10.10.2010 •

    IDEENSCHMIEDE RUND UM DEN CONTAINER

    Wir besuchten den Container-Spezialisten DREHTAINER GmbH. 1974 als Serviceunternehmen in Hamburg gegründet, blickt das relativ junge Unternehmen schon auf eine lange Erfahrung im Bereich der Container- und der zugehörigen Fahrzeugtechnologie zurück. Seit Ende 1982 entwickelt und produziert man mittlerweile in Valluhn, zwischen Hamburg und Schwerin gelegen, Spezialcontainer und Spezialfahrzeuge für die Wehr- und Nukleartechnik sowie Industrie. Mehrere Tausend Spezialcontainer und hochgeschützte Einheiten für die Bundeswehr sowie die Armeen Australiens, Chiles, Kanadas, der Niederlande und der Schweiz wurden in den vergangenen Jahrzehnten gefertigt. Die selbst entwickelte Schutztechnologie "Zero-Shock®" gegen Druckwellen von Explosionen gilt als State-of-the-Art und verschafft DREHTAINER ein Alleinstellungsmerkmal. Durch die schlanke Struktur zeigt sich das Unternehmen hochflexibel und überzeugt seine Partner durch die hohe Innovationskraft und Zuverlässigkeit. Unsere Interviewpartner waren der geschäftsführende Gesellschafter Dipl.-Ing. Helmut W. Meyer und Dipl.-Ing. Jörg Ziemann, der für die Konstruktion und Betreuung der sanitätsdienstlichen Lösungen zuständig ist.

    WM: Wenn man auf das Betriebsgelände kommt, beeindruckt das offensichtliche Wachstum. Eine zusätzliche neue Halle ist gerade im Entstehen, in relativ kurzer Zeit ist das schon der zweite Neubau. Was für eine Geschichte steckt hinter diesem schnell expandierenden Unternehmen?

    DREHTAINER: Die Firma DREHTAINER wurde 1974 durch meinen damaligen Partner und mich als ein Dienstleistungsunternehmen zur Reparatur und Wartung von Seecontainern - eigentlich etwas sehr Profanes, gegründet. Wir hatten uns allerdings von Beginn an schon darauf eingerichtet, die Tätigkeiten später auszuweiten. 1982 wurden wir von der Bürgengemeinschaft des Handwerks gefragt, ob wir einen Betrieb übernehmen könnten, der sich mit dem Umbau und Herstellung einfacher Container beschäftigte.

    Nach Jahren der Umstrukturierung gelang es uns gemeinsam mit einem Partner den Turnaround durchzuführen. Durch Großaufträge aus der Nuklearindustrie konnten wir uns konsolidieren und sogar wachsen. So bauten wir im weiteren Transportcontainer für die Bundeswehr und den Nuklearbereich. Darauf aufbauend entwickelten und produzierten wir schon bald hochwertigere Forschungscontainer für die Marine. Im Bereich Nuklearentsorgung fertigten wir auch sehr große Behälter - mit einem Eigengewicht bis zu 165 Tonnen. Schnell wurden wir Marktführer in Europa für schwere Abschirmbehälter und Hebezeuge. Der nächste Schritt war der Auftrag, ein Spezialfahrzeug für die Bundeswehr und das US Marine Corps zu entwickeln. Diese damals für uns sehr anspruchsvolle Technologie, forderte unsere gesamte Leistungsfähigkeit. Aus diesem Projekt haben wir so viel gelernt, dass wir im Fahrzeugbau heute über ein solides Know-how verfügen und ein Gebiet abdecken, das aus unserer Sicht ein hohes Zukunftspotenzial erwarten lässt. Unser damals entwickeltes Spezialfahrzeug, der Mobitainer, ist in der Lage z.B. Container direkt von einem Landungsboot aufzunehmen und an Land zu verbringen. Bei Katastrophen wie in Birma oder jetzt in Haiti wäre dieses Fahrzeug sehr hilfreich, da Hilfsgüter auch trotz zerstörter Hafenanlagen an Land gebracht werden können.

    Ein großer Erfolg war der Gewinn einer Ausschreibung der Bundeswehr über die Fertigung von Feldlagercontainern. Wir konnten durch die sehr stabile Ausführung überzeugen und haben in der Folge insgesamt ca. 3500 Stück geliefert. Mit den mittlerweile in das Unternehmen eingetretenen geschäftsführenden Gesellschaftern Reinhard Glombek und Jens Harder entschlossen wir 2003 uns zwischen Hamburg und Schwerin in Valluhn neu anzusiedeln. Der Neubau eröffnete zahlreiche neue Möglichkeiten, unter anderem die Anlage eines unterirdischen Schießkanals, um Beschussversuche selbst durchführen zu können.

    WM: Die Bundeswehr ist offensichtlich ein sehr wichtiger Kunde. An wen liefert DREHTAINER außerdem?

    DREHTAINER: Im Bereich hochgeschützter Feldlagersysteme beliefern wir auch Nationen wie Australien, Kanada, die Niederlande und die Schweiz, die alle Wert auf einen hohen Schutzlevel legen. So haben diese Staaten mittlerweile mehrere Tausend hochgeschützter Container in Afghanistan im Einsatz. Das niederländische Militär hat übrigens den interessanten Trend begründet, die typische dreistufige Errichtung von Feldlagern - erst einmal mit Provisorien, dann mit Containern und danach mit fester Infrastruktur in den Einsatz zu gehen - abzukürzen, in dem es nur die zweite Stufe, nämlich die geschützten Container, als feste Infrastruktur nutzt.

    WM: Wie sind Sie momentan aufgestellt? Welche unterschiedlichen Bereiche gibt es?

    DREHTAINER: Grundsätzlich haben wir in der Wehrtechnik drei unterschiedliche Businessunits. Das sind zum einen die Feldlagertechnik, der Bereich Medical und die Fahrzeugschutzsysteme. Im ersten Bereich findet man unser modulares Feldlagerkonzept wieder. Mit diesem ist es dem Nutzer völlig freigestellt, in wieweit er funktional die modularen Container nutzt. Diese können sowohl als OPZ, zur Unterbringung von Soldaten, als Hospital oder auch als Kantine genutzt werden. Es gibt aber auch Abwandlungen zu diesem System. So haben wir gerade die modularen Container für das verlegefähige Feldjägerdienstkommando an die Bundeswehr übergeben. Weiterhin gehören auch geschützte Wachtürme und Sonderfunktionscontainer zu diesem Portfolio.

    Unser medizinisches Tätigkeitsfeld kombiniert die vorhandene Feldlagertechnik mit unserem medizinischen Know-how. So haben wir bereits OP-Container, aber auch Container für Rettungsstationen geliefert. Weiterhin sind in unserem Hause MedEvac-Rüstsätze für den PIRANHA von MOWAG entwickelt und gefertigt worden. Zu den Fahrzeugschutzsystemen gehört unser Zero-Shock® System. Gleichfalls entwickeln wir zurzeit ein absolut modulares geschütztes Fahrzeug, was den heutigen Erfordernissen, aber auch zukünftigen Entwicklungen Rechnung tragen wird.

    WM: Worum handelt es sich bei dem Zero- Shock® System?

    DREHTAINER: Diese Entwicklung beruht auf der sogenannten Schockentkoppelung. Wir haben hier sozusagen einen Raum im Raum geschaffen. Das Zero-Shock® System besitzt im Unterschied zu den herkömmlichen Systemen eine echte physikalische Entkoppelung. Oft reklamieren herkömmliche Systeme eine Entkoppelung für sich, tatsächlich liegt aber nur eine Dämpfung von Schockwellen vor. Ziel ist es, mit verschiedenen technischen Hilfsmitteln die Schockeinleitung und vor allem die Beulung der Außenhaut und des Bodens von Soldaten und Gerät fernzuhalten. Da DREHTAINER den gesamtem Containerinhalt auf eine sogenannte Plattform platziert, kann in unseren Containern der Arzt z.B. während der Fahrt auf dem Boden stehen bleiben und den Patienten behandeln. Sollte es nun zu einem IED-Anschlag kommen, bewahrt dieses Schutzsystem die gesamte Besatzung vor den letalen Folgen. In zahlreichen Ansprengversuchen konnten wir diesen lebensrettenden Effekt nachweisen.

    WM: Kann man das Zero-Shock® System überall einbauen? Wird es sowohl in Containern als auch in Fahrzeugen verwendet?

    DREHTAINER: Man kann es natürlich sowohl in Containern als auch in Fahrzeugen einrüsten und sogar nachträglich einbauen. Derzeit laufen Fahrversuche mit dem GTK BOXER, dem neuen gepanzerten Transportfahrzeug der Bundeswehr. In Vorversuchsreihen wurde sogar der sogenannte Overmatch-Fall getestet. Damit ist das Aufreißen eines Fahrzeugs durch Überbeanspruchung des Materials nach einer schweren Explosion, gemeint. Dank einer Kombination unseres entkoppelten Zero-Shock® Bodens mit einem nachgeschalteten Dämpfungssystem auf hydraulischer Basis können wir die extremen Belastungen des "Global move" signifikant reduzieren. Dafür haben wir den einzigen Teststand genutzt, der den "Global move" und "Drop down"-Fall simulieren kann. Hierbei wird die harte Landung eines in die Luft geschleuderten Fahrzeugs dargestellt. Für das Zero-Shock® System besitzt DREHTAINER die weltweiten Patentrechte. Auch wirtschaftlich bringt dieses System viele Vorteile mit sich. So müssen zum Beispiel Bildschirme, die in anderen Gefechtsfahrzeugen eingerüstet werden, besonders gehärtet sein. Dadurch sind sie besonders teuer in der Beschaffung. Bildschirme hingegen, die in Fahrzeugen mit unserer Technik eingerüstet sind, können handelsüblich sein.

    WM: Sie sprachen von dem neuen modularen geschützten Fahrzeug. Können Sie uns dazu näheres sagen?

    DREHTAINER: Hierbei handelt es sich um eine absolute Neuentwicklung. Es besteht aus einem Chassis und Modulen, die flexibel kombinierbar sind. Weltweit erstmalig wird ein Fahrerstand integriert, in dem Lenksäule, Armaturen, Gaspedal - kurz, alle Bedienungselemente hundertprozentig entkoppelt sind. Die Lenkung erfolgt über "Drive by Wire".

    WM: Sie sprachen bereits über die sanitätsdienstlichen Systeme. Was bieten Sie dort genau an?

    DREHTAINER: Im Prinzip haben wir bei uns im Hause folgende Systeme entwickelt. Ein wesentliches Produkt sind die MedEvac Rüstsätze. Hierbei handelt es sich neben Tragentischen auch um die Aufnahmen für sämtliches medizinisches Gerät, was man üblicherweise in Rettungswagen vorfindet. Der Piranha IV wurde mit diesem System realisiert. Eine weitere Nutzung ist für den Geschützten Verwundeten Transportcontainer (GVTC) entwickelt worden. Bei Fahrzeugen gibt es einige Hersteller, die zwar eine geschützte Hülle anbieten. Meist aber fehlt beim Transport von liegenden oder sitzenden Patienten und Personen die vollständige Entkoppelung. Hier sind MedEvac Rüstsätze mit Zero-Shock® System als Modul nachrüstbar, um den vorhandenen Schutz mit wenig Aufwand wesentlich zu erhöhen. Des Weiteren fertigt DREHTAINER medizinische Spezialcontainer auf 20ft-Basis, die sämtliche Funktionen einer medizinischen Maximalversorgung erfüllen können.

    WM: Wir würden gern beim Thema modulare Technik bleiben. Was können Sie uns zu dem von Ihnen entwickelten modularen mobilen Hospital sagen?

    DREHTAINER: DREHTAINER hat 2004 mit der Konstruktion von medizinischen Containern angefangen. Durch die Entwicklung eines 3- in-1-Containers, also eines erweiterbaren, zu den Seiten ausklappbaren Containers, ergab sich für uns die Möglichkeit, sehr viele verschiedene medizinische Funktionsbereiche in einen solchen Container einzubauen. Bei Notfallcontainern, Sanitätsstationen oder OPs, die im Einsatz schnell verwendet werden müssen, braucht man bei unserer Lösung nur die Tür zu öffnen und hat das gesamte Equipment griffbereit, kann also sofort helfen. In Chile wurde es bereits eingesetzt und arbeitet selbst auf relativ unebenen Flächen tadellos. Bereits 2005 bekamen wir den ersten Auftrag über den Bau solcher Container vom dänischen Zivilschutz. Sämtliche Container sind über Schleusenund Gangcontainer miteinander koppelbar. So können verschiedene Grundrisse eines modularen Hospitals erstellt und jederzeit ergänzt werden. Neben unserer Kernkompetenz - dem Containerbau - sind wir gleichfalls in der Lage dem Kunden die Beschaffung der medizinischen Spezialausstattung, als auch die Schulung aus einer Hand anzubieten.

    WM: Welche Schutzlevel sind in diesem Bereich üblich und verfügbar?

    DREHTAINER: Bei der Standardausführung des mobilen modularen Hospitals ist Schutz nicht vorgesehen. Der Standardcontainer 3-in-1, wie ihn auch die meisten Kunden verwenden, verfügt in der Regel nicht über einen besonderen Schutz. Allerdings haben wir auch Lösungen für einen geschützten 3-in-1 Container entwickelt. Dieser ist als Bedien- und Feuerleitzentrale im Nächstbereichschutzsystem (NBS) MANTIS bei die Bundeswehr eingeführt. Diese geschützte 3-in-1-Containerlösung ist weltweit die erste, die nach STANAG 4569 Level 3 gefertigt worden ist. Besonders hervorzuheben ist die >60dB HF-Dichtigkeit, was bei einem erweiterbaren Container besonders schwierig ist. Auch dieser Container ist mit dem modularen Hospital koppelbar. Gleiches gilt für die anderen Containervarianten von DREHTAINER.

    WM: Wie gewichten Sie die Märkte auf denen sie aktiv sind? Ist DREHTAINER eher international orientiert oder liegt Ihr Schwerpunkt auf dem deutschen Markt?

    DREHTAINER: Gegenwärtig macht der internationale Markt ca. 75 % unseres Geschäfts aus. Nichtsdestotrotz sind wir daran interessiert, unsere weltweiten Verbindungen auszubauen. Wie bereits erwähnt haben wir in den vergangen Jahren zahlreiche erfolgreiche Projekte im Bereich Medical mit internationalen Partnern abgewickelt. In Deutschland ist nicht nur die Bundeswehr ein wichtiger Kunde, sondern auch die Hilfsorganisationen mit ihren zahlreichen Einsätzen in Übersee.

    WM: DREHTAINER ist ein relativ kleines Unternehmen. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb macht das Unternehmen auf uns einen sehr innovativen, sehr effizienten Eindruck. Was sind Ihre Pläne für die Zukunft? Welche Projekte werden als nächste kommen?

    DREHTAINER: Sehr reizvoll ist für uns die Weiterentwicklung des modularen geschützten Fahrzeugs. Wir haben den Ehrgeiz, einen 1. Prototyp im Jahr 2010 Jahr zu entwickeln und als Hardware vorzustellen. Auch in dieser Richtung denken wir an eine Ausweitung unserer Modul-Philosophie. Dieses modulare Fahrzeug (2 bis 4-Achsen) kann mit niveaugeregelten Fahrzeugen gleichen Typs in Längs- bzw. Querrichtung aneinander gekoppelt werden, um z.B. als ein hochmobiles geschütztes Rettungszentrum eingesetzt zu werden. Es werden ausschließlich immer dieselben Dieselgeneratoren, Schutzmodule, Achsen, E-Motoren etc. eingesetzt. Damit wollen wir das Problem der ausufernden Ersatzteilbewirtschaftung lösen, welches immer signifikanter wird. Ebenfalls soll der Reparatur- und Wartungsaufwand durch den Austausch der Module gesenkt werden. Wenn es uns gelinge dieses Fahrzeug einzuführen, wäre das ein Durchbruch, der den Streitkräften unglaubliche Vorteile böte.

    WM: Wir bedanken uns für das Gespräch.

    Datum: 10.10.2010

    Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2010/1

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