17.11.2022 •

Force Health Protection im Einsatz

eine interdisziplinäre Aufgabe

T. Morwinsky, F. Rieck

Neben dem Schutz, Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit der einzelnen SoldatInnen liegt die Kernaufgabe des Sanitätsdienstes darin, durch die Gesunderhaltung der eingesetzten Truppe zum Erhalt der militärischen Operabilität und Einsatzfähigkeit beizutragen. Unter den erschwerten Einsatzbedingungen in Krisensituationen haben Infektionserkrankungen hier eine besondere Bedeutung. Die infektionsepidemiologische Risikoabschätzung und -bewertung ist eine wesentliche Aufgabe der Medical Intelligence (MedInt) und stellt eine zentrale Aufgabe in der Gesamtaufgabe der Force Health Protection (FHP) im und für den Einsatz dar.

Wanderbewegungen der Fulbe mit ihren Rinder- und Ziegenherden
Wanderbewegungen der Fulbe mit ihren Rinder- und Ziegenherden
Quelle: Bundeswehr/ZGeoBw

Die in oftmals hoher Inzidenz auftretenden einsatzrelevanten tropischen Erkrankungen (z. B. Malaria, Leishmaniasis und Dengue-Fieber) in einer Reihe von Einsatzgebieten der Bundeswehr macht es nötig, über die einsatzrelevanten Regionen der Erde medizinische und epidemiologische Daten zu sammeln und auszuwerten. Basierend auf den daraus resultierenden fachlichen Empfehlungen können die für einen spezifischen Einsatz verantwortlichen Stellen Maßnahmen letztinstanzlich fachlich empfehlen, die das gesundheitliche Risiko der eingesetzten SoldatInnen minimieren. Während militärischer Auseinandersetzungen in den letzten 170 Jahren machten Infektionserkrankungen bis zu 80 % der Hospitalisierungen des eingesetzten Personals aus. Hierbei stellen selbst relativ „harmlose“ Erkrankungen (beispielsweise Reisediarrhoe) ein operatives Problem dar, wenn ein Großteil des eingesetzten Personals betroffen ist und dieses dann wegen eigentlich „leichter“ Krankheiten für zwei oder drei Tage ausfällt. Bisher traten bei deutschen Einsatzrückkehrern dank konsequenter Umsetzung der Präventivmaßnahmen spezifische Tropenerkrankungen nur in geringen Fallzahlen auf.

Ein gutes Beispiel für die oftmals hochkomplexen Aufgaben der FHP im Einsatz, welche interdisziplinäre Kompetenzen erfordert, ist das Rift Valley Fieber (RVF), das auch in Westafrika vorkommt. Nur die gemeinsame Analyse von medizinischen, biologischen, epidemiologischen, umweltmedizinischen und ethnologischen Erkenntnissen führt hier zum Ziel. Das Ergebnis mündet in einem MedInt-Produkt und einer FHP-Empfehlung für die eingesetzten SoldatInnen. Das RVF ist eine Viruserkrankung, das durch Stechmückenarten übertragen wird und sowohl Menschen als auch verschiedene Nutztiere (u. a. Ziegen, Rinder, Schafe und Kamele) befällt. Die Symptome und Krankheitsverläufe variieren je nach betroffener Art. Bei Nutzvieh kann ein Ausbruch zu erheblichen ökonomischen Verlusten führen. Für Tiere existieren Impfstoffe, doch deren Nutzen ist begrenzt und ihr Einsatz in Subsahara-Afrika nicht generell praktikabel. Für Menschen gibt es zwar experimentelle Impfstoffe, doch keiner hiervon verfügt über eine Zulassung, so dass der beste – und einzige – Schutz die Vermeidung von Mückenstichen ist.

Das prinzipielle Vorkommen von RVF in der Region ist seit langem bekannt, doch detaillierte Informationen über konkrete Ausbrüche und deren Epidemiologie sind seltener zu finden. Somit wurden in diesem Fall nach dem erstmaligen Ausbruch von RVF im Westen des Niger alle Parameter analysiert, um die Vorkommensmuster der Viruserkrankung zu verstehen. Unter anderem wurden die gemeldeten Fälle bei Tieren und Menschen, die geographischen Besonderheiten, wie Nähe zum Einsatzraum deutscher ­Soldaten und die Übertragungswege bzw. -möglichkeiten, untersucht. Ein besonderes Augenmerk fiel hierbei auf die Wander­bewegungen der Viehhirten und deren Herden, die beide von RVF betroffen waren. Die grenzüberschreitenden Wanderungen vom Niger in den Einsatzraum der deutschen Einsatzkräfte in Mali – bzw. grenzüberschreitend in der gesamten westafrikanischen Region – erforderten die Einbindung landeskundlicher Expertise und Recherche sowie die Unterstützung des militärgeographischen Dienstes, um die präventivmedizinische Bewertung und Empfehlung mit einer Beratungskarte zu hinterlegen. Somit stellt der ethnologische Anteil – nämlich das traditionelle Verhalten der Viehbesitzer – einen entscheidenden Faktor dar und ist in diesem Fall ein wichtiger Baustein für die medizinische Gefährdungsanalyse.

Anhand dieser Karte konnten spezifische Risikogebiete identifiziert werden, in denen RVF mit höherer Wahrscheinlichkeit auftreten würde. Als Konsequenz half dies den Truppenführern vor Ort, bei der Planung von Operationen auch RVF als Einflussfaktor einzubeziehen und das eingesetzte Personal hinsichtlich der Notwendigkeit von Schutzmaßnahmen gegen Insektenstiche verstärkt zu sensibilisieren. Zudem ist eine solche Information auch für das medizinische Personal vor Ort relevant, welches bei Vorstellung erkrankter SoldatInnen die erhöhte Infektionswahrscheinlichkeit für RVF in die Differentialdiagnostik und gegebenenfalls Therapie miteinbeziehen kann.


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