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GESCHÜTZTER VERWUNDETENLANDTRANSPORT

DIE BINDEGLIEDER DER RETTUNGSKETTE AN LAND



Aus dem Sanitätslehrregiment „Niederbayern“ (Kommandeur: Oberfeldarzt Dr. Rolf von Uslar)



T. Uebel, R. v. Uslar

Verwundete müssen transportiert werden. Schon in den Anfängen der Sanitätsdienste war diese Notwendigkeit ubiquitäre Erkenntnis. Denn der Faktor „Zeit“ spielt die entscheidende Rolle bei der Frage, ob die Versorgung eines Verwundeten erfolgreich gestaltet werden kann. Im derzeitigen ISAF-Einsatz hat der Verwundetenlufttransport eine überragende Bedeutung. Annähernd 95 % aller Verwundeten werden per Luft transportiert. Gleichwohl ist diese Form des Verwundetentransports an Rahmenbedingungen gebunden, die nicht immer gewährleistet sind: Wetter, Sichtverhältnisse sowie insbesondere die Feindlage sind Faktoren, die den Einsatz von Luftfahrzeugen verunmöglichen ­können. Daher muss und wird der Verwundetenlandtransport (VwuLandTrsp) seine Bedeutung behalten.

Im Folgenden wird auf den geschützten­ ­VwuLandTrsp deutscher Streitkräfte fokussiert.

Geschichte und Entwicklung des Verwundetenlandtransports
Ein erster Meilenstein des geschützten Verwundetentransportes in deutschen Streitkräften beginnt in den Jahren 1942-43 mit der Einführung des Halbkettenfahrzeuges SdKfz 251/8 der Firma Hanomag (Abb. 1). Eingesetzt wurden diese Fahrzeuge innerhalb der Panzerdivisionen. Sie wurden meist in den Stabskompanien der jeweiligen Regimenter und Abteilungen gebündelt und dann je nach Bedarf den Kompanien zugeteilt. Interessanterweise haben wir hier Parallelitäten zum aktuellen ISAF-Einsatz: Diese Fahrzeuge wurden an der Ostfront ebenfalls mit Maschinengewehr (MG) bewaffnet und ohne Neutralitätszeichen eingesetzt, da sie regelmäßig beschossen wurden.
Mit Ende des Krieges und Aufstellung der Bundeswehr kamen neue Strukturen und Fahrzeugtypen (meist US-amerikanischer Herkunft) zur Einführung. Erstes Fahrzeug zum Transport der Verwundeten war der Schützenpanzer „Hotchkiss“ (Abb. 2). Im Rahmen der Umstrukturierung und der vollen Mechanisierung des Heeres wurde der Mannschaftstransportwagen M-113 für den Verwundetentransport eingeführt. Dieses Kraftfahrzeug war der fortschreitenden technologischen Entwicklung des Kampfpanzers „Leopard II“, aber auch des Schützenpanzers „Marders“ nicht mehr gewachsen. Daraus resultierte, dass die Sanitätstruppe der Kampftruppe im Gefecht nicht mehr folgen konnte. Die ersten Auslandseinsätze deutscher Streitkräfte, hier vor allem UNOSOM Somalia 1993/94, offenbarten das bestehende Defizit im geschützten Verwundetentransport auch in Stabilisierungsoperationen. Daraufhin wurde auf das bewährte Modell des Transportpanzers (TPz) Fuchs zurückgegriffen und dieser mit einem sanitätsdienstlichen Einbausatz versehen. Bis heute stellen diese Fahrzeuge das Rückgrat des deutschen geschützten Verwundetenlandtransports dar.
Zusätzlich ergaben sich aus den laufenden Einsätzen jedoch weitere Forderungen mit differierenden Schwerpunktsetzungen in folgenden fünf Faktoren:

  • Die Anzahl der zu transportierenden Verwundeten (liegend, sitzend),
  • die sanitätsdienstliche Funktionalität zur Versorgung respektive zum Monitoring von Verwundeten,
  • das Schutzniveau des Fahrzeuges für Besatzung und Verwundete,
  • die Beweglichkeit auch in schwierigem Terrain sowie
  • die Transportfähigkeit des Fahrzeuges im Lufttransport.

Herausforderungen des ­heutigen Sanitätsdienstes im Einsatz
Der deutsche Sanitätsdienst ist gekennzeichnet durch die Maxime, nach der die Ergebnisqualität der Verwundetenversorgung derjenigen entsprechen soll, die im Heimatland hätte erzielt werden können. Die besonderen Herausforderungen einer Versorgung von Verwundeten in einem Einsatzszenario sind aber mannigfaltig:

  • Feinddruck. Daraus folgt nicht nur eine permanente Gefahr für das sanitätsdienstliche Team, sondern gegebenenfalls auch die Notwendigkeit eines Beitrags zur Feuerüberlegenheit1.
  • Unsicherheit. Häufig unübersichtliche Lagen sowie die Schwierigkeit, das taktische wie das medizinische Lagebild schnell zu verdichten.
  • Stress. Hohe physische und psychische Belastung für die eingesetzten Sanitäter.
  • Klima. Einsatzgebiete weit entfernt der heimischen gemäßigten Klimazonen belasten Mensch und Material enorm und erschweren die sanitätsdienstliche Unterstützung.
  • Entfernung. Oft große räumliche Distanzen zur nächsten Sanitätseinrichtung führen zu schwierig einzuhaltenden Zeitlinien und hohem koordinativem Aufwand.
  • Multinationalität. Multinationale Zusammenarbeit ist oft notwendig mit der Herausforderung differenter Prozeduren, Ausbildung, Material sowie Sprachfertigkeiten.

Konzeption des geschützten Verwundetenlandtransports
Auf der Grundlage der Einsatzerfahrungen eigener und verbündeter Streitkräfte wurde ein Konzept der Fahrzeuge für den geschützten Verwundetentransport wie folgt entwickelt: Das Schutzniveau wird in drei differierende Klassen untergliedert, leicht, mittel und schwer, woraus drei unterschiedliche Fahrzeugklassen beschrieben sind, was zugleich die Anzahl der liegend zu transportierenden Verwundeten klassifiziert (vgl. Abb. 5). In der Gruppe des leichten, geschützten Sanitätskraftfahrzeugs (lgSanKfz) ist noch ein geschütztes luftbewegliches Fahrzeug beschrieben, das für Luftlande- und luftbewegliche Operationen geeignet ist. In diesem Bereich wie auch in der Klasse des mittleren, geschützten SanKfz muss derzeit noch ein geeignetes Fahrzeug identifiziert werden.
Die Fahrzeuge „TPz Fuchs“, „Hägglund BV 206“ sowie der geschützte Verwundetentransport-Container (gVTC) werden als Sonderfahrzeuge für spezifische Aufträge verwendet, reihen sich aber nicht in die drei Hauptklassen ein.
Ein weiterer Grundsatz der neuen Konzeption ist es, dass die sanitätsdienstlichen Rüstsätze für den VwuLandTrsp sich nicht mehr unterscheiden. Bisher wurde materiell differenziert zwischen dem Sanitätstrupp und dem beweglichen Arzttrupp (BAT). Diese Unterscheidung wurde überwunden: Jetzt verfügen alle gSanKfz über die Ausstattung eines BAT. Diese sanitätsdienstliche Ausstattung ist in Tabelle 1 dargestellt.
Die Frage, um was für eine Fähigkeit es sich bei einem gSanKfz nun handelt, wird daher ausschließlich dadurch entschieden, welches Personal mit welcher Qualifikation aufsitzt.

Konsequenzen
Immer wieder neu aufkommender einsatzbedingter Sofortbedarf sowie limitierte Haushaltsmittel führten in den vergangenen Jahren regelmäßig dazu, dass Beschaffungsvorhaben sich sehr schnell ablösten und nur geringe Stückzahlen an gSanKfz beschafft wurden. Die dergestalt immer wieder erfolgte Einführung neuer Fahrzeugtypen stellte sich für die Ausbildung der Besatzungen kritisch dar.
Zurzeit werden je nach Bedrohungsszenario und Verfügbarkeit folgende Sanitätsfahrzeuge auf dem Balkan (KFOR) und in Afghanistan (ISAF) eingesetzt: Eagle IV BAT, Yak BAT und TPz Fuchs BAT.
Alle Fahrzeuge wurden seit Einführung immer wieder an die aktuellen Bedrohungsszenarien der Einsatzgebiete adaptiert. So wog der TPz Fuchs in der Variante A4 BAT ca. 15 to, durch die Aufrüstung und Verbesserung des ballistischen Schutzes auf den Stand A8A2 IED wiegt das Kfz inzwischen ca. 22 to. Es wurden aber auch die Einbausätze ständig verbessert, um diese der IED-Bedrohung anzupassen, was dazu führte, dass die letzte Variante über einen vollständig neuen Einbausatz verfügt.
Daraus entstehen gerade innerhalb der Ausbildung der Besatzungen Komplikationen und Friktionen, die es zu beheben gilt.
Weiterhin ist es derzeit noch der Fall, dass Militärkraftfahrer (MKF) des Sanitätsdienstes meist auf allen drei genannten Fahrzeugtypen ausgebildet werden müssen. Dies erfordert ein hohes technisches Verständnis der zukünftigen MKF, aber auch die Aufstellung geeigneter Ausbildungseinrichtungen sowie einen insgesamt hohen personellen Aufwand. Derzeit durchlaufen alle MKF und Kommandanten des SanDstBw zunächst die Kraftfahrgrundausbildung an den Kraftfahrausbildungszentren der SKB, danach die Kraftfahrfachausbildung und Kraftfahrweiterbildung im SanLehrRgt.
Die Kohäsion des sanitätsdienstlichen Teams mit der zu unterstützenden Kampftruppe bereits innerhalb der einsatzvorbereitenden Ausbildungsphase ist unabdingbar. Die Besatzung des gSanKfz muss die Einsatzgrundsätze der Kampftruppe verstehen und homogener Bestandteil dieser werden. Dies bedeutet, dass für diesen Personenkreis die entsprechende zeitaufwändige Ausbildung an Regionalen Übungszentren, Schießübungszentren sowie dem Gefechtsübungszentrum des Heeres alternativlos ist, was unvermeidbar zu hohen Abwesenheitszeiten führt.

Aktuelle Einsatzerfahrungen
Die Erfahrungen aus den Auslandseinsätzen, insbesondere aus dem ISAF-Einsatz, haben das Folgende verdeutlicht: Das Schutzniveau sanitätsdienstlicher Fahrzeuge muss dem derjenigen der Kampf- und Kampfunterstützung gleichen, ebenso müssen Mobilität sowie Führungsfähigkeit zur zu unterstützenden Truppe weitgehend identisch sein.
Weiterhin wurde während der Lageverschärfung der vergangenen Jahre im ISAF-Regionalkommando Nord (RC (N)) offenbar, dass der Bedarf an geschütztem Verwundetentransportraum höher ist als zuvor angenommen.
In der Vergangenheit kam es regelmäßig zu Situationen, in denen die den Kampfzügen unterstellten Sanitätsfahrzeuge nicht immer das gleiche Schutz- oder Mobilitätsniveau hatten. So musste ein Panzergrenadierzug auf SPz Marder unabdingbar mindestens mit einem TPz Fuchs BAT sanitätsdienstlich unterstützt werden. Dadurch erreichte man zwar ein ähnliches Schutzniveau, jedoch nicht die gleiche Mobilität (vgl. Abb. 7). Ein Eagle IV BAT ist relativ gut innerhalb einer leichten Patrouille einzusetzen, jedoch ist hier die Aufnahmekapazität, insbesondere aber die Behandlungsfähigkeit während des Transportes sehr beschränkt (vgl. Abb. 6).
Die Erfahrungen der Bundeswehr in Gefechten und Kampfhandlungen komplexer Art zeigten immer wieder, dass es darauf ankommt, mehrere Verwundete schnell und geschützt zu evakuieren. Nur dank des regelmäßig vorhandenen Verwundetenlufttransports konnte die eingeschränkte Transportkapazität der gSanKfz kompensiert werden.

Ausblick
Mit dem schweren, geschützten SanKfz (sgSanKfz, vgl. Abb. 4) verfügt die Bundeswehr2 nunmehr über ein Fahrzeug, das im Primärverwundetentransport auch zur sanitätsdienstlichen Unterstützung gepanzerter Kampftruppen geeignet ist.
Das sgSanKfz verfügt über ein sehr hohes Schutzniveau und ist somit jederzeit im Stande, eine mechanisierte Kompanie zu unterstützen. Das sgSanKfz kann auch modernsten Gefechtsfahrzeugen wie KPz Leopard II, aber auch SPz Marder oder Puma im schweren Gelände folgen (vgl. Tab. 2: Datenblatt).
Weiterhin wurde der Einbausatz konzeptionell so erstellt, dass unter verschiedenen Rüstständen gewählt werden kann. Das sgSanKfz kann in sehr kurzer Zeit durch die Besatzung je nach Bedarf umgerüstet werden, etwa drei liegende Verwundete, aber auch sieben sitzende leichte Verwundete. Somit kann das sgSanKfz sehr universell, aber auch bei Bedarf individuell (ein liegender intensivmedizinsch zu versorgender Verwundete) dem jeweiligen Auftrag hin angepasst werden. Durch die Modularität des Missionsmodules ist zusätzlich ein enormes Aufwuchspotential vorhanden.
Im Bereich der Führungsfähigkeit verfügt das sgSanKfz über VHF-Sprach- und Datenfunk, was den Betrieb des Führungs-und Informationssystems Heer sowie des Sanitätsdienstliche Führungs- und Informationssystems SAFES erlaubt. Neben der VHF-Komponente verfügt das sgSanKfz auch über Satellitenkommunikation sowie ein integriertes Naviga­tionssystem.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das neue sgSanKfz die Anforderungen an den geschützten Verwundetentransport in einem bisher nicht gekannten Maß erfüllt (vgl. Abb. 8). Mit diesem Fahrzeug verfügt der deutsche Sanitätsdienst über eine neue Dimension der Sanitätsfahrzeuge.
Nach einer eingehenden Einsatzprüfung ist das Fahrzeug im Januar diesen Jahres in den ISAF-Einsatz verlegt worden. Die bisherigen Erfahrungen unterstreichen die positiven Bewertungen aus den Einsatzprüfungen: Mit dem sgSanKfz verfügt der SanDstBw erstmalig über ein Verwundetentransportmittel, das auch für Einsätze hoher Intensität und Mobilität uneingeschränkt geeignet ist.

Datum: 14.12.2013

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2013/3