KOMMUNIKATION IM NOTFALL - ENGLISCHSPRACHIGES NOTFALLTRAINING BEI OMLT
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KOMMUNIKATION IM NOTFALL - ENGLISCHSPRACHIGES NOTFALLTRAINING BEI OMLT

Sanitätsdienst aller Truppen

Die Aufgabe des aus rund 80 Soldaten bestehenden multinationalen Operational Mentoring and Liason Teams ist die Unterstützung und Beratung der afghanischen

Armee (ANA). Die sog. Mentoren arbeiten meistens individuell mit ihren afghanischen Gegenübern auf der Ebene Kompanie, Bataillon (sog. Kandak), aber auch Korps und Brigade. Hierzu sind sie in der Regel auf afghanische Sprachmittler angewiesen, die Englisch-Dari dolmetschen.

Meine primäre Funktion als Englischlehrer vor Ort war, die englischsprachlichen Fähigkeiten der Sprachmittler, nach Möglichkeit aber auch der Soldaten von OMLT zu verbessern, um die Kommunikation über drei Sprachen effektiver zu gestalten. Im Rahmen einer Weiterbildung des ISAF-Personals sollte an einem Nachmittag eine nationalitätsübergreifende Sanitätsausbildung in englischer Sprache durchgeführt werden.

1. Das Problem

Die Versorgung von Notfallbetroffenen ist - glücklicherweise - keine tägliche Aufgabe der Mentoren. Erfolgreiche Erstversorgung von Verwundeten basiert auf entschlossenem Handeln und der Anwendung von geübten Verhaltensmustern. Erfolgreiche Ausbildung muss daher auf Verhaltensicherheit sowie nachvollziehbare Kriterien (Checkliste) ausgerichtet sein und durch Erfolgserlebnisse Selbstvertrauen schaffen. Vor Ort ergab sich folgende Problematik:

- Die Soldaten waren auf Teile der Sanitätsausstattung »Soldat im Einsatz« zwar eingewiesen, verfügten aber noch nicht über die Routine zur sicheren Anwendung.
- Eine Notrufmeldung bzw. ein 9-Line Medevac- Request (bzw. METHANE) musste über das Movement Control Center zwingend in englischer Sprache abgesetzt werden, da dieses ausschließlich von Finnen besetzt war.
- Die Versorgung von Verwundeten in englischer Sprache (Betreuung, Patientengespräch) war den meisten Soldaten nicht geläufig.

Als Ziele der Ausbildung (Lernziele) ergaben sich daher:
- Handlungssicherheit im Umgang mit sämtlichem verfügbaren Sanitätsmaterial.
- Handlungssicherheit in taktischen Abläufen mit Aufkommen von Verwundeten.
- Kommunikations- und Koordinationsfähigkeit im multinationalen Umfeld.
- Fähigkeit, in englischer Sprache Verwundete zu betreuen, Verletzungsmuster zu beschreiben und Hilfe anzufordern.
- Anpassung und Optimierung an die lokalen Strukturen und Gegebenheiten sowie Schaffung von Erfolgs- und Teamerfahrungen (Abb. 1).

2. Sanitätsausstattung »Soldat

im Einsatz« Im Sommer 2009 wurde jeder Soldat, der außerhalb befestigter Feldlager in Afghanistan eingesetzt wurde, mit einer Plastiktasche mit folgendem Inhalt zusätzlich ausgestattet:
- 2 Morphin Autoinjektoren
- 2 sog. Israeli-Bandages (Druckverbandpäckchen)
- Tourniquet (Abbindeband)
- 4 Einmalhandschuhe
- QuikClot Blutstiller (Pulver im Säckchen)
- zus. Verbandpäckchen Brandwunde, Dreiecktuch, Rettungsdecke, Beatmungsfilter
(Abb. 2)

Das Material soll von jedem Soldaten in der linken Beintasche mitgeführt werden, was praktisch bei der normalen Feldhose allerdings nicht möglich ist (bei einer Befragung führten 50% der Soldaten weniger als die für Deutschland festgelegte Ausstattung mit sich.) Das Material lässt sich insgesamt gut in der Kampftasche der IdZ-Ausrüstung verpacken; eine spezielle Tasche ist leider nicht vorhanden. Spineboards stellen letztendlich die einzige Möglichkeit dar, Verwundete mit oder ohne Wirbelsäulentrauma schonend und sicher in verschiedenen Lagen zu transportieren. Im Sommer 2009 waren Spineboards nur bei den Skandinaviern vorhanden (die diese auchstets auf den Fahrzeugdächern ihrer Geländewagen mitführten). Im Dingo lässt sich ein Spineboard mit Patient auf den Knien der Passagiere mitführen; dass diese Lösung aber nur als einziger Ausweg gelten kann, steht außer Frage. In der Regel bestanden die Konvois aber nur aus Dingos und 2to Wolf ohne Sanitätsfahrzeuge. Stay and play bis zum Eintreffen des BAT ist allein aus taktischer Sicht nicht immer möglich.

3. Überlegungen zur Vorgehensweise

Unter einer Feind- oder Gefährdungslage scheint grundsätzlich folgender Ausbildungsansatz sinnvoll:
1. Feuerkampf aufnehmen, Deckung suchen.
2. Wenn möglich soll der Betroffene seinen Sicherungsbereich einnehmen bzw. den Feuerkampf aufnehmen (ggf. dazu auffordern).
3. Der Betroffene soll, sobald möglich, selbst Deckung aufsuchen oder wird aus dem Gefahrenbereich evakuiert.
4. Der Betroffene soll, soweit möglich, Selbstvor Kameradenhilfe anwenden, um keine Kräfte unnötig zu binden (ggf. verbal unterstützen).
5. Atemwegsmanagement und Versorgung von Blutungen / Wunden, möglichst außerhalb akuter Gefährdung.

Die Ausbildung gliederte sich im Folgenden in drei Module. Das erste Modul bestand aus einer Stunde Unterricht (drei Power Point Unterrichte zu Basismaßnahmen der Ersten Hilfe, dann Sanitätsausstattung »Soldat im Einsatz «, und zuletzt 9-Line Medevac Request). Da auch Schweden und Norweger Teil von OMLT sind und deren Teilnahme an der Ausbildung ausdrücklich erwünscht war, wurden alle Teile in englischer Sprache gehalten. Bei den Basismaßnahmen wurde folgendes Schema verwendet, das neben der Eigensicherung und Erkundung der Einsatzstelle vor allem auf holistische Versorgung (und weniger auftechnische Einzelmaßnahmen) ausgerichtet ist. Before approaching a patient: - make sure the scene is safe (»Is it safe?«) - take BSI precautions (i.e. »I’m wearing gloves «) - »How many patients are there?« Diese Schritte mussten von jedem Teilnehmer vor jedem Übungsbeispiel verbalisiert wiedergegeben werden.

Basics of First Aid:
1. check vital signs, provide a clear airway
2. request medevac / report
3. comfort and talk to the patient
4. keep the patient warm
5. position the patient (recovery position [Seitenlage], sitting position, legs elevated, etc.)

Der 9-line Medevac Request ist das Äquivalent zur Basismaßnahme Notruf der Erste Hilfe- Ausbildung, der zusätzliche Informationen zur Sicherheit an der Einsatzstelle, Verletzungsmustern und notwendigem Rettungsgerät enthält. Der Unterricht konnte durch einen Sergeant der US-Streitkräfte durchgeführt werden. Funkverkehr in englischer Sprache zu Verletzungsmustern und Ortsangaben durchzuführen ist selbst für fremdsprachlich versierte Soldaten relativ anspruchsvoll (siehe dazu den entsprechenden Artikel) (Abb. 4). Nach dem Modul Unterricht folgte eine Stunde mit rotierender Stationsausbildung, bei der die Soldaten die Stationen (1) Kollaps auf der Schießbahn, bewusstlos [Vitalfunktionenkontrolle, Atemwegsmanagement], (2) Sturz aus 3m Höhe, Wirbelsäulen-Trauma [HWS-Protektion, Stifneck, Spineboard], (3) 9-line Medevac Request und (4) Armabriss mit Blutstillung üben konnten. Als Mimen konnte auf US-Soldaten zurückgegriffen werden, was den Vorteil hatte, dass alle unsere Teilnehmer selbst alle üben konnten - und dabei Englisch sprechen mussten. Alle Stationen wurden von einem Ausbilder (RettAss) betreut und nachbesprochen, wobei vor allem Wert auf die 5 Basismaßnahmen (Rundumversorgung) gelegt wurde. Das Spineboard wurde in die Ausbildung einbezogen, weil es vor Ort die einzige Möglichkeit zur Versorgung Wirbelsäulenverletzter und traumatisierter Patienten allgemein war, neben der sprichwörtlichen Tür (Abb. 5). Für das letzte Modul wurde eine Lernstraße konzipiert, bei der die Soldaten in gleichen Gruppen 4 Stationen in festgelegter Reihenfolge und damit mit steigendem Schwierigkeits- und Komplexitätsgrad durchliefen. Damit sollte gewährleistet werden, dass die antrainierten Verhaltensweisen gefestigt werden und somit letztendlich im Lernprozess als Erfolgserlebnisse erlebt werden. Es wurde unangekündigt Alarm gegeben (»Wir haben Mörserwarnung! Alarm! «), worauf die Soldaten ihre Waffe, Helm und Ausrüstung holen und sich im Conex-Shelter einfinden mussten. Nach einem Mörserbeschuss über Laut-sprecher wurden die Soldaten auf einen verwundeten US-Soldaten vor dem Gebäude aufmerksam gemacht. Der Lösungsansatz sah vor, den Verwundeten aufzunehmen und erst innerhalb des Schutzbaus zu versorgen. Fest im Conex vorhandene Mittel wie ein Verbandkasten und eine Trage sollten durch die Teilnehmer in die Übung einbezogen werden (Abb. 7).In der vierten Station saßen die Soldaten vom Dingo ab, wobei ein Soldat durch einen »Heckenschützen « getroffen wurde. Auch hier stand neben der medizinischen Versorgung zuerst die taktische Lösung im Vordergrund (Retten aus dem Gefahrenbereich). Die Ausbildung wurde hinterher mit allen Teilnehmern nachbesprochen und ausgewertet (Abb. 8).

4. Fazit und Vorschläge

Gute Ausbildung orientiert sich an den Voraussetzungen der Teilnehmer sowie den realen Bedrohungen bzw. wahrscheinlichen Einsatzszenarien. Zum erfolgreichen Abarbeiten unter Stress sind eintrainierte Verhaltensmuster (sog. Codes) am erfolgversprechendsten. Genauso wie eine Unterforderung der Teilnehmer (»Für was ist das Verbandpäckchen? «) zu Desinteresse führt, ist eine Überforderung (Massenanfall ohne vorheriges Training) frustral und führt weder zu einer Fähigkeitserweiterung noch zu gesteigertem Selbstvertrauen. Wer ohne krabbeln zu können rennen will, wird sich über das Ergebnis kaum zu wundern brauchen. Neben Theorievermittlung (1/3) sollten Maßnahmen in Ruhe gelernt und geübt und schließlich in komplexen Situationen trainiert werden können. Stationsausbildung und Lernstraße (mit steigendem Schwierigkeitsgrad) bilden hierzu gute Möglichkeiten, allerdings bei hohem Ausbilderbedarf. Alle Soldaten konnten die volle Zeit üben, Leerlauf wenig. In diesem Fall bot die Ausbildung im fremdsprachlichen Rahmen einen zusätzlichen Anreiz. Die Zusammenarbeit der Soldaten aus verschiedenen Nationen verlief positiv und bot allen Beteiligten Abwechslung und eine positive Erfahrung. Möglicherweise wäre die Bündelung der erweiterten Sanitätsausstattung in der Tasche bzw. auf einzelne Truppmitglieder sinnvoll. Hierzu müsste eine spezielle Tasche eingeführt werden, damit nicht jeder Soldat seine Ausstattung individuell unterschiedlich verstaut. Eine individuelle Tasche befand sich im Sommer 2009 bereits in der Erprobung bzw. Einführung, fällt aber klein aus. Das Spineboard hat sich als unverzichtbar erwiesen und sollte flächendeckend in Ergänzung zur Vakuummatratze eingeführt und ausgebildet werden. Es ist schneller, sicherer und vielseitiger einzusetzen und darüber hinaus günstiger. Die US-Streitkräfte verwenden das Quik-Clot nur noch in Form eines Verbandes, da das lose Pulver bei Wind verweht wurde und mitunter zu Verätzungen an Augen geführt hat. Englischsprachige Power Point-Unterrichte sind auf Anfrage beim Verfasser erhältlich. Herzlichen Dank an Hauptmann Dirk Windt und unsere SanDstFw, ohne die die Ausbildung nicht möglich gewesen wäre.

Datum: 13.10.2010

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2010/3