Historie und Pathologie in der Ausbildung

Die Militärgeschichtliche und die Wehrpathologische Lehrsammlung

P. Rechenberg

Präparate in der Wehrpathologischen Lehrsammlung aus über einem
Jahrhundert
Bundeswehr/SanAkBw

In der Lehre steht das Lehrpersonal immer wieder vor der einen große Frage: Wie stellen wir die Inhalte unseres Unterrichts ­bestmöglich, interessant und im Sinne des Auftrages für die TeilnehmerInnen dar? Dabei ist allen stets bewusst, dass es wohl möglich ist, über die Beengtheit einer pferdebespannten Krankenkutsche oder den Lufttransport zu reden, möglicherweise auch Bilder und Filme zu zeigen, doch das Objekt vermittelt die Vergangenheit nochmals auf einem anderen Niveau, da die Besucher­Innen die zu vermittelnden Inhalte quasi direkt sehen oder fühlen können. Die TrainingsteilnehmerInnen erfahren am Objekt – manchmal auch am eigenen Leib – wie beengt der Raum oder wie schwer die Ausrüstung war, mit der Angehörige des Sanitätsdienstes vergangener Zeiten ihren Auftrag erfüllen mussten. So wird die Geschichte des Sanitätsdienstes mit allen Sinnen erlebbar.

Aus diesem Grund ist der Besuch der Militärgeschichtlichen Lehrsammlung in allen Laufbahnlehrgängen obligatorisch und wird auch im Rahmen der politisch-historischen Bildung für SoldatInnen anderer Truppenteile des Sanitätsdienstes und darüber hinaus angeboten und gefördert. Neben dem historischen Wissen soll damit das soldatische und berufsfachliche Selbstverständnis der Angehörigen des Sanitätsdienstes gestärkt werden. Dabei ist das Team der Militärgeschichte bemüht zu vermitteln, dass die Gegenwart die Geschichte von Morgen ist. Heute alltägliches kann morgen komplizierte Zusammenhänge veranschaulichen und ist damit grundsätzlich für die Lehrsammlung interessant. Um die großen Zusammenhänge im Unterricht veranschaulichen zu können, sind auch im ersten Moment unbedeutend und unwichtig erscheinende Gegenstände des Bewahrens wert. Mit diesen zunächst „unbedeutenden“ Artefakten kann auch zukünftigen Generationen im Sanitätsdienst ein möglichst umfangreicher Blick in die Geschichte ermöglicht werden. Und das soll nicht nur aus der Perspektive der höchsten sanitätsdienstlichen Führung oder von ÄrztInnen geschehen, sondern zunehmend aus der Sicht der Sanitätsdienstangehörigen ohne Approbation. Denn auch wenn Dominique Larrey als Generalarzt Napoleons vieles in der Militärmedizin verbesserte und beschleunigte – und zu Recht als einer der größten Militärärzte in der Geschichte gilt – so wäre er ohne seine anderen Ärzte, und diese ohne ihre „Blessiertenträger“ oder andere Assistenten, verloren gewesen.

Der Aspekt der Visualisierung des Unterrichtsthemas vereint die beiden Lehrsammlungen untrennbar miteinander: Sind es in der Militärgeschichtliche Lehrsammlung vor allem Sanitätsgeräte, um die Verwundeten zu versorgen, so sind es in der Wehrpathologischen Lehrsammlung Präparate, die die Folgen der Waffenwirkung auf menschliche Körper zeigen, aber auch die pathologische Anatomie im Allgemeinen. Vielfach hören und lesen die LehrgangsteilnehmerInnen in den Unterrichten, an den Universitäten oder in Büchern z. B. von einem „Bierkutscherherz“ und seiner Größe. In der Wehrpathologischen Lehrsammlung können sie dieses als Präparat in Augenschein nehmen. Für die Unterrichtenden besteht hier die Möglichkeit, das Verständnis der pathophysiologischen Vorgänge, die zu dieser Reaktion des Körpers führen, besser und anschaulicher zu vermitteln, als dieses nur mit Worten und Computer möglich wäre.

Erleben, Betrachten, manchmal gar Begreifen – zu diesem Zweck umfassen beide Lehrsammlungen neben den Objekten, welche in der Ausstellung zu sehen sind, ein reichhaltiges Portfolio an weiterem Material in den Depots. Damit kann der Fokus der Ausstellung immer wieder verschoben werden. Neue Bereiche der Geschichte des Sanitätsdienstes können so herausgearbeitet oder auch bestimmte Krankheitsbilder vorgestellt und dem Unterricht immer wieder eine größere Breite und Tiefe gegeben werden.

Die Wehrpathologische Lehrsammlung ermöglicht darüber hinaus auch einen Einblick in die Geschichte der Krankheiten, in dem sie Präparate der Lehre zur Verfügung stellen kann, welche in diesem Ausprägungsmuster und dieser Lokalisation heute nicht mehr oder nur mehr sehr selten im klinischen Alltag verfügbar sind. Hier sei als Beispiel der „Weiße Tod“, die Tuberkulose, genannt, welche heutige Besucher der Lehrsammlung als Lungenerkrankung möglicherweise noch kennen. Nur noch wenige Personen dürften sie heute in der Form der Miliartuberkulose erlebt haben. Für diesen Kreis ist es sicherlich mehr als interessant zu erfahren, dass die Tuberkulose sich auch in der Haut, den Hirnhäuten oder selbst dem Hoden manifestieren konnte, was in der Wehrpathologischen Lehrsammlung durch Präparate anschaulich dargestellt werden kann. Damit ergibt sich auch wieder die Verbindung zu der Militärgeschichtlichen Lehrsammlung, welche die Maßnahmen des Sanitätsdienstes zur Eindämmung der Tuberkulose und zu ihrer Behandlung umfasst. Dies geschieht z. B. in den Ausstellungsbereichen „Röntgen“ und „Truppenarzt“ oder wenn die Verbindung zu den Reihenuntersuchungen mittels Lichtbildgerät dargestellt wird.

Daher sind beide Lehrsammlungen untrennbar miteinander verwoben und – bei aller Bewahrung der Schätze der Vergangenheit – beständig in der Veränderung begriffen. Dies ist kein Selbstzweck, sondern dient dazu, Notwendigkeiten und Bedürfnisse des ersten Auftrages der Sanitätsakademie der Bundeswehr zu erfüllen, nämlich der Lehre auf höchst möglichem Niveau. 


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