Artikel: Keven England

ICSPP 2017: Der Stellenwert der ­Soldatenfitness ganzheitlich betrachtet

Der „4th International Congress on Soldiers´ Physical Performance (ICSPP)“ fand nach 2005, 2009 (Finnland) und 2014 (USA) vom 28.11. bis 01.12.2017 in Australien (Melbourne) statt. Die Kongressreihe will den internationalen Dialog und den Austausch interdisziplinärer wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Steigerung und Erhalt der körperlichen Leistungsfähigkeit und Einsatzbereitschaft von Soldatinnen und Soldaten unter den Bedingungen der Einsatzerfordernisse und demografischen Entwicklungen des 21. Jahrhunderts fördern.

Der alle drei Jahre stattfindende ICSPP hat mittlerweile den Status eines international fest etablierten Kongresses erhalten. Weltweit gibt es kein vergleichbares Kongressformat, bei dem so hochkarätige Experten aus dem Bereich Soldiers´ Physical Performance sich zum Informationsaustausch treffen. Die hier präsentierten Ergebnisse gelten als wegweisend und themenbestimmend für die Weiterentwicklung im Fachgebiet der Soldiers´ Physical Performance.

Themen des Kongresses waren unter anderem: (Soldaten-)Trainingsprogramme und deren Anpassung, berufliche und körperliche Leistungsüberprüfungen, Verletzungsprävention, Ernährung, Bedeutung von Schlaf, Ergonomie, Ausrüstungsdesign moderner Streitkräfte, Biomechanik, Geschlechterintegration, Gesundheitsförderung und öffentliche Gesundheit und Belastungsfaktoren im Einsatz.

Photo Die Streitkräfte der 32 teilnehmenden Nationen sehen sich gemeinsam nicht nur neuen globalen Sicherheitsherausforderungen gegenüber, sondern müssen sich auch an reduzierte Personalstärken und ein verändertes Bewerberpotential anpassen. Um den negativen Auswirkungen abnehmender körperlicher Leistungsfähigkeit und zunehmender gesundheitlicher Einschränkungen

auf die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte zu begegnen, setzt die Mehrheit der teilnehmenden Nationen zunehmend vermehrt Maßnahmen um, die die individuelle physische und psychische Leistungsfähigkeit und die Gesundheit der Soldatinnen und Soldaten über die gesamte Dienstzeit hinweg noch stärker fördern und erhalten. Die US Streitkräfte werden dafür beispielsweise in den kommenden vier Jahren mehr als 600 Mio Dollar in die Entwicklung der physischen und psychischen Leistungsfähigkeit investieren, eines der bisher umfangreichsten Programme, welches die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Ansatzes bei der Personalentwicklung deutlich unterstreicht.

Im Sinne einer „Lessons Learned“ lassen sich die präsentierten Themen und Ergebnisse unter verschiedenen Aspekten auf die Bundeswehr übertragen und gegebenenfalls weiter verfolgen.

Kohärente, ganzheitliche und gut durchdachte Maßnahmen, die den gesamten (Soldaten-)Lebenszyklus betrachten, sind entscheidende Grundlagen für die optimale Entwicklung und Aufrechterhaltung der physischen und psychischen Leistungsfähigkeit der Soldatinnen und Soldaten. Dies klingt im ersten Augenschein vielleicht nach einer „Worthülse“, ist aber, auf den Punkt gebracht, eine der größten Herausforderungen, die sich die Streitkräfte in den kommenden Jahren stellen müssen. Bereits 2014 sprach der Kongress in diesem Zusammenhang von einem „Paradigmenwechsel“. Die individuelle körperliche Leistungsfähigkeit der Soldatinnen und Soldaten wird zunehmend zum entscheidenden Faktor über das „Bestehen, aber auch Nicht-Bestehen im Dienst“. Wie auch auf dem vergangenen Kongress betont, wird nochmals unterstrichen, wie wichtig dabei die Unterstützung durch Vorgesetzte aller Ebenen ist. Mit gezielten „Senior-Leadership Education Programmen“ sollten Vorgesetzte höherer Ebenen für den Themenbereich der physischen und psychischen Leistungsfähigkeit der Soldatinnen und Soldaten sensibilisiert werden, um sie als Multiplikatoren für diese Aufgabe zu gewinnen. Insbesondere Maßnahmen, die durch die Berücksichtigung der altersspezifischen Herausforderungen an ein gesundes Leben und ein darauf ausgerichtetes Sportangebot setzen, erzeugen Betroffenheit und generieren ein breiteres Verständnis, dieses so wichtige Ausbildungsgebiet „Sport und KLF in der Bundeswehr“ aktiv zu unterstützen.

Die präsentierten Untersuchungsergebnisse können zeigen, dass aufgabenbezogene und anforderungsprofilorientierte Trainingsprogramme deutlich effektiver sind, wenn sie in Leistungsklassen differenziert werden und sich nicht an einem allgemeinen Standard ausrichten. Diese effektive Nutzung der wöchentlich zur Verfügung stehenden Trainingszeit setzt einen erhöhten Ansatz an ausgebildetem Fachpersonal voraus. Die Bundeswehr setzt zukünftig, neben zahlreichen anderen Streitkräften, auf hauptamtliche Trainer. Dies ist für die Bundeswehr ein längst überfälliger, zugleich aber auch erfolgversprechender Schritt, den negativen Auswirkungen einer zunehmend schlechter werdenden physischen Einsatzfähigkeit entgegenwirken zu können.

Studienergebnisse weisen darauf hin wie wichtig es ist, dass Streitkräfte einsatzorientierte physische Standards festlegen, die über „Einstellung und Nicht-Einstellung“ in den militärischen Dienst entscheiden. Konsequenter Weise müssten sich dann auch neue Testverfahren mehr an einsatz- und tätigkeitsspezifischen Profilen (sog. militärische Anforderungsprofile) ausrichten und so zu einer Neubewertung bestehender Tests (beispielsweise dem BFT) führen, um so bereits bei der Einstellungsuntersuchung die Grundlage zu schaffen, geeignetes Personal zu gewinnen.

Das Training der körperlichen Leistungsfähigkeit ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich einsatzorientierter geworden. Die Sportausbildung in den Streitkräften wird heute immer mehr als sogenanntes funktionelles Training verstanden. Es geht dabei im Schwerpunkt vor allem darum, Trainingsmethoden zu wählen, bei denen immer mehr als nur ein Gelenk zum Einsatz kommt. Dabei aktiviert der Trainerende immer Muskelketten. Dieses Training bietet somit eine ideale Möglichkeit sowohl militärspezifische als auch alltagsrelevante Bedürfnisse zu bedienen.

Das Motto ist: „Train as you Fight“, eines der Schwerpunktthemen des ICSPP. In der Bundeswehr wird dieser Aspekt im Ausbildungsteilgebiet „Military Fitness“ aufgegriffen. Die militärische Fitness befähigt Soldatinnen und Soldaten, militärische Bewegungsmuster und Belastungsformen zu bewältigen, und stellt so einen direkten Bezug zum soldatischen Anforderungsprofil her. Das Training der militärischen Fitness hilft den Soldatinnen und Soldaten, ihre Entscheidungs- und Reaktionsfähigkeit unter physisch und psychisch besonders fordernden Situationen zu schulen und zu festigen. Zudem steht neben einer erhöhten physischen und psychischen Robustheit gegenüber alltäglichen und einsatzbedingten Belastungen die erhöhte Verletzungsprophylaxe im Fokus. Auch hier setzt die Bundeswehr bereits mit dem Erlass der neuen Sportvorschrift (A1 - 224/0 - 1) im Rahmen des Ausbildungsteilgebietes „Militärische Fitness“ auf zielgruppenorientierte Trainingsprogramme, welche nachweislich die individuelle körperliche Leistungsfähigkeit und somit die Einsatzfähigkeit effektiver erhöhen und zudem das Verletzungsrisiko reduzieren.

Nahezu alle auf dem Kongress vertretenen Streitkräfte müssen im Sinne einer attraktiven und modernen Armee die (Sport-)Ausstattungen anpassen und gegebenenfalls neu organisieren. Die US-Streitkräfte setzen dies beginnend ab 2018 mit einem nennenswerten Etat um. Die Bundeswehr steht dem in fast nichts nach und setzt mit der Genehmigung einer Initiative zur „Neuordnung der Sportgerätelandschaft“ diese Anforderungen beginnend ab 2018/2019 ebenfalls um.

Der Kongress stellt für die Bundeswehr eine wichtige Plattform für einen multinationalen Dialog zum Themengebiet dar. Die Bundeswehr kann hier wertvolle Impulse zur Verbesserung und Weiterentwicklung im Bereich der physischen und psychischen Leistungsfähigkeit und Einsatzbereitschaft deutscher Soldatinnen und Soldaten erhalten. Die Bundeswehr muss sich aber nicht „verstecken“: Die Präsentation der aktuellen Entwicklungen und der darauf bezogenen Forschungsergebnisse werden auch für andere Nationen interessant sein. 

Keven England
Regierungsrat und Sportreferent EinsFüKdoBw
E-Mail: KevenEngland@bundeswehr.org

Datum: 14.05.2018

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 1/2018