Artikel: St. Göbbels

Military Medical Advisor im UN -Sekretariat in New York

Wie kommt man eigentlich zur UN nach New York?

Seit November 2016 habe ich meinen Dienstort im Sekretariat der Vereinten Nationen in New York.

Diesen Umstand verdanke ich vor allem der Bewerbung Deutschlands für einen temporären Sitz im Weltsicherheitsrat. Jede Bewerbung für einen dieser Sitze bringt auch eine Werbekam­pagne mit sich, die dem Bewerber die Unterstützung der 193 Nationen während der Generalvollversammlung sichern soll. Innerhalb dieser Kampagne hatte Deutschland die Stellung von Gratispersonal in Aussicht gestellt und dies dann sowohl für den medizinischen Bereich durch einen Oberstarzt in der Medical Service Division (MSD) als auch durch einen Oberstleutnant für den United Nations Mine Action Service (UNMAS) umgesetzt. Wir beide werden somit nicht als UN Stab geführt und sind nicht zur UN versetzt, sondern gehören dem Bundeswehrkommando USA & Kanada in Reston, Virginia an. Ich sage dazu immer gerne, dass „irgendwo zwischen verteilten Kugelschreibern und dem Besuch einiger Bundesligaprofis bei der UN dann auch ein Oberstarzt dabei war“.

Welche Projekte werden unterstützt?

PhotoBesichtigung einer mobilen Level 1+ in Kasachstan mit Dr. Jillann Farme Bereits im Jahre 2014 wurde auf Anordnung des damaligen Generalsekretärs Ban Ki-Moon eine hochrangige Kommission beauftragt, sich mit den wachsenden Fall- und Verlustzahlen in UN-Missionen zu befassen. Ein Ergebnis dieses Reportes waren erstmalig auch Empfehlungen, die auf eine medizinische Verbesserung aller Glieder der Rettungskette innerhalb der UN abzielten. Die Medical Service Division der UN, die heute den etwas hölzernen Titel der „Division of Healthcare Management and Occupational Safety and Health” (DHMOSH) trägt, zerlegte daraufhin die Rettungskette in ihre Einzelglieder und initiierte für jede Schwachstelle ein Verbesserungsprojekt. Startend von einer zu entwickelnden neuen Erste Hilfe-Ausbildung bis hin zur Entwicklung eines Qualitätsstandards für Level 2&3 Krankenhäuser wurden Schwachstellen priorisiert und Projektgruppen gebildet.

Die Unterstützung der MSD war zunächst auf ein Jahr begrenzt und sollte inhaltlich die Prozessstandardisierung der Level 2&3 Kliniken der Peacekeeping Nationen nach dem Muster der Joint Commission International (JCI) zum Inhalt haben. Die Erstellung einer „feldtauglichen“ Version dieser Standards für die Krankenhäuser der UN Blauhelmmissionen war das Hauptprojekt. Jetzt darf man sich den medizinischen Service der UN allerdings nicht wie ein Kommando oder ein Ministerium vorstellen. Zwar führt DHMOSH ca. 280 Kliniken für Peacekeeping und ihrer Agenturen der UN weltweit, jedoch umfasst der Stab dieser Division gerade mal 30 Personen und der Bereich Weiterentwicklung ist auf 2 - 3 Schultern verteilt. Das brachte es automatisch mit sich, dass man in jedem Projekt gebraucht wurde.

Ein Meilenstein in der Entwicklung eines neuen Systems war die Inkraftsetzung der neuen Casualty Evacuation (Casevac) Policy der UN. Hierbei ist es wesentlich zu verstehen, dass die UN in diesem Falle nicht der Nomenklatur der NATO folgt, sondern jeden Ersttransport eines Verwundeten als Casevac definiert. Dies gilt sowohl für den professionellen, boden- und luftgebundenen Transport mit Arztbegleitung als auch für den Laientransport. 

In diesem neuen Regelwerk konnte auch erstmals für die UN eine „Timeline“ für die Verwundetenversorgung verbindlich festgelegt werden. Die bekannte 10 min-1h-2h Zeitvorgabe wurde für die UN als Standard verankert. Es klingt dabei immer etwas langweilig von Standards zu sprechen, aber wie wertvoll Standards sind betont die medizinische Direktorin der Vereinten Nationen, Frau Dr. Jillann Farmer, immer durch: „In the absence of standards the luck of the draw is what you get, and luck is no strategy“. 

PhotoCasevac Stresstest MINUSCA (Zentralafrikanische Republik) Neben der reinen Projektarbeit entwickelte sich sehr schnell nach meiner Ankunft eine mehr als spannende und fordernde „Nebentätigkeit“. Zwar führt der UN Medical Service eine große Zahl militärischer Kliniken und militärischen Fachpersonals; eine eigene militärische Expertise hat sie jedoch nicht. Somit wurde die hier militärische Beratung der Medizinischen Direktorin quasi das genaue Gegenteil eines Medical Advisor im Einsatz, der seinen Kommandeur primär im medizinischen Fachbereich berät.

Aus einem geplanten Jahr in den USA wurden bzw. werden bis 2020 insgesamt fast 4 Jahre und aus einem Projekt acht Projekte, die durch die Gratisbeistellung des Sanitätsdienstes der Bundeswehr unterstützt werden konnten und die sich jetzt entweder im Entwicklungsstadium oder in der Einführung befinden.

PhotoErster UNFMAC Pilotlehrgang in Entebbe (Abb.: RSCE) Zu diesen Projekten gehörten neben den oben genannten Prozessstandards für alle vier Level der Versorgung, der Durchführung von Stresstests der Casevac Policy in allen „high-risk“ Missionen der UN, die Guideline für die Nutzung der Telemedizin, eine aktualisierte Policy für die Nutzung von Blut- und Blutprodukten, sowie der Definition eines Kompetenzrahmens für medizinisches Schlüsselpersonal auch die Einführung neuer Trainingskurse für die UN Blauhelmsoldaten. Weitere Schlüsselprojekte waren der neue United Nations Buddy First Aid Course und die Entwicklung und Pilotierung des ersten UN Field Medic Assistant Courses (UNFMAC), der seine Premiere im Oktober 2019 in Entebbe/Uganda hatte und auf den ich schon aufgrund seiner Aktua­lität etwas näher eingehen möchte.

UN Field Medic Assistant – Eine neue Ressource zur Rettung von UN Blauhelmtruppen

In einer idealen Welt dauert es immer nur wenige Minuten nach einem Anschlag oder einem Unfall, bis ein Rettungsmittel und die medizinischen Fachkräfte eintreffen, um sich um die verwundeten Soldaten oder verletzten Patienten zu kümmern. Leider operieren UN-Blauhelmsoldaten heute eher in Gebieten, die weit von diesem idealen Szenario entfernt sind.

Nach der oben beschriebenen Zeitachse sollte professionelle Hilfe (im Sinne einer „Damage Control Resuscitation“) nicht später als eine Stunde nach einem Vorfall verfügbar sein. Ohne vorgeschaltete und fortgeschrittene Erste-Hilfe-Kenntnisse vor Ort würde diese Hilfe oft zu spät kommen. Das fehlende Ausbildungslevel, in anderen Streitkräften zum Beispiel „Combat Medic“ genannt, zwischen dem bereits implementierten „Buddy First Aid“ der Vereinten Nationen, für den jeder Friedenshüter vor seinem Einsatz geschult werden sollte, und dem medizinischen Fachpersonal wurde durch die UN „Field Medic Assistant“ genannt.

Mit dem Ziel, einen verwundeten Soldaten für ungefähr eine Stunde durch einen Kameraden am Leben erhalten zu können, entwickelte DHMOSH ein Ausbildungsprogramm. In diesem sollten Blauhelmsoldaten mit den fortgeschrittenen Erste-Hilfe-Maßnahmen unterrichtet werden, die statistisch gesehen die meisten Chancen auf eine Lebensrettung bieten. Nach einer halbjährigen Vorbereitung des Kurses, der auf den Erkenntnissen des „Tactical Combat Casualty Care“ (TCCC) der amerikanischen Streitkräfte aufgebaut wurde, konnte ein erster Pilotkurs in den ersten beiden Oktoberwochen 2019 in Entebbe/Uganda durchgeführt werden. Ein multinationales Trainerteam, das von den UN-Mitgliedstaaten Japan, Belgien und Deutschland unterstützt wurde, und vier Ausbilder aus dem UN Sekretariat bildeten 29 Blauhelmsoldaten der Missionen MONUSCO und UNMISS aus. Die Blauhelme vertraten 11 verschiedene Truppensteller und 16 verschiedene Bataillone dieser beiden Missionen. Die Soldaten waren überwiegend Unteroffiziere ohne Portepee.

Die Soldaten mussten in zehn Tagen einen 80-stündigen Kurs absolvieren, der ihnen die theoretischen Grundlagen zu Anatomie, Physiologie und deren Zusammenhänge im Rahmen der häufigsten Verletzungen im Feld beibrachte, die innerhalb einer Stunde zu lebensbedrohlichen Problemen führen. Basierend auf diesen theoretischen Grundlagen wurde jeder Nachmittag genutzt, um den Soldaten die praktischen Fähigkeiten zur Behandlung dieser Verletzungen beizubringen.

Basis aller notfallmedizinischen Versorgung ist ein standardisiertes Schema für alle Patienten, die in der ersten Untersuchung möglichst alle Verletzungen des Körpers aufdeckt. Die goldene Regel dabei lautet „Treat first what kills first“. Um dieses Schema in den Köpfen der Soldaten fest zu verankern wurde dieser Teil der Unterrichtung durch eine Art Drilltraining durchgeführt. Jeder Schritt der Untersuchung musste in der richtigen Abfolge am richtigen Ort durchgeführt werden. Dafür wurden den Soldaten mehrere Merkwörter beigebracht, die ihn leiten sollten. So steht beispielsweise der Begriff M-A-R-C-H für Massiv Bleeding, Airway, Respiration, Circulation und Head & Heat. Jeder dieser Untersuchungsschritte führte zu weiteren Schritten im Algorithmus und ggf. auch zu zeitlichen Vorgaben. Wenn der FMA z. B. unter M eine massive Blutung entdeckt, hatte er nicht mehr als 30 Sekunden Zeit, um diese Blutung mittels CAT Tourniquet oder Junctional Tourniquet zu stoppen.

PhotoOberfeldarzt Dr. Dr. Ronel Kranz (SanAkBw) an der Station Airway Im Rahmen des Trainings kamen hochmoderne und automatisierte Trauma-Puppen zum Einsatz, um ein reales Erscheinungsbild einer Verletzung zu demonstrieren. Diese Puppen wurden von Japan und dem Triangular-Partnership Project der UN finanziert und konnten alle Anzeichen von massiven Blutungen, Atemwegsproblemen, Atemdepression oder Schock simulieren. Darüber hinaus reagierten diese Puppen auf die Interventionen der Soldaten. Wenn also der Soldat z. B. eine Dekompression eines Spannungspneumothorax an der richtigen Stelle mit dem richtigen Winkel der Nadel durchführte, fing der Demonstrator automatisch wieder an zu atmen. Da es sich um den ersten Pilotprojektkurs handelte und das Ausbildungsziel hochgesteckt war, war das Trainerteam mehr als gespannt, inwiefern dieses Ziel erreicht werden würde. Eine besondere Herausforderung war es, Soldaten zu schulen, die zwischen 4 Jahren Grundschule und einem abgeschlossenen Studium über extrem unterschiedliche Schulbildung verfügten. Wir durften staunen: Insbesondere nach der Umstellung auf ein drill-massiges Training konnte das Niveau der Teilnehmer enorm gesteigert werden. Das Engagement der Soldaten war auf durchweg beeindruckendem, fast beispielhaftem Level und die Lernkurve war überraschend steil. So konnte sich die überwiegende Mehrheit der Soldaten nach den 10 Tagen um einen Patienten mit mehreren lebensbedrohlichen Verletzungen kümmern, einen Report dazu anlegen und ein Hand Over / Take Over durchführen. Am Ende der zwei Wochen wurde eine theoretische und praktische Prüfung nach festgelegten Kriterien durchgeführt. Insbesondere, aber nicht ausschließlich aufgrund eines teilweise fehlendem Sprachniveau der Lehrgangssprache Englisch konnten einige Soldaten die Prüfung nicht erfolgreich abschließen. Insgesamt konnten 19 der 29 Soldaten als erste UN-Field Medic Assistent zertifiziert werden. Um nun diesen ersten FMA’s auch die Ausrüstung zu geben, die gelernten Kenntnisse anzuwenden, wurde ihnen der vom UN „Triangular-Partnership Project“ unterstützte Trauma-Rucksack zur Verwendung in ihren UN-Bataillonen übergeben.

Ein Nachsatz und Dank sei mir erlaubt. Der Sanitätsdienst der Bundeswehr konnte durch die enorm kurzfristige Abstellung von OFA Dr. Ronel Kranz diesen Erfolg eindrucksvoll und nachhaltig unterstützen und konnte mit der Expertise von OFA Kranz den UN Missionen im Kongo und im Süd-Sudan eine neue Ressource zur Lebensrettung bringen.

Der abgebenden Sanitätsakademie in München sei nochmals auf diesem Wege der herzliche Dank der Medical Direktor der Vereinten Nationen Frau Dr. Farmer versichert.

Fazit?

„Jeden Morgen, wenn ich das UN Sekretariat betrete fühle ich mich wie ein junger Priester, der in den Vatikan kommt“.

Es erübrigt sich fast zu sagen, dass es eine einmalige Chance war diese Verwendung in New York anzutreten, denn die Stadt und das Umfeld in den Vereinigten Staaten bot natürlich nicht nur beruflich eine Vielzahl an Möglichkeiten. Das Beeindruckendste ist jedoch weiterhin die Arbeit in den Vereinten Nationen mit ihren 193 Mitgliedsstaaten und der Vielzahl der unterschiedlichen Kulturen und Denkweisen, die diese Anzahl mit sich bringt. Nachdem nun das letzte Jahr meiner Verwendung begonnen hat, kann ein Fazit nur so ausfallen, dass man in dieser Funktion einen riesigen Entfaltungsspielraum hat und man immer das Gefühl hat „etwas bewegen zu können“. Ich kann eigentlich nur hoffen, dass man diese Möglichkeiten auch für eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger öffnet, denn nur die Weiterführung der begonnenen Arbeit kann dann auch die Nachhaltigkeit der Projekte garantieren und schlussendlich die medizinische Versorgung der UN-Missionen auf einen höheren Standard bringen.  

Abbildungen bei Verfasser. 

Verfasser:

Oberstarzt Dr. Stefan Göbbels
Military Medical Advisor
Division of Healthcare Management and Occupational Safety and Health / Office of Support Operations
United Nations / New York
E-mail: goebbels@un.org  

Datum: 21.07.2020

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2/2020