Mobile Medizinische B-Aufklärung
Artikel: R. Wölfel

Mobile Medizinische B-Aufklärung

Eine besondere Fähigkeit des Sanitätsdienstes

Aus dem Direktorat Wehrmedizinische Wissenschaft und Fähigkeitsentwicklung Sanitätsdienst
(Direktor: Generalarzt Dr. H.-U. Holtherm) der Sanitätsakademie der Bundeswehr (Kommandeurin: ­Generalstabsarzt Dr. G. Krüger)

PhotoSpezialisten des Sanitätsdienstes bei der Sicherstellung eines möglichen biologischen Kampfstoffes. (Abb.: Sanitätsdienst Bundeswehr / Wölfel) Die Begriffe ABC-Abwehr und Medizinischer ABC-Schutz klingen für manche wie Relikte aus vergangenen Zeiten. Leider gehört die Bedrohung durch biologische Kampfstoffe aber nach wie vor zur traurigen Realität. Bis in die 90er Jahre wurden in der Sowjetunion noch Forschungslabore zur Entwicklung von Biowaffen betrieben und Lager waren mit biologischen Massenvernichtungswaffen gefüllt. Diese Lager sind zwar mittlerweile vernichtet, das entsprechende Wissen um biologische Kampfstoffe ist aber heute immer noch vorhanden und leicht zugänglich. Mit der Freisetzung von Milzbrandsporen durch Briefsendungen in den USA im Jahr 2001 und den seither immer wieder aufgedeckten Anschlagsversuchen mit dem Biogift Rizin wurde die Öffentlichkeit unübersehbar mit der Gefahr durch biologische Kampfstoffe in den Händen krimineller und terroristischer Gruppierungen konfrontiert. Es zeigte sich das „neue Gesicht“ dieser biologischen Bedrohung.

Insbesondere der Bereich Bioforensik, also der Einsatz der Wissenschaft zur Ermittlung von Herkunft und Urheberschaft der Erreger, erhielt eine deutlich gesteigerte Bedeutung, da kaum ein Akteur offen auftritt und die Täterzuordnung mit erheblichen rechtlichen und politischen Auswirkungen verbunden ist. Ob natürlich bedingt, unbeabsichtigt oder gezielt verursacht: Die Folgen einer Freisetzung oder eines Ausbruchs sind oft schwerwiegend und bringen die medizinische Versorgung schnell an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit.

PhotoDie schnell-verlegbare mikrobiologische Laboreinheit im Übungseinsatz (Abb.: Sanitätsdienst Bundeswehr / Voßen) Der Medizinische B-Schutz der Bundeswehr beschäftigt sich daher intensiv mit der Entwicklung und Verbesserung von Verfahren zum Gesundheitsschutz vor gefährlichen Krankheitserregern. Mit dem Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr verfügt der Sanitätsdienst über eine eigene Forschungseinrichtung für Diagnostik-, Forschungs- und Entwicklungsaufgaben, sowie für die Bereitstellung taktisch-operationell schnell einsetzbarer Elemente.

Spezialistinnen und Spezialisten des Instituts können als Teil der Task Force Medizinischer ABC-Schutz innerhalb von 48 Stunden weltweit zur Aufklärung unklarer Krankheitsereignisse oder vermuteter Freisetzungen von biologischen Kampfstoffen verlegen. Ein derart schneller Einsatz der militärischen Mikrobiologen in einem entfernten Einsatzgebiet ist immer dann erforderlich, wenn sich die gefährlichen Erreger auszubreiten drohen. Eine ausschließlich stationäre Diagnostik in einem Forschungs­institut in Deutschland würde dann möglicherweise zu spät kommen. Probenmaterial muss vor Ort gesammelt und untersucht werden, um schädliche Auswirkungen des Transports und die unvermeidliche Zeitverzögerung bis zur Diagnose zu vermeiden. Beispiele für Einsätze dieses Elements der Task Force Medizinischer ABC-Schutz aus den letzten Jahren sind Ausbruchsuntersuchungen zur Aufklärung gehäufter, unklarer Erkrankungsfälle im Ausland (z. B. Tularämie, hämorrhagische Fieber, Q-Fieber) und die zivil-militärische Unterstützung bei der Eindämmung des Ebola-­Ausbruchs in Westafrika.

PhotoHightech kleiner als eine Zigarettenschachtel – Sequenzierung im Feld. (Abb.: Sanitätsdienst Bundeswehr / Voßen) Eine solche Expertise muss laufend in nationalen und internationalen Übungen, auch im Umgang mit echten B-Kampfstoffen („live agents“), ausgebildet werden. Dabei legt der Sanitätsdienst der Bundeswehr großen Wert auf realistische Einsatzszenarien. Bestes Beispiel hierfür ist die jedes Jahr stattfindende, mehrwöchige NATO-Übung PRECISE RESPONSE im Westen Kanadas. Bei dieser weltweit einzigartigen Übung trainieren mehr als 400 Soldaten aus mehr als 10 NATO-Nationen unter „Live Agent“-Bedingungen. Seit 2008 nehmen medizinische B-Aufklärungsteams und die am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr ent­wickelte schnell-verlegbare Laboreinheit regelmäßig an dieser Übung teil.

Mikrobiologen des Instituts beraten die teilnehmenden internationalen ABC-Abwehrkräfte bei der Untersuchung von biologischen Anschlagsszenarien. Eine enge Zusammenarbeit von ABC-Abwehr und Sanitätsdienst im bundeswehreigenen „Systemverbund ABC-Abwehr“ bietet hier erhebliche Synergieeffekte: Durch die Einbettung der deutschen militärmedizinischen Expertise in multinationale Teams wird eine schnellere Aufklärung der teilweise komplexen Lagebilder ermöglicht. Soldatinnen und Soldaten der Task Force Medizinischer ABC-Schutz nehmen als eigenständige B-Aufklärungsteams auch selbst Proben und analysieren simulierte Produktionsstätten für biologische Kampfstoffe.

PhotoSoldatinnen im schnell-verlegbaren Labor untersuchen eine Probe. (Abb.: Sanitätsdienst Bundeswehr / Voßen) Die schnell-verlegbare mikrobiologische Laboreinheit untersucht alle während der Übung von den NATO-Partnern genommen biologischen Proben. Dabei kommen fortschrittliche molekularbiologische und immunologische Laborverfahren zum Einsatz. Diese erlauben innerhalb kurzer Zeit die Identifizierung von Krankheitserregern und Biogiften. Um Aussagen über die Verbreitungswege und den Ursprung möglicher biologischer Kampfstoffe zu erhalten, wird auch die moderne Technik der Genomsequenzierung direkt vor Ort eingesetzt. Mit speziell weitergebildetem Laborpersonal ist es möglich, unabhängig von Bioinformatikern und großer IT-Infrastruktur erste Sequenzierungen und anschließende Datenanalysen unter Feldbedingungen durchzuführen. Dazu werden auch lokale Datenbanken mitgeführt, die sogar eine erste Genom-Typisierung der Krankheitserreger anhand ihres identifizierten Erbguts zulassen. Parallel dazu kann über eine Internetverbindung ein komprimierter Datensatz nach Deutschland übermittelt werden, um weiterführende Analysen durchzuführen. Dies liefert bereits vor Ort wichtige Informationen zur Erkennung von Übertragungsketten oder dem möglichen Ursprung einer absichtlichen Freisetzung.

PhotoAufklärungsteams der Task Force Medizinischer ABC-Schutz in Kanada. (Abb.: Sanitätsdienst Bundeswehr / Wölfel) Das Gesamtkonzept des kombinierten Einsatzes von militärmedizinischen Spezialisten mit ABC-Abwehrkräften in Verbindung mit modernster, feldtauglicher Laborausstattung als „organische Einheit“ ist derzeit immer noch einzigartig innerhalb der NATO. Es dient mittlerweile als Vorbild für ähnliche Entwicklungen in anderen Streitkräften. Als „Zivilversion“ wurde die am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr entwickelte Laborausstattung als Teil der Ertüchtigungsinitiative der Bundesregierung mehrfach kopiert und erfolgreich eingesetzt. Die Vermittlung des fach­lichen Wissens und der anwendungs­sicheren Ausbildung erfolgte dabei in zivil-militärischer Kooperation durch Spezialistinnen und Spezialisten aus München. Mit dem dabei eingebrachten Spektrum an Expertise stellt der Medizinische B-Schutz im Sanitätsdienst der Bundeswehr eine singuläre nationale Ressource dar. Diese ist, bei geänderter Bedrohungslage mit ihren Strukturen, Kräfte, Mittel und Verfahren auch zukünftig an neue, wachsende Aufgaben anzupassen.

Verfasser
Oberstarzt
Priv.-Doz. Dr. Roman Wölfel
Sanitätsakademie der Bundeswehr
Abteilung F Medizinischer ABC-Schutz
Ingolstädter Str. 240
80939 München
E-Mail: romanwoelfel@instmikrobiobw.de 

Datum: 24.10.2019

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 3/2019