03.01.2012 •

TASK FORCE ANTEIL MED A - STRUKTUR UND FÄHIGKEITSPROFIL AM INSTITUT FÜR RADIOBIOLOGIE DER BUNDESWEHR IN VERBINDUNG MIT DER UNIVERSITÄT ULM

Institut für Radiobiologie der Bundeswehr in Verbindung mit der Universität Ulm, München (Leiter: Oberstarzt Prof. Dr. V. Meineke)



von Tobias Knie, Julia Hartmann, Harald Dörr und Viktor Meineke

Der Medizinische ABC-Schutz ist ein bedeutender Auftrag der Bundeswehr. Dieser wird durch unterschiedliche Organisationsbereiche und Institutionen repräsentiert. Ein wesentlicher Teilbereich ist die Sicherstellung eines Medizinischen A-Schutzes durch das Institut für Radiobiologie der Bundeswehr in Verbindung mit der Universität Ulm (InstRadBioBw). Für den mobilen Einsatz im Rahmen der Task Force Medizinischer ABC-Schutz hält das Inst- RadBioBw Personal für den Task Force (TF)- Anteil Med A bereit, der bei einem Strahlenunfall die klinische Untersuchung der Patienten sowie physikalische Messungen vor Ort durchführt und die Schnittstelle zu den spezialdiagnostischen Laboratorien des Instituts darstellt. Eine wesentliche Aufgabe besteht hier darin, eine Risikobewertung vor Ort durchzuführen und Gesundheitsschäden bei strahlenexponierten Patienten sowohl klinisch als auch mit physikalischen Verfahren abzuschätzen und die Konsequenzen hinsichtlich der Sichtung und Sofortbehandlung zu ziehen. Die Bestimmung der absorbierten Strahlendosis erfolgt danach mittels spezialisierter Methoden der biologischen Dosimetrie am InstRadBioBw.

Der TF-Anteil Med A ist eine einsatzmedizinisch unverzichtbare Komponente für die frühzeitige, fachlich kompetente sanitätsdienstliche Versorgung Strahlengeschädigter.

Nuclear Medical Defence Task Force Element – Structure and capability profile of the Bundeswehr Institute of Radiobiology, in affiliation with the University of Ulm

Summary

CBRN medical defence is an important task of the Bundeswehr. Several organisational areas and institutions are active in this field. The Bundeswehr Institute of Radiobiology, in affiliation with the University of Ulm (InstRadBioBw), is in charge of the task of ensuring nuclear medical defence. As part of the CBRN Medical Defence Task Force, the InstRadBioBw has personnel on standby (Nuclear Medical Defence Task Force Element) for deployment in case of radiation accidents. Its tasks of them will be the clinical examination of the patients as well as physical on-site measurements. The element is also an important link to the specialised diagnostic laboratories at the institute. A crucial task is to perform the assessment of injuries caused by exposure to radiation using methods of physical, clinical and biological dosimetry established and performed at the InstRadBioBw.

1. Einleitung

Der Reaktorunfall in Fukushima, der sich nach dem Erdbeben mit nachfolgendem Tsunami im Frühjahr 2011 in Japan ereignete, belegt in eindrücklicher Weise, wie wichtig es ist, im Falle eines nuklearen oder radiologischen Großschadens vorbereitet zu sein. Das Szenario des havarierten Kernkraftwerks ist jedoch nur eine von vielen möglichen radiologischen/nuklearen Lagen. Angesichts einer zunehmenden asymmetrischen Kriegsführung ist die Gefahr radiologischer/nuklearer Schläge durch terroristische Gruppierungen stets präsent.

Hier kommt dem Medizinischen ASchutz eine besondere Rolle zu, denn er vereint die fachlichen Kompetenzen im Bereich des medizinischen Strahlenunfallmanagements, der Strahlenbiologie und Strahlenmedizin sowie der physikalischen, biologischen und klinischen Dosimetrie. Wesentlicher Bestandteil ist es, die medizinischen Risiken und therapeutischen Konsequenzen für Strahlenunfallopfer sowie auch für eine möglicherweise größere Gruppe strahlenexponierter Personen abzuschätzen. Diese Aufgabe des Medizinischen A-Schutzes wird innerhalb des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr durch das Institut für Radiobiologie der Bundeswehr in Verbindung mit der Universität Ulm (InstRadBioBw) repräsentiert und wahrgenommen. Hierzu gehört auch die Bereitstellung eines Task Force (TF)-Anteils Med A für einen mobilen Einsatz im Rahmen der Task Force Medizinischer ABC-Schutz des Sanitätsdienstes der Bundeswehr.

Im Folgenden wird auf die militärischstrukturellen Gegebenheiten eingegangen und die Kompetenzen sowie das Fähigkeitsprofil des TF-Anteils Med A dargelegt werden.

2. Task Force-Anteil Med A

Der TF-Anteil Med A ist eine Komponente der Medizinischen ABC Task Force des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr und wird im Fall einer Alarmierung dem Sanitätsamt der Bundeswehr unterstellt.

Der Medizinische ABC-Schutz ist der Oberbegriff für drei eigenständige, interdisziplinäre, wehrmedizinische Teilgebiete: Medizinischer A-Schutz, vertreten durch das Institut für Radiobiologie der Bundeswehr, Medizinischer BSchutz, vertreten durch das Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr und Medizinischer C-Schutz, vertreten durch das Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Bundeswehr.

In allen Operations- und Einsatzarten ist der Medizinische ABC-Schutz Bestandteil der sanitätsdienstlichen Unterstützung für die Kräfte der Bundeswehr.

Jeweils zusammen mit der Führungsgruppe der Abteilung IX des Sanitätsamtes wird dadurch ein Einsatzelement des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr gebildet.

Neben dem mobil einsetzbaren Anteil zur Unterstützung bei der Versorgung von Patienten nach Strahlenunfällen vor Ort verfügt das InstRadBioBw über ein Spektrum von spezialdiagnostischen Verfahren zum Nachweis von strahlenbedingten Gesundheitsschäden.

Von großer Bedeutung ist die ständige fachliche Unterstützung durch Experten des InstRadBioBw („Reachback Capability“), das seit Jahren auf ein umfangreiches nationales, internationales und zivil-militärisches Netzwerk zurückgreifen kann (siehe Abb 1).

2.1 Fähigkeitsprofil, Aufgaben und Kompetenzen

Bei Strahlenunfallszenarien, in denen ein Einsatz am Unfallort zur Unterstützung bei der Diagnostik und Therapie von Strahlenschäden notwendig ist, muss szenarioabhängig ein bestimmtes Spektrum an Fähigkeiten und Methoden zur Verfügung stehen.

Neben einer physikalischen Messung ist insbesondere die Bestimmung der Schwere eines Strahlenschadens und die Abschätzung der zu erwartenden Symptome zum Zeitpunkt der größten Ausprägung des Strahlensyndroms nach klinischen Kriterien von größter Bedeutung.

Physikalische Methoden umfassen das Messen von ionisierender Strahlung (Alpha-, Beta- und Gammastrahlung) einschließlich der Bestimmung der Dosisrate sowie die spezifische Radionuklid- Identifizierung mittels hochauflösender Gamma-Spektroskopie.

Die genannten Methoden erlauben in dieser Kombination das Erkennen einer äußerlichen Kontamination mit Radionukliden und auch die Abschätzung der hierdurch verursachten Strahlendosis. Aber auch die Aufnahme von Radionukliden durch Einatmen, Verschlucken oder über Wunden kann bei den meisten Radionukliden nachgewiesen werden. Gerade bei einer Inkorporation ist die Identifizierung des Radionuklids entscheidend, um eine spezifische Dekorporationstherapie einzuleiten. Liegt aber weder eine Kontamination, noch eine Inkorporation von Radionukliden vor, so kann eine stattgehabte Strahlenexposition bei den jeweiligen Patienten nicht mehr mittels physikalischer Strahlenmessung nachgewiesen werden.

Vielmehr bestimmt dann die klinische Symptomatik die Ausprägung und auch die prognostische Abschätzung des Strahlensyndroms. Der Korrelation von klinischem Bild und Schwere eines Strahlenschadens liegen Daten von Strahlenunfallpatienten aus Strahlenunfällen von 1957 bis heute zugrunde. Diese klinischen Daten sind in dem Datenbanksystem SEARCH (System for Evaluation and Archiving of Radiation Accidents Based on Case Histories), das dem InstRadBioBw für weiterführende Auswertungen zur Verfügung steht, zusammengefasst. Auf dieser Basis wurde durch die Arbeitsgruppe strahlenmedizinische Forschung der Universität Ulm das Konzept METREPOL (Medical Treatment Protocols for Radiation Accident Victims as a Basis for a Computerised Guidance System) zum medizinischen Strahlenunfallmanagement entwickelt [1]. Dieses Konzept stellt die Grundlage der klinischen Bewertung und Sichtung strahlenexponierter Patienten am Einsatzort dar. Auch die Planung der weiterführenden Versorgung von strahlenexponierten Patienten in Abhängigkeit von eventuellen Begleitverletzungen und einer Inkorporation von Radionukliden erfolgt nach diesem Konzept.

Eine Inkorporation stellt einen Sonderfall nach einer Freisetzung von Radionukliden dar und macht - je nach abgeschätzter Folge-Dosis - eine spezifische Dekorporationstherapie mit dem Ziel notwendig, die Ausscheidung des Radionuklids aus dem Körper des Patienten zu beschleunigen und somit die Strahlenbelastung zu reduzieren. Für eine gezielte Dekorporationstherapie muss bekannt sein, welches Radionuklid vorliegt, um das jeweilige spezifische Medikament auswählen zu können. Der Nachweis des Radionuklids erfolgt mit Hilfe eines mobilen hochauflösenden Gamma-Spektrometers direkt am Einsatzort.

Bei einem Strahlenunfall 1987 in Goiânia, Brasilien, stand zum Zeitpunkt der Identifizierung der Strahlenquelle die Problematik der Kontamination im Vordergrund. Die Messung von kontaminierten Arealen wurde umgehend eingeleitet, wobei 112 000 Personen auf eine äußere Kontamination hin untersucht und dadurch 249 Personen als kontaminiert identifiziert wurden. Die kontaminierten Personen konnten daraufhin mit sehr gutem Erfolg äußerlich dekontaminiert werden. Zusätzlich zeigte sich die Problematik einer Inkorporation des Radionuklids Cäsium- 137. Bei 46 Patienten wurde dann eine Dekorporationstherapie mit Preußisch Blau (Radiogardase®) erfolgreich durchgeführt. Dieses Beispiel illustriert mögliche Größenordnungen von durchzuführenden Untersuchungen sowie von weiterführenden therapeutischen und organisatorischen Maßnahmen [9].

Die verschiedenen Aufgabenbereiche des TF-Anteils Med A sind in einem Schaubild in der Abbildung 2zusammengefasst:

Im Zentrum steht die Frage, ob der Patient exponiert oder kontaminiert ist und wenn ja, ob er eine Akute Strahlenkrankheit entwickeln wird. Der Beantwortung dieser Frage dienen die im zweiten Dreieck aufgeführten Dosimetrieverfahren. Diese sind schließlich am Rand des Dreiecks weiter spezifiziert und optisch untermalt, um die einsatzmedizinische Relevanz dieser Verfahren herauszuheben.

Als Ergebnis der Untersuchungen soll für jeden Patienten Folgendes resultieren:

  • Diagnose, zum Beispiel Akute Strahlenkrankheit,
  • Sichtungskategorie im Falle eines Massenanfalls von Verletzten/Strahlenexponierten,
  • Empfehlungen für die Therapie (gegebenenfalls unmittelbare Dekorporationsmedikation) und für Einrichtungen zur Anschlussbehandlung,
  • Prognose- und Risikoabschätzung für den Patienten und das weiterbehandelnde Personal.

2.2 Dosimetrische Verfahren

2.2.1 Physikalische Dosimetrie

Es werden im TF-Anteil Med A Geräte vorgehalten, die zur Messung von ionisierender Strahlung dienen. Hierbei handelt es sich zum einen um Geräte zur Bestimmung einer Dosisleistung. Diese werden zur Detektion einer möglichen Kontamination, zum Aufspüren von Strahlenquellen aber auch zur Bestimmung der Hintergrundstrahlung benutzt. Zum anderen lassen sich über die Kontaminationsmessung hinaus auch Radionuklide mittels hochauflösender Gamma-Spektrometrie bestimmen. Besonders im Hinblick auf eine mögliche Inkorporation von Radionukliden kann auf der Basis einer Identifikation der beteiligten Nuklide zeitnah eine entsprechende Dekorporationstherapie erfolgen.

Die physikalische Dosimetrie ist aber nicht nur zum Beurteilen der möglichen Verwundeten bei einer A-Schadenslage essenziell, sondern insbesondere hinsichtlich des notwendigen Eigenschutzes des TF-Anteils Med A. Hierbei ist von größter Bedeutung, die Richtund Eingreifwerte zu beachten.

2.2.2 Klinische „Dosimetrie“

Es handelt sich hier nicht um eine Dosimetrie im wörtlichen Sinne, da keine absorbierte Dosis sondern der individuelle Strahlenschaden des Patienten bestimmt wird. Dieser ist ausschlaggebend für die weiterführende Therapie. Die gemessene oder berechnete absorbierte Dosis ist zwar ein nicht zu vernachlässigender Anhaltspunkt bei der Beurteilung der Patienten, jedoch ist der klinische Zustand der maßgebende Faktor [1, 3, 4, 7].

Zur Dokumentation der Ergebnisse der Anamneseerhebung und der klinischen Untersuchung wurde ein Dokumentationsbogen entwickelt. Neben üblichen Angaben zur Person, deren Anamnese und klinischen Untersuchung durch den Arzt werden auch physikalische Messergebnisse festgehalten. Zusätzlich wird eine Diagnose gestellt und der Schweregrad der Erkrankung abgeschätzt. Dem weiterbehandelnden Klinikpersonal wird eine Empfehlung zum Prozedere gegeben. Sie beinhaltet auch, ob von dem Patienten noch Gefahr ausgeht, zum Beispiel durch noch bestehende Kontamination, Inkorporation, radioaktives Schrapnell et cetera. Der Dokumentations- und Erfassungsbogen existiert nicht nur in Papierform als handschriftlich zu befüllendes Formular am Patienten. Es wurde analog auch ein computergestütztes System entwickelt, das die elektronische Archivierung in einer Datenbank und gegebenenfalls die Übermittlung der Datensätze gewährleistet.

Die Benutzeroberfläche mit den unterschiedlichen Teilbereichen ist in Abbildung 3 dargestellt.

Um betroffene Patienten ausreichend beurteilen zu können, ist es wichtig, symptomorientiert mit dem Fokus auf einen Ausschluss oder eine Verifizierung einer Akuten Strahlenkrankheit zu untersuchen. In Abhängigkeit vom Untersuchungszeitpunkt nach einer Bestrahlung müssen Schweregrad und Frequenz der Symptome bestimmt und Rückschlüsse auf den Strahlenschaden gezogen werden. Verschiedene Organsysteme werden hier gemäß METREPOL beurteilt [1, 7, 9, 10]. Damit lassen sich Strahlengeschädigte in eine sogenannte Response Category (1-4) kategorisieren, die den Schweregrad des Strahlenschadens quantifiziert. In erster Linie wird hier auf Symptome oder Symptomenkomplexe aus den folgenden Organsystemen geachtet:

  • hämatopoetisches System (H),
  • Haut und Hautanhangsgebilde (C),
  • Gastrointestinaltrakt (G),
  • neurovaskuläres System (N).

Als Beispiel mag “Emesis“ als eines von 24 zu beurteilenden Symptomen dienen. Je nach Ausprägung wird es einem Schweregrad (1-4) zugeordnet:

Analog werden die anderen 23 Symptome eingestuft (Tab 1). Daraus errechnet sich zunächst der Schweregrad für jedes der oben genannten Organsysteme (zum Beispiel H3 C2 G2 N1) und schließlich die Response Category (RC) als zusammenfassende Eingliederung. Für jede RC existiert gemäß METREPOL ein spezifisches Behandlungskonzept. Für das blutbildende System ist in Abbildung 4 ein Überblick über die erforderliche medizinische Versorgung bei einem hämatologischen Syndrom dargestellt.

Daraus ergibt sich eine weitere Aufgabe des Personals des TF-Anteils Med A. Es ist nicht nur darauf zu achten, die Schädigung korrekt zu diagnostizieren und die richtigen präklinischen Maßnahmen einzuleiten. Auch die Koordination hinsichtlich der Einweisung in die adäquaten klinischen Einrichtungen ist entscheidend [1, 7, 9, 10]. Gerade im Auslandseinsatz ist zu klären, ob die medizinischen Kompetenzen und Ressourcen der Sanitätseinrichtung vor Ort ausreichen oder ob umgehend eine Repatriierung vorzunehmen ist, um den Patienten beispielsweise in eine Klinik mit entsprechendem Schwerpunkt einzuweisen. Sowohl Transportkapazitäten als auch therapeutische Kapazitäten können bei hohen Patientenzahlen zum limitierenden Faktor werden.

Einen grundlegenden Anhaltspunkt sowohl zur präklinischen als auch klinischen Einschätzung des hämatologischen Strahlenschadens liefert das Blutbild. Eine Blutentnahme sollte daher möglichst zeitnah nach Strahlenexposition und danach in regelmäßigen Abständen (alle 6 h) erfolgen. Am InstRadBioBw wurde in diesem Kontext ein Programm entwickelt, das anhand von Blutzellbestandteilen in den ersten drei Tagen nach Bestrahlung Hinweise zur Diagnose liefert und gleichzeitig Vorschläge zur Weiterbehandlung bereitstellt.

Bei einer Exposition mit ionisierender Strahlung können folgende Arten unterschieden werden:

  • Externe Bestrahlung (Ganz- oder Teilkörperbestrahlung) ohne Kontamination,
  • externe Bestrahlung (Ganz- oder Teilkörperbestrahlung) durch Kontamination,
  • interne Bestrahlung durch Inkorporation, • Kombination von interner und externer Bestrahlung.

Falls eine Dekontamination von Patienten notwendig ist, wird diese im militärischen Bereich auf einem San-E-Platz (Sanitäts-Entstrahlungs-/Entseuchungs-/ Entgiftungs-Platz) durchgeführt. Bei Verdacht auf eine Inkorporation ist eine möglichst zeitnahe Dekorporationstherapie einzuleiten. Hierfür hält der TF-Anteil Med A spezifische Dekorporationsmedikamente vor, die schon präklinisch verabreicht werden sollen, um die Radionuklide möglichst schnell aus dem Körper auszuschleusen.

Wichtig für die Beurteilung potenziell exponierter Patienten ist das Vorliegen einer Begleitverletzung. Durch derartige Kombinationstraumata kommt es zu einem starken Anstieg der Letalitätsrate [2]. Dies muss bei der Sichtung und präklinischen Versorgung sowie insbesondere bei der Wahl der weiterbehandelnden Klinik unbedingt beachtet werden.

2.2.3 Biologische Dosimetrie

Die biologische Dosimetrie beinhaltet Verfahren, die am InstRadBioBw zur Rekonstruktion der individuell absorbierten Strahlendosis verwendet werden.

• Dizentrische Chromosomenanalyse (DCA):

Hierbei handelt es sich um ein seit den frühen 60er Jahren verwendetes Verfahren. Bis zum heutigen Tage hat es sich zum Goldstandard der Biodosimetrie entwickelt. Durch ionisierende Strahlung entstehen Chromosomen, die statt der normalen Konfiguration mit einem Zentromer zwei Zentromere (sogenannte dizentrische Chromosomen) besitzen. Das Auftreten dieser Aberration ist mit einer hohen Spezifität für ionisierende Strahlung verbunden [5].

• H2AX-Focus-Assay:

Ionisierende Strahlung verursacht Doppelstrangbrüche (DSB). Körpereigene Reparaturmechanismen setzen sich unmittelbar nach Exposition mit der Schadensbehebung auseinander. Essenzieller Bestandteil der Reparatur sind die Histone. Erst während der Reparatur wird ein bestimmtes Histon phosphoryliert und damit zu H2AX, das immunfluoreszenzmikroskopisch nachgewiesen werden kann. Dies dient zur Detektion der Foci, in denen Reparaturmechanismen an DSB stattfinden [6].

 Genexpression:

Die Expression bestimmter Gene wird durch ionisierende Strahlung beeinflusst. Dies kann sowohl eine Hoch- als auch eine Herunterregulation der entsprechenden Gene bedeuten. Mittels quantitativer Echtzeit-PCR werden diese Gene nachgewiesen, wodurch biodosimetrische Rückschlüsse gezogen werden können [6].

• CB-Mikrokern-Assay:

Als CB (Cytokinese Block)-Mikrokerne bezeichnet man intrazelluläre Strukturen ohne Verbindung zum Zellkern, die Chromatin enthalten und von einer eigenen Membran umgeben sind. Hierbei wird der Ausschluss von ganzen Chromosomen oder von Chromatinfragmenten aus dem Zellkern unterschieden. Durch Zugabe von Cytochalasin B wird die Zellteilung gehemmt, nicht jedoch die Teilung des Zellkerns. An den daraufhin entstehenden binukleären Zellen wird die Anzahl der Mikrokerne ausgezählt [6].

• Translokationen:

Durch fehlerhafte Reparatur nach Strahlenexposition kommt es zu einem Austausch chromosomaler Abschnitte von einem Chromosom auf ein anderes. Dies geschieht ohne Verlust von chromosomalem Material. Weil solche Zellen ihre Proliferationsfähigkeit nicht verloren haben, sind Translokationen zur Abschätzung auch sehr lange zurückliegender Expositionen geeignet [6].

Um verwertbare Ergebnisse gewährleisten zu können, ist zweifelsohne ein äußerst strukturiertes und standardisiertes Vorgehen bei der Probennahme und beim Probenversand notwendig. Hierbei muss unter anderem auf den zeitlichen Ablauf, die Versandtemperatur aber natürlich auch auf das zu verwendende Agens geachtet werden. Die Annahme und die weitere Bearbeitung der Untersuchungsproben erfolgt innerhalb des InstRadBioBw ebenfalls gewährleistet, dass Dokumentation (individuelle Daten, Probenzustand, Anzahl), Lagerung und Bearbeitung „lege artis“ durchgeführt werden können. Ein TÜV-zertifiziertes Qualitätsmanagementsystem garantiert die Standardisierung und Optimierung der Arbeitsabläufe im Sinne einer „chain of custody“.

3. Schlussfolgerungen

Der Medizinische A-Schutz stellt einen wesentlichen Teilbereich des Medizinischen ABC-Schutzes dar und wird durch das Institut für Radiobiologie der Bundeswehr in Verbindung mit der Universität Ulm (InstRadBioBw) vertreten. Für den mobilen Einsatz im Rahmen der Task Force Medizinischer ABCSchutz hält das InstRadBioBw Personal bereit (TF-Anteil Med A). Dieses medizinische Personal stellt gleichzeitig eine singuläre nationale Ressource dar.

Das medizinische Strahlenunfallmanagement einschließlich der Diagnostik strahleninduzierter Gesundheitsschäden, die Ursachenaufklärung und Identifizierung von Strahlenquellen, die Kontamination sowie Inkorporation von Radionukliden und das therapeutische Vorgehen bei Patienten mit einem Akuten Strahlensyndrom stellen die wesentlichen Herausforderungen auf dem Gebiet des Medizinischen A-Schutzes dar.

Die Auswertung von Strahlenunfällen zeigt, dass eine umfassende vorbereitende Planung der zu ergreifenden diagnostischen, interdisziplinär angelegten therapeutischen und organisatorischen Maßnahmen von größter Bedeutung ist. Diese Planung muss sich zum einen an aktuellen Lagebildern und Bedrohungsanalysen und zum anderen an aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Diagnostik und Therapie von Strahlenschäden orientieren.

Die feste Einbindung des InstRadBioBw in nationale und internationale Netzwerke wie zum Beispiel das WHONetzwerk REMPAN (Radiation Emergency Medical Preparedness and Assistance Network) gewährleistet einen intensiven Austausch von Expertise und Erfahrungen.

Literatur:

  1. Fliedner TM, Friesecke I, Beyrer K (eds): Medical Management of Radiation Accidents: Manual on the Acute Radiation Syndrome, British Institute of Radiobiology, London, 2001
  2. Dicarlo AL, Hatchett RJ, Kaminski JM et al.: Medical Countermeasures for Radiation Combined Injury: Radiation with Burn, Blast, Trauma and/or Sepsis. Report of an NIAID Workshop, March 26-27, 2007. Radiat Res. 2008 169:712-21
  3. Hotz ME, Fliedner TM, Meineke V: Radiation accident preparedness: a European approach to train physicians to manage mass radiation casualties. Health Phys. 2010; 98:894-7
  4. Prasanna PG, Blakely WF, Bertho JM et al.: Synopsis of partial-body radiation diagnostic biomarkers and medical management of radiation injury workshop.Radiat Res. 2010;173:245-53
  5. Beinke C, Braselmann H, Meineke V: Establishment of an x-ray standard calibration curve by conventional dicentric analysis as prerequisite for accurate radiation dose assessment.Health Phys. 2010;98:261-8
  6. Riecke A, Ruf CG, Meineke V: Assessment of radiation damage-the need for a multiparametric and integrative approach with the help of both clinical and biological dosimetry.Health Phys. 2010;98:160-7
  7. Fliedner TM, Chao NJ, Bader JL et al.: Stem cells, multiorgan failure in radiation emergency medical preparedness: a U.S./European Consultation Workshop. Stem Cells. 2009;27:1205-11
  8. Pieper B, Meineke V: Nuclear medical expertise delivered by telemedicine in a 'dirty bomb' exercise.J Telemed Telecare. 2007;13:154-6
  9. Dörr HD, Meineke V: Appropriate radiation accident medical management: necessity of extensive preparatory planning.Radiat Environ Biophys. 2006;45:237-44. Epub 2006 Oct 18. Review.28
  10. Gorin NC, Fliedner TM, Gourmelon P et al.: Consensus conference on European preparedness for haematological and other medical management of mass radiation accidents.Ann Hematol. 2006;85:671-9

Datum: 03.01.2012

Quelle: Wehrmedizinische Monatsschrift 2011/8-9

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