06.07.2020 •

Pandemie

Aus der Sanitätsakademie der Bundeswehr (Kommandeurin: GStA Dr. G. Krüger)

Aus dem Krankenhaus München-Schwabing: „Wir stehen vor etwas ganz Ungewöhnlichem und es wird wohl noch kein Arzt in der Lage sein, ein nach allen Seiten scharf abgegrenztes klinisches Bild der Erkrankung zu geben. Jeder wird nur über das in seinem Gesichtsfeld Erschienene berichten können und je nach dem Material und der Stellung des Beobachters werden die Schilderungen verschieden sein. Die praktischen Ärzte werden wesentlich andere Bilder zu Gesicht bekommen wie die Ärzte der großen Krankenhäuser und bei diesen werden sich auch wohl Verschiedenheiten je nach der Herkunft ihrer Kranken ergeben.“

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Abbildung von Präventionsmaßnahmen gegen Influenza in einer USZeitschrift aus dem Jahr 1918. (Abb.: Wikimedia Commons)
Mit diesen Worten beginnen die Ausführungen von Prof. W. Brasch, Oberarzt der II. Medizinischen Abteilung des Krankenhauses München-Schwabing in einem Vortrag im Ärztlichen Verein München. Abgedruckt ist dieser erste Fachbericht in Deutschland über die größte und tödlichste Pandemie der Neuzeit in der Münchner Medizinischen Wochenschrift am 23. Juli 1918.

Wohl aus Gründen der Zensur wird die im März 1918 erstmals in den USA aufgetretene Erkrankung bis dahin nicht öffentlich thematisiert. Erst als die Infektion auch die Zivilbevölkerung in der Großstadt erfasst, diskutiert man die Befunde, obwohl schon seit Ende April zahlreiche deutsche Soldaten an der Front in Frankreich erkrankt sind. Prof. Brasch blickt zum Zeitpunkt seines Vortrags auf 275 Erkrankte in seiner Klinik. Bei den meisten beobachtet er zunächst nur Kopf- und Gliederschmerzen, Fieber und Schnupfen. Aber dabei bleibt es nicht: „Viel häufiger und auch schwerer waren schon Erscheinungen am Kehlkopf und an der Trachea, und, … im Rachen. … In den Baracken unseres Krankenhauses, in denen die Kranken zu 40 lagen, war zeitweise eine derartige andauernde bellende Husterei, dass die Nachtruhe vieler Kranken gestört und bei Tage das Auskultieren zeitweise unmöglich war.“2 Das Krankheitsbild entwickelte sich foudroyant weiter hin zu Katharren der unteren Luftwege, hochgradigen Dypnoen und zu Lungenentzündungen. „Andere von unseren an Pneumonie erkrankten Patienten zeigten … die Zeichen allerschwersten Ergriffenseins. Hohes kontinuierliches Fieber, völlige Hinfälligkeit, schwerste Zyanose, starke Pleuraschmerzen, die jeden Atemzug zu einer Qual machten, kleiner, weicher, äusserst frequenter Puls liessen schon früh die Bösartigkeit des Krankheitsbilds erkennen. 

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Zahlreiche Virus-Patienten in einem Notfallkrankenhaus in Kansas. (Abb.: Wikimedia Commons)
Bei sehr vielen der jungen … Patienten traten schon früh heftige Delirien auf, die allmählich in komatöse Bewusstlosigkeit übergingen und sehr häufig zum Tode führten. … Diese schweren Pneumonien, deren septischer Charakter aus der öfters begleitenden Milzschwellung zu erschliessen war, sahen wir in ziemlicher Anzahl. … bemerkenswerterweise traf das traurige Schicksal zumeist junge kräftige Individuen, bei denen keinerlei Erkrankung anderer lebenswichtiger Organe bestand. Warum die älteren Leute von dieser schweren Infektion größtenteils verschont blieben, ist nicht ganz klar. … Der zeitliche Ablauf der Erkrankung war ganz verschiedenartig, manchmal kam es in 2 - 3 Tagen unter kritischen Erscheinungen zur Abheilung, in anderen Fällen fiel nach 5 - 8 Tagen unter lytischem Fieberabfall die Temperatur zur Norm. Die von Anfang an schwersten Kranken gingen oft nach 2 - 3tägigem Bestehen der Pneumonie zugrunde.“2 „Der Höhepunkt der Erkrankung ist leider noch nicht überwunden und wir befürchten, dass sie noch weitere Opfer fordern wird. Jedenfalls werden unsere Untersuchungen fortgesetzt werden und wir hoffen, dass sie uns bald ätiologisch klarer sehen lassen und uns aus unserer therapeutischen Machtlosigkeit erlösen werden.“3 Schon damals agierten die Münchner Ärzte in der Klinik interdisziplinär: die Verstorbenen wurden seziert und mikrobiologische Untersuchungen durchgeführt. Der Pathologe Prof. Dr. Siegfried Oberndorfer3 ergänzte in seinem Bericht: „In der Mehrzahl der Fälle, die wir zur Sektion bekamen, handelte es sich um jugendliche Individuen im Alter zwischen 17 und 25 Jahren, …, das weibliche Geschlecht tritt im ganzen (sic), was Todesfälle anbelangt, zurück. … Die hauptsächlichen anatomischen Veränderungen finden sich ausschließlich im Respirationsapparat; das Bild ist so typisch, dass man reihenweise das gleiche Sektionsprotokoll diktieren könnte.“3 Oberndorfer schildert hämorrhagische Infiltrate, Lungenblutungen, exsudativ-pneumonische Prozesse, katharralische desquamative Entzündungen, bis hin zu eitrigen Bronchitiden, fibrinöse Pseudomembranbildungen in der unteren Trachea und in den Bronchien.

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Kruppöse Pneumonie 1918. Präparat der Wehrpathologischen Lehrsammlung der SanAkBw. (Abb.: Dr. Hartmann)
Auch beobachtet er Herzbeutelbeteiligungen und chronische Endokarditiden mit Klappenschrumpfung und folgert: „Derartig chronisch Erkrankte scheinen demnach besonders gefährdet zu sein.“3 Ergänzend äußert sich auch der Bakteriologe Dr. Martin Mandelbaum, der als erster den damals angenommenen bakteriologischen Ursprung der Influenza verneint:4 „Bakteriologische Untersuchungen bei sämtlichen Sektionen des Bronchialsekrets, konnten in keinem Fall Influenzabazillen nachweisen. … epidemiologisch sowie symptomatologisch handelt es sich bei der jetzigen Epidemie um dieselbe Erkrankung wie im Jahre 1889/90 und zwar um die pandemische Influenza“3 „Der Mikroorganismus, der die wirkliche pandemische Influenza verursacht, muss, … höchst infektionstüchtig sein. Seine Kontagiösität ist äußerst groß.“5 Mandelbaum schloss: „Die Menschen erkranken infiziert durch den bis jetzt noch unbekannten Erreger der pandemischen Influenza ganz akut. Der Infektionserreger scheint sich vor allem in den oberen Luftwegen, besonders in der Trachea, anzusiedeln, von da auf die Bronchien bis in ihre feinsten Verästelungen überzuwandern und von hier aus in das Lungengewebe einzudringen.“4

Allen drei Münchner Ärzten konnte damals der eigentliche Erreger, das Influenza-Virus, noch nicht bekannt sein. Es wurde erst 1933 durch Patrick Laidlow, Wilson Smith und Christopher Andrewes in England entdeckt. Die kurze Rückbetrachtung auf die ersten klinischen Berichte zur Influenza-Pandemie in Deutschland ist trotzdem interessant. Sie zeigt erstaunliche Parallelen zu den Symptomen der gegenwärtigen COVID-19 Infektion. Die Zahl der Bücher über die Grippe-Pandemie 1918/19 ist inzwischen Legion. Wer sich eine gute Übersicht mit Schwerpunkt auf die Auswirkungen auf die deutsche Armee im Ersten Weltkrieg verschaffen möchte, dem sei der ausgezeichnete Beitrag „Die ‚Spanische Grippe‘- Verlauf und Folgen“ von André Müllerschön und Ralf Vollmuth in dem Kompendium „Militärmedizin und Sanitätsdienst im Ersten Weltkrieg“ empfohlen.5 Abschließend, es mag Zufall sein, im Krankenhaus München-Schwabing sind seit Ende Januar 2020, 102 Jahre nach den geschilderten Aufzeichnungen über die Grippe, auch die ersten COVID-19 Patienten in Deutschland durch Prof. Clemens Wendtner behandelt worden.  

Flottenarzt Dr. Volker Hartmann, SanAkBw München
E-Mail: VolkerHartmann@Bundeswehr.org 
Literatur bei Verfasser

Datum: 06.07.2020

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2/2020

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