimmung der Dental-Fintness-Classification gemäß NATO-STANAG 2466 Med eingeführt. Die konsequente Umsetzung dieser Maßgabe vermag die Wahrscheinlichkeit von zahnärztlichen Notfällen im Einsatz zwar deutlich zu reduzieren, aber nicht auszuschließen. Hinzu kommt die im Einsatz besonders erhöhte Gefahr von Verwundungen und Verletzungen im Bereich der Mundhöhle, für die natürlich auch eine entsprechende Behandlungskapazität vor Ort im Einsatzland vorzuhalten ist. Die Zahnmedizin ist daher eines der Fachgebiete der ersten Stunde, d.h. fast alle Auslandseinsätze der Bundeswehr wurden von Zahnärzten und hier besonders von solchen mit der fachlichen Fortbildung zum Oralchirurgen begleitet.

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Abb.: Verfasser und Mitarbeiter bei der zahnärztlichen Behandlung

Von sehr wenigen einfachen oralchirurgischen Behandlungsmaßnahmen einmal abgesehen, bedarf es für die zahnärztliche Behandlung spezielle apparative und infrastrukturelle Voraussetzungen. Diese haben sich im Laufe der Zeit mit zunehmender Einsatzerfahrung zunehmend verbessert. Durchaus bewährt hat sich das Containersystem, mit dem der Verfasser im Jahre 2005 im Einsatz im Camp Warehouse in Kabul umfangreiche Erfahrungen sammeln konnte. Mit der Errichtung des neuen Feldlagers in Mazar-e-Sharif wurden die Zahnarztcontainer von Kabul nach Mazar transportiert und dort zunächst wieder in Betrieb genommen (Abb. 1, Abb. 2,  Abb. 3).
Von September 2007 bis Anfang November 2007 war der Verfasser auf dem Dienstposten Oralchirurgie im Camp Marmal eingesetzt. Bei Aufnahme der Dienstgeschäfte wurde das in den Abb. 1 bis 3 gezeigte Containersystem noch genutzt. Unter Beibehaltung der Arbeitsbereitschaft wurde dann in mehreren Tagen das gesamte zahnärztliche Instrumentarium und Verbrauchsmaterial in die neuen Räumlichkeiten des neuen Feldlazaretts transportiert. Aufgrund der bis dahin gegebenen Trennung von Feldlazarett und Zahnarztgruppe gestaltete sich dies als recht langwierig.

Das neue Feldlazarett ist in einem neu erichteten gehärteten Gebäude untergebracht. Die Zahnarztgruppe findet sich im Ambulanztrakt. Mit insgesamt 8 Funktionszimmern ist sie die größte Ambulanz. Alle Räumlichkeiten sind großzügig gestaltet und mit einer Klimaanlage ausgestattet. Es stehen zwei Behandlungszimmer mit jeweils einem neuen Behandlungsstuhl zur Verfügung. Wie in Abb. 4 ersichtlich sind die Behandlungszimmer freundlich und modern gestaltet (Abb. 4).
Die Behandlungszimmer sind mit dem entsprechenden zahnärztlichen Instrumentarium und Gerätschaften komplett ausgestattet. Dies betrifft natürlich im Einsatz gerade auch das oralchirurgische Instrumentarium. Hier seien beispielhaft Sets für Osteosynthesen und das Chirurgiegerät für Arbeiten am Alveolarknochen genannt. Die Vorhaltung in vorbereiteten Op-Trays ermöglicht im Notfall eine schnelle Herstellung der oralchirurgischen Arbeitsbereitschaft. Die Vor- und Nachbereitung des Instrumentariums erfolgt in einem entsprechend dafür ausgestatteten Raum (Abb. 5, Abb. 6).
Auf die Möglichkeit zur Herstellung von Röntgenaufnahmen sei in diesem Zusammenhang nochmals gesondert eingegangen. Gemäß der Forderung der deutschen Röntgenverordnung zur Minimierung der Strahlenexposition wurde in der neuen Zahnarztgruppe eine moderne digitale Röntgenanlage eingerichtet. Diese erlaubt die hervorragende radiologische Darstellung der oralen Strukturen bei geringer Strahlenbelastung. Praktisch ist das Vorhandensein von entsprechenden Monitoren in den Behandlungszimmern, anhand derer eine schnelle Auswertung der Bilder möglich ist. Die Anfertigung von Einzelzahnaufnahmen geschieht direkt am Behandlungsstuhl, für die Anfertigung von Panoramaschichtaufnahmen steht ein Röntgenraum zur Verfügung (Abb. 7, Abb. 8, Abb. 9).
Weitere Funktionsräume (z.B. für Anmeldung) komplettieren das Raumangebot.
Der Bezug der neuen Räumlichkeiten verbessert aber nicht nur das Erscheinungsbild der Zahnarztgruppe. Andere wesentliche Aspekte sollten hier genannt werden. Mit der Unterbringung in einem festen und gehärteten Gebäude erhöht sich die Sicherheit der in diesem Bereich befindlichen Soldaten etwa bei Beschuss. Hinzu kommt das im Alarmierungs- oder Notfall im Lager nicht länger ungeschützte Bereiche begangen werden müssen, um von der Zahnarztgruppe in das Feldlazarett zu gelangen.
Die jetzt gegebene räumliche Nähe verbessert zudem die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den anderen Fachrichtungen.
Die Aufnahme des Dienstbetriebs in den neuen Räumlichkeiten mit den teilweise neuen Gerätschaften gestaltete sich völlig problemlos. Es gab keinen gerätebedingten Ausfall. Von den zwei Behandlungsstühlen wurde meist nur einer genutzt. Das Patientenaufkommen war mit ca. 10 Patienten pro Tag auf diesem einen Stuhl zu bewältigen. Als nicht ganz unproblematisch erwies sich teilweise die oft begrenzt zur Verfügung stehende Behandlungszeit. Dies betraf vor allem die Soldaten, die außerhalb des Lagers eingesetzt waren und bei denen in kurzer Zeit das zahnärztliche Problem gelöst werden musste. Es galt daher stets zeitliche Vakanzen für solche Fälle bereit zu halten. Verglichen mit Erfahrungen vom Einsatz 2005 in Kabul scheint sich die verbindliche Einführung der jährlichen Dental-Fitness-Klassifikation auszuzahlen, so erschien dem Verfasser die Anzahl der deutschen Soldaten mit unzureichend sanierten oralen Zuständen deutlich reduziert. Diese Einschätzung bedarf jedoch einer wissenschaftlichen validen Prüfung.


Zusammenfassende Betrachtung

Schon mit dem Containersystem konnte die zahnärztliche Versorgung der Soldaten im Einsatzland sichergestellt werden. Die Kombination von Containern mit Zeltanteilen hatte jedoch Nachteile, was Sicherheitsaspekte und der Belastung mit Temperaturen und Sand/Staub für Personal und Material betraf. Mit dem Bezug der neuen Räumlichkeiten hat die Zahnarztgruppe in Mazar-e-sharif ein Niveau erreicht, dass keinen Vergleich mit den Verhältnissen im Heimatland zu scheuen braucht. Einen Qualitätssprung stellt insbesondere die Einrichtung einer digitalen Röntgenanlage dar.

Datum: 30.06.2008

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2008/2

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