Artikel: V. Hartmann

US Hospitalschiffe „Comfort“ und „Mercy“ in der ­Corona-Pandemie

Auf den ersten Blick wirken die beiden Schiffe etwas aus der Zeit gekommen: Die 1975/76 noch zu Zeiten des Kalten Krieges zu Hospitalschiffen umgebauten ehemaligen Supertanker „Comfort“ und „Mercy“. Ihre schiere Größe und der weiße Anstrich mit den markanten Roten Kreuzen führen jedoch auch heute noch zu großer medialer Aufmerksamkeit.

PhotoAbb. 1: 30. März Einlaufen (U.S. Coast Guard photo by Petty Officer 3rd Class John Q. Hightower) In Zeiten der Corona-Krise sind USNS „Comfort“ (T-AH 20) und USNS „Mercy“ (T-AH 19) wieder aktiviert worden und lagen nun zur Unterstützung des angeschlagenen zivilen US Gesundheitswesens in den Häfen von New York bzw. Los Angeles. Insbesondere New York City ist im März 2020 von der Wucht des Virus COVID-19 getroffen worden und gilt als Epizentrum der Pandemie in den USA. Mitte April hatten sich weit mehr als 100 000 Einwohner der Stadt infiziert, viele Tausend New Yorker sind in überforderten Kliniken gestorben. An manchen Tagen verzeichnete die Stadt 800 COVID-19-Opfer.

Die „Comfort“, neben der „Mercy“ das größte Lazarettschiff der Welt, lief auf Weisung von US Präsident Donald Trump Ende März in Manhattan ein, zum ersten Mal seit dem 11. September 2001 (Abb. 1). Normalerweise sind die beiden „white elefants“ in den Marinehäfen Baltimore und San Diego stationiert und werden nur noch für gelegentliche humanitäre oder Katastropheneinsätze aktiviert. Am Hudson River diente die „Comfort“ zur Unterstützung ziviler Krankenhäuser in New York City und New Jersey als Rückfall-Einrichtung für intensiv- und nicht intensivpflichtige Patienten ohne COVID-19 Infektionen. 

PhotoAbb. 2: Im Anflug auf die Mercy. (Abb.: Dr. Hartmann) Damit sollten Intensiv- und Beatmungskapazitäten in den Kliniken an Land entlastet werden. An Bord stand das volle Spektrum an Allgemein- und Unfallchirurgischer Versorgung, Intensivbehandlung und Allgemeinpflege bereit. 12 Operationssäle, fast 1 000 Betten, darunter zahlreiche Intensiveinheiten waren für die Patientenversorgung vorgesehen. Personell dienten auf dem Schiff neben der 77köpfigen seemännischen Crew fast 1 100 militärische und zivile Angehörige der US-Navy, Stabspersonal und vor allem Angehörige des Marinesanitätsdienstes aus zahlreichen Dienststellen. Das Gros kam aus dem Naval Medical Center Portsmouth in Norfolk/Va. Bereits am 1. April erschienen die ersten Patienten zur Behandlung. Sie mussten allerdings vor Einlass zur Behandlung an Bord eine strikte Infektionskontrolle mit entsprechenden Screening-Tests über sich ergehen lassen, was einige Zeit in Anspruch nahm.

Nach Aussagen der Verantwortlichen wurden den Patienten keine Behandlungskosten in Rechnung gestellt, denn die Entsendung der Comfort sei „ an investment in health and wellness for America’s people.” Captain Patrick Amersbach, der Kommandeur der Behandlungseinrichtung an Bord der “Comfort”, umschrieb den Auftrag wie folgt: Every one of those that we pull from the community or from the city hospitals is one more open bed for New Jersey hospitals to refill. I’m very proud of the crew, our medical providers, nurses, support staff that are providing outstanding care to the people of New York City and New Jersey. We look at it as one patient at a time.” In den vier Wochen ihres Einsatzes sind auf der „Comfort“ bis zum 26. April allerdings nur 182 Kranke behandelt worden, wohl auch Zeichen, dass viele potentielle Patienten ohne Virusinfektion lieber zuhause geblieben sind, statt sich in stationäre Behandlung zu begeben. 

Kaum berichtet wurde bei uns über die zeitgleiche Mission des Schwesterschiffes „Mercy“ im Hafen von Los Angeles (Abb. 2). Auch die „Mercy“ hatte den Auftrag, als ein Back-up Krankenhaus für chirurgische Notfälle zu fungieren. Allerdings gestaltete sich auch der Einsatz der „Mercy“ nicht ohne Schwierigkeiten. Bereits nach 14 Tagen beklagte man den Ausfall von 7 Angehörigen des Sanitätsdienstes der „Mercy“, die positiv auf COVID-19 getestet waren. Die Erkrankten und 100 Kontaktpersonen verließen das Schiff, um eine Quarantäne anzutreten. Die „Mercy“ ist einigen Angehörigen der deutschen Marine und des Sanitätsdienstes der Bundeswehr aus dem Einsatz vor Banda Aceh im Frühjahr 2005 noch gut bekannt. Das US Hospitalschiff erschien erst einige Zeit nach dem EGV „Berlin“ vor Indonesien. 250 Betten waren damals aktiviert, die US Navy hatte das Schiff an eine zivile NGO aus Boston vermietet. Dank des Computergraphen an Bord konnten auch einige Patienten der „Berlin“ eine erweiterte Diagnostik erhalten.  

Flottenarzt Dr. Volker Hartmann, SanAkBw München

Datum: 30.07.2020

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2/2020