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Neue Fähigkeit des Sanitätsdienstes der Bundeswehr

Ende Juli 2015 wurde dem Sanitätslehrregiment (SanLehrRgt) in Feldkirchen durch das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) das erste Seriensystem der „Landgestützten Verwundeten Dekontaminationseinrichtung“ (LVwuDekonEinr) übergeben. Somit verfügt der Zentrale Sanitätsdienst der Bundeswehr ab sofort über eine neue Fähigkeit im Bereich des medizinischen ABC-Schutzes.

Ende Juli 2015 wurde dem Sanitätslehrregiment (SanLehrRgt) in Feldkirchen durch das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) das erste Seriensystem der „Landgestützten Verwundeten Dekontaminationseinrichtung“ (LVwuDekonEinr) übergeben. Somit verfügt der Zentrale Sanitätsdienst der Bundeswehr ab sofort über eine neue Fähigkeit im Bereich des medizinischen ABC-Schutzes. Photo Abb. 1: LVwuDekonEinr, schematische Darstellung.

Ungeachtet umfassender weltweiter Bemühungen um Abrüstung und Rüstungskontrolle stellen die fortgesetzte Entwicklung und Verbreitung von Atomaren-, Biologischen- und Chemischen Kampfmitteln (ABC-Kampfmittel) sowie das wachsende Potenzial an industriellen ABC-Gefahrstoffen nach wie vor ein wesentliches Risiko hinsichtlich einer ABC-Exposition dar. Bei den derzeit wahrscheinlichen Einsätzen zur Konfliktverhütung und Krisenbewältigung – einschließlich des Kampfes gegen den internationalen Terrorismus – sowie zur Rettung und Evakuierung muss sich die Bundeswehr auf die ganze Bandbreite potenzieller Gefährdungslagen einstellen, die von der Bedrohung durch Angriffe und Exposition mit ABC-Kampfstoffen sowie vergleichbaren natürlichen oder industriellen Gefahrenpotenzialen ausgehen können. Dabei ist nicht nur mit großflächigen Einsätzen von A-, B- und C-Kampfmitteln, sondern auch mit punktuellen Einsätzen auf niedrigem Niveau zu rechnen. Dies gilt auch für die Bedrohung durch den internationalen Terrorismus, Gefährdungen durch technische Unzulänglichkeiten und daraus entstehende Unfälle bzw. Kollateralschäden im Umfeld von nuklearer und chemischer Industrie in möglichen Einsatzgebieten der Streitkräfte. Die Gefahrenherde sind vielfältig und in ihrem Gefahrenpotenzial teilweise schwer erkennbar.

Photo Abb. 2: LVwuDekonEinr, Verwundetentransportsystem VTS. (Bildfreigabe durch AIRBUS Defence&Space erteilt) Der Sanitätsdienst der Bundeswehr ist dabei für die Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit ABC-Exponierter verantwortlich. Da diese Gesundheitsstörungen spezifisch und selten sind sowie besondere Kenntnisse und Fähigkeiten in Prävention, Diagnostik und Therapie erfordern, bedarf es eines eigenen, speziell auf diesen Auftrag zugeschnittenen sanitätsdienstlichen Elementes – des Medizinischen ABC-Schutzes.

Militärische Grundlage der sanitätsdienstlichen Einsatzunterstützung unter ABC-Bedingungen ist die Fähigkeit des Sanitätsdienstes zum Schutz von Personal, Patienten, Material, Einrichtungen und Transportmitteln gegen ABC-Exposition (ABC-Abwehr aller Truppen). Prozesse der sanitätsdienstlichen Versorgung (z. B. Patientenbehandlung und Patiententransport) müssen bei Kontamination des Einsatzraumes fortgesetzt werden können, bis die ABC-Gefahr vorüber ist oder die Patienten evakuiert worden sind.

Die Behandlung ABC-exponierter Verwundeter in sanitätsdienstlichen Einrichtungen ist nur unter Aufhebung des persönlichen ABC-Schutzes möglich. Deshalb ist vor Weiterversorgung des ABC-exponierten Verwundeten in einer Sanitätseinrichtung der Ebene 2 und höher die Durchführung der gründlichen Dekontamination in einer geeigneten Verwundeten-Dekontaminationseinrichtung (VwuDekonEinr) mit adäquater notfallmedizinischer Erstversorgung erforderlich. Die VwuDekonEinr muss dabei den operativ-taktischen Vorgaben der zu unterstützenden Einrichtung bzw. den sanitätsdienstlichen Erfordernissen entsprechen. Photo Abb. 3: LVwuDekonEinr, NassDekonModul Innenansicht. (Bildfreigabe durch AIRBUS Defence&Space erteilt)

Die LVwuDekonEinr dient zur gründlichen ABC-Dekontamination Kampfstoffverwundeter und kontaminierter Verwundeter. Ziel der gründlichen Dekontamination von Verwundeten ist es, den persönlichen ABC-Schutz schnellstmöglich aufheben zu können und die sanitätsdienstliche Weiterversorgung des Verwundeten ohne die limitierenden Auswirkungen des persönlichen ABC-Schutzes und ohne weitere Gefährdung durch ABC-Kampfstoffe, Kampfstoffkontakt bzw. Kampfstoffverschleppung zu ermöglichen. Ein Einsatz der LVwuDekonEinr kann autark bis zu einer Stunde, durchhaltefähig jedoch nur unter Nutzung der besonderen Fähigkeiten der ABC Abwehrtruppe erfolgen (u. a. Personen- und Materialdekontamination, Versorgung mit und Entsorgung von Verbrauchsmaterialien, etc.). Das Fähigkeitsportfolio der ABC-Abwehr ist somit in die sanitätsdienstliche Konzeption dieser Fähigkeit einzubinden.

Zur Schließung der bereits im Jahre 2006 beschriebenen Fähigkeitslücke wurde auf Grundlage einer „Abschließenden Funktionalen Forderung“ sowie einer „1. Zwischenentscheidung zur Abschließenden Funktionalen Forderung“
(AF und 1. ZE AF gem. CPM 2010) der Bau eines Demonstrators in Auftrag gegeben, um an diesem Prototyp den Nachweis der geforderten funktionalen und operativ-taktischen Leistungsparameter zu erbringen. Dieser Nachweis konnte im Jahr 2009 aufgrund erkannter konzeptioneller und materieller Defizite des Demonstrators ­LVwuDekonEinr nicht erbracht und somit die erforderliche fachliche Freigabe des Systems nicht erreicht werden.

Photo Abb. 4: LVwuDekonEinr, Aufbau Kälteerprobung WTD 52 01/2015 (Bildfreigabe durch Verfasser erteilt). Basierend auf einer Realisierungsgenehmigung 2011 und einer 1. Zwischenentscheidung zur Realisierungsgenehmigung 2012 (ReG und 1. ZE ReG gem. CPM 2010) erfolgte der Auftrag an das BAAINBw die Serienreife des vorhandenen Demonstrators LVwuDekonEinr herzustellen. Ziel dieser Maßnahme war und ist es, die damals erkannten und vorhandenen Mängel zu beheben und für den Demonstrator der ­LVwuDekonEinr als erstem Seriensystem von fünf folgenden, die Funktionsfähigkeit nachzuweisen sowie die fachliche Freigabe zu erwirken. Hierzu wurde im Oktober 2013 durch das BAAINBw ein Vertrag mit einem Hauptauftragnehmer zur Durchführung der erforderlichen Maßnahmen geschlossen.

Dem Unternehmen wurde die Aufgabe übertragen, das Projekt LVwuDekonEinr zur Serienreife zu führen. Hierzu waren Anpassungen im Bereich der Stromversorgung, der Klimatisierung und Heizung, Adaptionen an den vorhandenen Hüllsystemen (Zelte) und die Überarbeitung der Materialgrundlagen sowie der Dokumentation des Gesamtsystems durchzuführen. Für die peripheren Anteile (Stromversorgung, Klimatechnik, etc.) wurde auf querschnittlich in die Bundeswehr eingeführtes Material zurückgegriffen. Das Herzstück der LVwuDekonEinr und gleichzeitig der Bereich mit den umfänglichsten Änderungen gegenüber dem Demonstrator stellen das sogenannte Nassdekontaminationsmodul (NassDekonModul) sowie das Schienentransportsystem für Verwundete (Verwundetentransportsystem VTS) dar. Für die Konzeption und Realisierung dieser Komponenten wurde ein auf Material- und Personendekontamination spezialisierter Unterauftragnehmer verpflichtet.

Sowohl der zukünftige Bedarfsträger des ersten Seriensystems (SanLehrRgt) als auch die fachlich zuständigen Stellen des „Wehrwissenschaftlichen Instituts für Schutztechnologie – ABC Schutz“ in Munster (WIS) sowie die verantwortlichen Stellen des Kommandos Sanitätsdienst der Bundeswehr (Kdo SanDstBw) – allen voran die Abteilung F (Medizinischer ABC Schutz) der Sanitätsakademie der Bundeswehr (SanAkBw) – wurden direkt ab Projektstart eng in die Konzeption und Realisierung eingebunden.

Die Eignung des Wehrmaterials für die Nutzung in der Truppe sowie die Einsatzfähigkeit des Systems LVwuDekonEinr wurden dabei wiederholt im Rahmen von Truppenerprobungen sowie einer erweiterten Truppenerprobung im Rahmen einer binationalen deutsch-schweizerischen Übung 2014 positiv bestätigt. Das System wurde abschließend im Januar 2015 auf der Wehrtechnischen Dienststelle für Schutz- und Sondertechnik (WTD 52) in Oberjettenberg einer Kälteerprobung unterzogen. Ziel war es, den Betrieb der Einrichtung unter winterlichen Bedingungen zu testen und dabei u. a. das Verhalten und die Eignung der wasserführenden Bauteile des NassDekonModuls unter rauen klimatischen Bedingungen zu untersuchen.

Im Ergebnis bietet das System der LVwuDekonEinr die Möglichkeit, in einer Stunde bis zu 20 gehfähige Verwundete und bis zu sechs liegende Verwundete zu dekontaminieren und adäquat notfallmedizinisch zu versorgen. Die erste Einsatzbereitschaft/Verlegebereitschaft der Einrichtung ist innerhalb von zwei Stunden möglich. Der Aufbau erfolgt durch 15, der Betrieb durch 25 Soldatinnen und Soldaten im Schichtbetrieb bei Tag oder Nacht unter allen Witterungsbedingungen. Hierbei ist eine Einsatzbereitschaft von sechs Stunden pro Schicht und Tag, bei einer Autarkie des Gesamtsystems an Verbrauchsmaterialien von mehr als einer Stunde sichergestellt.

Im Rahmen der Serienbeschaffung der LVwuDekonEinr ab 2016 bis 2018 ist nach derzeitigem Planungsstand neben der Ausstattung des SanLehrRgt in Feldkirchen, die Ausstattung der SanAkBw, der drei Sanitätsregimenter (SanRgt 1 - 3) sowie des Kommandos Schnelle Einsatzkräfte Sanitätsdienst (Kdo SES) mit jeweils einem Seriensystem vorgesehen. 

Literatur beim Verfasser.

Datum: 02.11.2015

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2015/3

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