18.10.2023 •

Der Sanitätsverband in der Transformation von Stabilisierungsoperationen hin zur Landes- und Bündnisverteidigung

B. Schulz

Luftbild Übung „Kapu Fala“
Bundeswehr/Kdo SanEinsUstg

Quo vadis: Heute schon an morgen denken?

Genau dies leitet sich aus Artikel 87a unseres Grundgesetzes ab, denn bereits im Weißbuch 2016 wurde die Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) als zentrale Aufgabe der Bundeswehr benannt und damit den Auslandseinsätzen im Rahmen des internationalen Krisenmanagements (IKM) gleichrangig gestellt. Die Mehrzahl der Angehörigen des Sanitätsregimentes 1 (SanRgt 1) ist in den Einsatzgebieten unserer Streitkräfte, wie etwa in Afghanistan, in Mali, auf dem Balkan oder am Horn von Afrika, geprägt worden und generiert daraus ihr Selbstverständnis. 

Spätestens seit dem 24. Februar 2022 wird auf Grundlage der auswertbaren Daten aus dem Ukraine-Krieg deutlich, wie wichtig eine funktionierende Rettungskette und ein ganzheitlich kohäsiver Kräfteansatz mit unserem Hauptbedarfsträger, dem Heer, ist. Aktuell ist das SanRgt 1 mit der Medical Task Force Bestandteil der Very High Readiness Joint Task Force (VJTF) innerhalb der NATO. Seither gilt es, die für IKM vorhandene Handlungssicherheit auch für das Szenario LV/BV zu schaffen. Dies ist nicht nur Anspruch und Herausforderung für die notwendigen Ausbildungen und Übungen, sondern auch für die persönliche Einsatzbereitschaft jedes einzelnen Angehörigen der Medical TaskForce der NATO Response Force (MedTF NRF).  

Combat ready - Wie steht es um das Sanitätspersonal?

Die Angehörigen des SanRgt 1 sind im Grundbetrieb mit der Aufrechterhaltung der materiellen und personellen Einsatzbereitschaft, aber auch mit der allgemeinen Grundausbildung im Sanitätsdienst sowie der Aus-, Fort- und Weiterbildung des Sanitäts- und Nichtsanitätspersonals am Ausbildungs- und Simulationszentrum (Ausb/SimZ) betraut. Daneben ist die individuelle fachliche Expertise zu erhalten und bei den Ausbildungs- und Übungsvorhaben der Truppe zu unterstützen. 

Zusätzlich ist unser Sanitätspersonal immer dann gefordert, wenn – auch bundesweit – im Rahmen von Amtshilfen unterstützende sanitätsdienstliche Versorgung notwendig wird. 

Vor dem Hintergrund dieses Aufgabenportfolios und den besonderen Herausforderungen der COVID-19 Pandemie, war es für das SanRgt 1, dem Leitverband der MedTF NRF, von Anbeginn eine zentrale Aufgabe, die geforderte Personalstärke von circa 1200 Soldatinnen und Soldaten zu 100 Prozent zu erreichen. 

Der Auftrag, den deutschen Anteil der Sanitätskräfte NRF 2022 bis 2024, gemäß nationaler Vorgaben, vollständig zeitgerecht aufzustellen und vorzubereiten ist seither tagtägliche Aufgabe der engagierten Angehörigen des Lagezentrums NRF. Eine Aufstellung aus einer Hand ist dabei schwer zu realisieren, da verschiedene Fähigkeiten, wie beispielsweise die zweifache Ausbringung einer Behandlungseinrichtung der Ebene 2 Enhanced (R2E) mit pflegerischem und ärztlichem Fachpersonal oder auch die Einbindung multinationaler Anteile in die MedTF, bspw. des niederländischen Sanitätsdienstes und den zwei bereitzustellenden Role 2 Basis (R2B), gefordert waren. Erschwerend tritt für alle Betrachtungen die signifikant von der Grundstruktur abweichende Einsatzstruktur der MedTF hinzu. Die dabei realisierte durchgehende Aufrechterhaltung des Grund- und Ausbildungsbetriebes im SanRgt 1 mit zwei Grundausbildungskompanien und dem Ausb/SimZ ist abschließend Beleg für die hohe Motivation und Einsatzbereitschaft aller Angehörigen des Regiments.   

Einzelne der zu erbringenden Fähigkeiten (Führungsunterstützung, Feldlagerbetriebes, Militärkraftfahrer Klasse C, CE) stellen, wie überall in den Streitkräften, Mangelressourcen dar. Zusätzlich müssen für die vollumfängliche und dienstpostengerechte Ausbildung des geplanten Einsatzpersonals jeden Tag individuelle Lösungen gefunden werden, um privaten Situationen (bspw. alleinerziehend, Soldatenfamilien) gerecht zu werden und Hinderungsgründen adäquat zu begegnen. Nur so gelingt es, die individuelle, persönliche Einsatzbereitschaft abzuschließen und Einschränkungen, z.B. durch Splitting auf Dienstposten, zu mitigieren. 

Die Bindung von Personal in höher priorisierten Einsätzen (z.B. im Rahmen von IKM) verursacht dabei fortwährende Ein-, Aus- und Umplanungen in der MedTF NRF. Nur durch umsichtige Planung und täglichen Einsatz gelingt es, die Einsatzbereitschaft der MedTF weiterhin auf einem hohen Stand zu halten. 

Vor allem beim klinischem Fachpersonal ist dies besonders spürbar und erfordert neben einem hohen Koordinierungsaufwand auch ein ständiges Überwachen der Dienstpostenbesetzungslisten.

Wie steht es um die bodengebundenen Rettungsmittel und die mobilen Sanitätseinrichtungen?

Der geschützte und ungeschützte Patiententransport zwischen den Behandlungseinrichtungen ist Teil des Auftrags. Dem SanRgt 1 stehen hierzu geschützte Rettungsmittel, z.B. vom Typ YAK, aber auch ungeschützte und nicht über moderne Führungsmittel verfügende LKW 2to gl (Variante BAT und Krankenkraftwagen (KrKw)) zur Verfügung. Viele dieser Fahrzeuge sind seit 40 Jahren in Nutzung und so um einiges älter als das auf ihnen eingesetzte Personal. Das bedingt einen zunehmenden und nicht unerheblichen Aufwand für Wartung und Instandsetzung. 

Die Frage, wie in einem LV/BV-Szenario dem Delta zwischen Verletztenaufkommen und Maximalkapazitäten des qualifizierten Verwundetentransportes begegnet werden kann, wird aktuell untersucht. Dabei spielt der Mix aus leichten, mittleren und schweren geschützten bodengebundenen Varianten genauso eine Rolle, wie auch der Patiententransport per Schiene und zur See.  Klar ist, dass medizinische Ausrüstung und Fahrzeugbestand den Erfordernissen im Verbund mit unseren Bündnispartnern und den zu unterstützenden Truppenteilen angepasst und standardisiert werden müssen, um den Anforderungen unter fordernden Bedingungen Rechnung zu tragen.  

Im Grundbetrieb und für den Einsatz sichert das SanRgt 1 den Betrieb der mobilen modularen Sanitätseinrichtung (MSE).  

Für das Szenario LV/BV stellt das SanRgt 1 die Rettungskette unter Nutzung von MSE. Mit der Role 2B (R2B) wird so die notfallchirurgische Versorgung auf der Behandlungsebene 2 ermöglicht. Im Rahmen der durchgeführten Übungen mit dem Heer ist deutlich geworden, dass das System MSE zu schwerfällig ist, um im Gefecht der Brigade agil zu folgen. Aus diesem Grund wurde eine R2B Lösung konfiguriert, die aus einem „MSE-OP-Stern“ (containergestützt) und luftgestützten Zelten der luftverlegbaren Sanitätseinrichtungen (LSE) besteht. 

Folgende Funktionsbereiche werden dabei abgebildet: 

  • Operationscontainer für die DCS (2x),  
  • einen zur Triage/Sichtung und Stabilisierung der neuaufgenommen Verwundeten,  
  • eine Intermediate Care (IMC) mit vier Behandlungsplätzen (BehPl)zur postoperativen Behandlung bis zum Entlastungstransport,  
  • eine Intensivstation mit sechs BehPl zur intensivmedizinischen Betreuung und Langzeitbeatmung sowie  ein klinisch-chemisches Labor,  
  • eine Sanitätsmaterialbevorratung,  
  • eine Registratur für die Patientensteuerung.  

In der Übung WETTINER SCHWERT 2022 konnte gezeigt werden, dass ein aufgesetzter Betrieb der MSE-Container nicht umsetzbar ist. Der Aufbau mit Fahrzeugkran benötigt erfahrungsgemäß viel Zeit (ca. fünf Stunden). Hier werden mit dem geplanten Wechsel zu agileren luftgestützten Systemen bzw. mit der geschützten hochmobilen Role 2 geeignete Alternativen verfügbar sein.  Im Rahmen VJTF werden aktuell durch das SanRgt 1 zwei multinationale Behandlungseinrichtungen R2E vorgehalten. Dies ist nur mit der umfangreichen Unterstützung durch das SanRgt 3 möglich.  Das gesamte Material einer R2E (26 Container MSE- und 72 Seefrachtcontainer) dauerhaft verlegefähig zu halten, war und ist eine der größten Herausforderungen und nur durch unermüdlichen engagierten Einsatz sicherzustellen. Dazu gehört u.a. auch die Bewirtschaftung der aufgrund unzureichender Lagerkapazitäten angemieteten modernen Lagerhalle am Flughafen Halle/Leipzig. Hier wird erfreulicherweise immer wieder auch regimentsübergreifend unterstützt. 

Die nicht vollumfänglich vorhandenen Transportmittel (LKW 15to, LKW 5to, Anhänger) fordern auch für die Verlegung der R2E neue Lösungen. Bei drei erforderlichen Umläufen für den vollständigen Materialtransport konnte mit einer standardisierten Aufbauvariante für eine Anfangsbefähigung R2E die Zeit bis zur Einsatzbereitschaft verkürzt werden. 

Materialsteuerungsprozesse und Prüfintervalle des sensiblen Sanitätsgerätes fordern auch bei der vorgeschriebenen Notice-To-Move (NTM) von fünf Tagen, dass bereits gepackte und für den Transport vorbereitete MSE- und Seefrachtcontainer wieder geöffnet und Sanitätsmaterial gewartet oder getauscht wird. 

FAZIT aus Sicht Sanitätsverband Einsatz

Auch wenn IKM als Auftrag bestehen bleibt, rückt das Szenario LV/BV stärker in den Fokus. Dies muss von allen Angehörigen des Sanitätsdienstes der Bundeswehr verinnerlicht werden, um den Herausforderungen unter den veränderten sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen gerecht werden zu können. 

Für das SanRgt 1 bedeutet dies, die Abholpunkte und den Ausbildungsstand für LV/BV auf dem erreichten hohen Stand zu halten.  

Die verfügbaren Hauptmanöverelemente haben bei den aufeinander aufbauenden Übungen eindrücklich unter Beweis stellen können, dass sie auch unter Last den Anforderungen gerecht werden.  Um das zukünftig sicherzustellen sollte: 

  • (Sanitäts-)Personal/Material dauerhaft kaltstart- und verlegefähig vorgehalten, 
  • Splitting auf Dienstposten vermieden und die Modernisierung des eingesetzten Sanitätsmaterials vorangetrieben werden sowie 
  • ausreichend zeitgemäße geschützte und geländegängige Transport- und Umschlagmittel verfügbar und 
  • eine belastbare (digitale) Führungs- und Kommunikationsstruktur etabliert sein. 

Die noch zu treffenden Strukturentscheidungen für den ZSanDstBw erfordern bei all diesen Punkten zusätzlich Flexibilität.  Da LV/BV auch kurzfristig zur Einsatzrealität werden kann ist es unabdingbar, die truppendienstlich und fachlich enge Zusammenarbeit von Verbandsführung mit den Stabsabteilungen, dem Ausbildungs- und Simulationszentrum, sowie dem Führungsbereich Berlin und den Kompanien in Weißenfels auf dem hohen etablierten Niveau zu halten. Zusätzlich erfordert es, die Kohäsion mit dem Hauptbedarfsträger Heer weiter voranzutreiben.  Zusammenfassend ist es unser Anspruch, dass: 

  • Persönliche Einsatzbereitschaft, 
  • Durchhaltefähigkeit, „Kaltstartfähigkeit“, 
  • Homogenität und 
  • Kohäsionsbeziehungen zum Hauptbedarfsträger 

auf jeder Führungsebene und von allen Angehörigen im SanRgt 1 verinnerlicht sind. 


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