18.10.2012 •

DER QUALIFIZIERTE NOTRUF IM EINSATZ: DER 9-LINE MEDEVAC REQUEST

N. Krüger

Für die Truppe ist die Alarmierung und das Heranführen von Sanitätskräften ein wesentlicher Bestandteil einer funktionierenden Rettungskette sowie erfolgreicher Erstversorgung, also eines der »Basics«. Im militärischen Einsatz spielen gegenüber den zivil üblichen 5w’s (wo, was, wie viele, welche Verletzungen, warten auf Rückfragen) Faktoren wie Feind- / Sicherheitslage, die Notwendigkeit technischen Rettungsgeräts sowie ggf. ABC-Kontamination eine ausschlaggebende Rolle.

Photo
Aufgrund weiterer Anfahrtswege als in Deutschland ist daher eine ausführliche Initialmeldung unverzichtbar; eine Nachalarmierung sollte weitestgehend vermieden werden. Wird durch die Truppe keine vollständige Meldung abgesetzt, sind Verzögerungen, unzureichender Kräfteansatz
und ggf. Gefährdung von Sanitätspersonal mögliche Folgen. Die 5 W‘s sind im militärischen Einsatz kaum zu gebrauchen, zumal als sie Merkhilfe ohnehin eingeschränkt geeignet sind (wieso, weshalb, warum, whatever). Im Einsatz sind im Moment zwei Schemata parallel in Gebrauch: das METHANE-Schema (military details, exact location, time and type of incident, hazards in the area, approach routes, number of casualties und expected response) und der 9-Line Medevac Request. Auf das zweite Schema, das im Bereich der US-Streitkräfte üblich ist, soll hier eingegangen werden, weil es letztendlich das umfassendste zum Notruf ist. Das erfolgreiche Absetzen einer neunzeiligen Notrufmeldung, das seine Ursprünge vermutlich
schon im Vietnamkonflikt hat, ist in der US-Armee Bestandteil der Unteroffizierausbildung aller Truppen (Warrior Leader Skills) und keine rein sanitätsdienstliche Aufgabe. Das Meldeschema kann über Funk, Telefon, wie das im Einsatz oft gebräuchliche Führungsmittel Roshan oder schriftlich angewandt werden. Es ist wie das in Deutschland übliche W-Schema in sich keine Forderung, sondern eine Meldung, die je nach Verfügbarkeit glechermaßen für bodengebundene und Luftrettungsmittelverwendet werden kann.

Dass Kommunikation im multinationalen Einsatz häufig noch in englischer Sprache durchgeführt werden muss, stellt in diesem Fall für viele unserer Soldaten ein zusätzliches Hindernis dar. Das Absetzen einer entsprechenden Notfallmeldung setzt daher Ausbildung und vor allem Praxis der Truppe, aber auch der den Notruf annehmenden Stelle (z.B. PECC oder Movement Control Center) voraus (Abb. 2).

Photo
»Blue Ray, this is Amber Fox, over.« - »This is Blue Ray, go ahead, over.« [oder auch »send traffic, over«] »I have a medevac request, over.« - »Roger. Send your request, over« »Line one, 2 decimal 9 km South of Point x-ray, break. Line 2, 56.215 Mhz, Amber Fox, break. Line three, 2 bravo, break, 3 charly, break. Line four: alpha. Break. Line five: two alpha, three bravo. Break. Over.

Photo
Die ersten fünf Zeilen sollten dabei ohne Unterbrechung innerhalb von 25 Sekunden durchgegeben werden, weil diese die wichtigsten Informationen zum Notfallereignis enthalten. Die Zeilen 6 bis 9 können auch dem Rettungsmittel durchgegeben werden, wenn es bereits unterwegs ist. Die einzelnen Zeilen sind codiert und erlauben somit der annehmenden Stelle, die Einzelheiten in ein vorgefertigtes Formular auszufüllen. Die einzelnen Zeilen erfüllen dabei folgende Funktion:

»Amber Fox, copy your lines 1 to 5. Go ahead, over.« »Roger. Line 6 … «

Einzelne Informationen können somit bei Bedarf gezielt wieder abgefragt werden.

»Amber Fox, say again line 8, over.« »Roger, I say again line 8. Four alpha, one bravo, over.«

Innerhalb der US-Streitkräfte ist es üblich, bei der Verwendung von Signalmunition, Rauch oder farbigen Panelen in Zeile 7 die Farbe nicht anzusagen, sondern sich die Farbe beim Anflug durch den Piloten durchgeben zu lassen und dann zu bestätigen. Damit soll verhindert werden, dass der Gegner (der vermutlich mithört) die anrückenden Sanitätskräfte durch ein falsches Signal in eine Falle lockt. Diese Gefahr sollte allerdings grundsätzlich in Betracht gezogen werden. Würde man dieses System ins Deutsche übertragen, würde sich ein Funkspruch vermutlich folgendermaßen anhören:

»Fuchs hier Asphalt, kommen.« - »Hier Fuchs, kommen.« »Hier Asphalt, Notrufmeldung folgt - ÜBUNG - ÜBUNG - ÜBUNG, kommen.« - »Hier Fuchs, schreibbereit für Notrufmeldung, kommen.« »Hier Asphalt, Zeile eins, zwo kilometer Punkt von Echo MKZ drei vier, Trennung. Zeile zwo. Fünnef zwo trennung eins zwo fünnef, Asphalt. Trennung. Zeile drei, bravo 2. Trennung. Zeile vier, alpha. Trennung. Zeile fünnef: zwo alpha. Kommen. « - »Hier Fuchs, verstanden, kommen.« »Hier Asphalt, Zeile sechs: charly. Trennung. « usw.

Photo
Um den Funkkreis nicht zu überlasten, und nach dem bewährten Rezept »denken - drücken - sprechen « (think - press - talk) sollte die Meldung auf jeden Fall vor der Übermittlung schriftlich fixiert sein. Für die Beschaffung aller erforderlichen Informationen (Ortsangaben, Frequenzen, usw., kann der jeweilige Führer vor Ort, das Sanitätspersonal für Verletzungsmuster oder der Funker zur Rate gezogen werden. Es wäre vermutlich sinnvoll, das Verfahren zuerst auf Deutsch zu üben und dann, z.B. in der einsatzvorbereitenden Ausbildung, unter realistischen Bedingungen auch in englischer Sprache. Unabhängig davon, welches System im Einsatz letztendlich benutzt wird, sind Absprache aller potentieller Beteiligten, Festlegung von konkreten Verfahrensweisen und Übung unverzichtbar. Falls US-oder nationalitätsfremde Rettungsmittel angefordert werden, sollte sichergestellt werden, dass Englisch sprechendes Personal an der Übergabestelle vor Ort ist (dies wird sogar in der Originalvorschrift gefordert). Durch die Kodierung ist die Übermittlung an eine Stelle, die mit den einzelnen Zeilen nichts anzufangen weiß, natürlich sinnlos. Ein Standardverfahren hierzu innerhalb der am Einsatz beteiligten Streitkräfte wäre mittelfristig wünschenswert und sollte innerhalb bestimmter Einsatzkontingente bzw. -gebiete festgelegt werden. Eine Integration in der Englischausbildung wäre generell natürlich ebenfalls zu empfehlen.

Quelle: Dept. of the Army (Hrsg.). Soldier’s Manual of Common Tasks. Warrior Leader Skills: Level 2, 3 and 4. STP21-24-SMCT. Washington D.C., 2006. Online verfügbar unter: http://www.scribd.com/doc/2472766/Armystp21- 24-Soldiers-Manual-of-Common- Tasks-Warrior-Skills-Level-2-3-and-4.

Datum: 18.10.2012

Verwandte Artikel

Innereuropäische Aeromedical-Evacuation-Flüge der Bundeswehr von COVID-19-Patienten (Vortragsabstract)

Innereuropäische Aeromedical-Evacuation-Flüge der Bundeswehr von COVID-19-Patienten (Vortragsabstract)

Seit Ende 2019 führt das neuartige SARS-CoV-2-Virus – initial in der Volksrepublik China, nach schneller globaler Ausbreitung auch weltweit – zu der als COVID-19 bekannten Erkrankung. Am 11. März 2020 erklärte die WHO COVID-19 offiziell zur...

Wehrmedizinische Monatsschrift 1/2021

Wehrmedizinische Relevanz der Extrakorporalen Membranoxygenierung (ECMO)

Wehrmedizinische Relevanz der Extrakorporalen Membranoxygenierung (ECMO)

Christoph W. Jänig¹, Richard Feyrer², Sebastian Fischer¹, Willi Schmidbauer¹

¹ Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz, Klinik X – Anästhesie, Intensivmedizin und Notfallmedizin
² Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz,...

Wehrmedizinische Monatsschrift 12/2020

Gemeinsam: Luftwaffe und Zentraler Sanitätsdienst der Bundeswehr

Gemeinsam: Luftwaffe und Zentraler Sanitätsdienst der Bundeswehr

Zentrum für Luft- und Raumfahrtmedizin der Luftwaffe, Fürstenfeldbruck

Meist gelesene Artikel

Photo

Telemedizin in der Flotte.

Die Telemedizin als ein Teilbereich der Telematik im Gesundheitswesen hat die Aufgabe die Diagnostik und Therapie unter Überbrückung einer räumlichen Distanz zwischen medizinischen Fachkräften zu…

Photo

Generationsgerechtes Führen in der Pflege

Die demografische Entwicklung und seine Vielfalt an Generationen bringt für Führungskräfte mit Personalverantwortung große Herausforderungen mit sich. Aktuell gilt es, den überwiegend…