Artikel

DIE PERSÖNLICHE SANITÄTSAUSSTATTUNG DER SOLDATEN

Zur Erhöhung der Überlebenswahrscheinlichkeit bei schweren Verletzungen im Einsatz ist es erforderlich, neben einer geeigneten protektiven Ausstattung (Schutzweste, Gefechtshelm, Splitterschutzbrille, Gehörschutz u. a.), die am Mann mitzuführende Sanitätsausstattung der Soldaten den aktuellen Erfordernissen der zu erwartenden Gefechtsfeldschädigungen anzupassen. Vor dem Hintergrund, dass ein sehr hoher Anteil der an einer Blutung im Zusammenhang mit einer Gefechtsfeldverletzung Verstorbenen einer potentiell stillbaren Blutung erliegt, muß insbesondere effizienten Methoden der Blutungskontrolle und Blutstillung im Rahmen der Selbst- und Kameradenhilfe ein hohes Augenmerk gezollt werden.

In der Notfallmedizin kann durch das Hochlagern verletzter Körperteile der Blutdruck an der Blutungsstelle vermindert werden. Üblicherweise wird bei kleineren Blutungen ein Kompressionswundverband angelegt. Unter einer festen Umwickelung können zusätzlich Polster aufgelegt werden, um den Druck auf die blutende Wunde zu erhöhen. Zudem ist eine manuelle proximale Gefäßkompression möglich, also ein Zudrücken der Arterie auf der dem Körper zugewandten Seite der Blutung. Die Kompression kann auch durch diverse Abbindesysteme erfolgen. Weiterhin können Hämostyptika zur Blutstillung eingesetzt werden.

In der STANAG 2126 wird folgende Ausstattungsempfehlung für ein solches FIRST-AID KIT gegeben:

1. The following kits and their items are the minimum required for essential first-aid of NATO Forces and will be provided at appropriate levels. The number of kits and items may be supplemented at national discretion.
 2. Individual First-Aid Kit This kit is recommended to be carried by all military personnel. All military personnel should be adequately trained in the proper wear and maintenance of the kit, and be properly trained in the application and use of all components. It is to be assembled and issued at national discretion, and all potency dated material should be held under medical supervision until issue is required.

The kit shall comprise:
a. Carrying case (recommended)
b. Gloves, Patient Exam.
c. Carrying case insert (at national discretion)
d. Occlusive dressing for open chest wound (at national discretion)
e. Arterial hemostatic tourniquet (one-hand self applicable)
f. Topical hemostatic agent (at national discretion)
g. Small sterile occlusive dressing h. Large triangular bandage
i. Compressive bandage j. Analgesic drug (at national discretion)
k. Rescue cover for hypothermia prevention (at national discretion)
l. Instruction for use - simply worded and/or pictographic

Die Persönliche Sanitätsausstattung der Soldaten (PersSanAusstg) wird sich voraussichtlich aus folgenden Komponenten zusammensetzen:

1. -1- EA Notfallbeatmungstuch (KONTAKTSCHUTZ, ATEMSPENDE 6515-12-376- 5423)
 2. -1- EA Rettungsdecke (RETTUNGSDECKE, ISOLIER-, VERLETZTE 6530-12-376-4884)
 3. -1- EA Tourniquet CAT (STAUBINDE, BLUTGEFAESS 6515-12-374-4307)
 4. -1- PG Vinylhandschuhe (FINGERHANDSCHUH, UNTERSUCHUNG UND BEHANDLUNG, PATIENT 6515-12-314-0729)
 5. -1- PG Erste-Hilfe-Miniset (VERBANDMATERIALSATZ 6510-12-379-0087)
 6. -1- EA Armtragetuch (VERBANDTUCH, BAUMWOLLE 6510-12-228-0003)
 7. -1- EA Hämostyptikum QuikClot ACS+ (KOMPRESSE, SYNTHETISCH 6510-12-376- 4660)
 8. -1- EA Brandwundenverbandpäckchen (VERBANDPAECKCHEN, BRANDWUNDE 6510-12-226-0047)
 9. -2- EA Emergency Bandages (KOMPRESSE UND BINDE 10 CM 6510-12-376-4655; KOMPRESSE UND BINDE 15 CM 6510-12- 376-4652)
 10. -1- EA Morphin Autoinjektor 10 mg (MORPHINSULFAT INJEKTION 6505-01- 500-9584)
 11. -10- EA Ciprofloxacin Tabletten 250 mg (CIPROFLOXACINHYDROCHLORID TABLETTE 6505-12-337-5719)

Die Artikel sind in geeigneter Art in die persönliche, am Mann mitzuführende Ausstattung zu integrieren. Dazu wird eine leichte, robuste und schnell wiederverschließbare Tasche (6545-12-380- 0001) zur Verfügung gestellt, die eine vor Licht und Staub geschützte Lagerung sowie einen sicheren Transport der weitgehend einhändig entnehmbaren Artikel zuläßt. Für alle mit einem Verfalldatum versehenen Arzneimittel und Medizinprodukte sind geeignete Bewirtschaftungsmaßnahmen zur Überwachung der Laufzeit festzulegen. Es sind Regelungen zur Anwendungskontrolle sowie für den Austausch gebrauchter und Ersatz verbrauchter Bestandteile der Persönlichen Sanitätsausstattung zu treffen. Die realitätsnahe Sanitätsausbildung der Soldaten ist auf die einzelnen Bestandteile der Persönlichen Sanitätsausstattung sorgfältig abzustimmen.) Die zentrale Beschaffung der einzelnen Bestandteile der Persönlichen Sanitätsausstattung erfolgt durch das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (U3.2/U2.3). (Abb. 1: Persönliche Sanitätsausstattung, ohne Arzneimittel)

Photo

1. Notfallbeatmungstuch

Das unsterile Einmal-Notfallbeatmungstuch, das in der DIN 13154 beschrieben ist, dient dem Schutz sowohl des Helfers als auch des Patienten während einer Atemspende (Kontaminationsprophylaxe). Die Beatmungshilfe schafft eine Barriere, die den unmittelbaren Kontakt zu den Atemwegen vermeiden hilft und so die Hemmschwelle zu einer Notfall- Beatmung senkt. Das Notfallbeatmungstuch besteht aus einem filtrierenden Teil (Beatmungsfilter) und einem Trägermaterial (Beatmungsfolie). Beide sind fest und dicht miteinander verbunden. Der filtrierende Teil bedeckt Nase und/oder Mund, das transparente Trägermaterial das restliche Gesicht des Patienten, um Kontaminationen mit Speichel, Sekret oder Blut zu verhindern. Die Beatmungshilfe muß am Kopf des Patienten fixierbar sein, um ein Abrutschen während der Beatmungspausen zu verhindern, was beispielsweise durch Ohrenschlaufen zu erreichen ist. Der Helfer beatmet durch den filtrierenden Teil der Beatmungshilfe direkt in den Nasen- oder Mundbereich des Patienten. Das Atemfiltermedium muß die Anforderungen eines FFP 3 Filters mit einem Abscheidungsgrad von >99% erfüllen. Das Notfallbeatmungstuch ist auf Brieftaschenformat gefaltet und staubgeschützt verpackt.

2. Rettungsdecke

Die unsterile Rettungsdecke, die in der DIN 13164 grundlegend beschrieben ist, dient dem Schutz von Verletzten vor Unterkühlung, Hitze und Nässe und wird einmalig verwendet. Sie ist auf Brieftaschenformat gefaltet, staubgeschützt verpackt und besteht aus einer patientenseitig mit Aluminium (silberfarben) bedampften, nahtlosen Polyester- oder Polypropylenfolie, die aus Tarngründen außen oliv eingefärbt ist. Die Rettungsdecke soll dem Patienten mit der metallisierten Seite nach innen lose umgelegt werden und nicht eng am Körper anliegen. So wird bei Hitze das Schwitzen und bei Kälte die bei direktem Hautkontakt mögliche Ableitung der Körperwärme vermieden.

3. Tourniquet CAT

Das Combat Application Tourniquet (CAT) ist ein unsteriles, einhändig bedienbares Abbindesystem mit einem verstellbaren Band, mit dem der Blutfluß in unterschiedlichen Extremitäten unterbunden werden kann, um damit lebensbedrohliche Blutungen behelfsmäßig zu stoppen. Dieses Abbindesystem bringt durch Abdrücken/Abbinden den Blutfluß in der betroffenen Extremität zum Erliegen und darf nur in lebensbedrohlichen Situationen angewandt werden, wenn alle weiteren, die Blutung stoppenden Methoden erfolglos waren. Das CAT besteht aus einem Ein-Hand- Windesystem, welches ein frei bewegbares Band zur Unterbindung des arteriellen Blutflusses verwendet. Um den Kompressionsknebel zu fixieren, wird nur ein Handgriff benötigt. Zur optimalen Sicherung des Knebels während des Transports steht ein handhabungssicherer Klettverschluß zur Verfügung. Das in der Bundeswehr eingeführte Combat Application Tourniquet wird in schwarzer Farbe beschafft und soll außerhalb der Tasche im Sofortzugriff getragen werden. (Abb. 2: Tourniquet CAT)

Photo

4. Vinylhandschuhe

Die unsterilen Vinylhandschuhe, die in der DIN EN 455 beschrieben sind, bestehen aus Polyvinylchlorid (PVC) und werden als Schutzhandschuhe zum einmaligen Gebrauch bei Maßnahmen der Ersten Hilfe, für die Durchführung medizinischer Untersuchungen, diagnostischer und therapeutischer Arbeiten sowie für den Umgang mit potentiell infektiösem Material verwendet. Sie besitzen einen Rollrand, sind nahtlos, innenseitig mit absorbierbarem Puder auf Stärkebasis versehen und beidhändig tragbar. 4 Vinylhandschuhe sind in einem wiederverschließbaren Kunststoffbeutel staubgeschützt verpackt.

5. Erste-Hilfe-Miniset

Das Erste-Hilfe-Miniset dient der Versorgung von Bagatellverletzungen. Es besteht aus einem sterilen Schnellverband, drei wasserfesten Wundpflasterstrips unterschiedlicher Größe und einem sterilen Wundreinigungstuch, die in einem wiederverschließbaren Kunststoffbeutel ebenfalls staubgeschützt verpackt sind.

6. Armtragetuch

Das Dreiecktuch kann als Fixiermittel, Schutzverband, Polsterung und Tragehilfe verwendet werden. Da es als unsteriles Produkt für eine direkte Wundabdeckung nicht geeignet ist, dient es der Fixierung von sterilen Kompressen oder Wundverbänden. Dreiecktücher können auch zum Anlegen diverser Verbände bis hin zum Druckverband genutzt werden. Es wird zudem zur Fixierung von Ruhigstellungsmaterial bei Frakturen, als Armtragetuch oder zur Anfertigung von Ringpolstern verwendet. Ebenso kann es zu einem Tragering geformt werden, der den Patiententransport durch Helfer erleichtert. Das in der Bundeswehr eingeführte, gelb-olive Armtragetuch wird in Form eines gleichschenkligen Dreiecks aus Viskose gefertigt. Es weicht sowohl qualitativ (höherwertig) als auch hinsichtlich der Abmessungen (größer) deutlich von dem in der DIN 13168 beschriebenen Dreiecktuch ab.

7. Hämostyptikum QuikClot ACS+

Das Blutstillungsmittel QuikClot ACS+ ist ein Granulat anorganischer Zeolithe, das in der Lage ist, selbst schwere Blutungen innerhalb kurzer Zeit zu stoppen. Zeolithe sind Aluminiumsilikate vulkanischen Ursprungs, deren porenartige Gerüststruktur Wasser und andere neutrale Verbindungen einlagern kann. Es ist chemisch weitgehend inert und wird vom Körper nicht resorbiert. Das sterile, zum einmaligen Gebrauch bestimmte Granulat liegt in einem aus vier Kammern bestehenden Netzbeutel vor und wird als Kompresse zur Blutstillung in die Wunde gedrückt. Es wirkt, bei nur geringer Wärmeentwicklung, indem es das Wasser des Blutes adsorbiert, so dass die festen Bestandteile rasch verklumpen. Bei schweren Verletzungen kann die Wirkung durch Pressen mit einem Tuch oder einem Druckverband unterstützt werden. (Abb. 3: Hämostyptikum)

Photo

8. Brandwundenverbandpäckchen

Das sterile, bundeswehrspezifische und nicht handelsübliche Brandwundenverbandpäckchen dient der Versorgung von Brandwunden und großflächigen Wunden. Es besteht aus einer Außen- und Innenverpackung, zwei Haltebändern und vier Lagen Vliesstoff. Die Außenverpackung ist staub-, luft- und wasserdicht verschweißt und mit einer Aufreißkerbe versehen. Auf der Außenseite der Innenverpackung befindet sich eine in Deutsch, Englisch und Französisch verfasste Gebrauchsinformation in Kurzform. Die zwei gelb-oliven Haltebänder bestehen aus Viskose. Der Vliesstoff ist ein nichtgewebtes Flächengebilde aus kreuzweise oder wirr aufgeschichtetem Faserflor. Die erste, silber-weiße Wundauflage des Vliesstoffes ist patientenseitig aluminiumbedampft und verhindert durch ihre glatte Oberfläche ein Verkleben mit der Wunde, während sie für Wasser, Blut und Sekret durchlässig ist. Die vierte, gelbolive Decklage hingegen ist wasserabweisend imprägniert. Dazwischen befinden sich zwei weiße Sauglagen zur Aufnahme von Wundsekret. Die einzelnen Lagen des Vliesstoffes sind derart miteinander verbunden, dass ein Auseinandergehen verhindert wird.

9. Emergency Bandages

Die Emergency Bandage (Israeli Bandage) ist ein Notfalldruckverband zur direkten Stauung des Blutflusses und gleichzeitigen Abdeckung von stark blutenden, traumatischen Wunden in Notfallsituationen. Sie vereinigt einen primären Wundverband, einen Druckapplikator (Druckstange) und einen Sekundärverband mit einem erprobten, den Verband sichernden Verschluß (Schließstange) in einem System. Die Emergency Bandage ist steril und besitzt eine nichthaftende Wundauflage. Die Bandage kann vom Verletzten mit einer Hand selbst angelegt, fixiert und zusätzlich als eine Art Tourniquet zur Gefäßabbindung verwendet werden, um starke Blutungen einzudämmen. Die grünfarbene Emergency Bandage, die zum einmaligen Gebrauch bestimmt ist, wird in den Breiten 10 und 15 cm zur Verfügung gestellt. (Abb. 4: Emergency Bandage)

Photo

10. Morphin Autoinjektor

Verwundungen mit lebensbedrohlichen Blutungen gehen stets mit erheblichen, Schmerzen verursachenden Traumatisierungen einher. Die aggressiven Blutstillungsmaßnahmen - wie der Einsatz eines Tourniquet zum Abbinden von Gliedmaßen - verursachen ebenfalls starke Schmerzen. Zur schnellen Bekämpfung starker Schmerzen hat die Bundeswehr einen Morphin Autoinjektor mit 10 mg Morphinsulfat in 0,7 ml wässriger Lösung zur intramuskulären Selbst- oder Fremdinjektion zentral eingeführt. Autoinjektoren sind Spritzampullen (Einzeldosenbehälter), die bei Anwendung ihren Inhalt automatisch in den Körper injizieren (vorgefüllte Einmalspritzen). Nach Entsicherung und Druck auf den Auslöser läuft der gesamte Injektionsvorgang bis zur vollständigen Entleerung der Spritzampulle selbsttätig ab. Ein Federsystem bewirkt, dass die Nadel blitzschnell und kaum spürbar in das Gewebe eindringt, und anschließend der spritzfertige Inhalt des Autoinjektors gleichmäßig injiziert wird. Mit dem Morphin Autoinjektor kann eine bis zu 4 h anhaltende Schmerzfreiheit erzielt werden. Bei dem Opioid-Analgetikum Morphin handelt es sich um ein Betäubungsmittel, das den entsprechenden gesetzlichen Vorschriften unterliegt. Zur Bekämpfung starker Schmerzen nach Verletzungen stehen allerdings noch weitere Wirkstoffe und Applikationsformen zur Diskussion.

11. Ciprofloxacin Tabletten

Die Wundsituation infolge von Gefechtsfeldverletzungen erfordert eine frühzeitige Antibiose. Zur Reduktion der zu erwartenden Wundinfektion sollte ein gut weichteilgängiges Antibiotikum, das auf das zu erwartende bakterielle Erregerspektrum abgestimmt ist, möglichst frühzeitig zur Anwendung kommen. Als oral zu applizierendes Antibiotikum mit breitem Wirkungsspektrum eignen sich Ciprofloxacin Tabletten 250 mg, die in einer Packungsgröße von 10 EA vorliegen. Die Einnahme dieses Fluorchinolonderivates aus der Gruppe der Gyrasehemmer erfolgt als Off-label- use prophylaktisch bei schweren Verletzungen. In einer Dosierung von 4x250 mg in Form einer Einmalgabe ist die notwendige Compliance zur Erzielung einer ausreichenden Initialantibiose gewährleistet. Die hier vorgestellte Persönliche Sanitätsausstattung der Soldaten der Bundeswehr stellt sicherlich eine sehr gute Voraussetzung dar, um eine effiziente Blutungskontrolle, Blutstillung, Wundbehandlung, Analgesie und Antibiose bei Gefechtsfeldverletzungen im Rahmen der Selbst- und Kameradenhilfe - eine entsprechende Sanitätsausbildung vorausgesetzt - zu ermöglichen.

Datum: 01.01.2010

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2010/1