23.04.2012 •

SANITÄT EINGEBUNDEN IM INFANTERISTISCHEN EINSATZ

ERFAHRUNG EINES SANITÄTSOFFIZIERS IN DER TASK FORCE KUNDUZ 2011

Ich durfte als relativ einsatzerfahrener und auch fachlich-sanitätsdienstlich geprägter Soldat und Sanitätsoffizier einen langen Einsatz in ISAF / Afghanistan mit vielen Blickwinkeln, Eindrücken, aber auch neuen Gegebenheiten in der Einsatzlandschaft erleben.

Zudem war die Dauer von 8 ½ Monaten ununterbrochen eine Herausforderung, die nicht alltäglich ist. Ich konnte fachliche als auch Führungsanforderungen in die Verwendungen in diesem Einsatz einfließen lassen. Zudem ist der Blick über den Tellerrand der sanitätsdienstlichen Belange lehr- und hilfreich. Auch wenn sich in einem Bericht wie diesem nur auszugsweise die Eindrücke zusammenfassen und wiedergeben lassen, kann man es unter Verzicht auf Ganzheitlichkeit doch durchaus versuchen.

Neben eigenem Anwenden von Qualifikationen und Arbeitskraft konnte ich mehrere Haupterfahrungen aus dem Einsatz mitnehmen: Die Sanität hat in den letzten Jahren die Herausforderungen angenommen; sie leistet sehr gute Arbeit auf vielen Ebenen, auch der recht grünen Ebene („Schlammzone“); sie genießt mittlerweile innerhalb der Bundeswehr, also bei anderen Truppengattungen, aber auch international ein hohes Ansehen; man darf durchaus auf diese Fähigkeit und Leistung stolz sein.

Vorgeschichte des Einsatzes – wie kam es dazu?

Die Anforderungen an die Bundeswehr im Allgemeinen und die einzelnen Bereiche haben sich seit dem Ende des sog. „Kalten Krieges“ rapide verändert. Dem entsprechend unterliegen auch die Grundsätze und Verfahren, aber auch die Strukturen und Ausrichtungen einem ständigen und anhaltenden Wandel. Hier im Verständnis, im Wissen oder gar im Fähigkeitsprofil Schritt zu halten und im Idealfall auf Stand und damit „combat ready“ zu sein, ist eine Herausforderung – insbesondere für jene Soldaten aller Dienstgradgruppen, die noch die „alten Zeiten“ („Kalter Krieg“) kennenlernen durften und in dieser Zeit ihre Ausbildung und damit Prägung erhalten haben.

Dieses durfte ich unlängst in Anschauung und auch an mir selbst intensiv erfahren. Ich war bereits direkt zu Beginn meiner ärztlichen Laufbahn und Verwendung parallel zur Facharztweiterbildung Hals-Nasen-Ohrenheilkunde am BwKrhs Ulm zielgerichtet auf einen Einsatz zusätzlich zum Rettungsmediziner ausgebildet worden. Dieses wurde unmittelbar im Anschluss an den ersten klinischen Abschnitt als Arzt im UN-Einsatz UNOMIG in Georgien im Kaukasus abgefordert und eingebracht. Hier sammelte ich in relativ jungen Jahren viele Erlebnisse, Eindrücke, Erfahrungen – sowohl militärisch, fachlichärztlich als auch menschlich. Und ich stellte bereits dort fest, dass eine Horizonterweiterung nicht schadet – war die Ausbildung zum Rettungsmediziner für Angehörige eines sog. „kleinen“ medizinischen Faches (HNO) damals doch nicht gerade üblich… Die Einsatzdauer von 6 ½ Monaten, der unbewaffnete Einsatz mit deutlicher Exponiertheit und Vulnerabilität, aber auch die Möglichkeiten eigenständigen ärztlichen und militärischen Handelns prägten. Wie die meisten aufwändig ausgebildeten UN-Beobachter durfte ich nach 1999/2000 dann in 2004 dieses Gelernte ein weiteres Mal anwenden.

Nach abgeschlossener Facharztweiterbildung war ein Einsatz als HNO-Arzt logische Folge; hier durfte ich 2004/2005 völlig andere Möglichkeiten und Gegebenheiten im Feldlazarett Prizren in KFOR erleben. Nicht sanitätsdienstlich allein arbeiten und wirken zu müssen, sondern in einem Klinikverbund mit allen Möglichkeiten, allen relevanten Fachrichtungen, mit scheinbar endlosen Ressourcen fühlte man sich arbeitstechnisch fast wie in Deutschland im heimischen Bundeswehrkrankenhaus und damit einem Haus der Maximalversorgung. Man wendete seine erlernten und standardisierten Fähigkeiten in einem gewohnten klinischen Umfeld, lediglich fernab der Heimat, an. Handlungssicherheit aufgrund gewohnter Prozesse bestimmte den Einsatz.

Anschließend änderte sich die Einsatzlandschaft deutlich; die Sanität veränderte auch ihr Profil. Die Rettung im großen Stil, nicht vergleichbar mit der Verwendung in UNOMIG in Georgien, wurde erforderlich – die Sanität erkannte den Auftrag als Dienstleister und brauchte auf einmal hohe Zahlen an Rettungsfachleuten. Folgerichtig wurden Rettungsassistenten, später Einsatzsanitäter in höherer Anzahl ausgebildet. Bis auf wenige Fachrichtungen (solche ohne therapeutischen Patientenbezug) wurden alle jungen Ärzte / Sanitätsoffiziere bereits in ihrem ersten klinischen Abschnitt in die Fachausbildung „Rettungsmedizin“ eingesteuert. Anfängliche Reibungsverluste in der Akzeptanz und dem Willen, sich hier rein zu fügen, wichen nach und nach der Erkenntnis, dass das Erfordernis nun mal so ist. All dies erlebte ich aus der planerischen und auch betrachtenden Funktion als Personalführer (Dezernent) im Personalamt sowie als Personalgrundsatzreferent im Bundesministerium der Verteidigung, BMVg. Bedarf wird erkannt und bedient – aber alles sehr abstrakt bewertet und behandelt.

Der Einsatz als geplante Größe

Aufgrund des hohen Bedarfs an Sanitätsoffizieren / Ärzten und hier insbesondere Rettungsmedizinern im Auslandseinsatz wurde trotz meiner Verwendung als Kommandeur des Kemptener Regiments (GebSanRgt 42 „Allgäu“, seit Juli 2010) bedarfsorientiert ein Einsatz in ISAF geplant – ab November 2010. Hier sollte ich für ein Kontingent die MedEvacKp (Medical Evacuation Kompanie) in Mazar-e-Sharif übernehmen und als Kompaniechef leiten. Dass hierbei trotz der Funktion als Kompaniechef auch die fachlich-militärische Verwendung als Rettungsmediziner eines beweglichen Arzttrupps (BAT) in Doppelfunktion hinzukam, war hierbei für mich selbstverständlich, da ich in Deutschland seit 14 Jahren Rettungsdienst ausübe und dieses wie bereits beschrieben ja auch im Einsatz UNOMIG anwenden konnte.

Im November 2010 war es soweit und ich verlegte nach entsprechender Vorausbildung in den Einsatz. Die Einsatzrealität kommt schneller als man denkt; nach 24 Stunden Übergabeverhandlungen und Einweisung erfolgte die offizielle Übernahme der Kompanie. Die MedEvacKp ist sozusagen das Sammelsurium der Rettungskomponenten am Standort Mazar-e-Sharif. Hier sind bodengebundene Rettungstrupps und BAT´s auf Fahrzeugen des Typ YAK vorhanden. Dazu kommen noch strukturplanungsbedingt Komponenten wie Truppenarztgruppe und Zahnarztgruppe / Oralchirurg, welche in der Klinik / Einsatzlazarett eingebunden sind, jedoch aufgrund der Abbildung der Role 1 ebenfalls der MedEvacKp zugeschlagen sind (Abb. 1). Ebenso sind die Luftrettungskomponenten auf CH 53 und Transall C 160 – jeweils in MedEvac-Version- hier aufgehängt.

Eine interessante Verwendung, da man eine Kombination aus Führungsfunktion als Disziplinarvorgesetzter Stufe 1 auf der einen Seite und fachliche Funktion als Arzt und Rettungsmediziner im militärischen Verbund hatte. Zudem kam noch die Funktion als Leitender Notarzt (Medical Incident Officer, MIO) des Lagers CAMP MARMAL in Mazar-e- Sharif, sowie Betäubungsmittelbeauftragter (BTM) für das gesamte Lager mit allen Einheiten. Letzteres ist bei vielen medizinischen Teams mit großem BTM-Vorrat sowie einer Ausstattung mit Morphin-Autoinjektoren für alle Soldaten der verschiedenen Einheiten im Lager in Mazar-e-Sharif eine nicht gerade unterfordernde, leider sehr bürokratische Aufgabe. Aufgrund der rechtlichen Grundlagen der BTM-Bewirtschaftung ist hier ein hoher Grad an Verantwortung gefordert, da zahlenmäßige Abweichungen (deutsch: Verlust) von BTM zu erheblichen Problemen führen kann.

Zivil würde man die Gesamtfunktion mit all diesen Facetten und Anteilen, die ich dort innehatte, wahrscheinlich als „Leiter Rettung“ bezeichnen.

Die einzelnen Rettungsmittel der Kompanie werden immer bedarfsorientiert eingesetzt. Für die Luftrettungsmittel bedeutet dies, dass Verwundete, insbesondere schwerverletzte Verwundete, aus den taktischen Einsatzgebieten unter Aufrechterhaltung eines hohen Intensivmedizinischen Versorgungsstandards ins Einsatzlazarett in Mazar-e-Sharif geflogen werden (Abb. 2). Dies ist z.B. häufig von Kunduz der Fall, wo solche Verwundeten im Rettungszentrum (Role 2) stabilisiert werden und dann ins Einsatzlazarett, einer Einrichtung der Maximalversorgung (Role 3) gebracht werden müssen. Hierzu könnte man weit ausholen; ich belasse es bei der Ausführung, dass das Einsatzlazarett alle diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten sowie alle fachärztlichen Komponenten vorhält, die sinnvoll sind. Man kann von universitärem Standard sprechen.

Die gepanzerten Bodenrettungsmittel, z.B. vom Typ YAK (Abb. 3), begleiteten die Militärpolizei (Feldjäger) und andere Verbände auf Tagestouren, Patrouillen oder ergänzten medizinische Komponenten in Außenlagern wie Camp Spann, wo vornehmlich Ausbildung der afghanischen Kräfte (Armee, ANA und Polizei, ANP) stattfindet.

Sicherlich wird Mazar-e-Sharif dominiert vom Status als Sitz des Stabes des Regionalkommandos Nord unter deutscher Führung, also dem RC North – zu Beginn unter Führung von Generalmajor Fritz und anschließend von Generalmajor Kneip. Weiterhin imponiert und wirkt sich aus die Tatsache, dass Mazar-e-Sharif das Hauptlager im RC North, logistische Drehscheibe und damit Eingangselement für allen Nachschub ist; zudem sind hier die meisten Einsatzverbände mit ihren Stäben angesiedelt. Es sind durch die Truppenteile anderer Nationen wie US-Amerikanern, Schweden, Norwegern etc. sowie den großen Flughafen im Lager mittlerweile annähernd 10 000 Soldaten im Lager. Das wirkt sich in jeder Hinsicht aus.

Durch diese eher zentrale Führungsrolle des Standortes und auch durch die geringere Bedrohungslage war das Leben und Arbeiten im Lager in meinen Augen recht sicher und bedrohungsarm – das Verlassen dieses Lagers und damit teilweise Eintauchen in ganz andere Szenarien macht das eigene Empfinden so zwiespältig. Man geht aus dem Lager mit vielen Annehmlichkeiten und Sicherheit raus in Aufträge mit deutlich Risiko und Unsicherheit und kehrt dann wieder in dieses große Lager zurück. Und während dieser Zeit bleibt die Hauptzahl der Soldaten (mit Masse in Stäben tätig) durchgehend in diesem Lager. Man fühlt sich zum Teil in einer unwirklichen Welt, wenn man zurückkehrt, insbesondere wenn man die Probleme, Nöte und Sorgen mancher Kameraden genau in diesem Lager angetragen bekommt. Die Begriffe „Drinni“ und „Draussi“ kommen zum ersten Male auf. Man erlebt so etwas wie Gruppenbildung, je nach tatsächlicher oder wahrgenommener Einsatztätigkeit, Gefährdung und Belastung.

Neue Lage, neue Bewertung und Entschluss, Leben in der Lage

Bereits nach kurzer Zeit trat die Einsatzführung aus Deutschland an mich heran und erläuterte mir eine prekäre Lage: In Kunduz war der designierte Kompaniechef (ab Januar 2011) der beweglichen Sanitätskompanie (mehr gleich) ausgefallen, man fand trotz intensiver Suche keinen Ersatz, man wollte auch keinen jungen und einsatzunerfahrenen Sanitätsoffizier dorthin schicken – insbesondere vor dem Hintergrund, dass hierzu eine 5- 6-monatige einsatzvorbereitende Ausbildung erfolgt. Hierzu ist zu sagen, dass diese bewegliche Sanitätskompanie (SanKp bwgl Eins KDZ – Sanitätskompanie beweglicher Einsatz Kunduz) das Sanitätselement für das Ausbildungs- und Schutzbataillon Kunduz, also die Task Force Kunduz, darstellt und damit das robusteste und soldatisch-infanteristisch forderndste und weitreichendste, was die Sanität derzeit im Einsatz abbildet.

Die Priorität für diese Einheit war die höchste; wohl auch aufgrund meiner militärischen Vita traute man mir zu, diese Aufgabe auch ohne die umfangreiche und sinnvolle Vorausbildung zu leisten. Auch wenn dies eine deutliche Verlängerung des Einsatzes für mich bedeutete, auch wenn ich das Regiment in Kempten viel länger nicht sehen würde, war die Situation und Notwendigkeit für mich schlüssig und ich nahm die Herausforderung an. Aus vier Monaten Einsatz MES wurden damit letztendlich achteinhalb und davon sechs in der Task Force Kun duz.

Neuer Einsatzort Kunduz

Schnell wie die erste in Mazar-e-Sharif erfolgte im Januar 2011 auch die Kompanieübernahme in Kunduz und damit das Eintauchen in eine neue Einsatzwelt. Kunduz, der „hot spot“ für den deutschen Anteil des ISAFEinsatzes. Zudem die Task Force Kunduz, die aus der Quick Reaction Force (QRF) hervorgegangen war und damit das am meisten geforderte und am meisten betroffene Element dort. Das Motto konnte nur „Leben in der Lage“ heißen. Ich übernahm nach und nach die Soldaten meiner Kompanie, die in den Einsatz kamen und gemeinsam ein 6-Monats- Kontingent erfüllen sollten. Ich gab mir selber, aber noch viel mehr den jungen Soldatinnen und Soldaten der Kompanie, die Marschrichtung und die Ansprüche vor. Kontakte zu den anderen Einheitsführern, zur Führung der Task Force, mussten schnell geknüpft werden, sollte man doch lange Zeit zusammen arbeiten, kämpfen und auch so bestehen.

Zur Task Force selber

Lediglich als „Gast“ im Feldlager Kunduz, welches jegliche Annehmlichkeiten und Ansätze von Einsatzluxus vermissen ließ und sich ganz anders als Mazar-e-Sharif darstellte, liegt die Aufgabe der Task Force in dem Gewährleisten von Sicherheit für ein zugeteiltes Gebiet, der „Area of Responsibility“ oder „OpsBox“. Die Task Force Kunduz ist strukturell ein Bataillon, zusammengesetzt aus dem Hauptanteil eines Infanteriebataillons (in unserem Fall das FSchJgBtl 263 in Zweibrücken) mit Bataillonsführung und infanteristischen Kompanien und dann ergänzt durch die sog. „Enabler“. Dies waren zwei PzGrenZg (integriert in die Fallschirmjägerkompanien), eine PiKp, eine AufklKp und eben eine SanKp; letztere auf Zusammenarbeit angewiesen (aZa), da organisatorisch zum Sanitätseinsatzverband gehörend. Der Begriff „Enabler“ definiert sehr treffend, wo wir in Einsatz mittlerweile angekommen sind: Die Kampftruppe kann lediglich unter Ergänzung durch andere, spezialisierte militärische Elemente den eigentlichen Auftrag erfüllen. Die genannten Spezialisierungen sind so elementar, dass sie den Hauptauftrag erst zu erfüllen ermöglichen.

Somit hatte man mit der 1./ und ihren vielen wichtigen Elementen wie Instandsetzung, Bergetrupps oder Transportzug (Abb. 4) sowie mittlerweile elementaren Stabselementen wie G 2 (Militärisches Nachrichtenwesen, MilNw) oder zivilmilitärische Zusammenarbeit (CIMIC), den beiden Infanteriekompanien und den genannten Kompanien Aufklärer, Pioniere und San insgesamt sechs Kompanien, die diesen Verband bildeten.

Grundlegend für den Auftrag ist die Befähigung aller Einheiten des Verbandes zum infanteristischen Einsatz, zum taktischen Auftrag unter Kampfbedingungen. Erst darüber hinaus und sozusagen ergänzend werden die Spezialqualifikationen eingebracht, sei es Minenräumbefähigung, Aufklärung oder sanitätsdienstliche Versorgung. Auch wird dieses nahezu immer im Gesamtverbund geleistet. Früher hieß dies „Gefecht der verbundenen Waffen“; heute erhält diese Bezeichnung ein erkennbares und reelles Gesicht. Wenn Pioniere unter Beschuss Befestigungen (Checkpoint oder Combat Outpost) bauen, eine Furt ausbessern (Abb. 5), wenn unter gleichen Bedingungen die Sanität Verwundete versorgt und auf Boden- oder Luftweg evakuiert, ist schnell klar, dass grundsätzlich alle kämpfen können müssen.

Egal ob es eine Raumverantwortung (also Halten von kontrollierten Geländeabschnitten), Patrouillen in durch eigene Kräfte gehaltenes oder auch Insurgent-besetztes Gebiet (Anm.: Insurgent = „Taliban“) oder auch Operationen zum Gewinnen oder Nehmen von Geländeabschnitten ist – es gibt nur ein gemeinsames Arbeiten und Vorgehen.

Diese Erfahrung, auch das Erleben echten gegenseitigen Ergänzens, ist für mich herausragend. Ebenso wie die die erfüllende Erfahrung und Feststellung, dass durch die beschriebene Arbeitsweise, aber auch gezeigte Einstellung die Akzeptanz vieler Kampfunterstützer einen SANITÄT EINGEBUNDEN IM INFANTERISTISCHEN EINSATZ 23 Wehrmedizin und Aufschwung und eine Aufwertung ungeahnter Dimension erfahren hat. Durch die beschriebenen Leistungen ist die gegenseitige Wahrnehmung von Truppengattungen, insbesondere aber die Anerkennung von Spezialisierungen wie Logistik, Instandsetzung, Pionieren und Sanität so hoch wie noch nie. Und ich darf hier immerhin nahezu 23 Jahre Bundeswehr in meine Bewertung einbringen.

Wermutstropfen dämpfen schnell und nachhaltig unangebrachte Begeisterung

Doch auch diese durchaus gute und erfüllende Erfahrung kann nicht über die alles fordernde, bis hin zum Einsatz des eigenen Lebens fordernde Zeit unter härtesten Bedingungen hinwegsehen lassen. Die immer wieder langen Einsatzzeiten im Einsatzgebiet und weit weg von irgendeinem Feldlager, die sehr spärlichen Lebensbedingungen, die ständige Bedrohung, die kraftraubende körperliche Arbeit draußen, die wiederkehrenden Erfahrungen im Kampf, die psychische Belastung, der Verlust von Kameraden jeglicher Nationalität – all das fordert seinen Tribut und überfordert manchen Soldaten. Kontrollierte Patrouillen bei optimalen Bedingungen (Abb. 6) können so schnell zu Herausforderungen werden (Abb. 7).

Ich erinnere mich gut an meinen ersten Einsatz im Kampf, als wir als Initial Reaction Force (IRF) rausfuhren, um eigene in einen Hinterhalt und unter Beschuss geratene Kräfte zu entsetzen. Das Gefühl während der Fahrt zum TIC („troops in contact“) ist schwer zu beschreiben, jedoch dominierend ist der Wunsch aller, die Kameraden rauszuholen.

Ich erinnere mich an viele MedEvac-Einsätze, in denen durch gute Gesamtleistung, durch gut qualifizierte und mutige Soldaten der Sanität und auch durch ein mittlerweile perfekt funktionierendes System der Rettungskette Soldaten nicht nur initial gerettet werden konnten, sondern durch die entsprechende Verbringung und Anschlussversorgung bestmöglich wiederhergestellt werden konnten. Ich erinnere mich aber auch an viele Ansprengungen durch IED (improviced explosive device; behelfsmäßige Sprengfallen) und an Trauerapelle bei Verlust von Kameraden (Abb. 8). Und ich erinnere mich an die Ohnmacht, die Hilflosigkeit hierbei – gefolgt von der Schwierigkeit, sich direkt wieder neu zu motivieren und weder nachzulassen noch über zu reagieren. Hierbei erinnere ich mich an die Verantwortung als militärischer Führer, genau in diesen Situationen besondere eigene Leistung zu zeigen und dabei auch klare Führungs- und Vorbildleistung zu erbringen.

Ob man nach diesen Erfahrungen noch großen persönlichen Wert auf eine Einsatzmedaille oder die sogenannte Gefechtsmedaille legt, kann man sicher diskutieren. Ich kann für mich nur feststellen, dass ich froh bin, die Zeit in allen Belangen unbeschadet überstanden, ja auch überhaupt überlebt zu haben. Und ich kann froh sein, wieder ganz normal Fuß gefasst zu haben in der Heimat, in Deutschland. Dieses ist leider vielen nicht vergönnt. Beim die Einsatznachbereitung abschließenden Seminar meiner Kompanie war sicher noch ein Drittel der Soldaten nachhaltig beeinträchtigt. Einige werden es dauerhaft nicht verarbeiten können. Umso mehr freue ich mich für die, die ihr Leben weiter genießen können.

Gedanken am Rande - nachhaltige Aspekte

Einiges beeindruckt einen im Einsatz und auch nach dem Einsatz fortlaufend und nachhaltig. Zum einen ist dies eine rege Diskussion über den Auftrag und dessen Ausführung, was die Sanität angeht. Die Sorge, als Nichtkombattanten in einen derart robusten Auftrag eingebunden zu sein, ist verständlich. Hier sollte auch die erforderliche Position der Sanität eingefordert werden. Gleichzeitig sollte man aber auf der einen Seite die Truppe, die es zu versorgen gilt, nicht allein lassen, sondern die derzeit gebotene professionelle Dienstleistung weiter gewährleisten. Auf der anderen Seite muss man unsere Fachkräfte, auch wenn sie Nichtkombattanten sind, zum Überleben in diesem rauhen und gefährlichen Environment und Einsatz befähigen. Auch eine Selbstverteidigung in diesem Szenario erfordert eine entsprechende Grundausstattung (Abb. 9).

Zum anderen ist dies eine Erkenntnis, dass wir als Sanität uns im „Gesamtverbund Bundeswehr“ nicht verstecken müssen. Durch konsequentes Anpassen der Ausrüstung, der Ausbildung, der Organisation, der Abläufe haben wir nun ein System der Sanitätsversorgung im Einsatz, das hervorragend ist. Man soll sich sicher nicht auf Lorbeeren ausruhen, sondern immer Verbesserungspotential zu identifizieren suchen; man darf aber durchaus auch gelegentlich auf die erbrachten Leistungen blicken und feststellen, dass es unglaublich gut ist, was hier erbracht wird. Von der vordersten Linie bis hin zur definitiven, zentral klinischen Versorgung ermöglichen wir verwundeten und auch erkrankten Soldaten eine Versorgung und auch ein outcome, was in anderen Systemen nicht ansatzweise so wäre. Infanteristen sehen sehr wohl, dass ihre Kameraden bereits in kürzester Zeit in einem Haus der definitiven Maximalversorgung in Deutschland sind, überleben, ggf. gut überleben und dies nur durch all die vielen Glieder in der Rettungskette ermöglicht wurde. Darauf darf man durchaus stolz sein und das darf man durchaus auch mal selbstbewusst nach außen tragen.

Wie kommt man durch einen so fordernden und langen Einsatz, möglichst ohne Schaden zu nehmen? Ich habe mir aus der Lage heraus eine sehr einfache Strategie zusammengestellt, um zum Einsatzende gesund an Leib und Seele wieder zurückkehren zu können. Dies beinhaltete:

  • Akzeptanz der gegebenen Situation Nimm es hin, dass Du im Einsatz bist und akzeptiere die Situation wie auch den Auftrag. Er wird durch In-Frage-Stellen und Zaudern nicht besser. Vielmehr wird man eher unsicherer und befangener im eigenen Handeln, wenn man zu sehr mit der Tatsache hadert, dass man und wo man ist.
  • Setz Dir als Zielgröße den Rückkehrtag Egal wie lang der Einsatz ist; halte an dem Ziel fest, zum Tag der Heimkehr fit zu sein, gesund zu sein, eingliederbar zu sein in das heimatliche Umfeld.
  • Bewahre Grundelemente von Stil, Anstand, Gewohnheit und Einstellung Auch wenn man sicher eine Einsatzsprache nicht vermeiden kann, so ist es doch weder erforderlich noch sinnvoll, sich einer Verrohung hinzugeben. Stereotype Sprüche in extremer Anzahl und Dichte mögen im Einsatz „cool“ sein, stoßen aber im deutschen, heimatlichen Umfeld eher auf Unverständnis oder befremden sogar. Man sollte daher die Sprache nicht zu sehr verändern.
  • Halte intensiven Kontakt nach zu Hause und zeige Interesse an zu Hause

Auch wenn Informationen und Neuigkeiten von zu Hause noch so banal und unwichtig erscheinen mögen – dies ist die Welt, die einen wieder erwartet, wenn der Einsatz zu Ende ist, hierin taucht man wieder ein. Je näher man am Geschehen daheim dranbleibt, desto besser und einfacher kommt man wieder an. Auch gibt einem das Wissen um die Abläufe und Sorgen zu Hause eine persönliche Sicherheit, dass es eben noch mehr gibt als den Einsatz, was für einen wichtig ist. Das alles – seien es die geschilderten Eindrücke, Erlebnisse und Erfahrungen, oder auch die lange Einsatzdauer - lassen keinen Menschen unbeeindruckt. Ich für meinen Teil bin froh um die Erweiterung des eigenen Wissens und bin zudem beruhigt, dass ich in jeglicher Hinsicht heil aus dem Einsatz zurückkehren konnte. Froh bin ich zudem über die gewonnene Sicherheit und auch Authentizität, wenn es um die Bewertung der Sanität im Gesamtverbund und in der Leistungs- und Ergebniserbringung geht.

Datum: 23.04.2012

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2012/1

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