Artikel: V. Hartmann

COVID-19 an Bord von Marineschiffen

Die hohe Infektiösität des Virus SARS-CoV-19 verdeutlicht sich besonders in den verheerenden Wirkungen in geschlossenen Systemen wie an Bord von Schiffen. Noch gut in Erinnerung ist die Situa­tion auf zivilen Kreuzfahrtschiffen im März/April des Jahres. Zahlreiche Passagiere infizierten sich, andere harrten unter belastenden Quarantänebedingungen in den Kabinen und weltweit bestanden große Probleme, Tausende von Feriengästen und Besatzungsmitgliedern in sich abschottenden Häfen anzulanden und in die Heimatländer zurück zu transportieren. In der Presse kamen Begriffe wie „schwimmende Petrischalen“ oder „Supercarrier“ auf.

PhotoDer US Flugzeugträger „Theodore Roosevelt“ (Abb.: Dr. Hartmann) Auch wenn bisher genaue Übertragungswege an Bord, möglicherweise über enge Unterkünfte, Gänge, Restaurants, Räumlichkeiten, Wellnessbereiche oder Klimaanlagen nicht ausreichend untersucht sind, sind die Auswirkungen auch auf die Einsatzfähigkeit von Einheiten der Marine augenfällig. So musste der US-Flugzeugträger „Theodore Roosevelt“, immerhin ein strategisches Element der amerikanischen Sea Power seinen Einsatz in Fernost abbrechen und im US Marinestützpunkt Guam einlaufen. Mitte April waren etwa 660 der ca. 4.500 Besatzungsangehörigen einschließlich des Kommandanten positiv auf COVID-19 getestet. Die Besatzung verließ großenteils das Schiff und begab sich in Quarantäne. Nach US Angaben zeigten sich bei zwei Drittel der Infizierten keine klinischen Symptome, ein Soldat starb. Den Lesern bekannt sein dürften auch die großen politischen Nachwirkungen des Infektionsgeschehens an Bord des Trägers, die bis zum Rücktritt des zuständigen Marine-Staatssekretärs führten.

Auch der französische Flugzeugträger „Charles de Gaulle“ lief am Ostersonntag, 12. April 2020, außerplanmäßig den Marinehafen Toulon an, da Dutzende Besatzungsangehörige an COVID-19 erkrankt waren. Wenige Tage später, am 17. April 2020, teilte die Inspekteurin des Sanitätsdienstes der französischen Armee, Médecin général des armées Maryline Gygax Généro mit, dass 2.300 Soldatinnen und Soldaten an Bord des Flugzeugträgers Charles de Gaulle und seiner begleitenden Kampfgruppe von COVID-19 unmittelbar betroffen waren. Die Zahl der Infizierten Crew-Mitglieder betrug an diesem Tag 1.081, davon wiesen 545 Besatzungsmitglieder Symptome auf, einige unterzogen sich Krankenhausbehandlungen. Der Ursprung der Übertragung des Virus an Bord der „Charles de Gaulle“ ist derzeit noch nicht gesichert, eine Kommission des französischen Sanitätsdienstes ermittelt. Das Schiff hatte zuletzt Mitte März in Brest gelegen und angeblich über fast 4 Wochen keinen externen Kontakt gehabt. Auch auf dem französischen Schiff wurde die gesamte Besatzung in Quarantäne genommen.

Die Deutsche Marine ist bisher von Corona Infektionen an Bord verschont geblieben. Interessant ist das Vorgehen auf dem Einsatzgruppenversorger „Berlin“, der Anfang April ins Mittelmeer auslief. Nicht zur Verfügung standen einfache Schnelltests für einen Nachweis einer Ansteckung mit dem COVID-19-Errreger, die für die Anwendung an Bord geeignet gewesen wären. Bis dahin konnten nur akkreditierte landbasierte Labore Testverfahren vornehmen. Die Besatzung verbrachte vor Auslaufen einige Zeit in einer Art Quarantäne an Bord. Eine erste Testreihe der Besatzung wurde mit Hilfe der Abteilung XXI Mikrobiologie und Krankenhaushygiene des BwZKrhs Koblenz und des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr (InstMikroBioBw) noch im Hafen bzw. im Seegebiet Nordsee abgeschlossen. 

Mit der Münchner Expertise, u. a. auch auf dem Gebiet schnellverlegbarer Labordiagnostik, konnten Echtzeit-PCR-Tests auf eine an Bord der „Berlin“ im Rettungszentrum See in Betrieb genommene PCR-Geräteausstattung (Thermocycler) programmiert werden. Hierzu verbrachte ein Helikopter der Marine neue Nachweisreagenzien und Untersuchungsmaterial zum Schiff. Eine ergänzende telemedizinische Beratung half dem aus dem SchiffMedInstM eingeschifften Gerätebediener an Bord bei entsprechenden Testläufen, da das Labor an Bord für eine derartige molekularbiologische Diagnostik nicht ausgelegt ist. Eine zweite Testreihe folgte auf dem Transit ins Mittelmeer, das InstMikroBioBw untersuchte die Proben. Damit ist die „Berlin“ das erste Schiff der Marine, das über die PCR-Aufklärung SARS-CoV-19 auch in See und im Auslandshafen nachweisen kann. Das InstMikroBioBw steht der Marine als „Reach Back Labor“ rund um die Uhr zur Verfügung. Bei den Besatzungsangehörigen der „Berlin“ sind keine COVID-19 Infektionen nachgewiesen worden.  

Flottenarzt Dr. Volker Hartmann, SanAkBw München
E-Mail: VolkerHartmann@Bundeswehr.org 

Datum: 03.08.2020

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2/2020