Artikel: Wehrmedizinische Monatsschrift 9/2018

Durchhalten um jeden Preis

Neuro-Enhancement

Zentrum für Sportmedizin der Bundeswehr, Warendorf

Einleitung

Seit jeher versucht der Mensch, insbesondere in Druck-, Stress- und Krisensituationen, seinen Geist wach und scharf zu halten, um sich Vorteile bei der Lösung eines Problems oder im direkten Vergleich mit einem Konkurrenten zu verschaffen.

Neben der Steigerung der körperlichen (physischen) Leistung über das physiologisch durch Training Mögliche hinaus (Doping) versucht er somit auch, den Geist durch Substanzen oder Methoden zu dopen, um die geistigen Fähigkeiten zu optimieren.

Begriffsbestimmung

Dabei versteht man unter dem klassischen Doping im sportlichen Bereich „den Gebrauch eines Hilfsmittels (Substanz oder Methode), das potenziell gesundheitsgefährdend ist und die sportliche Leistung des Athleten verbessert“.

Hier steht der sportliche Vergleich im Spitzensport (schneller – höher – weiter) im Vordergrund.

Dem gegenüber beschreibt der Begriff Neuro-Enhancement die Einnahme von Substanzen aller Art mit dem Ziel der geistigen Leistungssteigerung, während die deutschen Begriffe Hirn-Doping oder Doping Im Alltag, kurz DIA, eher die missbräuchliche Einnahme verschreibungspflichtiger Medikamente oder illegaler Substanzen meint. Optimierung von Vigilanz, Konzentration, Gedächtnis und Stimmung („better brain“) stehen hier im Fokus.

Als dritte Facette sollte hier in der Abgrenzung auch kurz der Zwang zur Muskeldysmorphie (Bigorexie) beim Bodybuilding genannt werden, bei dem es aber im Wesentlichen nicht um die Steigerung von psychophysischen Fähigkeiten, sondern eher um die Erlangung von körperlich, optischen (Schönheits-) Idealen („Die Masse machts!“) geht.

Geschichte

Während in der Antike unter Nutzung von Rauschmitteln, wie Fliegenpilzextrakten oder Stierhodenpulver, versucht wurde, bei sportlichen Vergleichen (Olympische Spiele) oder öffentlichen Spektakeln (Rom) die körperliche Leistung oder Durchhaltefähigkeit zu erhöhen, sollte im Mittelalter vor allem durch halluzinogene Kost (Mutterkorn, Hanf) von widrigen Lebensumständen durch Armut, Hungersnot oder Krankheit (Pest) abgelenkt werden.

Auch bei den Streitkräften wurden über Jahrhunderte Drogen, z. B. Opium und Nikotin (Türkenkriege, Krim-, Sezessionskriege), genutzt, um die Schlagkraft zu erhöhen oder die Durchhaltefähigkeit zu steigern.

In den großen Welt- und Folgekriegen des letzten Jahrhunderts kamen überwiegend Amphetamine (Weckamin, „StuKa-Tablette“, Speed) oder Heroin zum Einsatz, um Vigilanz und Wachheit zu optimieren.

Substanzen im Neuro-Enhancement

In regelmäßigem Gebrauch sind diesbezüglich Psychostimulanzien, die bei der Behandlung von ADHS oder Narkolepsie medikamentös indiziert sind. Amphetamine, wie Methylphenidat (Ritalin) oder der illegale Abkömmling „speed“ – häufig gestreckt oder verunreinigt –, kommen zur Anwendung.

Modafinil als Narkoleptikum ist ein weiterer Reuptake-Hemmer für Noradrenalin und Dopamin mit psychostimulativer Wirkung. Längere Aufmerksamkeit und Wachheit werden hierdurch erhofft.

Auch Antidementiva zur Alzheimertherapie, wie Rivastigmin (Acetylcholinesterase-Hemmer) oder Memantin (Glutamat-Rezeptor-Modulatoren), werden zur möglichen Steigerung der Gedächtnisleistung eingenommen.

Zentral wirkende Antidepressiva, hier insbesondere die Reuptake-Hemmer für Serotonin, wie Fluoxetin und Sertralin, sollen über eine Stimmungsaufhellung die soziale Funktionsfähigkeit im Sinne der Teamfähigkeit und Führungsfähigkeit verbessern.

Letztlich sind dann noch Betablocker (kardiovaskuläre Dämpfung) als Neuro-Enhancer zu erwähnen; sie sollen gelassener an Prüfungen und stressige Situationen herangehen lassen und das Lampenfieber vor Vorträgen und Kongressen nehmen.

Frei käuflich zu erwerbende Pflanzenwirkstoffe, wie Ginko Biloba mit der durchblutungsfördernden und antioxidativen Wirkung und Johanniskraut mit der stimmungsaufhellenden und gedächtnisfördernden Wirkung, gelten als nebenwirkungs- und somit risikoarme Varianten unter den „smart drugs“.

Einen ebenso legalen und nachweislich wirksamen Einfluss auf die Hirnleistungsfähigkeit, Vigilanz und Konzentrationsfähigkeit hat in vielen Formen und Varianten das gute alte Koffein. Mit einer Tasse klassischem Filterkaffee nehmen wir bis zu 100 mg der belebenden Substanz auf, bereits 600 mg/Tag haben eine Wirkung vergleichbar mit 20 mg Amphetamin oder 400 mg Modafinil.

Häufigkeiten

PhotoAbb. 1: Einschließlich der Dunkelziffer haben im Jahre 2014 12 % aller Beschäftigten mindestens einmal in ihrem Leben leistungssteigerne Substanzen konsumiert. Vergleichen wir die USA und Deutschland – zwei Länder mit einer jeweils hohen Literaturdichte zu diesem Thema – miteinander, so fallen deutlich unterschiedliche Häufigkeitsangaben des Gebrauchs derartiger Substanzen nicht nur im internationalen Vergleich, sondern auch in der nationalen Betrachtung auf.

Metaanalytische Erhebungen in den USA zum Beispiel beschreiben eine Nutzung als „Studierhilfe“ mit einer Anwendungsdichte von 0,3 %-35,3 %, wobei die Zahl mit der zunehmenden Größe der befragten Population sinkt (Smith/Farah, Psychological Bulletin 2011). Jahres- und Lebensprävalenzen liegen in den USA zwischen 4 und 4,5 % (Sussman et al., Substanceabusepolicy.content1.1.15.2009).

Der DAK-Gesundheitsreport 2015 (Abbildung 1) weist für Deutschland einen Anstieg von 4,7 % (2008) auf 6,7 % (2014) an Beschäftigten aus, die in ihrem Leben mindestens einmal leistungssteigernde Substanzen eingenommen haben. Rechnet man die Dunkelziffer dazu, muss man von 12 % aller Beschäftigten ausgehen, die mindestens einmal in ihrem Leben am Arbeitsplatz „gedopt“ haben (Abbildung 1).

Unter deutschen Hochschullehrenden fanden Sattler und Wiegel 2015 eine Einnahme bei 1 % und eine Einnahmebereitschaft bei 10 % der Befragten (Anxiety, Stress and Coping 2015). Sattler und Schnuck fanden unter 6 000 nicht näher beschriebenen Berufstätigen ebenfalls eine Einnahme bei 0,9 % und eine Einnahmebereitschaft von 10,45 % der Befragten (Frontiers in Psychology 6/2015). Die Lebensprävalenz wird hier mit 2,5 % beziffert.

Zum Vergleich beschreibt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) 2016 die Lebensprävalenz des Cannabisgebrauchs mit 24 % und die Prävalenz „anderer“ berauschender Drogen mit immerhin 7,6 % (Abbildung 2). Ist die Diskussion um Neuro-Enhancement also eine Phantomdebatte?

(NEBEN-) Wirksamkeit

PhotoAbb. 2: Lebenszeitprävalenz junger Erwachsener in Deutschland für den Konsum von Cannabis und anderen Drogen nach dem Ergebnis einer Befragung aus dem Jahre 2011 (Quelle: BZgA 2016) Finden sich bei Antidementiva, ß-Blockern und Antidepressiva bei gesunden und normal leistungsfähigen Konsumenten kaum die erwünschten Wirkungen, so sind gerade bei diesen Präparaten die Nebenwirkungen bei Anwendung außerhalb der medizinischen Indikation deutlich spürbar.

Psychostimulanzien führen bei gesunden Menschen mit schlechter mentaler Ausgangsleistung zu durchaus spürbarer Steigerung der visuellen Aufmerksamkeitsleistung; bei Anwendern mit guter Ausgangsleistung nimmt hingegen die Leistungsfähigkeit ab. Gedächtnisfunktion und Lerneffekte bleiben unberührt.

Phytopharmaka haben in der indikationsfremden Anwendung keine Optimierung zur Folge, sind aber mit wenigen, meist gastrointestinalen, Beschwerden auch nebenwirkungsarm.

Den größten Effekt kann man in der gezielten und dosierten Anwendung tatsächlich durch Koffein in jedweder Form erreichen. Zu intensiver Genuss führt aber bekanntlich sowohl zu Übererregbarkeit, als auch auf längere Sicht zu Gewöhnungserscheinungen.

Fazit

Der gesunde, wache, gut vorbereitete, fleißige, ausgeschlafene und regelmäßig Sport treibende Mensch wird durch Hirn-Doping NICHT klüger, besser oder wirklich leistungsfähiger!


Oberfeldarzt Dr. Christoph Holtherm
E-Mail: christophholtherm@bundeswehr.org


Datum: 12.10.2018