Artikel: Wehrmedizinische Monatsschrift 9/2018

Schnittstellenproblematik bei der Patientenübergabe mobiler an stationäre Kräfte im Auslandseinsatz

Bundeswehrkrankenhaus Hamburg

Hintergrund

Allgemeines Problem jeder Patientenübergabe ist ein gewisser Informationsverlust, welcher im Rahmen von Auslandseinsätzen durch zahlreiche Faktoren potenziert wird. Viele Studien haben gezeigt, dass standardisierte Übergaben und Training im Bereich Crew Resource Management diesen Verlust minimieren können. Im Rahmen der Auslandseinsätze sind zusätzliche Faktoren vorhanden, welche wir aus unserer täglichen Praxis nicht gewohnt sind und die die Informationsweitergabe zusätzlich erschweren. Dazu gehören unter anderem:

  • Die Patientenübergabe ist in multinationalen Einsätzen in Englisch vorzunehmen.
  • Das aufnehmende Team sowie das örtliche Setting sind in vielen Fällen nicht bekannt.
  • Je nachdem, welche Versorgungseinrichtung für die Patientenversorgung ausgewählt wurde, trifft man auf verschiedene Nationalitäten, Arbeitsweisen und Versorgungskapazitäten.


Schlüsselrolle „Dokumentation“

PhotoAbb. 1: Deutsche Sanitätskräfte übergeben Verwundete an die Besatzung eines US-amerikanischen Blackhawk-Hubschraubers in Kunduz/ Afghanistan im Jahre 2013. Eine effektive Patientenübergabe – und damit Informationsweitergabe – findet in dieser Situation nicht statt. Dieses ist keine Kritik – man muss sich dessen nur bewusst sein. (Bild: Fernandez, US Army) Als wesentlicher Faktor für einen Informationsverlust zeigte sich die fehlende oder lückenhafte Dokumentation im Einsatzland. Dies ist der Komplexität der Rettungskette mit zahlreichen Patientenübergaben und der taktischen Situation geschuldet. In der sich an den Vortrag anschließenden Diskussion wurde berichtet, dass ein digitales Dokumentationssystem auf Tablet-Basis zur Verfügung stehen würde und gegebenenfalls in solchen Situationen erprobt werden sollte. Nach meiner Erfahrung in zahlreichen Einsätzen halte ich es allerdings für fraglich, ob eine solche Dokumentation in taktischen Situationen umzusetzen ist. Eine videobasierte Dokumentation, welche nach Abschluss des Rettungseinsatzes standardisiert verschriftlicht wird, wäre nach meiner Auffassung wahrscheinlich suffi-zienter und praktikabler – auch wenn sie teils kontrovers diskutiert wird. Im Sinne von Qualitätskontrolle, beim Debriefing und letztlich insbesondere zur Ausbildung wäre sie nach meiner Auffassung sehr gut zusätzlich nutzbar.

Erfahrung als Notarzt unabdingbar

Die Weitergabe der notwendigen Informationen setzt auch voraus, dass auf beiden Seiten der Schnittstelle hinreichende Erfahrung in der Notfall- und Rettungsmedizin besteht. Gerade zu dieser Frage entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Sanitätsstabsoffiziere (Arzt), die als Rettungsmediziner im beweglichen Arzttrupp (BAT) eingesetzt sind, verfügen alle über die sogenannte „ATN Rettungsmedizin“[1]. Deren Erwerb schließt zwar Einsätze als Notarzt ein, allerdings nicht zwingend in eigenverantwortlicher leitender Funktion. Hierzu ist der Erwerb der zivil anerkannten Zusatzbezeichnung Notfallmedizin erforderlich, was mit einer längeren Ausbildungsdauer verbunden ist.

In der Diskussion zeigte sich, dass es dadurch immer wieder vorkommen kann, dass der erste eigenverantwortliche Notarzt-einsatz dann im Einsatzland stattfindet. Der hier zweifellos vorhandene Optimierungsbedarf wurde umfassend diskutiert. Der sogenannte „BAT-Pool“ (Verwendung in der Klinik statt als Truppenarzt/Truppenärztin, dafür häufigere Einsätze als Rettungsmediziner/in im Auslandseinsatz) wurde dabei als eine sinnvolle Innovation angesehen, um durch Veränderung von Stehzeit und einsatzvorbereitender Ausbildung dieses Problem zu entschärfen.

Informationsverluste minimieren

In der intensiven Diskussion wurden auch mögliche Strategien erörtert, mit denen diese Informationsverluste minimiert oder verhindert werden können. Dazu gehört unter anderem auch die Patientenübergabe in der einsatzvorbereitenden Ausbildung in Englisch durchzuführen, getreu dem Konzept “train as you fight“. Weiterer Schwerpunkt sollte die Schulung des Personals in der Umsetzung der Leitsätze des Crew Resource Managements sein. So können Kommunikationsstrategien und Abläufe wie ein “hands-off-hand-over“ verinnerlicht werden. Positiv zu sehen ist, dass Algorithmen basierte Behandlungskonzepte nach dem ABCDE-Schema mittlerweile fester Bestandteil der Ausbildung sind, da dieses Schema auch bei der Patientenübergabe ein hilfreiches und international verwendetes Mittel ist.

Fazit

Zusammenfassend kann man sagen, dass eine fokussierte algorithmenbasierte Übergabe auf Grundlage der Leitsätze des Crew Resource Managements den Informationsverlust deutlich verringern kann und damit die Patientensicherheit steigert. Gute Kenntnisse in Medical English sind essenziell und müssen regelmäßig trainiert werden. Eine adäquate Form der lückenlosen Dokumentation über die gesamte Rettungskette sollte etabliert werden. Eine Erfahrung als eigenverantwortlicher Notarzt im Heimatland sollte Voraussetzung für einen Einsatz als präklinischer Rettungsmediziner im Einsatzland sein.


Oberfeldarzt Jens Harrs
E-Mail: jensharrs@bundeswehr.org

Datum: 26.09.2018

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