Medizinische Versorgung von Veteranen und ­Kriegsversehrten

12. Wehrmedizinhistorisches Symposium der Gesellschaft für Geschichte der Wehrmedizin e. V.

A. Müllerschön

Nachdem das bereits 2020 geplante Symposium coronabedingt verschoben werden musste, entschieden sich die Verantwortlichen aufgrund der exponentiell steigenden Infektionszahlen für eine kurzfristige Absage der in Zusammenarbeit mit der Sanitätsakademie der Bundeswehr (SanAkBw) und dem Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) organisierten Veranstaltung und Durchführung als virtuelle Tagung am 25.11.2021.

Nach Grußworten der Kommandeurin der SanAkBw, Generalstabsarzt Dr. Gesine Krüger, und des Vorsitzenden der Gesellschaft für Geschichte der Wehrmedizin e. V. (GGWM), Generalarzt a. D. Prof. Dr. Dr. Erhard Grunwald, führte Oberstarzt Prof. Dr. Ralf Vollmuth (ZMSBw) in das Thema ein.

Als erste Referentin des Symposiums beleuchtete Priv.-Doz. Dr. Sybilla Nikolow (Universität Bielefeld) in ihrem Vortrag „,Der bedeutendste und verantwortlichste Teil der Aufgabe fällt den Ärzten zu‘. Invalidenfürsorge im Ersten Weltkrieg“ die unterschiedlichen Herausforderungen an die in den von 1914 bis 1918 andauernden Kämpfen eingesetzten Mediziner. Zunächst standen die Versorgung von Patienten mit neuartigen Verletzungsmustern in unmittelbarer Nähe der Front sowie die Bewältigung von Massenanfällen Verwundeter im Vordergrund. Aber bereits nach wenigen Monaten rückte die gesellschaftliche Wiedereinglie­derung von Kriegsinvaliden verstärkt in den Fokus des Kriegs­ministeriums, das mit dieser Aufgabe Vertreter verschiedener Fachdisziplinen, beispielsweise die Beratenden Chirurgen und fachärztliche Beiräte für Orthopädie, beauftragte. Durch die Überwindung tradierter Paradigmen und die Etablierung neuer medizinischer Spezialgebiete gelang der Aufbau eines strukturierten Rehabilitationssystems in Deutschland.

Flottenarzt Dr. Volker Hartmann (SanAkBw) verdeutlichte in seinem Beitrag „Das ,Handbuch der Ärztlichen Erfahrungen aus der Gefangenschaft‘ 1958–1964. Analyse und Versuch einer Bewertung“ unter welchen gesundheitlichen Einschränkungen und psychischen Belastungen die in sowjetischen Kriegsgefangenen­lagern internierten ehemaligen deutschen Soldaten litten. In Anlehnung an das 1921/22 erschienene „Handbuch der ärztlichen Erfahrungen im Weltkriege 1914/1918“ veröffentlichte der „Verband der Heimkehrer, Kriegsgefangenen und Vermisstenangehörigen Deutschlands (VdH)“ in der Nachkriegszeit verschiedene Schriften, worin die medizinische Versorgung und der Gesundheitszustand der in der Sowjetunion festgehaltenen deutschen Kriegsgefangenen thematisiert wurde. Ein wesentlicher Protagonist dieser Schriftenreihe war Ernst Günther Schenck, ehemaliger Ernährungsinspekteur der Waffen-SS, der öffentlichkeitswirksam nach seiner Entlassung aus sowjetischer Lagerhaft und der Rückkehr nach Deutschland den sogenannten „Schwur von Friedland“ ablegte, nachdem die Angehörigen der Waffen-SS sich lediglich an die gültigen Kriegsgesetzte gehalten hätten. Der Vortragende thematisierte sowohl die Beteiligung Schencks an verbrecherischen Menschenversuche als auch dessen Versuch, sich nach Kriegsende von jeglicher Schuld freizusprechen.

Als letzte Referenten vor der Pause berichteten Dr. Christine Wolters, MA und Dr. Karsten Wilke (beide Angehörige der Medizinischen Hochschule Hannover) zum Thema „Die Versorgung Kriegsbeschädigter als Beitrag zur gesellschaftlichen Integration in der frühen Bundesrepublik“. Im ersten Teil ihrer Ausführungen erläuterten sie den Entstehungsprozess des Bundesversorgungsgesetzes, das 1950 im Deutschen Bundestag verabschiedet wurde. Bis Mitte der 1970er Jahre waren die im Gesetz vorgesehenen Renten und Heilbehandlungen ausschließlich Kriegsbeschädigten vorbehalten mit dem Ziel, sie wieder in das Arbeitsleben zu integrieren. Personen, deren körperliche Beeinträchtigungen andere Ursachen hatten, waren von entsprechenden Leistungen ausgeschlossen. Erst nach einer Novellierung des Schwerbeschädigtengesetzes 1974 wurde die Ungleichbehandlung aufgehoben. Die praktische Umsetzung und Anwendung des Bundesversorgungsgesetzes wurde abschließend anhand ausgewählter Versorgungsakten von kriegsbeschädigten niedersächsischen Männern (bei denen es sich zum Teil um Mehrfachamputierte handelte) aus den Jahren 1946 bis 1975 analysiert.

Im zweiten Teil des Symposiums ging Priv.-Doz. Dr. habil. Nina Leonhard (ZMSBw) in ihrem Referat „Was ist ein Veteran? Ein soziologischer Bestimmungsversuch unter politischen Vorzeichen“ zunächst auf die 2012 durch den damaligen Bundesminister der Verteidigung eröffnete Debatte zur Begriffsbestimmung der Veteranen ein, welche erst 2018 endete. Ausgangspunkt waren Bemühungen von überwiegend in Afghanistan eingesetzten Soldaten, einen derartigen Status zu erlangen. Die sich über Jahre hinziehenden Diskussionen zu diesem Thema wurden von der Öffentlichkeit und den Medien intensiv begleitet. Ursächlich dafür war u. a. die Tatsache, dass der Veteranenbegriff in Deutschland unmittelbar mit den beiden Weltkriegen und der Beteiligung deutscher Soldaten an einem verbrecherischen Vernichtungskrieg assoziiert wird. Anschließend zeigte die Referentin gesellschaftliche und soziologische Einflüsse auf, die auf die Veteranen einwirken und das Spannungsfeld ausmachen, in dem sie sich bewegen.

Zum Abschluss der Veranstaltung trug Prof. Dr. Stefan Siegel (Hochschule Nordhausen) zum Thema „Afghanistan-Veteranen in Deutschland. Versuch einer Typologie nach Abwehr- und Coping-Mechanismen“ vor. Auf der Grundlage einer Untersuchung von 43 ehemaligen Bundeswehrsoldaten, die alle an besonderen ­Auslandsverwendungen in Afghanistan teilgenommen hatten, beschrieb ein Forscherteam am Bundeswehrkrankenhaus Berlin nach Analyse der von den Probanden angewandten Abwehr- und Coping-Mechanismen sieben Grundtypen: den Kämpfer, den Kameraden, den Korpsman, den Strategen, den Partisanen, den Eigenschützer und den Infanteristen. Die Studie zeigte, dass für die „optimale“ Verarbeitung von besonderes belastenden Erlebnissen kein bestimmter Grundtyp notwendig ist. Eines der Hauptziele dieser Einteilung ist stattdessen die Erarbeitung maßgeschneiderter Therapie- und Hilfsangebote für die betroffenen Soldaten. Weitere Untersuchungen zu diesem Thema stehen allerdings noch aus.

Das 13. Wehrmedizinhistorische Symposium der GGWM wird voraussichtlich Mitte November 2022 unter dem Rahmenthema „Militärärztliche Bildungsanstalten“ stattfinden. 


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