05.02.2024 •

    50 Jahre Rettungszentrum am Bundeswehkrankenhaus Hamburg

    Wie aus einem kleinen Raum das größte Rettungszentrum Norddeutschlands wurde

    P. Meiß

    Die von 1973–2006 am BwKrhs Hamburg stationierte Bell UH-1D
    Bundeswehr/BwKrhs Hamburg

    Als am 16.07.1973 ein Hubschrauber vom Typ Bell UH-1D der Luftwaffe am Bundeswehrkrankenhaus (BwKrhs) Hamburg stationiert wurde, ahnte noch niemand, dass dies die Geburtsstunde des heute größten und modernsten Rettungszentrums Norddeutschlands sein würde. Auch bekannt als „SAR Hamburg 71“ oder „Anneliese“ war die Stationierung der Bell UH-1D der Beginn der Beteiligung der Bundeswehr am Rettungsdienst der Freien und Hansestadt Hamburg. Für die BürgerInnen der Stadt war der Anblick von Bundeswehrhubschraubern nicht unbekannt. Spätestens seit der großen Sturmflut im Jahre 1962, als Bundeswehrhubschrauber rund 400 Hilfesuchende von ihren Dächern retteten, waren viele froh, die „Rettenden Engel“ regelmäßig in der Hansestadt zu sehen. 

    Das Rettungszentrum erwacht zum Leben

    Ein schmaler Raum mit zwei Schreibtischen, einem Alarmschreiber, Funkgeräten und einer Übersichtskarte von Hamburg und Umgebung sowie ein Aufenthaltsraum – die Räumlichkeiten des ursprünglichen Rettungszentrums waren eher spärlich, aber für den diensthabenden Arzt und den Rettungssanitäter völlig ausreichend. Die damalige Besatzung bestand neben dem Piloten und dem Bordtechniker, die von der 2. Staffel des Hubschraubergeschwaders 64 in Ahlhorn gestellt wurden, aus einem Arzt und einem Rettungssanitäter des BwKrhs Hamburg. Damals wie heute gehört das medizinische Personal der Hubschrauberbesatzung der Klinik X des BwKrhs Hamburg – die derzeit aus den Bereichen Anästhesiologie, Intensiv- und Notfallmedizin sowie Schmerztherapie besteht – an.  

    Nach der Etablierung der Luftrettung der Bundeswehr am Standort Hamburg dauerte es keine neun Monate, bis auch das erste bodengebundene Rettungsmittel, der Notarztwagen (NAW) 21B, in Dienst gestellt wurde. 

    Zusammen mit der Bell UH-1D leistete der NAW jahrelang zahlreiche Einsätze für das Rettungszentrum des BwKrhs in Hamburg und Umgebung. Waren es 1974 noch weniger als 500 Einsätze pro Jahr, so verdoppelte sich die Einsatzzahl der Rettungsmittel bereits ab 1980 auf jeweils über 1 000 Einsätze pro Jahr. Einige davon sind sowohl den Besatzungen als auch den Betroffenen bis heute im Gedächtnis geblieben. Wie beispielsweise das Zugunglück von Eschede am 03.06.1998 mit 101 Toten und 194 (88 davon schwer) Verletzten, das bis dahin schwerste Zugunglück in der Bundesrepublik. SAR Hamburg 71 war damals der erste Hubschrauber und das zweite Rettungsteam vor Ort. Das Bild, das sich der Besatzung aus der Luft von der Einsatzstelle bot: Der ICE 884, damals noch relativ neu, an einer Brücke zerschellt und in mehrere Teile gerissen – ein Meer aus Metallteilen. „Die Zahl der Verletzten war zu diesem Zeitpunkt enorm und es kamen minütlich neue hinzu“, beschreibt der seinerzeitige Notarzt der „Anneliese“ die damalige Situation. Doch nicht nur die schrecklichen Szenen am Unglücksort blieben der Besatzung in Erinnerung, sondern auch die Hilfsbereitschaft und Dankbarkeit der Escheder, die alles was sie hatten zur Einsatzstelle brachten: Decken, Kaffee, Kuchen und vieles mehr.

    Ein modernes Rettungszentrum mit vielfältigen Aufgaben

    Mit der Zunahme der Einsätze im Rettungsdienst wurde auch die Fahrzeugflotte des Rettungszentrums laufend den neuen Entwicklungen angepasst. Einen besonderen Meilenstein stellt dabei die Ausmusterung der Bell UH-1D dar. Am 19.01.2006 war es schließlich soweit – nach mehr als 33 Jahren und 49 344 Einsätzen verschwand das wegen seines Klanges oft „Teppichklopfer“ genannte Luftfahrzeug aus dem Rettungsdienst der Stadt Hamburg. Zwar blieb der Hubschraubertyp Bell UH-1D noch bis 2021 im Dienst der Luftwaffe, doch der Einsatz im Rettungsdienst gehörte fortan nicht mehr zu seinen Aufgaben. Von nun an sorgte eine zweimotorige, orange leuchtende Bell 212 der Bundespolizei dafür, dass Arzt und Rettungssanitäter sicher zum Einsatzort gelangten. Doch nur etwas mehr als ein Jahr nach Indienststellung wurde die Bell 212 durch den Eurocopter EC 135 T2i ersetzt. Dieser zweimotorige Leichthubschrauber verbindet modernste Technik mit geringen Wartungs- und Betriebskosten sowie vielfältigen Einsatzmöglichkeiten – ideal für den Rettungsdienst. Bis heute wird der Rettungstransporthubschrauber (RTH) EC 135 im Rahmen einer Kooperation als „Christoph 29“ betrieben. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe stellt den RTH, die Bundespolizei die PilotInnen und das BwKrhs Hamburg das medizinische Personal.

    „Sieben auf einen Streich“ – Die Fahrzeugflotte des Rettungszentrums
    „Sieben auf einen Streich“ – Die Fahrzeugflotte des Rettungszentrums
    Quelle: Bundeswehr/Herholt

    Auch im bodengebundenen Rettungsdienst hat sich das Rettungszentrum im Laufe der Jahre weiterentwickelt und vergrößert. Neben der kontinuierlichen Regeneration des vorhandenen NAW wurden mehrere Notarzteinsatzfahrzeuge (NEF) und 2009 der erste Intensivtransportwagen (ITW) in Dienst gestellt. Die ITW dienen dem Transport von PatientInnen, die während des Transportes intensivmedizinisch betreut werden müssen und verfügen über die gleiche medizinische Ausstattung wie eine Intensivstation im Krankenhaus. Mit Beatmungsgeräten, einem Defibrillator, Ultraschallgeräten und vielem mehr wird die Versorgung der PatientInnen während des Transportes aufrechterhalten. Seit 2023 beteiligen sich auch das BG Klinikum Hamburg Boberg und das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf mit medizinischem Personal am Betrieb des hochmodernen Fahrzeugs.  

    Im Vergleich zum Start des Rettungszentrums mit dem „SAR Hamburg 71“ betreibt das Rettungszentrum Hamburg am BwKrhs Hamburg heute neben dem „Christoph 29“ insgesamt sieben Fahrzeuge: zwei ITW, zwei NAW, zwei NEF und ein Mehrzweckfahrzeug. 

    Ein abwechslungsreiches und vielfältiges Einsatzspektrum

    So vielfältig die Flotte an Fahrzeugen, so unterschiedlich sind auch die Einsätze des Rettungszentrums. Während der Einsatz im Hamburger Rettungsdienst das Kerngeschäft des Personals des Rettungszentrums darstellt, ist die Arbeit im Rettungsdienst der Bundeswehr durch zahlreiche weitere Einsatzszenarien geprägt. Ein zusätzlicher Schwerpunkt war in den letzten Jahren die personelle Unterstützung von medizinischen Evakuierungsflügen (MedEvac) der Bundeswehr, um verwundete oder erkrankte SoldatInnen aus den weltweiten Auslandseinsätzen zurück nach Deutschland zu bringen. Neben der Bereitstellung des medizinischen Personals an Bord der grauen MedEvac-Maschinen ist das Rettungszentrum auch an der Übergabe der PatientInnen aus den Flugzeugen in stationäre Behandlungseinrichtungen beteiligt. So auch Jahr 2015, als erstmals auch ukrainische Soldaten mittels MedEvac zur Behandlung nach Deutschland gebracht wurden. Es müssen aber nicht immer PatientInnen aus Einsatz- und Kriegsszenarien sein. Als im März 2020 die COVID-19-Pandemie die Krankenhäuser in Italien an ihre Belastungsgrenzen brachte, wurden zu deren Entlastung intensivpflichtige COVID-19-PatientInnen mit den MedEvac-Maschinen nach Deutschland gebracht und über das Rettungszentrum des BwKrhs Hamburg auf Kliniken in Deutschland verteilt. 

    In den vergangenen 50 Jahren hat das Rettungszentrum einen bemerkenswerten Weg zurückgelegt. Von den prägenden Anfängen mit dem „SAR Hamburg 71“ bis zur Bereitstellung modernster Rettungsmittel und medizinischer Expertise hat es eine tragende Rolle in der vernetzten Notfallversorgung in Norddeutschland eingenommen. Ob Rettungseinsätze im Hamburger Stadtgebiet, Hilfe bei tragischen Zugunglücken oder Unterstützung bei internationalen Evakuierungsflügen in Zeiten globaler Krisen – auf das Rettungszentrum am BwKrhs Hamburg ist auch in Zukunft Verlass.



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