14.10.2010 •

„GANZ AM ANFANG STEHT DIE BERUFSWAHL!“

Berufswahl und Berufsbild Die erste Aufbruchseuphorie der Wendezeit war gerade abgeflaut, als der Einberufungsbescheid im Briefkasten lag und vor allem mein jüngerer Bruder eher mit Schadenfreude als mit Mitgefühl frotzelte. Im Gespräch mit meinem Vater merkte ich erstens sehr schnell, dass auch er den „Pflichtdienst“ eher als notwendiges Übel, denn als staatsbürgerliche Pflicht empfand.

Zweitens war mein Weg selbst und bequemerweise auch fremdbestimmt, aber auf jeden Fall vorbestimmt und so ließ ich mich zurückstellen.

Nach meiner Ausbildung als Augenoptiker sollte ich noch kurze Zeit Berufserfahrung bei einem guten Freund meines Vaters sammeln, um dann nach Abschluss der Meisterschule alsbald ins elterliche Geschäft einzusteigen. Letztendlich wurde ich am 01.01.1996 nach mehrfachen Hin und Her zum Sanitätsbataillon 131 nach Halle/Saale einberufen. Mit 22 Jahren war ich nicht nur einer der Älteren, sondern auch einer der Sportlichsten, da ich als Ringkämpfer für meinen Verein in der 1.Bundesliga an den Start ging. Schnell reifte mein Entschluss der Truppe treu zu bleiben. Gute Leistungen wurden belohnt, die Anerkennung im Kameradenkreis spornte an und schaffte ganz nebenbei Freiräume. Das Prinzip war einfach und funktionierte. Mir war es kein Dorn im Auge mein selbstbestimmtes Leben aufzugeben, zu gehorchen und zu lernen als Teil eines Ganzen zu funktionieren. Disziplin, Ordnung, Kameradschaft, Zuverlässigkeit aber auch Mut, Tatkraft und Ausdauer waren mir, nach langen Jahren als Internatskind an einer Kinder- und Jugendsportschule groß geworden, nicht neu. Berufliches Selbstverständnis habe ich vor 15 Jahren nicht mitgebracht, obwohl der Soldatenberuf in der retrospektiven Betrachtung in unserer Familie immer eine große Rolle gespielt hat.
Selbstredend hatten schließlich die zahlreichen Gespräche mit meinem Großvater, auch die Zeitgeschichtlichen Dokumente unserer Familie einen Einfluss darauf gehabt, meinen vorbestimmten Weg zu verlassen und Zeitsoldat zu werden. Anständige Ausbilder, gute Vorgesetzte, Eigeninitiative, Neugier, Motivation und Kameradschaft haben meine Einstellung zum Soldatenberuf geprägt.

„Vieles wird Dir gerade hier, wenn Du aus
 dem freien Zivilleben kommst, fremd, vielleicht
 auch überflüssig erscheinen. Denke
 daran, dass diese Äußerlichkeiten in vielen
 Soldatengenerationen entstanden und für
 gut befunden sind.“
 Hube / Hauptmann & Chef 11. (preuß.)
 Kompanie des 12. Inft.Regts. (1925)


Soldat und Vorgesetzter im Sanitätsdienst

Neben Loyalität und Integrität sind Gehorsam und Vertrauen für mich die maßgeblichen Säulen, die das Verhältnis zwischen Untergebenen und Vorgesetzten prägen. Ich bin gern Vorgesetzter. Menschenführung heißt für mich in erster Linie zu lenken und zu agieren, aber auch rechtzeitig zu reagieren. „Der Plan ist aufgegangen“ oder „Das hat ja wieder mal super funktioniert“ hört nicht nur der Untergebene gern, auch der Vorgesetzte muss „Ohr an Masse haben“ und ein Gefühl dafür entwickeln, wie Befehle umgesetzt werden. Dabei dient die „Kontrolle“ als Mittel der Befehlsgebung genauso gut wie das Vorleben von eben jenem beruflichen Selbstverständnis. Wer aus der Masse herausstechen will, wer auffallen will, wer individuell sein will, für den ist es schwer sich hierarchisch unterzuordnen und seinen Platz zu finden. Er dient sich selbst und der Truppe dann eher, indem er seine berufliche Entwicklung und Perspektive darauf auslegt, diese eigenverantwortlich zu gestalten.

„Die meisten Leutesind andere Leute!
 Ihre Gedanken sinddie Meinungen anderer,
 Ihr Leben ist Nachahmung,Ihre Leidenschaften
 nur Zitate.“
 Oscar Wilde, irischer
 Schriftsteller


In jeder Verwendung habe ich mich wohl und ausgefüllt gefüllt. Besonders gern erinnere ich mich an meine Erstverwendung als Offizier zurück. Eingesetzt als Zugführer in der Grundausbildung, kam ich in eine gut sortierte und gut aufgestellte Kompanie. Haltung und Benehmen, sowie soldatisches Auftreten waren hier besonders ausgeprägt. Gegensätze der Konstitution, des Alters, des Eingangsberufes, der Fähigkeiten und Fertigkeiten des Einzelnen glichen sich aus und schafften Vertrauen. Aus Kameradschaft wurde Freundschaft!

Diese positive Grundstimmung übertrug sich sehr schnell über die Zugführer, Gruppenund Truppführer auf die jungen Soldatinnen und Soldaten. Wer solch einen Einstand in ein ihm völlig unbekanntes Berufsbild bekommt, der muss nicht groß motiviert oder angespornt werden.
Heute erlebe ich oft eine zurückhaltend, auch pessimistische Grundstimmung auf der „Wanderbaustelle“ Zentraler Sanitätsdienst. Zum einen liegt es selbstredend an jedem Einzelnen, sich einzubringen, Kameradschaft und Traditionspflege zu betreiben, zum anderen aber auch an einem veränderten Freizeitverhalten.
Außergewöhnliche Dienstzeitbelastungen, lange Abwesenheitszeiten aufgrund von Lehrgängen und Weiterbildungen, das Fehlen von Schlüsselpersonal und die Teilnahme an Auslandseinsätzen tragen gleichfalls nicht dazu bei, ein Gemeinschaftsgefühl zu wecken. Gegenwärtig sehe ich die Fürsorgepflicht vernachlässigt und degeneriert, da neben der Einsatzgestellung, der Ausbildung und Inübunghaltung im Sanitätsdienst vor allem auch die Realversorgung der Truppe zu den Kernaufträgen gehört.
Hier will ich anknüpfen und auf die Fachfeldwebellaufbahn hinweisen. Während sich der Soldat noch vor einiger Zeit in jedem neuen Dienstgrad beweisen durfte und seine Dienstzeitverlängerung durch Einsatzbereitschaft und Leistungswilligkeit erkämpfen musste, so hat der junge Feldwebel heute nach Abschluss seiner zumeist 3-jährigen ZAW alles in der „Tasche“. Er wird automatisch SaZ12 und erreicht seinen Enddienstgrad ohne Mühe. Sofern er keine Ambitionen zum Berufssoldaten hat, könnte er sich entspannt zurücklehnen, der Leistungsgedanke geht damit verloren.
Im bundeswehrinternen Vergleich ist der Sanitätsdienst durchaus attraktiv. Die zivilberufliche Aus-, Fort- und Weiterbildung in verschiedensten medizinischen und nichtmedizinischen Berufen macht besonders die Laufbahn der Fachunteroffiziere und der Fachfeldwebel attraktiv. Auf der anderen Seite wird oft vergessen, dass es mittlerweile auch viele Spezialverwendungen in der Laufbahn der Mannschaften gibt. Langwierig und kostenintensiv ausgebildet, ist es sehr schade, diese Spezialisten nach 4 oder 8 Jahren aus der Kompanie zu verabschieden.

„…den Menschen gewinnen, um sein Handeln zu erreichen!“
 von Steinaecker, Dr. Günther,
 Generalmajor a.D.


Auslandseinsätze vs. Soldatenfamilie

Natürlich mache auch ich mir Gedanken über Grundsatzentscheidungen oder die Entwicklungen in den Einsätzen. Diskussionsfreudig, offen im Wort und thesenreich sind die Auslandseinsätze im privaten oder dienstlichen Gespräch stets präsent. Letztendlich bin ich Soldat, Offizier und Vorgesetzter – das Infragestellen von politischen Entscheidungen führt gerade in der Einsatzvorbereitung und im Einsatz zu Verunsicherung bei unterstellten Soldaten. Auslandseinsätze bedeuten auch für meine Familie eine erhebliche Belastung und ich bewundere meine Frau jedes Mal aufs Neue, wie sie es schafft, Karriere, Haushalt, Familie und Kinder unter einen Hut zu bringen. Eigentlich hat sie die Orden nebst Verwendungszuschlag verdient. Fragen wie: „Was wäre wenn…?“ und „Warum gerade du…?“ stellen sich oft in den sehr gern geführten Diskussionen oder im Gedankenaustausch mit meiner Frau. Ich bin sehr froh, dass mir meine Frau mit ihrer optimistischen Grundeinstellung viele Denkanstöße gibt, mir eine verlässliche Ehefrau und beste Freundin ist. Sie weiß, dass sie neben dem Menschen „Stephan“ auch ein Stück seines Berufes geheiratet hat. Nach drei Auslandseinsätzen kann ich für mich feststellen, dass ich mich immer gut vorbereitet und ausgebildet gefühlt habe. Das gab meiner Familie immer das notwendige Maß an Sicherheit und mir das notwendige Selbstvertrauen. Befremdlich finde ich die Entwicklung dahingehend, dass sich die Einsatzhäufigkeit, gerade im Sanitätsdienst, oftmals auf die „Willigen“ verteilt. Wenn man auf der einen Seite darüber nachdenkt, mit gezielten Maßnahmen den Sanitätsdienst attraktiver zu gestalten, ohne deren Sinnhaftigkeit in Frage zu stellen, so muss auf der anderen Seite auch offen darüber nachgedacht werden, ob eine Förderungswürdigkeit bei Soldaten besteht, die sich erfolgreich dem Einsatz entziehen. Daneben ärgern mich Desinteresse und partielle Gleichgültigkeit unserer Gesellschaft zum Soldatenberuf, besonders den Auslandseinsätzen gegenüber. Die Meinungsbildung wird bequemerweise immer öfter durch „Stammtischparolen“ oder „Schlagzeilen“ ersetzt. Konservativ in meinen Wurzeln und meiner Prägung wünsche auch ich mir, dass so manch „Alter Zopf“ abgeschnitten wird. In den ersten 15 Jahren meiner Dienstzeit hat sich viel Gewohntes geändert und um nicht auf der Strecke zu bleiben, darf man sich den Herausforderungen der Zukunft nicht verschließen. Auf die Frage nach meinem Beruf antwortete ich immer wieder gern: „Ich bin Soldat – und JA, ich liebe meinen Beruf, es gibt keinen schöneren!“

Datum: 14.10.2010

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2010/3

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