10.01.2010 •

MYOSITIS OSSIFICANS NACH ÜBERROLLTRAUMA DURCH EINEN SPÄHPANZER FENNEK

Im vorliegenden Fallbericht wird von einem 21-jährigen Soldaten nach Überrolltrauma durch einen Spähpanzer Fennek (10,3 t) mit einer initialen Prellung des linken Oberschenkel berichtet, der im Laufe von sechs Monaten eine traumatisch bedingte Myositis ossificans entwickelte.

Kasuistik

Am 29. Januar 2008 kam es im Rahmen einer Einsatzvorausbildung im Bereich des Truppenübungsplatzes Senne zu einem Überrollen des 21-jährigen männlichen Soldaten. Dieser hatte zuvor als Rollenspieler einen Selbstmordattentäter gemimt und sich nach Darstellung einer simulierten Sprengung "leblos" auf dem Boden gelegt. Die auf den Soldaten zufahrende Patrouille mit einem Spähpanzer Fennek als Führungsfahrzeug (siehe Abb. 1) hatte die simulierte Sprengung nicht bemerkt und so kam es zur einen Überrollen des Patienten durch den Spähpanzer im Bereich des linken Oberschenkels. Der Notruf ging um 15:00 Uhr ein, Ankunft des Notarztes am Unfallort um 15:10 Uhr. Bei kreislaufstabilen Vitalwerten (RR 140/70, Hf 88/min, Atemfrequenz 14/min, SpO2 97%, BZ 76 mg/dl) fanden sich in einer neurologischen sowie body-check-orientierenden Untersuchung keine maßgeblichen Auffälligkeiten. Aufgrund von Schmerzen wurde vom Notarzt eine Analgosedierung mittels 20 mg Ketanest S® und 2 mg Dormicum® durchgeführt und der Patient unter stabilen Verhältnissen zum Ausschluss einer Fraktur ins nächstgelegene Krankenhaus gefahren (Abfahrt 15:40 Uhr). (Abb. 1: Spähpanzer Fennek))

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Dort konnte radiologisch (Röntgenaufnahme des linken Oberschenkels mit Hüfte, Knie, Unterschenkel mit OSG, jeweils in 2 Ebenen) eine frische knöcherne Verletzung ausgeschlossen werden. Der stationäre Verlauf des Patienten verlief unkompliziert und der Patient wurde am 31.01. mit der Diagnose "Prellung des Oberschenkel links" entlassen. Eine ambulante truppenärztliche Nachuntersuchung am 05.02. zeigte bei rückläufigen Schmerzen und deutlich besserer Beweglichkeit laborchemisch nur eine leichte CK-Erhöhung (207 U/l). Der Patient konnte nach einer Krankschreibung bis zum 18.02. wieder voll verwendungsfähig in den Dienst zurückkehren.

Ca. 5 Monate nach diesem Ereignis stellte sich der Soldat am 02.07. erstmalig mit Schmerzen im linken Oberschenkel links nach sportlicher Betätigung (Laufen) beim Truppenarzt erneut vor. Hier wurde zunächst von einer Muskelverspannung ausgehend eine Schonung und Externabehandlung (Dolobene®) durchgeführt. Am 14.10. (weitere 3 Monate später) stellte sich der Soldat erneut vor. Die Beschwerden vom Juli seien weiterhin persisierend vorhanden, insbesondere bei Zug- und Dehnung des linken Oberschenkels sowie teilweise bei sportlicher Belastung. Unter physiotherapeutischen Ansatz mit Wärme und Massage zeigte sich ebenfalls keine Besserung. Am 12.12. erfolgte eine fachärztliche Vorstellung in der FU 9 der Facharztgruppe Detmold. Dort wurde radiologisch an der dorsalen Femurcorticalis auffällige große ektope randleistenförmige Exostosen, z. T. in S-Drahtformation (sowie dorsale Kortikalis) in die Weichteile beschrieben (siehe Abb. 2). Es wurde die Verdachtsdiagnose einer "traumatisch bedingten Myositis ossificans links latero-distale Oberschenkelseite" gestellt, die im Vergleich mit den Voraufnahmen aus der Klinik im Januar 2008 bestätigt werden konnte. (Abb. 2)

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Diskussion

Der sicherlich ungewöhnliche Fall eines Überrolltrauma mit einem Spähpanzer (10,3 t Gewicht) ließ zunächst die Vermutung einer schweren knöchernen Verletzung annehmen. Die Bodenbeschaffenheit (sehr weicher Boden, kein Bodenfrost aufgrund milder Temperaturen) wird hier den Patienten vor einem schwereren Trauma bewahrt haben. Der Patient konnte nach einer ca. 3-wöchigen Krankschreibung in den Dienst zurückkehren. Die zunächst im Sommer in Verbindung mit der sportlichen Betätigung gesehenen Muskelbeschwerden des linken Oberschenkels sind bei Soldaten nichts ungewöhnliches und werden durchaus häufig beobachtet (Sammito 2009). Aufgrund langer Pausen in den ambulanten Vorstellung des Patienten war hier auch zunächst von einer sportlich bedingten Überlastung auszugehen. Die Persistenz der Beschwerden und das Wissen um das vorangegangene Trauma waren schlussendlich jedoch wegweisend für die abklärende radiologische und fachärztliche Untersuchung mit der Diagnose einer "traumatisch bedingten Myositis ossificans".

Fazit

Die traumatisch bedingte Myositis ossificans ist eine eher als selten einzustufende Erkrankung, welche sich in allen Muskelgruppen manifestieren kann (Patel S et al. 2008, Ergun T et al. 2008, Sodl JF et al. 2008, Beiner JM/Jokl P 2002). Die in diesem Fall mit Latenz entstandenen Beschwerden des Patienten sind gerade bei der traumatisch bedingten Myositis ossificans typisch und bedingen auch bei scheinbar harmlosen Ursachen für Muskelbeschwerden (hier: nach dem Laufen) bei entsprechender Persistenz der Beschwerden eine ausführliche Anamnese hinsichtlich vorangegangenen, auch banal verlaufenden Traumata. Gerade das in der truppenärztlichen Sprechstunde vorliegende Patientenkollektiv ist in diesem Bereich als Risikogruppe zu bezeichnen. Durch hohe Fluktuation der Truppenärzte ist darüber hinaus nicht davon auszugehen, dass der behandele Arzt alle vorangegangenen Behandlung selbst durchgeführt hat und daher im Wissen um ggf. banale oder schwerere Traumata besitzt. Ein ausführliches Studium der G-Akte ist daher unerlässlich.

Datum: 10.01.2010

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2010/1

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