FORWARD AEROMEDICAL EVACUATION MIT NH90
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FORWARD AEROMEDICAL EVACUATION MIT NH90

EINDRÜCKE, ERFAHRUNGEN UND EMPFEHLUNGEN AUS DER VORBEREITUNG FÜR DEN EINSATZ



Aus dem Fliegerarztbereich (Fliegerarzt: Oberstabsarzt Dr. Franziska Grube) des Transporthubschrauberregiment 10 ­"Lüneburger Heide" (Kommandeur: Oberst Andreas Pfeifer)



F. Grube

Die Bundeswehr verfügt über leistungsstarke und international anerkannte Fähigkeiten der Patientenversorgung und -evakuierung aus Einsatz-, Krisen- und Katastrophengebieten. Aktuelle undzukünftige Einsatzszenarien fordern eine Ergänzung der vorhandenen Verfahren um das des vorgeschobenen, qualifizierten Patientenlufttransportes – Forward Aeromedical Evacuation (FwdAE), darzustellen mit dem neu eingeführten Waffensystem NH90.

Nachdem zunächst bis 2011 die grundlegende Entwicklung der taktischen Verfahren FwdAE auf dem Luftahrzeug UH-1D beim Transporthubschrauberregiment 10 in Faßberg [1] sowie desmedizinischen Rüstsatzes unter Federführung des Waffensystemkommandos der Luftwaffe für den Geräteträger sowie des Sanitätsamtes der Bundeswehr in Abstimmung mit der Konsiliargruppe Notfallmedizin und dem Fliegerärztlichen Dienst des Heeres für die Sanitätsausstattung stattfand [2], schloss sich 2012 neben der technischen Einsatzprüfung des Einbausatzes und der Sanitätsausstattung FwdAEin zahlreichen Übungsvorhaben die Erprobung und das Training der taktischen Verfahren auf NH90 an. Im II. Quartal 2013 soll FwdAE mit NH90 im ISAF-Einsatz etabliert werden. Der Fliegerärztliche Dienst des Heeres hat die bisherigen Phasen der Einführung bis zur Einsatzreife eng begleitet.

Das in die Streitkräfte neu eingeführte Waffensystem NH90 wird als leichter Transporthubschrauber die über viele Jahre bewährte UH-1D ablösen. Eine grundlegende, mit NH90 abzubildende Fähigkeit besteht in Luftrettung und -transport von Verwundeten und Verletzten, auch primär vom Ort der Verwundung zur ersten medizinischen Versorgung (FwdAE). In Vorbereitung auf diese Aufgabe wurden in den letzten Jahren ein medizinischer Rüstsatz [2] entwickelt und taktische Verfahren für FwdAE auf UH-1D[1] erarbeitet. Mit der Einführung des NH90 wurden diese Vorarbeiten im Jahr 2012 intensiviert.
Als vorläufiger Höhepunkt führte der Bereich Weiterentwicklung der Heeresfliegerwaffenschule in Zusammenarbeit mit der Luftbeweglichen Brigade 1 im Sommer 2012 die Einsatzprüfung „Hot, High, Dust“ der Waffensysteme NH90 Konfigurationszustand IOC+ [3] und TIGER sowie Anteile der Mission Qualification FwdAE AFG durch. Um die hierfür erforderlichen meteorologischen und geologischen Umgebungsbedingungen zu erhalten, fand die Unternehmung mit dem Rufzeichen FALCOR auf der Holloman Air Force Base, New Mexico, USA und temporär auf der Kirtland Air Force Base, New Mexico statt. Für das Waffensystem NH90 wurde das Einsatzprüfprogramm „Einsatzbefähigung FwdAE in Afghanistan“ absolviert. Von sanitätsdienstlicher Seite wurde FALCOR durch einen Fliegerarzt des Transporthubschrauberregimentes 10, einen flugmedizinischen Assistenten aus dem Bereich Weiterentwicklung und einen Luftrettungsmeister des Hubschraubergeschwaders 64 der Luftwaffe begleitet [3]. Im Verbund der fliegenden Verbände, die zu diesem Zeitpunkt über NH90 verfügten (Transporthubschrauberregiment 10, Heeresfliegerwaffenschule, Hubschraubergeschwader 64 der Luftwaffe), schlossen sich im Herbst die Übungen DUSTER und HEATH BLADE aus dem Standort Faßberg heraus an, um taktische Verfahren FwdAE bei Tag und letztendlich auch Nacht zu erproben und zu üben. Im Oktober schließlich fand die erste Ausbildung von Personal des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr, welches für das erste Einsatzkontingent vorgesehen ist, im Rahmen einer mehrtägigen Übung in Putlos/Eckernförde statt. Den Höhepunkt der Einsatzvorbereitung für das erste Kontingent Forward Aeromedical Evacuation bildete die Abschlussübung DECSIVE DRAGON Ende Januar 2013 in Fritzlar/Wildflecken. Die fliegerärztliche Versorgung bei allen genannten Übungen wurden durch den Fliegerarztbereich des Transporthubschrauberregimentes 10 sichergestellt.

Konfiguration FwdAE
In der Konfiguration FwdAE können mit dem NH90 bis zu zwei liegende und ein sitzender Patient transportiert werden (Abb. 1).
Für den Liegendtransport von zwei Patienten wird ein entsprechender Rüstsatz benötigt, der auf der linken Laderaumseite des NH90 eingebaut wird. Jeder Rüstsatz besteht hierbei aus dem Einbausatz (= Geräteträger) für die Aufnahme von zwei Tragen sowie Geräten und der zugehörigen Sanitätsausstattung [4]. Der Einbausatz beinhaltet ein Metallgestänge-System, das an die Rückseite der umgedrehten Sitze montiert wird und der Befestigung der Sanitätsausstattung sowie der Vermittlung des Anschlusses der Sanitätsgeräte an das elektronische Bordnetz dient. Darüber hinaus enthält der Einbausatz eine Befestigungsmöglichkeit für den Rettungsrucksack und einen Sanitätsschrank für Verbrauchsmaterial.
Die Tragen werden durch Aufnahmesysteme am Boden gesichert. Die Arbeit am Patienten erfolgt im Knien.
Jeder Liegeplatz ist ausgestattet mit einer Absaugpumpe Rescue ACCUVAC, einem Patientenüberwachungsmonitor PROPAQ, einem Defibrillator Zoll M biphasisch, einem Notfallbeatmungsgerät Oxylog 3000, der DRÄGER Combimat Spritzenpumpe, einem Sauerstoffvorrat (zweimal 5 Liter), Krankentrage und Vakuummatratze (Abb. 2).

Taktische Verfahren FwdAE
Grundsätzlich sehen die taktischen Verfahren FwdAE den Einsatz von zwei Luftfahrzeugen vor. Zum einen handelt es sich hierbei um eine sog. Doorgun-Maschine, bei den Übungen wurde ein NH90 eingesetzt, ausgestattet mit zwei MG3 an den Seitentüren und besetzt mit zwei Areal- bzw. Door-Gunnern. Das andere Luftfahrzeug ist ein NH90 mit dem Rüstsatz FwdAE, besetzt mit einer Medical Crew (SanStOffz Arzt, ATN Rettungsmedizin und San FwRettAss), die durch den ZSanDstBw gestellt wird (Abb. 3).
Die Aufgaben der Doorgun-Maschine („Chase“ = Begleiter) bestehen hierbei in Führung der Mission, Erkundung der Landezone sowie anschließender Überwachung und Sicherung aus der Luft, während das MedEvac-Luftfahrzeug nach Freigabe der Landezone durch die führende Doorgun-Maschine landen und in kürzestmöglicher Zeit die Patienten aufnehmen soll. Die Bodenzeit soll dabei so weit wie möglich minimiert werden („Scoopandfly“), um das Luftfahrzeug vor Angriffen zu schützen. Anschließend werden die Patienten unter medizinischer Betreuung (qualifizierter Verwundetentransport) zur ersten medizinischen Versorgungseinrichtung gebracht.
Die sanitätsdienstlichen Vorgaben zu einer schnellstmöglichen Verwundetenversorgung, also die Einhaltung der sog. „Golden Hour“ zwischen Eingang der Anforderung eines FwdAE und der ersten definitiven medizinischen Versorgung des Patienten[5], bedingt, dass die Flugzeiten und damit der Einsatzradius der Luftfahrzeuge begrenzt sind.

Sanitätsdienstliche Erkennt­nisse aus den Übungs- und ­Erprobungsvorhaben
In den unterschiedlichen Übungen konnten aus unserer Sicht wertvolle Erkenntnisse hinsichtlich der Arbeit mit dem Rüstsatz und der taktischen Verfahren gewonnen werden, die im Folgenden vorgestellt werden.

1. Rüstsatz
Die Einrüstung der beiden Liegeplätze erfolgt hintereinander an der linken Laderaumwand. Der vordere Patientenarbeitsplatz beginnt unmittelbar hinter dem Querschott, das den Laderaum vom Cockpit trennt. Aufgrund der im NH90 bestehenden Platzverhältnisse erschwert diese Beengtheit am vorderen Ende des Liegeplatzes sowohl das Einbringen der Trage, wenn der schwere Rumpf des Patienten in Flugrichtung voran hereingetragen wird, als auch eine Arbeit am Kopf des Patienten. Entgegen der üblichen Vorgehensweise wird daher angeregt, den Patienten auf dem vorderen Liegeplatz mit den Füßen in Flugrichtung zu lagern (siehe Abb. 1). Dies ermöglicht erstens ein deutlich einfacheres Einbringen der Trage und zweitens die kopfnahe Arbeit an den Patienten von einem zentralen Arbeitsplatz aus.
Die vorgesehene Ausstattung mit Sanitätsgeräten bietet grundsätzlich die technischen Voraussetzungen für eine intensivmedizinische Versorgung des Patienten. Durch die eingesetzten Geräte ist nach hiesiger Einschätzung eine weitestgehende Kompatibilität mit der BAT-Ausstattung gewährleistet. Bei der Anwendung/Bedienung der Sanitätsgeräte während des Fluges fielen bislang keine Probleme auf. Für Sekundäreinsätze oder die Versorgung in weniger intensiven Einsatzszenarien mit gegebenenfalls deutlich längeren Flugzeiten erscheint die Ausrüstung sinnvoll. Wie zweckmäßig der Umfang der vorgehaltenen Geräte für den Einsatz FwdAE mit entsprechend kurzen Flugzeiten ist, muss nach Auswertung der zwingend zu fordernden ersten Erfahrungsberichte der Medical Crews diskutiert werden.
Sowohl der Hitze-, als auch der Staubbelastung in der Erprobung „Hot, High, Dust“ im Sommer New Mexicos mit Kabineninnentemperaturen über 40 °C hat die Sanitätsausstattung erfreulich gut standgehalten. Im Einsatzszenar ISAF ist der NH90 für eine ständige Bereitschaft in eingerüstetem Zustand vorgesehen. Für eine vorschriftenkonforme Lagerung der Sanitätsgeräte im Luftfahrzeug wird dann eine Kühlung während der Bereitschaftsstandzeiten notwendig.
Der eingerüstete Rettungsrucksack ist recht groß, schwer und sperrig. Wenn beim raschen Verlassen des Luftfahrzeuges oder zügigem Boarding der Rucksack mitgeführt werden soll, stellt er ein nicht unerhebliches zusätzliches Gewicht dar, das neben der persönlichen Schutzausstattung bewegt werden muss. Wir würden statt eines großen Rucksackes eher die Verwendung von zwei kleineren Rucksäcken empfehlen, die zusätzlich zur leichteren Handhabbarkeit den Vorteil böten, dass an jedem Liegeplatz autark aus einem separaten Rucksack gearbeitet werden könnte.
Für die Beübung des Patiententransportes haben wir verschiedenste Tragemittel (Bergetuch, Feldtrage, Vakuummatratze sowie Spineboard) verwendet. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen und den Erfahrungen OFA Dr. Roykos aus den FwdAE-Übungen auf UH-1D [1] möchten wir die Nutzung von Spine ­Boards weiterhin sehr empfehlen: Das Board ist leicht (Vorteil gegenüber der Vakuummatratze), stabil und verschleißfrei. Mittels des Gurtsystems und Kopf-Fixier-Sets kann der Patient im Wirbelsäulenbereich streng immobilisiert und verlässlich auf dem Board fixiert werden. Die Handhabung gestaltet sich vorteilhaft einfach: Mittels der umlaufenden Tragegriffe kann das Board selbst mit Handschuhen sicher gegriffen und verladen sowie zügig im Luftfahrzeug bzw. auf den Tragen befestigt werden.

2.  Idealtypischer Ablauf des qualifizierten Patientenlufttransportes
a. Vorbereitung des Patienten am Boden
Um kurze Bodenzeiten zu unterstützen, sollte der Patient durch die FwdAE-anfordernde Bodentruppe für den Transport bereits auf Bergetuch, Vakuummatratze, Trage oder Spineboard vorbereitet sein. Für den Fall, dass dies nicht gewährleistet werden kann, müssen Transportmittel aus dem Luftfahrzeug genutzt werden. Bei Verwendung von Rettungsdecken sollten diese festgeklemmt werden, um nicht vom Downwash des Hubschraubers weggeblasen zu werden. Für die Patienten sollte auf Gehör-, Kopf- und Staubschutz geachtet werden. Eine kurze Dokumentation, beispielsweise in Form einer Verletzten-Anhängekarte, sollte die wichtigsten medizinischen Informationen transferieren. Ein Übergabegespräch wird aufgrund von Zeitmangel, Lärm und u. U. nicht kompatiblen Kommunikationssystemen nur eingeschränkt möglich sein. Beim Patiententransport von Non-coalition Forces ist nicht nur die Abnahme von Waffen und Kommunikationsmitteln essentiell, sondern auch Entkleiden und Bodycheck auf IEDs zwingend erforderlich.

b. Aufnahme des Patienten
Nach Landung des MedEvac-Luftfahrzeuges verlässt ein Mitglied der Medical Crew das Luftfahrzeug über die rechte Seitentür, um Kontakt mit der Bodentruppe aufzunehmen und die Patientenzuführung zum Luftfahrzeug sowie die Beladung über die rechte Seitentür oder Rampe zu lenken. Bei eingerüstetem ballistischen Schutz steht die linke Seitentür nicht für Beladevorgänge zur Verfügung; außerdem stellt auf der linken Seite des Luftfahrzeuges der Heckrotor eine erhebliche Verletzungsgefährdung dar. Um die weiter oben beschriebene Position des ersten Liegendpatienten zu erreichen, wird dieser – im Gegensatz zu bisherigen Beladeverfahren – mit den Füssen voran an das Luftfahrzeug gebracht. Dem ausgestiegenen Mitglied der Medical Crew kommt bei diesen Verfahren die Schlüsselrolle zu, denn er muss eine voraussichtlich im Umgang mit NH90 nicht vertraute Bodentruppe so lenken, dass eine reibungslose Patientenaufnahme ermöglicht wird. Technisch und personell ist eine Ausbildung sämtlicher Bodentruppen im Umgang mit NH90 nach hiesiger Einschätzung nicht zu realisieren. Daher muss größter Wert auf die sorgfältige Ausbildung in diesen Verfahren sowie auf ein regelmäßiges Training des auf dem NH90 eingeplanten medizinischen Personals gelegt werden.
DasMedEvac-Luftfahrzeug kann aufgrund möglicher Gefährdung durch Feindeinwirkung nicht lange am Boden verweilen. Dies bedeutet, dass für eine umfangreiche Versorgung am Boden durch die Medical Crew des Luftfahrzeuges keine Zeit bleibt. In Anlehnung an das Prinzip „Scoopandrun“ des Landtransportes erfolgt nur eine Aufnahme des Patienten; alle weiteren Maßnahmen können erst an Bord ergriffen werden („Scoop and fly“). Sollten der Zustand des Patienten oder äußere Zwänge einen Verbleib der Medical Crew am Boden erfordern, so muss das Med­Evac-Luftfahrzeug die Landezone vorübergehend verlassen und wird erst nach Abforderung über Funk zur erneuten Aufnahme von Patient und Medical Crew zurückkehren (Abb. 4).

c. Lufttransport des Patienten
Bei taktischem Abflug (bodennah, abrupte Flugmanöver) muss sich die Arbeit am Patienten auf Anlegen der Überwachung, Kontrolle und Sicherung der Vitalfunktionen, Fortführung einer begonnenen Infusionstherapie und allenfalls Gabe schon während des Hinfluges vorbereiteter Analgetika über bereits liegende Zugänge sowie Fortführung einer Beatmung beschränken. Feinmotorische Tätigkeiten wie Anlegen von Zugängen oder Intubation sind in dieser Flugphase nicht zu realisieren. Nach Erreichen einer ruhigen Fluglage können eingeleitete Maßnahmen fortgeführt und optimiert werden. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf Sicherung der Atemwege und Beatmung (Larynx-Tuben sollten unserer Ansicht nach durchaus platziert werden können) sowie ggf. der weiteren Blutstillung und einer ausreichenden Analgesie. In unseren Übungen hat sich gezeigt, dass bei ruhiger Fluglage intravenöse Zugänge weitestgehend problemlos gelegt werden können. Eine weitere Intensivierung der Therapie wird angesichts der kurzen Flugzeiten kaum möglich bzw. notwendig sein.
Die Kommunikation mit einem wachen Patienten muss sich aufgrund des Fluglärmes auf Handzeichen und kurze, deutliche Ansprachen beschränken; ein Headset ist für die Patienten nicht vorgesehen.

d. Flugmedizinische Besonderheiten
Bei der Arbeit im Flug ist das Aufkommen von Airsickness bei kinetoseanfälligen Personen nicht zu vernachlässigen! Besonders gefährdet ist man bei Arbeiten im vorderen Teil der Kabine, da dort eine fehlende Außensicht keine hilfreichen Referenzen gewährleistet. Ein Wechsel auf Arbeit im hinteren Kabinenteil mit Blickmöglichkeit durch die Seitentüren oder geöffnete Rampe kann hier Abhilfe schaffen.

3.  Ausstattung der Medical Crew
Die medizinische Crew wird mit einer Schutzweste KSRW 20 MB Schutzklasse 4 ausgestattet, an der ein Stehhaltegurt angebracht ist, so dass eine Sicherung innerhalb der Kabine an Halte-Ösen oder Laufkatzen ermöglicht wird. Zur Ausstattung gehört des Weiteren der Helm SPH4-G Tempest. Über die integrierte Intercom-Anlageist eine Kommunikation an Bord möglich. Zudem kann damit eine rechtzeitige Information der aufnehmenden Sanitätseinrichtung durch die Medical Crew schon während des Anfluges gewährleistet werden. Ein weiteres Funkgerät zur Sicherstellung der Kommunikation zwischen dem abgesetzten medizinischen Personal und dem Luftfahrzeug ergänzt die Ausstattung.
In unseren Übungen haben wir mit Baumwoll-Schals und Brillen als Staubschutz für Atemwege und Augen sowie Knieschützern für die Arbeit auf Knien am Patientenliegeplatz gearbeitet.
Für Nachtflugvorhaben wird das medizinische Personal derzeit mit denselben Bildverstärker-Brillen wie das bordtechnische Personal ausgerüstet (Abb. 5).

4. Ausbildung des medizinischen Personals
Ein Einsatz bei FwdAE bedeutet, Teil der Luftfahrzeugbesatzung zu sein und nicht nur Passagier. Eine hohe rettungsmedizinische Fachkompetenz ist daher für FwdAE allein nicht ausreichend. Das Verhalten im und am Luftfahrzeug MUSS für das medizinische Personal im Einsatz Routine darstellen, um nicht in der intensiven Beanspruchung durch Patientenversorgung unter Bedrohung Fehler zu begehen, die nicht nur das eigene Leben, sondern das der gesamten Luftfahrzeugbesatzung gefährden! Es bedarf daher auch der Teilnahme am Flugdienst, um Erfahrung mit den luftfahrzeugspezifischen und den fliegerisch-taktischen Verfahren zu sammeln. Hierzu ist eine sachgerechte Ausbildung mit dem Ziel einer grundlegenden Einweisung und eines regelhaften Trainings zu etablieren, um eine Handlungssicherheit sowohl in der Anwendung der luftfahrzeugspezifischen Systeme (Intercom-Anlage, Nachtsichtgeräte etc.) als auch im Umgang mit den Anforderungen an den Patiententransport zu erlangen.
Eine ausreichende körperliche und seelische Belastbarkeit ist unbedingte Voraussetzung, um der physischen und psychischen Beanspruchung der Patientenversorgung unter widrigen klimatischen Bedingungen, Staub, unter Umständen Dunkelheit, der schweren Schutzausstattung und möglicherweise Bedrohung gewachsen zu sein. Dies ist bereits bei der Auswahl des sanitätsdienstlichen Personals zu berücksichtigen. Eine gültige WFV III sowie der Nachweis eines flugphysiologischen Lehrgangs sind hierbei Mindestvoraussetzungen.

Zusammenfassung
Die geschilderten Erfahrungen beruhen überwiegend auf den persönlichen Erlebnissen der Verfasserin, die aufgrund fliegerärztlicher Tätigkeit sowohl an der Heeresfliegerwaffenschule als auch im Transporthubschrauberregiment 10 den Prozess der Entwicklung von Forward Aeromedical Evacuation bis zur Einsatzreife aus nächster Nähe miterlebt und gestaltet hat.
In der Vorbereitung des ersten Einsatzes von FwdAE bei ISAF ab dem II. Quartal 2013 konnten in den letzten Monate wertvolle Erkenntnisse gewonnen werden, die unmittelbar in die Ausbildung des einsatzgeplanten Personals und in Modifikationen von Ausrüstung und Ausstattung einfließen konnten. Zudem wurden erste Empfehlungen zu Verfahren, Material und Ausbildung ausgesprochen. Diese bedürfen allerdings der nachhaltigen Bestätigung durch weitere Übungen und vor allem durch die ersten Erfahrungen aus dem Einsatz.
Wichtig ist das Bewusstsein aller Beteiligten, dass FwdAE MEHR bedeutet, als „ein paar Sanis da eben mal hin- und wieder zurückzufliegen“. Derartige Missionen stellen ein hoch komplexes, höchst anspruchsvolles Geschehen dar, das nur im Team aus fliegenden Besatzungen, Medical Crew und Doorgunnern funktionieren kann. Dabei muss jeder Einzelne zum einen auf seiner Position Experte sein, zum anderen aber auch die übrigen Team-Mitglieder in ihrem Aufgabenbereich verstehen und mit ihnen zusammenarbeiten können. Nur gemeinsam kann FwdAE erfolgreich sein.

Datum: 19.12.2013

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2013/3